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UNTERNEHMEN KORBER-STIFTUNG Sinn des Lebens

aus DER SPIEGEL 12/1969

Mehr als zwölf Millionen Mark schenkte Kurt A. Körber, 59, Erfinder, Fabrikant und Monopolist von Filterzigaretten-Maschinen, gemeinnützigen Stiftungen, die er selbst ins Leben rief. In der letzten Woche legte der Industrielle noch einmal 60 Millionen Mark zu. Er übertrug das gesamte Vermögen der Hauni Werke Körbei« & Co. KG in Hamburg-Bergedorf auf die Kurt A. Körber-Stiftung.

Entgegen seinem bereits vor Jahren testamentarisch niedergelegten Entschluß, das Werk (150 Millionen Mark Jahresumsatz, 2000 Beschäftigte) nach seinem Tode einer gemeinnützigen Stiftung zu überlassen, vollzieht er. knapp 60 Jahre alt, das Vermächtnis bereits jetzt. »Vielfältige aktuelle Gemeinschaftsaufgaben, die insbesondere auf dem Bildungssektor erfüllt werden sollen«, hätten diese Entscheidung notwendig gemacht.

»Der moderne Unternehmer, so Körber, »muß bei aller ökonomischen Zielstrebigkeit wissen, daß der Sinn des Lebens nicht im Wirtschaftlichen begründet ist.« Gewinne müßten daher, soweit sie über den Investitionsbedarf hinausgingen, der »Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden«. Stiften ist für Körber, der rund 90 Prozent des Weltmarktes für Filterzigaretten-Maschinen an sich riß, kein schöner Zug, sondern soziale Verpflichtung: »Wenn ein Unternehmen Gewinne erzielt, so ist das letztlich auf die gesamtgesellschaftliche Situation zurückzuführen, an der alle beteiligt sind.«

Der drahtige Unternehmer hatte 1954 seinen ersten Filterzigaretten-Automaten gerade fertig, als der Boom unter dem Motto »Genuß ohne Reue« losbrach. Über Nacht waren die Hauni Werke (Abkürzung für Hamburger Universelle) die einzige Fabrik der Erde, die der Industrie die benötigten Maschinen liefern konnte. Aus Körbers Hauni-Maschinen, bei deren Konstruktion er rund 200 Patente erwarb. beziehen heute Sowjets und Amerikaner, Rotchinesen, Lappen und Polynesier ihre tägliche Zigaretten-Ration.

Für den privaten Genuß der Monopolrente, die seit 15 Jahren die Bilanzen der Hauni Werke polstert, hatte der Erfinder und Manager keinen rechten Sinn. In seiner Freizeit matt er viel und oft, unter anderem verfertigte er ein Selbstporträt, das den Unternehmer mit einem falschen Bart zeigt, den er in seinem Zweitwohnsitz am Tegernsee hin und wieder gern anlegt.

Den frischen Reichtum hatte Körber zunächst mit den Angehörigen seines Werkes teilen wollen. Doch es entsprach nicht seinem auf das Ganze gerichteten Sinn, Privilegien an die Belegschaft auszugeben, ohne die vielen zu bedenken, die, etwa als Verbraucher, den Profit erst möglich gemacht hatten ... Schluß«, rief er vor zehn Jahren, »ich mache eine Stiftung.«

Fortan fand die reiche Hansestadt Hamburg in Körber. dem in Berlin geborenen Bergedorfer, einen ihrer größten Mäzene und gewiß ihren hartnäckigsten Antreiber, öffentliche Mittel dorthin zu lenken, wo der Aufwand nur langsam und kaum sichtbar Früchte trägt: in die Berufsausbildung, Wissenschaft und Forschung.

Mit 6,5 gestifteten Millionen legte Körber den Grundstein für eine Ingenieurschule in Bergedorf. Seine Kunst des guten Beispiels bewog den Hamburger Senat, weitere 60 Millionen in das Projekt zu stecken. Aus Köcher-Gewinnen wuchsen eine Ingenieurschule für Tabak-Technik, ein Lehr- und Forschungsinstitut für technische Führungskräfte, ein Studenten- und ein Altersheim. Ein von Köcher ins Lehen gerufener »Bergedorfer Gesprächskreis« diskutiert seit zehn Jahren mit Wissenschaftlern und Vertretern des öffentlichen Lebens gesellschaftliche Probleme des Industrie-Zeitalters.

