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Umwelt Sinkende Blase

Eine Wolke lungenschädlicher Schwefelgase trieb letzte Woche, nach einer Betriebsstörung in einer Kupferhütte, durch Hamburg. Im Katastrophenschutzplan der Hansestadt war der Betrieb nicht verzeichnet.
aus DER SPIEGEL 42/1972

Es roch, wie der Leibhaftige riechen soll. Aber Gerhard Berndt. Vorstandsmitglied der Norddeutschen Affinerle. wußte zynischen Rat: »Wenn man ein paarmal in frischer Luft kräftig durchhustet, ist alles wieder in Ordnung.«

Schweflige Schwaden waren am Dienstagabend vergangener Woche aus dem 105 Meter hohen Schlot der größten Kupferhütte Europas gequollen. Noch ehe Werk oder Behörden Alarm gaben, lagerte sich das Reizgas in Hamburger Wohnviertel und Straßen. 14 Menschen erlitten so schwere Atemstörungen, daß sie zur Notbehandlung in Kliniken geschafft werden mußten.

»Wir sind«, schloß anderntags NDR-Reporter Ortwin Löwa seinen Lagebericht, »noch einmal davongekommen.« Doch die Beinahe-Katastrophe lehrte. wie fahrlässig der Lebensraum der Bewohner von Ballungsgebieten mit ungeahntem Schadenspotential durchsetzt und umzingelt ist. Was die Norddeutsche Affinerie in Hamburg letzte Woche als unvorhersehbaren Unfall -- »plötzlicher Defekt« in einem »komplizierten System« -- ausgab, enthüllt, wie mangelhaft die von der Bundesregierung schon 1970 in einem Sofortprogramm geforderten »neuen Technologien für den Umweltschutz« bislang im einzelnen verwirklicht worden sind.

»Wir sahen die Wolke kommen«. schilderte Egon Karlinski« Revierführer der dem Werk benachbarten Polizeiwache 82, das Desaster. »Die Leute übergaben sich, und der Geruch wurde unerträglich.« Die Ärztin Carla Brauer im Stadtteil Rothenburgsort wähnte die Straßenlampen plötzlich »dicht vernebelt«. Ihre Patienten forderte sie auf. mit Tüchern vor Mund und Nase nach Hause zu gehen.

Unterdes ließ die Affinerie weiter Schwefelgas ab. Nach Überholungsarbeiten an einer Anlage, die Schwefelsäure als Nebenprodukt der Kupfererzverhüttung liefert, war lungenreizendes Schwefeltrioxid in die Abgasleitung gelangt. Doch »ein Abstellen der Anlage konnte nicht in Betracht gezogen werden«, so stellte es die Firmenleitung dar. weil sonst hochkonzentrierte Gase »in Bodennähe ausgetreten wären«.

Das angeblich kleinere übel war bedrohlich genug. Der Schlotauswurf, schwerer als Luft, »setzte sich als Gasblase neben dem Schornstein ab«. wie der Leiter des Hamburger Amtes für Arbeitsschutz, Günter Rust. ermittelte. Inversionswetter verhinderte, daß die Schadstoffe sich schnell verteilten; schwache südöstliche Winde drückten die graugelbe Gasfahne vielmehr aus dem Industrierevier über die Elbe in die hafennahen Stadtteile.

Autofahrer zwischen den Elbbrücken und der Ost-West-Achse der Hansestadt fuhren einhändig und preßten sich Taschentücher vor das Gesicht. Passanten in St. Pauli flohen in die Zelte des auf dem Heiligengeistfeld gastierenden Zirkus Hagenbeck. Straßenbahnen erhielten Order, durch gasgeschwängerte Viertel ohne Halt zu fahren; Rettungswagen der Feuerwehr sammelten zurückgebliebene Fußgänger ein. Und Lotsenboote schlossen das »Tor zur Welt«

Das Ausmaß des Reizgas-Zwischenfalls zeigte Mängel und Lücken in der hanseatischen Umweltschutz-Kontrolle auf. Die größte Industriestadt der Bundesrepublik, in der Wohn- und Industriebezirke eng verflochten sind, verfügt über kein Smog-Warnsystem. Der Senat der Hansestadt verkündete unlängst, Gefahren »durch langzeitige hohe Immissionskonzentrationen (Smog-Wetterlagen)« seien »bisher nicht eingetreten«, besondere Rechtsvorschriften daher unnötig.

Nicht einmal in den Industrierevieren, in denen Raffinerien, Kokereien und Chemiewerke geballt sind, und in den Wohngebieten entlang der Elbe gibt es derzeit städtische Meßgeräte, die frühzeitig vor überhöhten Schadstoffkonzentrationen warnen könnten.

Unbeachtet ließen die Hamburger Behörden auch jenen Kupfergiganten (Jahresleistung: 240 000 Tonnen Reinkupfer, annähernd 75 Prozent der westdeutschen Produktion), der sich auf der Gemarkung Peute zwischen dem Nord- und Südarm der Elbe immer breiter macht. Vor fünf Jahren verkaufte die Stadt ein mehr als 400 000 Quadratmeter großes Gelände an die Metallhutte, die damit ihr Produktionsgelände verdoppeln konnte.

Allein im vergangenen Jahr investierte die Affinerie über 100 Millionen Mark in neue Fabrikationsanlagen. Aber das citynahe Kombinat mit einem Jahresumsatz von mehr als einer Milliarde Mark ist nicht einmal unter jenen umweltgefährdenden Betrieben aufgeführt, die der Hamburger Innensenator in einem Katastrophenschutzplan verzeichnen ließ.

Dabei hatten schon einmal ätzende Abgase aus den Schloten der Affinerie erheblichen Schaden angerichtet -- gleichsam eine chemische Flurbereinigung auf den benachbarten Feldern von Gemüsebauern. 1964 wurde das Unternehmen zu einem Schadenersatz in Höhe von 100 000 Mark verurteilt. Die Forderung der Bauern-Anwälte, durch Einbau zusätzlicher Abgasfilter künftig Schäden zu vermeiden, wurde damals freilich vom Hamburger Landgericht abgelehnt.

Versäumt haben es die Hamburger Senatsbehörden bisher auch, wie fast alle anderen Bundesländer ein sogenanntes Immissionsschutzgesetz zu erlassen, das Genehmigung und Kontrolle solcher Betriebe verschärfen würde. Den Hamburger Umwelt-Beamten bleiben fast nur die Vorschriften der Gewerbeordnung, die nach den Worten Innenminister Hans-Dietrich Genschers »nur in Teilbereichen« Schutz vor der Bedrohung durch Fabrikschlote bietet.

Von sich aus, so verkündete die Firmenleitung der Norddeutschen Affinerie am Donnerstag letzter Woche. sei sie bereit, den Bestand an Meßgeräten zu verdoppeln -- eine billige Maßnahme. die kaum einen neuen Schwefelgasausbruch verhindern dürfte.

Eine schärfere Auflage steht den Affinerie-Bossen jedoch bereits ins Haus. Das Amt für Arbeitsschutz will den Großverschmutzer zwingen, eine sogenannte Nachvernichtungsanlage für schweflige Gase zu errichten -- die, wie Amtsleiter Günter Rust es formulierte, »teurere Lösung«.

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