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FAHRSCHULEN Silberner Schatten

Ein eigenwilliger Fahrlehrer und Porsche-Besitzer bringt Jugendlichen bei, auf Autobahnen Tempo 200 zu fahren.
aus DER SPIEGEL 29/1989

Über die sanfte Gefällestrecke auf der A 445 zwischen Werl und Neheim-Hüsten zischt ein silberner Schatten. Nur die Reaktionsschnellen unter den überholten Autofahrern können an dem Magnetschild am Heck des Silberpfeils erkennen, was da mit mehr als 200 Sachen an ihnen vorüberrauscht - ein Fahrschul-Wagen aus dem nahen Soest.

Am Steuer des allradgetriebenen Porsche Carrera sitzen meist 17- oder 18jährige Fahrschüler. Fahrzeugführer im Sinne der Straßenverkehrsordnung ist der Beifahrer: Friedrich Bullert, 45, Inhaber einer Fahrschule mit einem pädagogischen Ansatz, der auch in der Bonner Republik der unbegrenzten Geschwindigkeiten ohne Beispiel ist.

»Während der Fahrstunden«, rechtfertigt der passionierte Rallye-Fahrer Bullert seine Tempo-200-Touren, »kann man den jungen Leuten viel von Verantwortung und Anpassung an die Verkehrsverhältnisse erzählen. Die lächeln verständnisvoll, aber noch an dem Tag, an dem sie ihren Führerschein bekommen, setzen sie sich in Vatis Kiste und brettern, was das Zeug hält.«

Deshalb hält es Bullert geradezu für »lebenswichtig«, seinen Fahrschülern gegen einen Aufpreis von zehn Mark pro Stunde ein »Gefühl für höhere Geschwindigkeiten« zu vermitteln.

Damit bewegt sich der Soester Fahr-Unternehmer, der früher fast 20 Jahre lang als Polizeibeamter im Streifenwagen unterwegs war, rasant gegen den Trend. Zwar fordert Bundesverkehrsminister Friedrich Zimmermann (CSU) nach wie vor freie Fahrt für freie Bürger, doch beim jüngsten Treffen seiner Ressort-Kollegen aus den Ländern sprach sich eine Mehrheit für ein Autobahn-Tempolimit von 130 Stundenkilometern aus.

Die Minister befinden sich in guter Gesellschaft: Rund zwei Drittel der Bevölkerung, ergab jetzt eine Umfrage des nordrhein-westfälischen Verkehrsministeriums, würden eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen begrüßen.

Daß ein Fahrlehrer seinen Schülern gleichwohl das Rasen beibringt, hält der Münchner Unfallforscher Professor Max Danner, 59, für »geradezu hirnrissig": »Die 18- bis 24jährigen machen elf Prozent der Bevölkerung aus«, doziert Danner, »stellen aber 30 Prozent der Verkehrstoten.«

Der Wissenschaftler, Chef des Allianz-Zentrums für Technik in Ismaning bei München, glaubt belegen zu können, daß ein Autofahrer mindestens zwei Jahre Praxis braucht, um sein Gefährt im Griff zu haben. Ein 250-PS-Bolide wie der Porsche Carrera sei, so Danner, »nach 30 Fahrstunden nicht beherrschbar«. Zu einem solchen »Unfug«, wettert der Unfallforscher, »fällt mir nichts mehr ein«.

»Statt junge Leute an so hohe Geschwindigkeiten heranzuführen, sollte man lieber versuchen, ihren Charakter zu schulen«, fordert auch der mehrmalige Formel-1-Champion Niki Lauda, der als Chef der »Lauda Air« mittlerweile Fliegen viel schöner findet. Wie schwer es sei, den Kids auch nur den »vernünftigen Umgang mit einem Golf beizubringen, sieht man schon daran, wie viele sich jedes Jahr um einen Baum wickeln«, sagt Lauda.

Solche Argumente können Fahrlehrer Bullert nicht umstimmen - zumal er erkannt hat, daß von seinem 120 000-Mark-Gefährt eine beträchtliche Werbewirkung ausgeht.

Etwa ein Drittel seiner jährlich knapp 200 Schüler zahlt willig den Aufpreis für ein paar Fahrstunden im Traumwagen. Und weil Autonarr Bullert seinen Porsche auf diese Weise obendrein als Dienstwagen steuerlich absetzen kann, läßt ihn auch der wütende Protest der örtlichen Kollegen sowie der Verkehrserzieher von der Kreispolizeibehörde Soest ungerührt.

Eine gesetzliche Handhabe gegen Bullert, verlautbarte letzte Woche der Regierungspräsident in Arnsberg, gebe es nicht. Der Fahrlehrer-Verband Westfalen wettert zwar gegen die »unsinnige, nicht in unsere Zeit und auf unsere Straßen passende Werbeaussage« des Kollegen aus Soest, ist aber machtlos - Bullert ist nicht Mitglied des Verbandes.

Wirklich zu schaffen macht dem Tempo-Lehrer zur Zeit nur die Angst, die ihn mitunter befällt, wenn er bei Tempo 200 oder mehr neben einem Milchgesicht hockt. »Aber das«, sagt Bullert, »ist halt Berufsrisiko.«

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