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SIND 35 STUNDEN GENUG?

aus DER SPIEGEL 14/1964

SPIEGEL: Herr Dr. Friedrichs, die IG Metall steuert jetzt auf die 35-Stunden -Woche in ihrer Branche zu und gibt als Begründung dafür an: Die Automation frißt sonst unsere Kinder!

FRIEDRICHS: Ansteuern ist vielleicht etwas viel gesagt, ebenso der Kinderfraß. Aber nach meinen Überlegungen sollten wir bis 1972 die 35-Stunden -Woche erreichen, weil Automatisierung und Rationalisierung in den Betrieben sonst tatsächlich zu Massenarbeitslosigkeit führen könnten.

SPIEGEL: Sie wollen also, bevor die Automation eine größere Anzahl Beschäftigte überflüssig macht, die Arbeitskräfte durch eine weitere Arbeitszeitverkürzung verknappen?

FRIEDRICHS: Wir wollen Arbeitsplätze für die Zukunft sichern, indem wir die Arbeitszeit verkürzen. Das tun wir ja seit Jahren mit Erfolg. Wir hatten 1956 noch die 48-Stunden-Woche...

SPIEGEL: ... in der westdeutschen Eisen- und Metallindustrie...

FRIEDRICHS: Am 1. Januar 1963 führten wir eine Arbeitszeit von 41 1/4 Stunden je Woche ein, und am 1. Juli 1965 wird in der Metallindustrie die 40-Stunden-Woche realisiert sein. Dennoch produzierte die Metallindustrie 1963 etwa 60 Prozent mehr als 1956.

SPIEGEL: Als Ihre Kampagne für die 40-Stunden-Woche begann, hatten die Unternehmer gehofft, daß sie in dieser Generation vor weiteren Arbeitszeitverkürzungen Ruhe haben würden.

FRIEDRICHS: Nun, die Automation macht's möglich.

SPIEGEL: Die 35-Stunden-Woche?

FRIEDRICHS: Ja.

SPIEGEL: Die Automation verdrängt jährlich etwa 1,5 Millionen Beschäftigte im Bundesgebiet von ihren angestammten Arbeitsplätzen, das sind etwa sechs Prozent aller Erwerbstätigen...

FRIEDRICHS: ... das heißt in anderen Worten: Wir können in der Bundesrepublik jedes Jahr das Sozialprodukt des Vorjahres mit etwa 1,5 Millionen weniger Menschen erstellen. Diese 1,5 Millionen werden direkt oder indirekt freigesetzt, was allerdings nicht notwendigerweise auch Entlassung bedeutet.

SPIEGEL: Direkte Freisetzung bedeutet, daß die Arbeitskraft in dem Betrieb freigesetzt wird, der selbst rationalisiert. Indirekte Freisetzung heißt, daß Leute in Betrieben, die nicht selbst rationalisieren, von den Maßnahmen eines anderen Betriebes indirekt betroffen werden.

FRIEDRICHS: Ja, es gibt zahllose Beispiele dafür. Eines davon hat Herr Professor Nordhoff veröffentlicht. Im Volkswagenwerk waren früher zur Herstellung von 30 000 Motorenstößeln 22 Automaten im Wert von drei Millionen Mark erforderlich. Dabei entstand ein Zerspanungsabfall von 82 Prozent. Heute wird die gleiche Produktionsmenge von drei Stufenpressen im Wert von 452 000 Mark hergestellt. Der Abfall beträgt nur noch fünf Prozent.

SPIEGEL: Der Materialabfall?

FRIEDRICHS: Der Materialabfall; nun schauen Sie: Die direkte Freisetzung bei VW betrug - und das ist erstaunlich wenig - nur drei Arbeiter. Daneben ergaben sich in den vorgelagerten Industrien indirekte Freisetzungseffekte.

SPIEGEL: Das heißt, in der Maschinenindustrie, die diese Automaten gebaut hat; in der Stahlindustrie, die das Material für diese Maschinen geliefert hat und so weiter...

FRIEDRICHS: Völlig richtig. Bei gleicher Stößelproduktion verloren die Maschinenhersteller Ersatzinvestitionen im Werte von 2 548 000 Mark; das sind 85 Prozent. Ähnliche indirekte Freisetzungen gab es in der Stahlindustrie. Zur Herstellung von 30 000 Motorenstößeln sind heute nur noch 23 Prozent der bisherigen Stahlmenge erforderlich.

