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»Sieg Heil, die Deutschen sind da«

SPIEGEL-Redakteurin Marion Schreiber über das antideutsche Ressentiment der Niederländer *
aus DER SPIEGEL 34/1987

In die kleine, solide Welt bürgerlichen Kaufmannsgeistes fallen alljährlich laut und unübersehbar Heerscharen fremder Urlauber ein. Ungeniert protzen sie mit ihren Wohlstandsinsignien, ihrem dicken Mercedes und teurer Jacht.

In den Häfen von Friesland und Seeland haben die Boote mit der schwarzrotgoldenen Bundesflagge im Sommer die niederländischen Schiffe fast verdrängt. Im Juli und August sind Ferienorte wie Domburg und Zandvoort fest in deutscher Hand.

Nun sind die Holländer für ihre Toleranz gegenüber Minderheiten und Andersdenkenden bekannt. »Der Nonkonformist«, merkte Bundespräsident Richard von Weizsäcker 1985 bei seinem Staatsbesuch in den Niederlanden an, »wird geachtet, auch wenn er radikale Überzeugungen vertritt.« Doch »bei den Deutschen«, so Monique Dolhain aus dem Limburgischen, »hört unsere Toleranz auf«.

Bei ihrer Hochzeit im vergangenen Jahr ließ ihr ältester Bruder in der Tischrede einfließen, wie erleichtert die Familie gewesen sei, als sich bei der ersten Begegnung herausstellte, daß ihr Freund ein Schweizer war. »Wir sind so froh, daß du keinem Deutschen in die Hände gefallen bist.« Die Hochzeitsgäste applaudierten.

Auch Paul Deckers mag die Deutschen nicht. Wenn auf dem Sneekermeer in Friesland die Zahnärzte und leitenden Angestellten aus Duisburg, Düsseldorf und Krefeld auf ihren teuren Jachten zu lautstark werden, dann hält er ihnen manchmal von seinem Segelboot aus ein Schild mit dem unfreundlichen Hinweis entgegen: »Not so loud, Kraut!« Zu sehr erinnert ihn das selbstherrliche Gebaren der Herren mit dem adidas-Abzeichen an böse Zeiten. Ein Teil seiner Familie wurde von den Nazis deportiert und umgebracht.

Obwohl einem höheren holländischen Europa-Beamten und seinen Eltern solch schlimme Erfahrungen mit den Nachbarn im Osten erspart blieben, seine Abneigung ist kaum weniger heftig. »Der einzige sympathische Deutsche, den ich kenne«, verriet er einem bayrischen Kollegen bei der Brüsseler Kommission, »ist ein gebürtiger Grieche.«

Die Ressentiments sitzen tief. Nirgendwo sonst in Europa hat sich das Bild vom häßlichen Deutschen so fest und offenbar unauslöschlich eingeprägt wie gerade in jenem Nachbarland, dessen Einwohner den Deutschen so ähnlich zu sein scheinen.

Zu Hunderttausenden zieht es Touristen, vor allem von Rhein und Ruhr, diesen Sommer wieder an die niederländische Küste - nicht nur, weil sie so nah ist, sondern weil ihnen alles »fast wie zu Hause« vorkommt: genauso sauber und ordentlich, vielleicht etwas kleiner, aber dafür auch schnuckliger.

Und ist nicht das Niederländische so eine Art Platt? Schon NS-Reichsmarschall Hermann Göring hatte gegenüber dem holländischen Faschistenführer Anton Mussert seine Verständigungsschwierigkeiten damit erklärt, er könne sich »unmöglich alle deutschen Dialekte merken«.

Die Nazis waren zunächst dem Fehlschluß erlegen, die Niederlande seien nichts anderes als ein Teil des Großdeutschen Reiches. SS-Chef Heinrich Himmler riet, die neun Millionen »germanisch-niederdeutschen« Bürger »mit fester und doch sehr weicher Hand« der völkischen Gemeinschaft einzugliedern.

Am 18. Mai 1940, acht Tage nach dem Einfall der Wehrmacht, wurde per Führererlaß die Militärverwaltung entmachtet. Ein ziviles »Reichskommissariat« unter dem österreichischen Nazi Seyß-Inquart übernahm in Den Haag die Regierung.

