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DÄNEMARK Sieg über Satan

Eine dubiose Sekte ließ ein Jugendheim abreißen und provozierte europaweite Krawalle. Nun will die Christentruppe expandieren.
Von Manfred Ertel und Felix Zeltner
aus DER SPIEGEL 12/2007

Alles an Kristina Bøjstrup Djarling ist gelebte Nächstenliebe: »Mein Herz hat geweint«, sagt die 31-jährige Dänin, wenn sie vom Elend der Straßenkinder in Indien spricht. »Ich möchte mehr Gutes tun«, sagt sie und redet von der Verderbtheit der Jugend zu Hause. »Ich habe Gott getroffen«, wiederholt die hübsche Blondine engelgleich, wenn sie von ihrem Auftrag spricht, die Welt zu verbessern.

Kristina ist Jugend- und Straßenpastorin der dänischen Freikirche Faderhuset (Haus des Vaters) und so etwas wie deren Chefagitatorin. Ihre Tante Ruth Evensen, 58, ist Anführerin der obskuren Sekte. Zusammen sind die beiden der Grund dafür, dass die Polizei Randalierer in halb Europa beruhigen musste.

Die Christentruppe war Besitzerin des besetzten Hauses im Kopenhagener Szeneviertel Nørrebro, das als Jugendzentrum Ungdomshuset europaweit Schlagzeilen machte. Als die Besitzer den angeblichen Sündenpfuhl im Namen Gottes erst räumen und jetzt abreißen ließen, brannten Barrikaden und Autos. Unterstützer organisierten Krawalle von Hamburg bis Bern und Amsterdam.

»Gott hat uns auferlegt, um dieses Haus zu kämpfen«, sagt Sektenführerin Evensen demütig. Intern hört sich das ganz anders an. Dann wettert sie gegen die »von Dämonen besetzte Jugend« und feiert bei einem Dankgottesdienst ihren Erfolg als »Sieg Gottes über Satan«. Die Andachten der Gruppe sind Berichten zufolge eine Mischung aus Erweckung, Ekstase und Musik. Eine Band spielt Hardrock mit christlicher Fundi-Lyrik - Leadsängerin Kristina - und peitscht die etwa hundert Zuhörer ein.

Per Unterschrift müssen sich die Mitglieder der Sektenführung bedingungslos unterwerfen und, so der Kopenhagener Pastor Niels Underbjerg, »absoluten Gehorsam« versprechen.

Steffen war 15, als er langsam in die Fänge der Freikirche geriet. Nach einer schweren Kindheit nahm ihn Evensen quasi an Kindes statt auf. »Ich war eine leichte Beute«, sagt er heute. Steffen musste seinen Freunden entsagen, seinen Büchern, den Hardrockern Metallica. Er durfte nicht arbeiten, musste »nur der Kirche dienen«. Als er doch einmal mit Metallica-CDs erwischt wurde, »versuchten sie, mich zu exorzieren«, erzählt er. Kristina schrie: »Satan komm raus.« Heute ist Steffen 24, depressiv und arbeitsunfähig. Pastor Underbjerg, Sektenbeauftragter der evangelischen Kirche, betreute etwa 70 Ex-Mitglieder wie Steffen.

Für Juni plant Faderhuset eine Missionstournee durch Deutschland, Frankreich und Italien. »Wir wollen die Jugend in Europa erreichen«, sagt die Missionarin Bøjstrup. Es klingt wie eine Drohung, wenn ihre Tante sagt: »Wir haben unsere eigene Interpretation der gesellschaftlichen Entwicklung.« MANFRED ERTEL, FELIX ZELTNER

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