SPIEGEL: Sicher gibt es ähnliche Beispiele aus anderen Branchen.

FRIEDRICHS: Nehmen wir einmal die Herstellung von Wannen. In einem Eisenwerk in Herford arbeiten etwa 30 Arbeiter...

SPIEGEL: Wie heißt die Firma?

FRIEDRICHS: Streuber & Lohmann; dort arbeiten etwa 30 Arbeiter mit 20 Maschinen eine Stunde, um 45 Wannen zu je 60 Liter Inhalt herzustellen. In einem neuen Kunststoffbetrieb der Firma werden dagegen 45 Plastikwannen gleicher Größe durch eine Spritzgußmaschine und eine Frau in ebenfalls einer Stunde hergestellt. Der direkte Freisetzungseffekt beträgt 29 Arbeitskräfte, der indirekte kann natürlich nicht genau berechnet werden. Aber zur Herstellung einer Kunststoffmaschine werden viel weniger Menschen benötigt als für 20 Metallverarbeitungsmaschinen. Desgleichen erfordert die vollautomatische Produktion des Kunststoffrohstoffes viel weniger Arbeitskräfte als die halbautomatische Erzeugung von Blechen.

SPIEGEL: Alle diese Freisetzungen sind bei uns bisher noch kein Anlaß zur Panik gewesen, denn alle Arbeitskräfte sind ohne große Anstrengungen zu neuen Arbeitsplätzen gekommen. Aber Sie, das heißt die Abteilung Automation und Kernenergie beim Vorstand der IG Metall, sind offenbar nicht davon überzeugt, daß das in Zukunft so reibungslos verläuft wie bisher?

FRIEDRICHS: Immerhin haben wir zahlreiche Industriezweige mit Beschäftigtenrückgang bei gleichzeitig wachsender Produktion und sinkender Arbeitszeit. 1963 traf das sogar erstmalig für die Durchschnittswerte der gesamten Industrie zu. Die Produktion der westdeutschen Industrie wuchs' um vier Prozent. Die Arbeitszeit wurde gleichzeitig um 3,4 Prozent effektiv verkürzt. Dennoch nahm die Zahl der Industriearbeiter um 111 230 (minus 1,7 Prozent) ab.

SPIEGEL: Es kamen aber alle unter.

FRIEDRICHS: Ja. Bisher kamen alle unter, zum Teil sogar in denselben Betrieben. Aber für technologisch Freigesetzte war es bisher zwar einfach, neue, aber viel schwerer, auch gleichwertige Arbeitsplätze zu finden. Es geht darum, wie die Freigesetzten unterkommen, und in der Zukunft stellt sich außerdem die große Frage, ob und wo sie unterkommen. Im Jahre 1962 wurde ein Sozialprodukt von 355 Milliarden von 25,8 Millionen Erwerbstätigen - dazu zählen auch Selbständige und mithelfende Familienangehörige - erzeugt. Bei einer weiteren jährlichen Freisetzungsrate von 1,5 Millionen...

SPIEGEL: ... vorausgesetzt, die Automation würde im bisherigen Umfange weitergehen.

FRIEDRICHS: Natürlich. Bei einer jährlichen Freisetzungsrate von 1,5 Millionen werden in 10 Jahren 15 Millionen Menschen eingespart. Wir müssen also bis 1972 rund 15 Millionen neue Arbeitsplätze schaffen oder sichern.

SPIEGEL: Aber die Freisetzung von zehn oder 15 Millionen Menschen ist ja doch wohl mehr ein Rechenkunststück auf Ihrer unschuldigen Rechenmaschine. Die EWG geht doch davon aus, daß wir in den nächsten zehn Jahren im Bundesgebiet das Brutto-Sozialprodukt um 51,5 Prozent erhöhen werden.

FRIEDRICHS: Das brauchen wir auch. Wenn die Weiter- beziehungsweise Wiederbeschäftigung aller Freigesetzten gesichert werden soll, dann müssen wir ein Wirtschaftswachstum nach meinen Schätzungen von etwa 50 Prozent bis 1972 und gleichzeitig eine Verkürzung der Arbeitszeit auf 35 Wochenstunden haben.

SPIEGEL: Warum auch noch eine Arbeitszeitverkürzung?

FRIEDRICHS: Die EWG rechnet bis 1970, ich bis 1972. Außerdem sprechen alle Anzeichen nicht für eine Verlangsamung, sondern für eine Beschleunigung des technischen Fortschrittes.