Zwar gab es eine kleine nationalsozialistische Partei im Lande, und die meisten ausländischen Mitglieder der Waffen-SS waren Holländer, aber schneller und heftiger als andernorts in Europa stießen die braunen Machthaber in den Niederlanden auf Ablehnung und Widerstand.

Gerade die Selbstverständlichkeit, mit der die Deutschen meinten, das Land einnehmen zu können, wurde von dem Volk, das sich im 16. Jahrhundert von der Vorherrschaft des übermächtigen Spanien befreit hatte, als spezielle Erniedrigung empfunden.

Die Zerstörung Rotterdams durch die deutsche Luftwaffe am 14. Mai 1940, obwohl der niederländische Stadtkommandant bereits Verhandlungen über die Kapitulation aufgenommen hatte, eine nach anfänglicher Zurückhaltung immer härtere Besatzungspolitik und der lange Hungerwinter 1944/45 - diese Erfahrungen

mit den Deutschen haben sich tief eingegraben in das Gedächtnis der Niederländer.

Als im Herbst 1940 in Holland die Judenverfolgungen begannen, protestierten an den Universitäten in Delft und Leiden Studenten und Dozenten gegen die Entlassung jüdischer Professoren. Im Februar 1941, nach den ersten Verhaftungen von Juden, streikten sogar die Arbeiter - ein einmaliger Fall in Europa. Die Juden waren in den Niederlanden wirtschaftlich und kulturell integriert, eine Diskriminierung gab es nicht.

Der Schock der Kriegszeit war für die Niederländer größer als etwa für Frankreich und Belgien, zumal sie vom Ersten Weltkrieg noch verschont geblieben waren. Wie »hinter Windschutzscheiben« hatten Generationen dieses Landes »die stürmische Konfrontation der anderen erlebt«, so der in Holland wohnende Historiker Hermann von der Dunk.

Die Niederlande waren immer ein Volk von Kaufleuten, eine Welt- und Kolonialmacht des Handels gewesen, die für Militärisches wenig übrig hatte. Die »enge Bindung des Politischen an moralische Maßstäbe und Grundsätze« schloß

laut von der Dunk »bei allen Gegensätzen und Konflikten Gewalt immer aus«. Die Deutschen mußten den Holländern da wie das genaue Gegenstück ihrer eigenen Friedfertigkeit erscheinen.

Die Besatzung und die Ermordung von 100000 Juden »ist für uns«, sagt der linke Publizist Martin van Amerongen, »zu einem Trauma geworden«.

So »gemütlich« der Kontakt zwischen einzelnen Niederländern und Deutschen heute auch sein könne, schreibt Willem Ellenbroek von der »Volkskrant«, »es bleibt die unsichtbare Schuld, die in Wellen - erwartet und unerwartet, kollektiv oder individuell - immer wiederauftaucht«.

Empfindsame Touristen mögen es manchmal spüren, daß sich hinter der geschäftsmäßigen oder gar freundlichen Fassade Ablehnung verbirgt. So beobachteten Holländer, daß deutsche Urlauber in Läden schlechter bedient wurden als holländische Kunden oder auf Märkten höhere Preise zahlen mußten.

Es sind keine offenen Ausbrüche von Deutschfeindlichkeit, die das deutschniederländische Ferienidyll stellenweise verdunkeln, sondern die kleinen Sticheleien. »Jawoll«, antwortet der Ober schon mal demonstrativ, wenn ihm eine besonders zackige Bestellung aufgetragen wird, und unter sich sagen die Kellner dann mitunter »Sieg Heil, die Deutschen sind da«.

Den selbständigen Kaufmann Peter Wolfgang Meinhardt, der seit den sechziger Jahren in Den Haag lebt und heute Vorsitzender des Deutschen Clubs ist, erreichen immer wieder Telephonanrufe oder Briefe von Landsleuten, die sich schlecht behandelt fühlen. Erst kürzlich hatte sich eine mit einem Griechen verheiratete Deutsche gemeldet, deren Sohn in der Straßenbahn einer älteren Dame seinen Platz anbieten wollte. Die aber raunzte ihn an: »Ich setz'' mich doch nicht auf den Platz eines Mof.«

Mit »mof« oder im Plural »moffen«, einem womöglich noch aus den Bauernkriegen stammenden Schimpfwort für die Deutschen, kann man auch die Holländer beleidigen. 1976 mußte eine Straße, die »Moffendijk« hieß, auf Antrag der Bewohner umbenannt werden. Niemand wollte eine solch schreckliche Adresse haben.

