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Ägypten Sieg der Hunde

Islamische Extremisten ermordeten den mutigsten Kämpfer für religiöse Toleranz in Ägypten.
aus DER SPIEGEL 25/1992

Zwanzig Ärzte bemühten sich im Kairoer Mirghani-Krankenhaus verzweifelt, das Leben des Schwerverletzten zu retten. Staatspräsident Mubarak erkundigte sich nach dem Zustand des Patienten. Er starb an seinen Schußverletzungen. »Allah hat ihn zu sich gerufen«, erklärte nach sieben Stunden der Arzt Hamdie el-Sajjid, »die Hunde haben gesiegt.«

Islamische Extremisten hatten nach mehreren fehlgeschlagenen Versuchen ihren Erzfeind zur Strecke gebracht: Farag Foda, 47, Schriftsteller und Politiker. »Der Mord an Foda ist ein Wendepunkt«, nun sei der Staat herausgefordert, verkündete Said Aschmawi, Präsident des Obersten Gerichtshofs für Staatssicherheit. Polizisten verhafteten 200 Islam-Extremisten, darunter einen der mutmaßlichen Attentäter.

Foda hatte sich den Haß der Fundamentalisten zugezogen, weil er ihnen in Hunderten von Zeitungsartikeln und etlichen Büchern »Verfälschung des Glaubens« und Volksverdummung vorwarf. Er stellte sich den Fanatikern als Einzelkämpfer entgegen, während immer mehr Bürger und Behörden vor den Islamisten kuschen. Der gläubige Moslem Foda kürte den islamischen Halbmond mit dem christlichen Kreuz zu seinem Erkennungszeichen.

Mutig verurteilte Foda die zunehmenden Überfälle auf christliche Kirchen und Geschäfte, die in Ägypten lieber vertuscht werden. Foda forderte Sprechverbot für Moslemscheichs, die in Zeiten der Intoleranz zurückfallen und wieder eine Kopfsteuer für »Ungläubige« einführen wollen. Als Verbündeten verehrten ihn deshalb Ägyptens acht Millionen Kopten, die fürchten, auf den Status einer diskriminierten Minderheit abzugleiten.

Der studierte Agronom Foda hatte sich zunächst der liberalen Wafd-Partei angeschlossen und sich bald als ihr Vordenker profiliert. Er gab sein Mitgliedsbuch zurück, als die überkonfessionelle Partei eine Allianz mit der Moslembruderschaft bildete. Sprachlich gewandt und korankundig, stritt er nun schreibend für eine tolerante Gesellschaft.

Drei Foda-Bücher wurden Kassenschlager, landeten aber auf dem Index der islamischen Azhar-Universität: Der Autor hatte den Moslem-Geistlichen »unlautere Vermengung von Religion und Politik« vorgeworfen und deutete ihre frauenfeindlichen Forderungen als sexuelle Verklemmung.

Foda wollte sich im Wahlkreis Kairo-Schubra als Kandidat aufstellen lassen und versuchen, ins Parlament zu kommen. Er schaffte es nicht, weil ihm die Behörden aus Angst vor zusätzlichem Hader mit den Moslembrüdern die Bildung einer laizistischen Partei untersagten. »Das wird die Regierung noch einmal bedauern«, warnte der Schriftsteller Mohammed Sid Ahmed.

Nur wenige Intellektuelle wie er und Künstler hatten sich um den kämpfenden Foda geschart. Doch als der in der vergangenen Woche zu Grabe getragen wurde, folgten Menschenmassen dem Trauerzug. Von Wut übermannte Ägypter skandierten Forderungen Fodas: »Schluß mit der Moslembruderschaft; proklamiert den laizistischen Staat«.

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