Sind Linke naiver als Rechte?

Das wird man ja wohl noch fragen dürfen.
Von Julia Felicitas Allmann
Foto: Imago

Dieser Beitrag wurde am 02.12.2018 auf bento.de veröffentlicht.

Das Klischee des Linken: Sie wollen, dass jeder Flüchtling bleiben kann. Dass alle Menschen gerecht und gleich bezahlt werden. Dass Reiche nicht zu viel verdienen und Arme nicht wirklich arm sind – damit am Ende jeder ein gutes Leben führt. Klassisch linke Forderungen klingen oft schön. Aber sind sie wirklich realistisch?

Kritiker behaupten: Das ist alles utopisch und Linke sind viel zu naiv.

Das wird man ja wohl noch fragen dürfen

Vorurteile hat jeder. Manche sind uns bewusst, andere nicht, manche sind uns peinlich, andere halten wir für abstoßend oder hinterwäldlerisch. In dieser Reihe versuchen wir, weit verbreiteten Vorurteilen auf den Grund zu gehen und die dahinter stehenden Fragen wissenschaftlich zu beantworten. 

Nachdem wir in Teil eins unserer Reihe "Das wird man ja wohl noch fragen dürfen" das Vorurteil gecheckt haben, ob Rechte dümmer als Linke sind (bento), geht es jetzt um die Frage von politischer Einstellung und Naivität.

Welche Ergebnisse gibt es aus Studien und Forschung?

  • Gucken wir erst in die USA: Dort wollen vor allem Konservative Waffen tragen – um sich zu schützen. Liberale (die bei uns eher links einzuordnen sind) gehen davon aus, dass schon alles gut werden wird. Sie sehen die Welt grundsätzlich eher als einen freundlichen Ort an. (Psychology Today)
  • Eine Studie (ebenfalls aus den USA) zeigte 2008, dass Linke grundsätzlich weniger schreckhaft sind und sich weniger von ekligen Bildern – zum Beispiel mit einer offenen Wunde voller Maden – aus dem Konzept bringen lassen. (Zeit.de ) Sie zeigten weniger körperliche Schreckreaktionen als Konservative und werden deshalb als weniger ängstlich eingestuft. 
  • Andere Forscher fanden heraus, dass sich Linke eher zu schönen Bildern hingezogen fühlen, während Konservative eher bei Fotos stoppten, die abstoßende Inhalte zeigten. (NBCI ) Das ist zwar nicht unbedingt naiv von Linken, deutet aber auf eine grundsätzlich positivere Einstellung hin.
  •  Wissenschaftler haben auch untersucht, was Menschen mit verschiedenen politischen Einstellungen für eine bestimmte Summe Geld tun würden. Heraus kam, dass linksgerichtete Studienteilnehmer nicht einmal für eine Million Dollar Lebewesen schaden oder unfair handeln würden. Das liege daran, dass sie laut Forschern zwei Werte besonders hoch halten: Schwache schützen und Gerechtigkeit, worunter sie gleiche Verteilung verstehen. Konservativen sei Gerechtigkeit auch wichtig, allerdings verstünden sie darunter etwas anderes: Sie fänden es fair, wenn nach Leistung belohnt werde. Das könnte ein Grund sein, aus dem Konservative Linke als naiver wahrnehmen.  (Scientific American).
  • Wenn es um die Persönlichkeit geht, sind links orientierte Menschen grundsätzlich sehr offen, legen viel Wert auf Selbstverwirklichung, erfüllende Beziehungen und darauf, dass es Menschen gut geht – auch wenn sie ihnen nicht besonders nahestehen. Wer politisch konservativer ist, hält Gewissenhaftigkeit für besonders wichtig. Außerdem haben diese Personen ein stärkeres Bedürfnis, klar zwischen "richtig" und "falsch" zu unterscheiden. (bpb )

Was bedeutet das – vor allem für Linke in Deutschland?

Die Studien stammen vorwiegend aus dem Ausland und teilweise sind sie schon einige Jahre alt. Wie sieht es aktuell mit der Naivität von Linken in Deutschland aus? Wir haben Wolfgang Merkel gefragt, Professor für Vergleichende Politikwissenschaft und Demokratieforschung an der Humboldt-Universität in Berlin.

Gelten Linke immer noch als naiv?

"Es kommt darauf an, was man unter Linken versteht", sagt Merkel. "Nehmen wir die Partei 'Die Linke‘, lässt sich die Kritik wohl unter Hochmut, Unkenntnis oder gar Polemik verbuchen." Denn die Partei vertrete längst nicht mehr nur die klassisch-linken Einstellungen. Vor allem, seit Sahra Wagenknecht sich mit ihrer eigenen Bewegung "Aufstehen" für eine realistischere Politik und gegen offene Grenzen einsetzt, wird innerhalb der Partei heftig über Idealismus und Realismus diskutiert. (Tagesspiegel )

Wenn es aber nicht allein um die Partei, sondern um die grundsätzlich linken Einstellungen geht, dann neigten Kritiker laut Merkel dazu, alles unter "weltfremd und utopisch" zu verbuchen, was über das normale politische Tagesgeschäft hinausgehe. 

