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SOWJET-UNION / KUBA-RÜCKZUG Sieg nach Punkten

aus DER SPIEGEL 45/1962

Vier Briefe entschieden in drei Tagen das Schicksal der Welt, Briefe von Nikita Chruschtschow an John F. Kennedy und umgekehrt. Ihr Ergebnis: Der kubanische Krieg findet vorerst nicht statt.

Zwar meldete das US-Verteidigungsministerium am Sonntag, dem 28. Oktober, den ersten Toten, den mit seinem Aufklärungsflugzeug über Kuba abgeschossenen Air-Force-Major Rudolph Anderson ("nach Feindflug vermißt"), der posthum mit der Distinguished Service Medal dekoriert wurde.

Und die sowjetische »Prawda« hatte bereits ihren ersten Kriegsberichterstatter nach Kuba entsandt, den rebellischen Lyriker Jewgenij Jewtuschenko, der ein polemisches Gedicht ("Brief an Amerika") nach Moskau kabelte.

Doch Sowjetrußlands Premier rettete sich in die propagandistisch wirkungsvolle Rolle des Friedensstifters und äußerte sich mit »Befriedigung und Dankbarkeit« über das diplomatische Geschick des amerikanischen Präsidenten, dessen Unentschlossenheit er ein Jahr zuvor noch verspottet hatte.

Chruschtschow an Kennedy: »Ich bewundere Ihren Sinn für das rechte Maß, das von Ihnen gezeigte Verständnis für die Verantwortung, die Sie gegenwärtig für die Erhaltung des Friedens in aller Welt gezeigt haben.«

Auch Kennedy kargte nicht mit Lob: »Ich bewundere die staatsmännische Entscheidung des Vorsitzenden Chruschtschow, den Ausbau der Basen auf Kuba einzustellen, die Offensiv-Waffen zu demontieren und sie unter Kontrolle der Vereinten Nationen in die Sowjet-Union zurückzutransportieren. Dies ist ein wichtiger Beitrag zum Frieden.«

Der junge Herr im Weißen Haus hatte in den vergangenen Wochen eine Politik hart am Rande des nuklearen Krieges betrieben, aber er hatte dabei vermieden, was die USA unter seinen Amtsvorgängern Woodrow Wilson und Franklin D. Roosevelt während der beiden Weltkriege und was auch Harry S. Truman zunächst im Korea-Krieg zu erreichen suchten: die bedingungslose Kapitulation des Gegners. Damit hielt er dem Sowjetpremier den Rückzug offen.

Unter strategischen Bedingungen, die für die von der Karibischen See weit entfernten Sowjets denkbar ungünstig waren (SPIEGEL 44/1962), erzwang Amerikas Präsident die entscheidende Kraftprobe mit seinem Gegenspieler im Kreml. Chruschtschow verlor dabei zwar die ersten beiden Runden, aber er gewann die dritte - zumindest nach Punkten.

‣ Erste Runde: Die Sowjet-Union läßt erkennen, daß sie die am 22. Oktober von der US-Regierung über Kuba verhängte See-Blockade respektiert, der Kreml nimmt hin, daß einige sowjetische Schiffe von den Amerikanern kontrolliert werden, erteilt zwölf weiteren Frachtern mit Konterbande an Bord die Order, auf hoher See umzukehren und nach Europa zurückzudampfen. Der Kreml riskiert für Kuba keinen nuklearen Krieg: »Die Sowjetregierung wird keinerlei unbesonnene Entscheidungen treffen.«

‣ Zweite Runde: Der Sowjetpremier schlägt am 27. Oktober ein Tauschgeschäft vor, wonach die sowjetischen Raketen auf Kuba, aber auch die Nato-Raketen in der Türkei demontiert werden sollen. Chruschtschow an Kennedy: Wir willigen ein, die Mittel aus Kuba zu entfernen, die Sie für offensive Mittel halten.« Und: »Ihre Vertreter geben eine Erklärung ab, daß die USA ... ihre entsprechenden Mittel aus der Türkei entfernen.« Der Präsident lehnt den Raketen-Handel ab.

‣ Dritte Runde: Die Sowjetregierung erklärt sich am 28. Oktober bereit, ohne Gegenleistung auf türkischem Boden ihre Raketen auf Kuba unter Uno-Aufsicht zu demontieren, sofern die USA darauf verzichten, das Regime Fidel Castros mit militärischen Mitteln zu beseitigen. Chruschtschow an Kennedy: »Ich betrachte mit Achtung und Vertrauen Ihre Erklärung (vom 27. Oktober), daß kein Angriff auf Kuba unternommen und keine Invasion stattfinden wird, nicht nur von seiten der USA, sondern auch von seiten anderer Länder der westlichen Hemisphäre.« In der Tat hatte Kennedy dem sowjetischen Premier auf dem Höhepunkt der Krise im Austausch gegen die auf Kuba von U-2-Aufklärungsflugzeugen festgestellten sowjetischen Mittelstreckenraketen nicht nur die Aufhebung der US-Blockade, sondern ein förmliches Nichtangriffsversprechen offeriert, das einer Garantieerklärung für das Castro-Regime gleichkam.