Körbers mäzenatische Neigungen kamen dem Thalia-Theater zugute, der Kunsthalle und der Hamburgischen Staatsoper, deren Chef, Professor Rolf Liebermann, kostspielige Inszenierungen mit Garantien aus der Hauni-Kasse abdeckt.

Nach Opern-Abenden, zu denen der Fabrikant an drei Tagen im Jahr seine Belegschaft führt, weist die Leistungskurve, die Köcher mit einem sogenannten Cosinus-Phi-Schreiber an den Hauni-Maschinen mißt, jedesmal deutlich nach oben. Der Chef verhehlt nicht, daß diese Arbeitssteigerung beabsichtigter Nebenzweck betrieblicher Wohlfahrt ist. Er aktiviert den Gemeinsinn seiner Dreher und Buchhalter, von denen jeder vierte zusammen mit den Herren der Geschäftsleitung regelmäßig Blut für das Rote Kreuz spendet (Bundesdurchschnitt: drei Prozent).

Gemessen an den beträchtlichen kulturellen und betrieblichen Sozialleistungen, ist Körbers Aufwand für Löhne und Gehälter nur Durchschnitt. Trotz der erheblichen Gewinne der Hauni Werke verdienen die Arbeiter und Angestellten nur wenig mehr als die Belegschaften anderer metallverarbeitender Betriebe in Hamburg. Körber verteidigt seine Lohnpolitik damit, es sei »absolut falschverstandenes Gemeinschaftsgefühl«, wenn gewinnbringende Unternehmen »ihre freiwerdenden Erträge über firmeninterne außertarifliche Leistungen an ihre eigenen Mitarbeiter ausschütten«. Eine derartige Tarifpolitik müsse den Zweigen der Wirtschaft schaden, die keine Gewinne erzielten und durch den kostspieligen Wettbewerb um Arbeitskräfte noch weiter in die Enge getrieben würden.

Gefaßt nahmen die Hauni-Werker am Freitag letzter Woche die Ankündigung ihres Chefs entgegen, er werde das gesamte Werksvermögen auf die Kurt A. Körber-Stiftung übertragen, deren Gewinne allein für Gemeinschaftsaufgaben verwendet werden. Als »Zeichen meines Dankes« schüttet der Stifter rund eine Million Mark in bar an die Belegschaft aus, die je nach Betriebszugehörigkeit (Höchstbetrag 1705 Mark) verteilt wird. Überdies schließt das Unternehmen für jedes Belegschaftsmitglied eine Lebensversicherung mit einer Jahresprämie von 250 Mark ab. Körber hofft. diese Form der Zukunftssicherung möge auf seine Unternehmer-Kollegen »wie eine schleichende Ansteckung« wirken.

Einen weiteren Körber-Bazillus praktizierte der Unternehmer in die Haussatzung. Danach darf bei Hauni niemand Gruppenleiter werden, wenn nicht zuvor die in der Gruppe Beschäftigten den Kandidaten der Geschäftsleitung in geheimer Abstimmung mit Mehrheit wählen. Aspiranten für den Job des Abteilungsleiters benötigen der geheimen Zustimmung durch die Gruppenchefs« und die Mitglieder der Geschäftsleitung bedürfen des Votums der Abteilungsdirektoren.

Für die Wahl seines Nachfolgers hat der Erfinder ein besonderes Verfahren erdacht: »Wie bei der Papstwahl« soll ein 17köpfiger Kontrollrat, in dem Vertreter der Kunden, der Hausbank, der IG Metall sowie die sieben höchstbezahlten Hauni-Manager sitzen, den neuen Firmenchef bestimmen. Gewählt ist, wer 75 Prozent der Stimmen erhält. Köcher behält sich lediglich vor, die ersten Kandidaten selbst zu bestimmen.

Der Chef des Hauses soll ein Diktator sein, den man wegschicken kann, wenn er im ökonomischen oder gesellschaftlichen Bereich versagt«. Auch für den eigenen Hinauswurf hat der Industrielle vorgesorgt: »Wenn 75 Prozent der Kontrollräte zu mir sagen, jetzt geh mal nach Hause, du malst doch so gern, dann ist der Platz für den Nachfolger frei.

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