Das geschehe aus einem "buchhalterischen Verständnis von Politik" heraus. Von der Kritik gemeint sind also die klassischen Werte der Linken auf dem Papier, die in der politischen Realität häufig längst angepasst wurden. 

Der Forscher glaubt, dass sich Linke vor allem Naivitätsvorwürfen aussetzen müssen, weil sie "die Verhältnisse kapitalistischer Gesellschaften verändern wollen". Wer das versucht, steht seiner Meinung nach immer unter verstärktem Begründungszwang.

Wie sieht es denn mit offenen Grenzen um jeden Preis aus?

Vor allem wenn es um Migrationspolitik und Schutz für Asylsuchende geht, wird vielen Linken (und auch linksgerichteten Menschen) Naivität vorgeworfen. Besonders bei diesem Thema zeigt sich, wie wichtig es ihnen ist, Schwache zu schützen – sie sind bereit, dafür auf vieles zu verzichten.  

Das zeigt auch eine Studie, die gefragt hat, was Menschen mit verschiedenen politischen Einstellungen für eine bestimmte Summe Geld tun würden. Heraus kam, dass linksgerichtete Studienteilnehmer nicht einmal für eine Million Dollar Lebewesen schaden oder unfair handeln würden. Sie waren aber zum Beispiel bereit, gegen Bezahlung Autoritäten respektlos zu behandeln (Scientific American).

Das heißt aber nicht, dass diese Einstellungen nicht hinterfragt werden können. Zum Beispiel sagte Alice Schwarzer, die anfangs stolz auf das "Wir schaffen das" der Bundeskanzlerin war, später in einem Interview: "Vielleicht waren wir zu naiv".  (Cicero ).

An den Grundwerten der klassischen Linken hat das laut Wolfang Merkel aber nichts geändert: "Geht es um Grenzen gegenüber Flüchtlingen, Asylsuchenden und Migranten, dann sind Linke eher bereit, die Grenzen zu öffnen."

Doch es gebe Unterschiede: "Kulturell progressive, sprich kosmopolitische Linke, wie es sie häufig bei den Grünen gibt, sind hier für möglichst weite Grenzöffnungen", sagt Merkel. In der Partei "Die Linke" gibt es dem Professor zufolge kritischere Stimmen, "weil sie sehen, dass die Bürde der offenen Migrationsgrenzen nicht von den höheren Schichten, sondern den weniger Privilegierten in unserer Gesellschaft besonders zu tragen sind."

Denn die meisten Migranten landeten eher in den unteren Segmenten des Arbeits- und Wohnungsmarktes und nicht in wohlhabenden Vierteln. Das haben viele Linke verstanden – und betrachten die Sache mittlerweile von zwei Seiten.

Und wie ist es mit der verbotenen Kritik an Minderheiten?

"Es gibt gewissermaßen einen Vorausgutschein, weil nicht privilegierte Minderheiten häufig diskriminiert und faktisch oder auch rechtlich benachteiligt sind", sagt Merkel. Deshalb nehmen Linke diese Minderheiten häufig pauschal in Schutz. Merkels Meinung nach dürfe das aber nicht soweit führen, dass man als Linker zum Beispiel die katholische Kirche kritisiert, das beim islamischen Glauben aber verboten ist. (Was vorkommt, wenn Linke alle Minderheiten in Schutz nehmen wollen – und muslimische Menschen in Deutschland dazuzählen.) "Das ist hochproblematisch und vermindert die Glaubwürdigkeit linker Religionskritik", sagt Merkel. Wer Kritik an Minderheiten also unreflektiert ablehnt, der steht wohl tatsächlich naiv dar.

Ändern sich die Einstellungen der Linken?

Geht es nach Wolfgang Merkel, gibt es gerade bei jungen Linken eine Wende: "Da geht es dann mehr um Anerkennung, Rechte und Gelegenheiten für Minderheiten als um klassische ökonomische Umverteilung.“ In den letzten Jahren war vor allem die Flüchtlingskrise ein wichtiges Thema für viele Linke, gleichzeitig setzen sie sich stark für die Rechte sexueller oder geschlechtlicher Minderheiten ein – es geht also nicht nur um finanzielle Gerechtigkeit.

Was bedeutet das also?

Studien zeigen, dass Linke grundsätzlich idealistischer und optimistischer sind, sie sind weniger schreckhaft und offener neuen Erfahrungen gegenüber. Ob das in Naivität endet, hängt natürlich stark von den individuellen Einstellungen und Erfahrungen ab.

Und von der Frage, wie man Werte beurteilt. Man kann es naiv finden, auf den Schutz von Asylsuchenden zu beharren – oder standhaft. Klar ist nur, dass in genau diesem Kräftemessen zwischen Idealen und Realität unsere Gesellschaft entsteht. Und dass beide Rollen wichtig sind. Egal, wie man sie nennt.

In unserer nächsten Folge "Das wird man ja wohl noch fragen dürfen" widmen wir uns übrigens der Frage, ob es einen Zusammenhang zwischen Kriminalität und Herkunft geben kann. 

 

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