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BIBLIS Signal YZ 37

Im Atommeiler Biblis soll jetzt Störfallvorsorge per Provisorium betrieben werden - nach Meinung von Kritikern »ein Wahnsinn«.
aus DER SPIEGEL 3/1989

Beim »aufsichtlichen Gespräch« im hessischen Umweltministerium schienen alle Fragen abgehakt. Knapp vier Stunden lang hatten, bei Kaffee und Plätzchen, die Behörden-Experten am vorletzten Dienstag mit Vorstandsmitgliedern des Rheinisch-Westfälischen Elektritzitätswerks (RWE) über Nachbesserungen in den abgeschalteten Kraftwerksblöcken Biblis A und B beraten. Da meldete sich ein Mann von der Bonner Atomaufsicht zu Wort - und kam zum Wesentlichen.

Walter Hohlefelder, Abteilungsleiter für Reaktorsicherheit im Bundesumweltministerium, wies auf einen »offenstehenden technischen Punkt« hin. Dringend müsse geklärt werden, was im Falle eines Heizrohrbruchs im Dampferzeuger von Biblis B, dem neueren der beiden Meiler, zu tun sei.

Eine heikle Frage: Nach letzten Risikoabschätzungen der Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GRS) kann der »Dampferzeuger-Heizrohrbruch« binnen weniger Stunden »zum Kernschmelzen und zur Aktivitätsfreisetzung« führen. Und dies, so der hessische Umweltstaatssekretär Manfred Popp, »mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit als andere Ereignispfade«. Der Kernphysiker weiß: »Das ist ein echter Ausreißer.«

Gleichwohl behandelte der Staatssekretär, der die Nachricht von der Beinahekatastrophe in dem betagten Meiler Biblis A (SPIEGEL 51/1988) letztes Jahr zunächst sogar seinem Minister vorenthalten hatte, die Angelegenheit nicht gerade als Dringlichkeitssache. Hohlefelder hingegen sah Gefahr im Verzug und verlangte eine Sofortlösung. Dafür war auch Hessens Umweltminister Karlheinz Weimar (CDU), obwohl er schon eine Wiederinbetriebnahme angekündigt hatte: »Da kann ich doch nicht verantworten, wieder anfahren zu lassen.«

Das Sicherheitsrisiko Heizrohrleck gibt es praktisch bei allen älteren Druckwasserreaktoren, von Stade bis Neckarwestheim. Am Dienstag dieser Woche will deshalb die GRS über zusätzliche Notfallmaßnahmen beraten.

Die vieltausend daumendicken Heizschlangen im Dampferzeuger, in denen 300 Grad heißes, nuklear verseuchtes Kühlwasser zirkuliert, bilden eine empfindliche Nahtstelle zwischen dem hochradioaktiven Reaktorkern und den Turbinen im Sekundärkreislauf, mit deren Hilfe die atomare Energie in Strom umgewandelt wird: Wie ein Tauchsieder heizen sie das Wasser im Dampfkessel auf.

Bricht eines der Röhrchen, so wird, wegen des Druckgefälles zwischen Primär- und Sekundärkreislauf, tonnenweise hochbelastetes Kühlwasser in den mit unbelastetem Speisewasser gefüllten Dampferzeuger gepreßt. Sind größere Mengen abgeflossen, schaltet sich automatisch die Notkühlpumpe des Reaktors ein: Noch mehr verseuchtes Wasser strömt in den nichtradioaktiven Teil.

So wird, nach dem Szenario, die Situation immer bedrohlicher: In den übervollen Dampfleitungen kann leicht ein Leck entstehen - der nunmehr radioaktiv verseuchte Heißdampf wird direkt in die Umgebung des Kraftwerks geblasen. Zugleich besteht die Gefahr, daß die - in Biblis 1400 Tonnen - Kühlwasservorräte ausgehen: Der Reaktorkern wird leerlaufen, überhitzen und letztendlich schmelzen.

