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Siege nur auf dem Papier

aus DER SPIEGEL 52/1971

Wer im Dschihad, im Heiligen Krieg, fällt, stirbt nicht. Er lebt als Schahid, als Märtyrer, weiter, alle Sünden sind ihm vergeben. Deshalb kann ich Ihnen auf die Frage, wie viele unserer Soldaten bisher gefallen sind, antworten: keiner.«

So beschied Oberst Riaz, Public-Relations-Offizier der pakistanischen Armee, in der ersten Kriegswoche ausländische Reporter. Der Oberst hatte auch die Bengalen-Basis Dschessore noch fest in pakistanischer Hand, nachdem Reporter längst im Gefolge der indischen Truppen in die Stadt eingerückt waren. Riaz: »Ich sage Ihnen, das ist eine Lüge.«

Pakistans »valiant forces«, seine »tapferen Truppen« -- anders kamen sie in den Zeitungen des Landes nicht vor -, gaben dem indischen Erbfeind im fernen Bengalen auf den abendlichen Pressekonferenzen der Armee in Rawalpindi stereotyp ein »good hammering« oder ein »fine beating« -- während sie in Wahrheit längst zu Tausenden kapitulierten und betuchte West-Pakistanis sich mit vollgepackten Autos auf den Weg ins sichere Afghanistan machten -- an der Rückscheibe noch Parolen wie »Sieg oder Tod«.

Pakistans regierungstreue Zeitungen druckten ein Dementi der Regierung in Islamabad: Die Bengalen unterstützten keinesfalls bengalische Partisanen -- obwohl die Bengalen bereits die indischen Invasoren begeistert als Befreier begrüßten.

Pakistans Militär-Herr Jahja Khan hatte, so seine Kampfansage an Indien, »120 Millionen heilige Krieger« gegen den Nachbarn aufbieten wollen -- ungeachtet der Tatsache, daß die bessere Hälfte seiner Bürger, die 75 Millionen Bengalen, mit mehr Begeisterung auf ihn selbst als auf den angeblichen Feind geschossen hätten.

Um die Einheit des Landes, unter Einschluß Bengalens, zu beweisen, designierte Jahja nach Kriegsbeginn den Bengalen-Greis Nurul Amin, 77, zum Premier ganz Pakistans -- während die Bengalen selbst längst ihre eigene, von Indien anerkannte Regierung gebildet hatten.

So log sich das Militär-Regime Pakistans zwei Wochen lang selbst und der Welt Siege vor -- während es längst geschlagen war. So hielten sie an der papierenen Einheit eines Staates fest, der in Wahrheit längst zerfallen war.

Die einzigen einigermaßen wahren Worte sprach in diesen Tagen ein Zivilist, Auslandspressechef Bhatti: »Dies ist ein Kampf um unsere Existenz, ums Überleben.«

Selbst ums Überleben Rest-Pakistans scheint es schlecht bestellt. Zwar haben Chinesen und Amerikaner Indien wissen lassen, daß sie einen indischen Angriff gegen Westpakistan nicht hinnehmen würden, zwar hat China vergangenen Donnerstag die Inder gebremst: Peking beschuldigte Delhi mehrerer Grenzverletzungen im Himalaja. Doch möglicherweise sind die Inder gar nicht nötig, um Rest-Pakistan zu erledigen. Denn ähnliche Konfliktherde, wie sie zwischen West- und Ostpakistan bestanden, hat auch der Westteil allein.

Westpakistan -- etwa so groß wie Frankreich und die Bundesrepublik zusammen, knapp 60 Millionen Menschen -- wird von Völkerschaften bewohnt, die sich nicht allein durch ihre Sprachen voneinander unterscheiden. Neben dem Staatsvolk der Pandschabis siedeln im Süden die Sindhis und größere Hindu-Minderheiten. Die Belutschen im Südwesten haben sich schon mehrfach gegen die Regierung in Islamabad erhoben; die Armee befriedete die Minderheit wie in Bengalen: mit Bomben.

Im Nordwesten sind die Pathanen-Stämme ein ständig drohendes Aufstands-Potential. Die wilden Krieger vom Khaiberpaß vermochte schon die englische Kolonialmacht nie zu bändigen. Der pakistanische Staat suchte sie anfangs zu zähmen, scheiterte und ließ sie fortan in Ruhe: Die Pathanen behielten in den sogenannten »Tribal Territories« alle ihre Rechte. Die Staatsmacht trat im Pathanen-Land nicht mehr in Erscheinung.

Als 1969 nach dem Sturz des Militärdiktators Ajub Khan alle Bürger ihre Waffen abliefern mußten, nahm die Regierung die Pathanen von der Order aus. Denn ein Pathane trennt sich lieber von seinem Leben als von seinem Gewehr. Die Regierung konnte einen Partisanenkrieg an der Nordwestgrenze um so weniger gebrauchen, als der den Nachbarn Afghanistan ins Spiel gebracht hättet Afghanistan betrachtet die Pathanen als Brüder, Kabul stritt in den fünfziger Jahren für ein unabhängiges »Pathunistan«.

Im äußersten Norden herrscht Islamabad noch über eine Minderheit von Kaschmiris. Die Kaschmiris hassen zwar die Inder, unter deren Herrschaft zwei Drittel ihrer Landsleute leben. Sie lieben aber auch nach allen Erfahrungen des letzten Vierteljahrhunderts die Pandschabis nicht. Ihr Wunschtraum ist ein von beiden Kontrahenten unabhängiges Kaschmir.