SPIEGEL: Immerhin wird sich der technische Fortschritt weitgehend nach der Entwicklung der Konjunktur ausrichten. Nähme das Wirtschaftswachstum langsamer zu würde dann nicht auch nach Ihrer Meinung die Automation oder der technische Fortschritt langsamer marschieren?

FRIEDRICHS: Das möchte ich sehr stark bezweifeln. Wir haben in Deutschland in den letzten Jahren glücklicherweise keinen umfassenden Konjunkturrückgang gehabt. Aber wir hatten eine ganze Reihe von Branchen mit Produktionsrückgängen,

und dort ist festzustellen, daß gerade im Zeitpunkt des konjunkturellen Rückschlages die Rationalisierung, das heißt die Freisetzung von Menschen, intensiviert wird. Das würde also bedeuten: Wenn die konjunkturelle Entwicklung sich verschlechtert, dann haben wir eher mit mehr Automatisierung als mit weniger zu rechnen.

SPIEGEL: Ihr Gewerkschaftsexperte in Amerika, der verstorbene Professor Fritz Sternberg, hat errechnet, daß nur 15 Prozent der Arbeitsplätze in der Industrie automatisiert werden können und nur fünf Prozent der Arbeitsplätze in den Büros. Daraus würde sich für die Bundesrepublik ergeben, daß nicht 15 Millionen Menschen, sondern nur fünf Millionen Menschen von der Automation bedroht sind.

FRIEDRICHS: Diese Zahlen sind schon sehr, alt. Sie stimmen bestenfalls dann, wenn man den Begriff der Automation technisch außerordentlich eng faßt. Tatsächlich werden aber nicht nur durch Automatisierung Arbeitskräfte eingespart. In vielen Bereichen der Wirtschaft wird es ja heute erst möglich zu mechanisieren.

SPIEGEL: Wenn Sie von einer Bedrohung der Arbeitsplätze sprechen, denken Sie demnach immer an den gesamten technischen Fortschritt, nicht nur an die Automation.

FRIEDRICHS: Ich meine die gesamte technische Entwicklung, und das ist sehr viel mehr als nur Automation. Sie können zum Beispiel und werden mit Sicherheit in den nächsten Jahren Millionen von Menschen im Sektor Dienstleistungen, besonders im Handel, durch organisatorische Veränderungen einsparen; genausogut wie wir in den vergangenen zehn Jahren in der Landwirtschaft trotz Produktionssteigerung mehr als eine Million Menschen freigesetzt haben und in den nächsten zehn Jahren dort durch Mechanisierung noch einmal die gleiche Menschenmenge freisetzen werden. Darüber hinaus müssen wir die indirekten Freisetzungen berücksichtigen. Tätigkeiten, die auf den ersten Blick absolut automationssicher zu sein scheinen, können durch indirekte Freisetzungen jederzeit verschwinden.

SPIEGEL: Bisher jedenfalls hat die Unterbringung der Freigesetzten innerhalb der gesamten deutschen Industrie beziehungsweise der westdeutschen Volkswirtschaft reibungslos geklappt.

FRIEDRICHS: Dank der vollzogenen Arbeitszeitverkürzungen, des kräftigen Wirtschaftswachstums via Lohnerhöhungen und des Aufbaues der Bundeswehr, die der deutschen Wirtschaft immerhin 650 000 Arbeitskräfte permanent entzieht.

SPIEGEL: Aber wir haben seit Jahren über 500 000 offene Stellen und werden im Sommer dieses Jahres wieder 950 000 Gastarbeiter in der Bundesrepublik beschäftigen. Wir haben damit eine Reserve von etwa anderthalb Millionen Arbeitsplätzen in Deutschland. Kann es da so bedrohlich werden?

FRIEDRICHS: Zunächst: Die Zahl der offenen Stellen enthält bekanntlich einige Luft; es werden teilweise auf Verdacht hin Arbeitskräfte angefordert. Und die Gastarbeiter werden im Falle etwaiger Arbeitslosigkeit kaum als Puffer dienen können; sie haben langfristige

Verträge, die nicht ohne weiteres gekündigt werden können.

SPIEGEL: Sie haben längerfristige Verträge als deutsche Arbeiter?

FRIEDRICHS: In der Regel, ja.

SPIEGEL: Der deutsche Arbeiter ist in vierzehn Tagen kündbar?

FRIEDRICHS: Der größte Teil, ja.