Die Gefahr läßt sich nach Meinung der GRS bannen, wenn rechtzeitig kaltes Wasser auf die brodelnde Brühe gesprüht und somit der Druck im Primärkreislauf herabgesetzt wird, so daß sich die Notkühlpumpe wieder abschalten läßt.

Besser allerdings wäre eine sogenannte Füllstandsonde im Reaktorkern, die eine »saubere Diagnose« (Popp) des Wasserstands zwischen den Brennelementen gewährleisten soll.

In Biblis aber arbeiten derlei Systeme noch nicht: In Block A fehlt eine solche Sonde, in Block B ist sie noch nicht angeschlossen - das soll erst im Sommer geschehen. Auch gilt das Sprühsystem in dem 1977 ans Netz genommenen zweiten Meiler als nicht zuverlässig genug - ein Mangel, der, so die GRS, »von besonderer Bedeutung« ist.

Deshalb empfahl die Gesellschaft als »Interimsmaßnahme«, die Betriebsmannschaft solle in einem solchen Fall quasi per Handbetrieb über die »Abblaseventile« Dampf ablassen. Doch diese Armatur ist seit dem Atomunfall von Harrisburg, wo ein solches Ventil sich plötzlich nicht mehr schließen ließ, in Biblis durch das Schutzsignal »YZ 37« blockiert. Es zu öffnen bedarf einer Änderung im Betriebshandbuch, die Hessens Umweltminister jetzt per eilig eingefädeltem Genehmigungsverfahren als »rein sicherheitserhöhende Maßnahme« (Weimar) erlauben will.

Das Provisorium zur Störfallprophylaxe halten Kritiker jedoch für höchst bedenklich. »Ein Wahnsinn«, meint etwa der Atomexperte Lothar Hahn vom Darmstädter Öko-Institut: »Da wird doch der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben.« Mangels Füllstandsonde könnten sich die Mitarbeiter den Aggregatzustand im Reaktorkern nur über indirekte Meßwerte »zusammenreimen« - was ist, fragt Hahn, »wenn sich die Leute verschätzen und der Kern doch schon leergelaufen ist?«

Ohne den »Kunstgriff« (Popp) müßte der Meiler jedoch bis zum Sommer abgeschaltet bleiben - dem RWE würden Millionengewinne entgehen. Dabei kann sich der Stromkonzern kaum mit den von seinen Experten zugesagten Nachrüstungsmaßnahmen abfinden.

Letzte Woche stellte RWE-Vorstandsmitglied Günther Klätte das Geld (400 Millionen Mark), das für die verschiedenen Kontroll- und Sicherungseinrichtungen ausgegeben werden soll, wieder in Frage. Der Bau von zwei seit Jahren schon geforderten, verbunkerten Kontrollräumen etwa, die ein geordnetes Abschalten der Reaktoren beim Austritt von Radioaktivität ermöglichen sollen, behauptete der Atommanager, sei noch gar nicht fest zugesagt.

Kleinlaut entschuldigte er sich zwar tags darauf für die »Mißverständnisse": Natürlich stehe das RWE »ohne Einschränkungen« zu seinem Wort. Tatsächlich jedoch hat sich die Gesellschaft nicht rechtsverbindlich auf den Bau der beiden Bunker festgelegt. In der RWE-Bestätigung der ausgehandelten »Ertüchtigungsmaßnahmen« sind die Warten nur ganz allgemein als »neues Notstandsystem« aufgeführt: »Konzepterstellung bis 09/89«.

Das Datum ist offenbar nicht zufällig gewählt. Etwa um die gleiche Zeit wird das Ergebnis einer von Hessen beim TÜV Bayern in Auftrag gegebenen Sicherheitsanalyse des Reaktorblocks A vorliegen. Darin wird die Standfestigkeit des alten Meilers im Falle von Flugzeugabstürzen, Druckwellen und Explosionen geprüft.

»Da kann es«, sagt Atomkritiker Hahn, »eigentlich nur ein Ergebnis geben: die Stillegung.« #

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