Kennedy an Chruschtschow: »Wir würden - unter der Voraussetzung, daß die Uno die Erfüllung dieser Verpflichtungen (Demontage der Sowjetraketen) gewährleistet - damit einverstanden sein, die Quarantäne aufzuheben und Garantien gegen eine Invasion Kubas zu geben. Ich glaube, daß andere Nationen der westlichen Hemisphäre dazu ebenfalls bereit sein würden.«

Dieses Zugeständnis war der Mehrheit der amerikanischen Nation, die sich kurz zuvor noch inmitten des Wahlkampfes in eine antikubanische Hysterie hineingesteigert hatte, offenbar nur begreiflich zu machen, wenn sie sich dem nuklearen Untergang konfrontiert sah wie bisher noch niemals in der US-Geschichte.

Für diese - möglichst realistische - Konfrontation sorgte das US-Verteidigungsministerium, dessen Vertreter bei den Geheimbesprechungen im Weißen Haus zunächst empfohlen hatten, die Sowjetraketen auf Kuba zu ignorieren.

Das Pentagon stellte nicht nur Luftlandetruppen in Florida bereit und alarmierte 14 000 Reservisten des Transport-Kommandos der US-Air-Force; es ließ auch die Zivilverteidigung so eindringlich prüfen, daß manche US -Bürger ein Schauder überlief, als sie bedachten, welche Konsequenzen die von ihnen geforderte Politik der Kennedy-Regierung ("Irgend etwas gegen Kuba tun") haben konnte.

Nur 112 000 Gebäude seien für gut befunden worden, so gab das Pentagon inmitten der Krise bekannt, »um für 60 Millionen Menschen als potentielle Schutzräume gegen radioaktiven Staub zu dienen«. Für nur 700 000 US-Bürger sei nach den Plänen des Verteidigungsministeriums tatsächlicher, nicht nur »potentieller« Schutzraum vorhanden. Nur 200 000 könnten damit rechnen, nach einem Atomangriff aus strahlungssicheren Vorratslagern mit Lebensmitteln verpflegt zu werden. Die übrigen 179 300 000 Amerikaner müßten sich, sollte es ernst werden, selbst um Schutzräume und Lebensmittel kümmern.

Als Kennedy die US-Navy ins Karibische Meer sandte und mit Chruschtschow Briefe wechselte, schnellten die Preise für Kaffee, Zucker, Gummi uni Kakao an den amerikanischen Rohstoff-Börsen empor, während die Aktienkurse in Wall Street rapide fielen.

Das Kriegsfieber stieg. Dem eigenen Volke wie der Sowjetregierung machten Kennedy und seine Berater deutlich, daß die USA es sich nicht leisten könnten, unendlich lange auf ein sowjetisches Einlenken zu warten.

»Die USA könnten sich gezwungen sehen, schon um sich selbst zu schützen, in den nächsten Tagen sämtliche Raketenbasen auf Kuba zu bombardieren«, interpretierte die »New York Herald Tribune« die Politik des Weißen Hauses. »Eine Blockade allein genügt nicht.«

In wenigen Tagen, so ließ das USVerteidigungsministerium durchsickern, laufe die Frist ab, die Präsident Kennedy dem sowjetischen Premier in einer

geheimen Botschaft genannt habe. Bis dahin müsse der Abzug der Offensiv-Waffen aus Kuba, deren Existenz von den Sowjets bisher bestritten worden war, sichergestellt sein. Andernfalls würden die Bomber der US-Luftwaffe die Raketenabschußrampen innerhalb einer Stunde zerstören; sogar vom Einsatz atomarer Waffen war in diesem Zusammenhang die Rede.

Während der amerikanische Chefdelegierte Stevenson seinen sowjetischen Kontrahenten vor dem Uno-Sicherheitsrat in die Rolle des Angeklagten drängte ("Leugnen Sie, Botschafter Sorin, daß die UdSSR auf Kuba Mittelstreckenraketen installiert - ja oder nein?"), räumte Chruschtschow bereits selbst ein, daß es Sowjetraketen auf Kuba gebe, doch sie ständen unter der Kontrolle sowjetischer Offiziere. Chruschtschow: »Ein zufälliger Gebrauch dieser Waffen zum Schaden der USA ist deshalb ausgeschlossen.«

Das war nicht nur ein peinliches Eingeständnis, von dem die USA voll bitterer Genugtuung Kenntnis nahmen, es war zugleich eine Warnung. Denn nun war deutlich, daß ein amerikanischer Angriff auf die kubanischen Raketen-Stützpunkte das Leben sowjetischer Soldaten gefordert und beide Weltmächte an jenen gefährlichen Punkt gebracht hätte, von dem es kein Zurück mehr gibt.