SPIEGEL: Sie meinen, wenn wir zum Beispiel einen kurzfristigen Wirtschaftsumschwung haben, können wir nicht kurzfristig Gastarbeiter »rausschmeißen« und Deutsche an ihrer Stelle unterbringen. Das mag sein. Aber ingesamt jedenfalls ist die Automation reibungslos und ohne Spektakel verlaufen. Die Arbeiter haben keine Angst vor der Automation.

FRIEDRICHS: Das stimmt keineswegs allgemein.

SPIEGEL: Aber die Gewerkschaften sind doch nicht im Prinzip dagegen ...

FRIEDRICHS: Wir sind alles andere als Gegner der Automation. Aber man sollte

nicht zu optimistisch über ihre möglichen Auswirkungen sein. Manches kommt anders als man denkt. Das haben wir gerade bei der Automation erlebt.

SPIEGEL: Beispielsweise scheint es durchaus nicht so zu sein, daß automatisierte Betriebe nur superintelligente Arbeiter beschäftigen können und die anderen Straßenfeger werden müssen. Diese Annahme hat sich doch gar nicht bestätigt.

FRIEDRICHS: Ja, das stimmt allerdings. Noch vor wenigen Jahren waren alle, auch die Gewerkschaften, davon überzeugt, daß die Automation die beruflichen Anforderungen generell erhöhen würde.

SPIEGEL: Man hat geglaubt, wir brauchten in Zukunft nur noch White Collar People, also den Angestellten -Typ, oder, wie die »Welt« geschrieben hat, jeder Bergmann müsse in Zukunft fast ein Ingenieur sein.

FRIEDRICHS: Das stimmt eben nur teilweise. Zwar brauchen wir in der Zukunft zweifellos mehr Techniker, Ingenieure und Wissenschaftler; für die Masse der Angestellten und Arbeiter ergeben sich dagegen nur wenige Höherqualifizierungen, sehr oft jedoch gewisse Entwertungen beruflicher Qualifikationen.

SPIEGEL: Das heißt also: Für die Tätigkeit an Automaten braucht der »Wärter« nicht eine Lehre zu absolvieren, er wird keinen Gesellenbrief mehr haben, sondern er wird nur die Fertigkeiten erwerben, die für die Bedienung dieses Automaten erforderlich sind.

FRIEDRICHS: Es wird von ihm vor allem hohes Reaktionsvermögen verlangt. Das ist etwas ganz anderes als das, was in der bisherigen Lehrausbildung vermittelt wurde, und das ist auch etwas, was man im Grunde genommen nicht durch eine Lehre vermitteln kann. Sehen Sie, bei Bahlsen...

SPIEGEL: ... der hannoverschen Keksfabrik?

FRIEDRICHS: Ja. Bei Bahlsen gibt es zwar noch Arbeitskräfte, die Bäcker genannt werden. Tatsächlich aber brauchen

sie weder eine Bäckerlehre noch irgendwelche spezifischen beruflichen Kenntnisse; sie haben vorwiegend Überwachungsfunktionen und müssen schnell und sicher reagieren können. Oder ein anderes Beispiel: Im VW-Werk traten an die Stelle von Schleifern und Punktschweißern...

SPIEGEL: ... also an die Stelle von Fachleuten oder langfristig angelernten Kräften ...

FRIEDRICHS: ... das sind langfristig angelernte Leute, die einen erheblichen Grad von beruflichen Kenntnissen und beruflicher Geschicklichkeit brauchten. An ihre Stelle traten Teile-Einleger.

SPIEGEL: Wie lange brauchten die, bis sie das konnten?

FRIEDRICHS: Zum Teile-Einlegen brauchen sie so gut wie überhaupt keine Vorbereitungszeit. Das ist innerhalb von längstens einer Woche zu erlernen. Und in der Stahlindustrie verschwanden zum Beispiel die Ofenleute und die Um- und Vorwalzer. Ihre Arbeit war ehemals hochqualifiziert.

SPIEGEL: Das war die Creme der Stahlleute.

FRIEDRICHS: Lediglich beim Wartungs- und Reparaturpersonal kommt es zu teilweise extremen Aufwertungen. Davon profitiert aber nur eine kleine Gruppe, vor allem die Meß- und Regelmechaniker und die Elektroniker. Aber das sind maximal fünf Prozent des gesamten Reparaturpersonals.

SPIEGEL: Würde das bedeuten, daß die Masse der Jungen, die die Volksschule verläßt, keinen Beruf mehr erlernen soll, weil das Zeitvergeudung wäre?