»Die Deutschen sind die Russen der Niederländer«, schreibt der Journalist Günter C. Vieten in seinem Buch über Holland. Und er zitiert einen Artikel aus der Zeitschrift »Zero«, in dem es über die Nachbarn im Osten heißt: Sie haben uns »130000 Menschenleben gekostet, unsere Freiheit und unsere politische Naivität. Sie haben unter uns Helden geweckt und Kollaborateure«.

Es sind dieselben Deutschen, die jahrhundertelang bei den Niederländern als gerade noch gut genug galten »zum Söldnerdienst in den Fiebergarnisonen Ostindiens«, wie im vorigen Jahrhundert der deutsche Nationalist Heinrich von Treitschke klagte.

Von jenseits der Grenze bezog das wohlhabende holländische Bürgertum die Dienstmädchen. Aus Westfalen wanderten junge Burschen zu, die ihr Glück im Land der Pfeffersäcke zu machen hofften. Und einige von ihnen hatten Erfolg, die Brüder Clemens und August Brenninkmeyer etwa, die mit einem Bauchladen begannen und Stammväter einer Textildynastie wurden.

Die Reichsgründung 1871 bedeutete für die Niederländer, daß ihre längste Grenze an eine Großmacht stieß, »deren wirtschaftlicher, kultureller und politischer Sog eine potentielle latente Bedrohung ihrer Eigenständigkeit einschloß«, urteilt von der Dunk.

Reger Austausch fand dennoch statt. Ein Großteil der medizinischen Literatur an den niederländischen Universitäten, so erinnern sich ältere Semester, war in der Vorkriegszeit deutsch geschrieben. _(1980, ein Jahr nach seiner peinlichen ) _(Fernsehdiskussion, wurde dem CDU-Chef ) _(ein Käse als Versöhnungsgeschenk ) _(überreicht. )

Das gebildete Bürgertum las Heinrich Heine und Thomas Mann, begeisterte sich für Hugo Wolf und Robert Schumann, es gab eine Wagner-Vereinigung und eine Goethe-Gesellschaft.

Das änderte sich schlagartig und grundlegend durch den Zweiten Weltkrieg. Ein Arzt, Sohn niederländischer Eltern, aber im rheinischen Froitzheim geboren, wird bis heute von seinen Kollegen geschnitten, obschon er in Leiden sein holländisches Examen nachmachte. Ein chinesischer Akupunkteur, meint er, habe es leichter, sich in Holland niederzulassen, »als ein Holländer, über den verbreitet wird, er sei Deutscher«.

In den besseren Kreisen gehört es durchaus zum guten Ton, über die Deutschen zu lästern oder mit mangelnden Deutschkenntnissen zu kokettieren. In der Geschäftswelt Westhollands gilt heute gutes Englisch als unerläßlich, Deutsch hingegen als provinziell. Und nicht nur das: Immer noch muß sich gelegentlich eine Deutschlehrerin dafür rechtfertigen, daß sie die »moffentaal«, die »Sprache des Feindes«, unterrichtet.

Die Abneigung gegen das Deutsche geht so weit, daß Holländer aus der grenznahen Provinz Limburg, die in Rotterdam reüssieren wollen, sich um ein möglichst reines Hochniederländisch bemühen. Denn ihr weicher Akzent erinnert zu sehr an die ungeliebten Nachbarn im Osten.

Auch das holländische Königshaus hatte seine Schwierigkeiten mit dem niederländischen Deutschenhaß: Seit Wilhelm dem Schweiger von Nassau-Dillenburg der 1551 die Nassauer Dynastie begründete, kamen bis auf einen einzigen sämtliche Gatten der niederländischen Könige aus Deutschland.

So ehelichte Juliana nach dem Zweiten Weltkrieg den Prinzen Bernhard zu Lippe-Biesterfeld und löste Proteststürme bei ihren Landsleuten aus. »Nazi-Prinz« nannten sie Bernhard wegen seiner Mitgliedschaft in der SS-Motorstaffel. Und als 1965 die Verlobung von Beatrix mit Claus von Amsberg bekanntgegeben wurde, stocherten Presse und Geheimdienste in der Vita des zukünftigen Prinzgemahls. Belastendes jedoch fanden sie nicht.