»Ich war erschrocken«, bekannte der Senior der amerikanischen Kolumnisten, Walter Lippmann, 48 Stunden nach dem Ende der Krise, »als ich Präsident Kennedy reden hörte und sah, daß wir ... im Begriff waren, einen erreichbaren Sieg zu verschenken, indem wir uns auf einen Kreuzzug zur Vernichtung Castros einließen.«

Als die Krise jenen von Kennedy bewußt angesteuerten Punkt erreicht hatte, an dem es für beide Weltmächte nur Krieg oder Kapitulation zu geben schien, wog es für die Sowjets leicht, auf unfertige Raketenbasen zugunsten des Friedens zu verzichten, wenn sie um diesen Preis zugleich den Bestand des ersten kommunistischen Regimes in der amerikanischen Hemisphäre erkaufen konnten.

Für die USA wiederum schien der durch die amerikanische Militärmacht erzwungene Rückzug der sowjetischen Raketen ein solcher Triumph, daß Kennedy am Rande des nuklearen Krieges getrost das Ziel der amerikanischen Kuba-Politik - bisher der Sturz des Castro-Regimes - radikal ändern und sich plötzlich zu einem Nichtangriffsversprechen für Kuba bereit finden konnte.

»Zwar ist der Krieg vermieden worden«, kommentierte US-Kolumnist James Reston diese Vereinbarungen, »aber die Kommunisten behalten ihren Stützpunkt in der westlichen Hemisphäre.«

Fidel Castro, im Duell der Großen zum unbedeutenden Sekundanten geworden, erkannte seine Chance. »Die Garantien gegen eine Invasion Kubas, von denen Präsident Kennedy gesprochen hat, werden nur dann von Bedeutung sein«, so erklärte er, »wenn nicht nur die See-Blockade aufhört, sondern die USA auch auf alle anderen aggressiven Maßnahmen gegenüber Kuba verzichten.«

Castro sträubte sich nicht nur gegen die Uno-Überwachung der Raketen-Demontage, er stellte zugleich fünf Forderungen, um die er in der vergangenen Woche mit Uno-Generalsekretär U Thant verbissen feilschte:

‣ Ende der nordamerikanischen Wirtschaftsblockade;

‣ Beendigung aller »subversiven Tätigkeit, die vom Boden der Vereinigten Staaten aus gegen Kuba organisiert wird«;

‣ Einstellung aller »Piraten-Angriffe«

der Exilkubaner;

‣ Verzicht auf jegliche Verletzung des Luftraums durch amerikanische Aufklärungsflugzeuge und schließlich

‣ Räumung des US-Flottenstützpunktes Guantánamo auf Kuba.

Der Sowjetpremier mußte seinen Stellvertreter Anastas Mikojan nach Havana schicken, um den kubanischen Satelliten klarzumachen, daß sie den Kompromiß der Weltmächte nicht durch übertriebene Forderungen stören dürften.

So wenig die USA bereit sind, den Rückzug der Sowjets aus der Karibischen See mit einem Verzicht auf ihre kubanische Flottenbasis zu bezahlen, so unmöglich dürfte es ihnen in Zukunft sein, die Tätigkeit der 200 000 Kuba-Flüchtlinge, die auf nordamerikanischem Boden leben, in gleicher Weise zu unterstützen wie bisher, wenn sie ihr Arrangement mit dem Kreml nicht gefährden wollen.

Das State Department versicherte zwar den lateinamerikanischen Regierungen, auch in Zukunft seien »kollektive Maßnahmen der Organisation amerikanischer Staaten (OAS)« gegen Castros Kuba möglich. Doch Dr. Miro Cardona, der Führer des exilkubanischen Revolutionsrates, klagte, die amerikanische Haltung sei »ein ähnlicher Verrat wie derjenige In der Schweinebucht«.

Und US-Senator Homer Capehart, Mitglied des Außenpolitischen Senatsausschusses, erbitterter Verfechter einer harten Kuba-Politik, verschwieg nicht, was seine republikanischen Parteifreunde in sichtlicher Erleichterung über den vermiedenen Krieg sich auszusprechen scheuten:"Selbst wenn Chruschtschow alle seine Versprechungen in Kuba einhält, bleibt das Grundproblem unverändert - Kommunismus 90 Meilen vor unserer Küste.«

Den Kennedy-Kritikern erscheint demnach der Preis, den der US-Präsident in Gestalt seines Nichtangriffsversprechens für die Entfernung der sowjetischen Raketen vor Amerikas Haustür zahlte, zu hoch.

Doch John F. Kennedy hatte die amerikanische Nation so nahe an den Abgrund des nuklearen Krieges gedrängt, daß es seinen Beratern nach dieser grausamen Ernüchterung möglich scheint, den führenden politischen Köpfen ebenso wie der Mehrheit des Volkes die Erkenntnis einzuhämmern, daß es besser ist, mit einem kommunistischen Regime auf Kuba Tür an Tür zusammenzuleben als zusammen mit ihm zu sterben.

Daily Mail »Einverstanden, Herr Präsident, wir wollen verhandeln ...«

Kuba-Regent Castro, U Thant: Raketen verschwinden, Regime bleibt

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