FRIEDRICHS: Das bedeutet es nicht notwendigerweise. Aber was der Junge braucht, ist eine längere Grundschulzeit, mit einer möglichst breiten allgemeinen technischen Grundausbildung, auf die man zu einem späteren Zeitpunkt eine relativ kleine Spezialausbildung aufsetzt. Es kommt darauf an, ihn für jeweils neue Arbeitsbedingungen anpassungsfähig zu machen.

SPIEGEL: Sie wollen ihn vielseitiger verwendbar machen?

FRIEDRICHS: Genau das ist richtig. Er muß vielseitiger einsetzbar werden durch breites Grundwissen und weniger Spezialwissen.

SPIEGEL: Der jahrhundertelange Stolz unserer Handwerker, ihr Fach gelernt zu haben und etwa 50 Jahre als Schlosser am gleichen Arbeitsplatz im gleichen Betrieb gestanden zu haben, wird demnach für die Zukunft nur noch selten gelten.

FRIEDRICHS: Das gehört in vielen Fällen der Vergangenheit an, wie überhaupt

unsere klassische Berufsausbildung wegen der technischen Änderungen völlig antiquiert ist.

SPIEGEL: Wollen Sie den jungen Leuten empfehlen, in ihrer Tätigkeit nicht den Beruf zu sehen, sondern einen Job?

FRIEDRICHS: So würde ich es nicht sagen. Ein junger Mensch braucht schon eine Ausbildung, und zwar eine sehr fundierte Ausbildung. Nur, die Ausbildung, die er für die Zukunft braucht,

die vermittelt ihm heute kaum jemand in Deutschland; und das ist das Problem.

SPIEGEL: Was tut die Gewerkschaft, um diesem Übelstand abzuhelfen?

FRIEDRICHS: Wir fordern aus diesem Grunde die Verlängerung der Schulzeit auf neun und zehn Jahre und außerdem ein Berufsausbildungsgesetz.

SPIEGEL: Sie sagen, in der Bundesrepublik hat der Angelernte eine Chance in der Automation, er kann für diese Tätigkeit kurzfristig angelernt und dann beschäftigt werden. Aber in Amerika fliegen gerade die Ungelernten auf die Straße, wie reimt sich das?

FRIEDRICHS: Ich sagte: Facharbeiterkenntnisse werden häufig wertlos. In Amerika ist die Sache etwas anders. Dort hat man in den meisten Betrieben das sogenannte Senioritätssystem, durch das sichergestellt ist, daß die zuletzt Eingestellten als erste entlassen werden. Deshalb gibt es unter den Arbeitslosen so viele Jugendliche. Außerdem hat man in Amerika schon immer zu wenige, in Deutschland seit Jahren zu viele Facharbeiter ausgebildet.

SPIEGEL: Würden Ihre Vorstellungen für Deutschland nicht eine völlige Entwertung der Tradition bedeuten, was Lehre, Gesellenbrief, Handwerker- und Arbeiterstolz angeht?

FRIEDRICHS: In vielen Fällen natürlich. Aber was nützt es uns, wenn heute Tausende von jungen Menschen in Berufen ausgebildet werden, die gar keine Zukunft mehr haben?

SPIEGEL: Wir haben da einige Befürchtungen, ob man dann in zehn, zwanzig Jahren noch einen Fachmann findet, der einem das Wasserrohr repariert; aber die viele Freizeit wird vielleicht andererseits der Do-it-yourself-Bewegung großen Aufschwung bringen. Ihre Vision scheint jedenfalls der quicke, angelernte Arbeiter neuen Typs zu sein, dessen Arbeitsplatz überdies durch Verkürzung der Arbeitszeit auf 35 Stunden pro Woche gesichert wird.

FRIEDRICHS: Welche Formen der Arbeitszeitverkürzung man letztlich wählt, das ist gleichgültig. Man kann statt einer 35-Stunden-Woche auch die Schulzeit verlängern, man kann das Pensionsalter herabsetzen oder auch den Urlaub verlängern. Es kommt allein auf den wirtschaftlichen Effekt an.

SPIEGEL: Eine Stunde Arbeitszeit je Woche weniger bedeutet praktisch eine Woche Urlaub im Jahr. Oder umgekehrt: Die Einführung der 35-Stunden-Woche würde bedeuten, daß dem Arbeiter fünf Wochen mehr Urlaub als bisher gewährt werden

sollen. Das ist eine etwas phantastische Vorstellung, wenn man bedenkt, um wieviel dadurch die Lohnkosten erhöht werden.