Diese Gegensätze brachen nicht auf, solange Pakistans Militärmacht intakt war. Sie könnten sich aber nach dem Abfall Bengalens und der Niederlage der Armee sehr schnell verschärfen. Denn Pakistan war noch nie so schwach.

Eine politische Dauerkrise seit Ajubs Sturz vor fast drei Jahren, der Bürgerkrieg in Bengalen. Krieg und Niederlage haben Pakistans Wirtschaft ruiniert. Die 22 reichen Familien, in deren Händen alle wirtschaftliche Macht vereint ist, haben längst jede Rupie, die sie flüssig machen konnten, außer Landes gebracht.

Der ohnedies kargen Industrie fehlen Energie und Rohstoffe. Eingeführt wird seit April fast nichts mehr -- außer Kriegsmaterial, das jetzt auf den Reisfeldern Ostpakistans. in den Tälern Kaschmirs verrottet. Es gibt keine Devisen. Pakistan steht heute schlechter da als bei der Staatsgründung vor 24 Jahren.

Dazu ist jene Macht, die das Land bisher zusammenhielt, selbst in ihrem Bestand bedroht: die Armee. Ihre Führer, Marschall Ajub und General Jahja, haben das Land in den letzten 13 Jahren geführt. Beide hätschelten das Instrument, das ihnen die Macht garantierte.

Der Soldaten-Sold stieg schneller und höher als alle anderen Einkommen. Offiziere genossen Privilegien wie sonst keine Klasse. Der Staat bezahlte ihnen Mieten für luxuriöse Villen, überließ ihnen Rassepferde für zwei Mark pro Monat zum Polospielen. Rekruten wurden als private Diener in die Offiziersvillen abkommandiert. Im »Rawalpindi-Intercontinental« genossen Offiziere einen 30-Prozent-Rabatt bei der Pflege ihrer Wäsche.

Selbst einfache Soldaten hatten es besser als Zivilisten: Jeder Panzerbesatzung beispielsweise stehen laut Armee-Reglement 48 Flaschen Coca-Cola samt vier Kilo Eis täglich zu.

Wer Uniform trug, brauchte es auch mit der ideologischen Grundlage »des Staates,dem Islam, nicht genauzunehmen. Während Alkohol für das Volk tabu ist und selbst einheimisches Bier mit vier Mark pro Flasche besteuert wird, waren Saufgelage in Offizierskasinos selbstverständlich. Als besonders trinkfest wird der erste Soldat des Landes gerühmt, General Jahja. Was ihm bisher zum Ruhm gereichte, kann dem Kriegs-Verlierer Jahja freilich über Nacht als Sünde angelastet werden.

Militärkritische Pakistanis in Rawalpindi tuschelten, daß Jahja auch in diesen Tagen, da die Hälfte seines Landes verlorenging, nicht auf seine üblichen zwei Stunden Golf verzichtete.

Die Berufung Nurul Amins, die das Land einen sollte, erwies sich schon nach einer Woche als überholt: Ohne Bengalen braucht Pakistan keinen bengalischen Premier mehr, Nurul verbringt seine Zeit damit, im Ostpakistan-Haus an Rawalpindis Peshawar Road Tee zu trinken.

Zwei Wochen lang wartete das Volk vergeblich auf ein Wort des Präsidenten. Und als er am vergangenen Donnerstag endlich sprach -- dem Tag, da seine vier Divisionen in Bengalen kapitulierten --, bramarbasierte er von der Wiedergewinnung Ostpakistans, sprach er von der Fortführung des längst aussichtslosen Krieges.

Mann der Stunde wurde so der designierte Vizepremier und Außenminister Sulfikar Ah Bhutto,43, ein Großgrundbesitzer und Peking-Freund, der sich selbst Sozialist nennt, dessen Lieblings-Lektüre allerdings Biographien Hitlers und Bücher über SS und SA sind -- nach deren Vorbild er sich eine eigene Leibgarde rekrutierte.

Bhutto vertritt Pakistan zur Zeit vor der Uno, wo er schon nach dem Krieg von 1965 die Inder als »Hunde« beschimpft hatte. In der letzten Woche zerfetzte er dort in ohnmächtiger Wut Resolutionsentwürfe, verließ den Saal und drohte: »Ich kehre nach Pakistan zurück, um zu kämpfen.«

Ob gerade er Rest-Pakistan noch retten kann, scheint jedoch mehr als zweifelhaft. Bhutto war es, der Jahja Khan letztlich zum Massaker an den Bengalen trieb. Bhutto gilt als unversöhnlichster Feind Indiens -- das jetzt als Sieger dasteht. Und Bhutto hatte vor den letzten Wahlen jedem Pakistani zwölf Morgen Land, ein Haus und ein Auto versprochen (derzeitiger Tageslohn eines Arbeiters: etwa eine Mark).

Im 25. Jahr seiner Geschichte als unabhängiger Staat, gerade in dem Jahr, da endlich in Karatschi ein Mausoleum für den Staatsgründer Mohammed Ah Dschinnah als pompöses Denkmal für die Einheit und Größe Pakistans fertig wurde, ist der bisher fünftgrößte Staat der Welt auseinandergebrochen. Der verbliebene Rest wird, bestenfalls, ein Entwicklungsland unter vielen, abhängig von der Gnade eines feindlichen Nachbarn sein.

Kurz vor seinem Tod im Jahr 1948 hatte Dschinnah das Unheil schon vorausgeahnt: »Wenn sich Bengalen als Bengalen und Pandschabis als Pandschabis, nicht mehr als Pakistanis fühlen, ist es aus mit Pakistan.«

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