Kritischer als alle anderen Nachbarn beobachten die Niederländer das politische Geschehen in der Bundesrepublik. Als dort in den siebziger Jahren Kommunisten aufgrund des Radikalenerlasses der Eintritt in den öffentlichen Dienst verwehrt wurde, die Jagd auf die RAF-Terroristen und ihre Sympathisanten die ganze Republik im Atem hielt, sahen Presse und Fernsehen darin »faschistische Tendenzen«.

Das Echo war entsprechend. Den Verdacht, daß Andreas Baader und seine Gefolgsleute in Stammheim ermordet wurden, fanden gerade holländische Rechtsanwälte höchst plausibel. Sie trauten der deutschen Justiz und dem Staat letztlich alles zu.

Noch über 40 Jahre nach Kriegsende erhebt sich in den Niederlanden ein Sturm der Entrüstung, wenn wieder einmal die Freilassung der beiden Naziverbrecher Franz Fischer und Ferdinand aus der Fünten diskutiert wird, die noch in Breda einsitzen.

Es sind gerade die Jüngeren, die laut einer Umfrage des »Algemeen Dagblad« gegen die Entlassung der »zwei von Breda« sind. Hier heilt die Zeit keine Wunden. Im Gegenteil: 1979 waren 47 Prozent gegen eine Haftverschonung 1987 jedoch 61 Prozent.

Manchmal fragt sich der niederländische Journalist Ben Knapen, der sechs Jahre lang aus Bonn berichtete, »ob das Trauma der deutschen Besatzung bei uns nicht auch eine bestimmte Funktion hat«.

Micky Pillar, Tochter eines jüdischen Widerstandskämpfers, hat hin und wieder »das Gefühl«, als wollten sich einige ihrer Landsleute im nachhinein durch ihre deutschfeindlichen Äußerungen zu »aktiven Regimegegnern hochstilisieren«. Schließlich hätten nur zwei bis drei Prozent der Bevölkerung aktiv gegen die Deutschen gekämpft.

Die schwierigen deutsch-niederländischen Beziehungen sind in Wahrheit nicht nur mit dem Besatzungstrauma zu erklären. In der offenen Ablehnung der Deutschen spielt psychologisch auch der Wunsch nach Abgrenzung gegenüber dem mächtigen Nachbarn mit. »Im Ausland«, sagt der niederländische Ökonomiestudent Kees Hennecken, »kann mir nichts Schlimmeres passieren, als für einen Deutschen gehalten zu werden.«

Die unübersehbare Präsenz der Deutschen als Wirtschaftspartner und Touristen führt laut Hermann von der Dunk »zu einer gewissen Reizbarkeit und Abwehrhaltung«.

Das liegt auch an den neuen Deutschen. Die Bundesrepublik hat sich um die politische Seelenlage der Niederländer nie so recht gekümmert. Gewiß, die Bundespräsidenten Gustav Heinemann und Richard von Weizsäcker hielten ihre Versöhnungsreden, aber Ziel besonderer außenpolitischer Bemühungen der Deutschen waren die Holländer im Gegensatz zu Franzosen, Polen oder auch Briten nie.

Ob die Kanzler Helmut Schmidt oder Helmut Kohl hießen, sie ignorierten das kleine Land im Westen. »Weltpolitiker« Schmidt machte seinerzeit - so meint Ben Knapen - »keinen Hehl daraus, daß er uns für kleinkarierte Korinthenkacker« hielt.

Christdemokrat Kohl rührte mit seiner Äußerung von der Gnade der späten Geburt heftige antideutsche Reaktionen auf. Seit er sich 1979 bei einer ZDF-Fernsehdiskussion in Den Haag mit holländischen Bürgern Fragen nach den Berufsverboten, der NS-Vergangenheit von Parteifreunden und der Isolation inhaftierter RAF-Terroristen gefallen lassen mußte, ist er auf die unhöflichen Nachbarn nicht gut zu sprechen.

Niemand hatte es vor der Sendung für nötig gehalten, das politische und klimatische Terrain zu erkunden, sich um die Empfindlichkeit des Nachbarn zu kümmern. Der deutsche Politiker und der _(Königin Beatrix, Prinz Claus, ) _(Königinmutter Juliana, Prinz Bernhard. )

Moderator seien offensichtlich nicht darauf vorbereitet gewesen, »wie das niederländische Volk mit seinen Autoritäten umspringt. Ohne Untertänigkeit und, wenn nötig, recht unverschämt«, schrieb der »Haagsche Courant«.