FRIEDRICHS: Wirtschaftlich besteht kein Unterschied, ob man von 40 auf 35 Stunden pro Woche heruntergeht oder aber bei 40 Stunden bleibt und statt dessen den Urlaub um fünf Wochen verlängert. Aber grotesk und phantastisch finde ich das nicht. Denn In den Vereinigten Staaten haben die Stahlarbeiter im vergangenen Jahr einen Tarifvertrag abgeschlossen, der für die Arbeiter alle fünf Jahre einen zusätzlichen und bezahlten Urlaub von 13 Wochen vorsieht. Dadurch wurden 25 000 Stahlarbeiter vor der Entlassung gerettet.

SPIEGEL: Sonst ist doch Amerika für Sie keineswegs ein Vorbild. Die amerikanische Stahlindustrie ist ja auch in der Lage, noch bei 60 Prozent Kapazitätsausnutzung mit Gewinn zu arbeiten, nämlich dadurch, daß sie einige Betriebe ganz schließt und die Arbeiter dieser Betriebe geschlossen entläßt.

FRIEDRICHS: Das ist zwar richtig, aber man hat ja gerade dieses Urlaubsabkommen geschlossen, um auf diese Weise zusätzliche Arbeitsplätze zu schaffen, und im Grundprinzip ist dieser Gedanke durchaus einleuchtend.

SPIEGEL: Fünf Wochen zusätzlichen Urlaub im Jahr oder die 35 - Stunden - Woche: Da sieht man schon ein phantastisches dolce vita vor sich.

FRIEDRICHS: Das ist übertrieben. Zusätzliche Freizeit bedeutet zusätzlichen Bedarf: mehr Autos,

mehr Benzin, mehr Kameras, mehr Filme, mehr Campingartikel, mehr Hotels, mehr Gaststätten, mehr Straßen, mehr Bücher, mehr Hobbys und so weiter. Es würden auf diese Weise zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen. Dort können und müssen jene Menschen unterkommen, die anderswo technisch freigesetzt wurden.

SPIEGEL: Die Unternehmer klagen schon jetzt darüber, daß das Sozialprodukt nicht mehr zügig wächst, weil zu wenig gearbeitet werde. Sie wollen nun noch weniger arbeiten, und das Sozialprodukt soll trotzdem noch stärker steigen. Führt die Gewerkschaft mit ihrer Politik die eigene Forderung nicht von vornherein ad absurdum?

FRIEDRICHS: Keineswegs. Die Leistung des deutschen Industriearbeiters stieg dank der technischen Entwicklung seit 1956 im Durchschnitt um fast 60 Prozent pro Stunde. Der technische Fortschritt machte es möglich, weniger zu arbeiten und doch besser und sinnvoller zu leben. Auch in der Zukunft kann die Vollbeschäftigung gesichert werden, wenn es weiterhin gelingt, technologische Freisetzungen durch gesteigerte Produktion und sinkende Arbeitszeit auszugleichen.

SPIEGEL: Die Gewerkschaft sieht also die Lösung des Problems Automation ganz einfach: Es wird keine Arbeitslosigkeit geben, weil man immer weiter die Arbeitszeit verkürzt?

FRIEDRICHS: Das ist sehr stark vereinfacht. Die Automation und andere Formen der technischen Entwicklung bringen eine Vielzahl von Problemen mit sich, die alle dringend ihrer Lösung bedürfen. Aber was die Aufrechterhalutng der Vollbeschäftigung betrifft, so kann die Freisetzung von Arbeitskräften sehr wohl durch Arbeitszeitverkürzung bei gleichzeitigem Wirtschaftswachstum - das ist die notwendige Voraussetzung - ausgeglichen werden. Das ist ja die großartige Chance, welche die Automation uns bietet.

SPIEGEL: Herr Dr. Friedrichs, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Friedrichs (l.) beim SPIEGEL-Gespräch in seinem Frankfurter Büro*

»Auch als

Fremdarbeiter nach Ghana .. ?«

Freizeit-Hobby

Gar keine Interessen? Ausgezeichnet .. !«

»Ach, der kennt nur seine zwei Handgriffe .. !«

»... und die indirekte Raumfreisetzung .. !«

»Schauspielerin - ohne Automatisierungs-Chance .. !«

* Mit SPIEGEL-Redakteur Ferdinand Simoneit.

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