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GRIECHENLAND Siesta erstreikt

Die Regierung kann die Streiklust des Volkes nicht bändigen: Gestreikt wird für und gegen alles.
aus DER SPIEGEL 17/1977

Nach der Demokratie haben die Griechen eine andere Freiheit wiederentdeckt: den Streik. Jeder fünfte Grieche war in diesem Jahr bereits mindestens einmal im Ausstand.

In den ersten dreieinhalb Monaten streikten die Fernmelde- und Elektrizitätsarbeiter schon sechsmal. Die Gymnasiallehrer traten 27 Tage in den Ausstand, weil sie besser gestellt werden wollten als andere im öffentlichen Dienst, und ihre Kollegen an den Privatschulen streiken seit dem 7. März für Beamtenstatus und Unkündbarkeit.

Am 22. März verweigerten die Piloten der Olympic Airways aus Solidarität mit entlassenen Kollegen die Arbeit, und in Saloniki bekämpfen Studentinnen mit Streik die Hausordnung, die männlichen Besuch in ihren Heimen nach 22 Uhr verbietet. In Piräus schließlich warten rund hundert Schiffe auf Löschung ihrer Fracht, weil die 3000 Hafenarbeiter seit Anfang Februar streiken.

Im vergangenen Jahr haben 1,3 von 3,4 Millionen arbeitenden Griechen gestreikt zumeist, um höheren Lohn durchzusetzen. Und das, obgleich Premier Karamanlis seit seiner Machtübernahme im Sommer 1974 die Mindesteinkommen um zwei Drittel heraufgesetzt hatte, um die Konjunktur anzuheizen und den Rückstand aus den Zeiten der Diktatur aufzuholen.

Denn unter den Obristen war nicht nur der Streik, sondern auch jede gewerkschaftliche Betätigung verboten. Eine Sonderabteilung der Sicherheitspolizei, die »Gewerkschaftsabteilung«, überwachte die Arbeitervertreter und brachte nicht wenige hinter Gitter.

Nach dem Zusammenbruch der Militärherrschaft besannen sich die Griechen schon sehr bald und für die Regierung viel zu oft auf den Streik als Protest- und Kampfmittel. Die angesehene Athener Tageszeitung »Kathimerini« fragte: »Ist es nicht verrückt, nach siebeneinhalb Jahren Diktatur nunmehr zu verlangen, daß alle Probleme in zweieinhalb Jahren Demokratie gelöst werden?«

Und Arbeitsminister Lascaris, selbst ehemaliger Gewerkschaftsfunktionär. forderte seine streikfreudigen Landsleute auf, »die Verantwortung dem Land und der Geschichte gegenüber nicht zu vergessen ... und Versuchungen der Demagogie entgegenzutreten«.

Denn nach einer Untersuchung des Ministeriums für öffentliche Ordnung lagen 80 Arbeitsniederlegungen in der Zeit vom Januar 1975 bis Mitte 1976 »politische Motive« zugrunde. Die konservative Tageszeitung »Estia« nannte den Streik »die beste Revolutionsgymnastik« und befürchtet eine »Italienisierung« Griechenlands.

Die Arbeitgeber greifen jetzt zu Gegenmaßnahmen: Die Privatschulbesitzer beantworten den Lehrerstreik mit Aussperrung, die Fluglinie Olympic Airways zahlte den Piloten keine Ostergratifikation. Industrielle entlassen kurzerhand allzu unbequeme Gewerkschaftsfunktionäre, weil »die Grenzen bei der richtigen Handhabung der Streikwaffe überschritten« wurden, wie der Industriellenverband erklärte.

Die Regierung setzte nach langem Zögern Polizei und Justiz gegen Streikende ein: Gendarmen mit Helmen und Schlagstöcken bekämpften letzte Woche die seit über zwei Monaten streikenden Bergarbeiter, die Staatsanwaltschaft verbot Geldsammlungen streikender Lehrer, Behörden verweigerten ihren Beamten für die durch Streik ausgefallenen Arbeitstage das Gehalt.

Vorstandsmitglieder der Busfahrer-Gewerkschaft wurden sogar vor Gericht gestellt, weil sie mit der Ausrufung eines Streiks während eines laufenden Schiedsgerichtsverfahrens gegen das Gesetz verstoßen haben sollen.

Den seit 7. März dauernden Extra-Urlaub, den sich 6500 Lehrer und ihre 160 000 Zöglinge in den Privatschulen bewilligten, will der Kultusminister spätestens an diesem Montag radikal beenden: Er ermächtigte die Schuldirektoren, die Stellen der streikenden Kollegen mit neuem Personal zu besetzen.

In einem Fall aber waren sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer einig: Als die Regierung eine durchgehende Arbeitszeit von 9 bis 17.30 Uhr probeweise einführte -- um eine Angleichung an die Europäische Gemeinschaft zu erreichen -, verteidigten Eigentümer und Angestellte ihre geheiligte Siesta mit Streik.

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