Gern übersehen die Deutschen, daß die Niederlande eine ganz andere politische Kultur haben: eine durch den Calvinismus geprägte Gesellschaft von Kaufleuten und Bürgern. In jedem Niederländer, heißt es, stecke ein Kaufmann und ein Pfarrer. Der eine steht für den Handelsgeist - oder den Geiz - der Holländer, der andere für ihre Neigung zum Moralisieren.

In einem Land, in dem schon die Königin als neureich gilt, nur weil sie ihr Bad mit handgemalten Kacheln ausstatten ließ, glänzt man durch Bescheidenheit, fährt keinen repräsentativen Wagen oder rasanten Porsche, sondern allenfalls Mittelklasse. Vornehme Damen kleiden sich bieder und schmucklos wie die Königinmutter Juliana. Da fallen die ungeniert neureichen Deutschen besonders auf.

Die Holländer kennen auch die andere Seite der bundesdeutschen Wohlstandsgesellschaft, die Ausgeflippten, die sich in der Amsterdamer Szene herumdrücken oder in den Release-Stationen Hilfe suchen.

Nicht diese Drogensüchtigen erregen ihren Zorn, sondern die deutsche Besserwisserei und die Einmischung der deutschen Behörden in die liberale Drogenpolitik der Holländer. So werden in den Niederlanden sanfte Drogen wie Hasch toleriert, weil man glaubt, auf diese Weise den Übergang in die harte, kriminelle Rauschgiftszene zu erschweren - den deutschen Staatsanwälten und Polizisten ein Greuel.

Als im vergangenen Jahr der holländische Hasch-Dealer und Sozialarbeiter Harm Dost in Düsseldorf vor Gericht stand, weckte das mehr antideutsche Gefühle, als herumlungernde Fixer aus Bottrop oder Wanne-Eickel in Holland provozieren können. »Het Parool« warnte seine Leser, nach Westdeutschland zu reisen, weil man dort wegen eines »unterstellten Delikts, das Sie dort nicht begangen haben, nur aufgrund eines geltenden Prinzips verhaftet werden können«.

Um so empfänglicher zeigen sich die Holländer für das »andere« Deutschland, für die Friedensbewegten, die Umweltschützer und die Grünen. Gemeinsame Aktionen zum Schutz des Rheins oder des Wattenmeeres, Massendemonstrationen in Amsterdam und in Bonn gegen die Stationierung amerikanischer Atomraketen, das hat zumindest bei den politisch engagierten und jüngeren Holländern den Blick dafür geschärft, daß nicht alle Deutschen sture, konformistische »moffen« sind.

Das politische Klima zwischen beiden Staaten, meint auch Martin van Amerongen, sei »nicht mehr so polemisch« wie früher. Und dafür haben, glaubt Amerongen, zwei Deutsche in Amsterdam und Den Haag »besonders viel getan": die langjährige Leiterin des Goethe-Instituts, Kathinka Dittrich, die insgesamt 500 Veranstaltungen zum Thema »Berlin-Amsterdam, 1920 - 1940« organisierte, und Botschafter Otto von der Gablentz. Amerongen: »Sie haben eine Sensibilität bewiesen, die dem Kanzler Kohl und anderen fehlt.«

Doch »normale« Beziehungen hält er für ausgeschlossen. Gewisse antideutsche Ressentiments seien wohl vorgegeben - »wie das Wetter«, sagt der niederländische Autor Harry Mulisch, dessen Buch über die deutsche Besatzungszeit »Das Attentat« in Holland eine Auflage von 350000 erreichte.

Und so gänzlich unbegründet sei das Unbehagen nicht: »Auf der einen Seite haben wir das Meer, auf der anderen Seite die Deutschen, beide können eines Tages über uns kommen.«

1980, ein Jahr nach seiner peinlichen Fernsehdiskussion, wurde demCDU-Chef ein Käse als Versöhnungsgeschenk überreicht.Königin Beatrix, Prinz Claus, Königinmutter Juliana, Prinz Bernhard.

Marion Schreiber
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