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»Sinnlos und gefährlich, gefährlich für alle«

351 Mittelstreckenraketen SS-20 hat Moskau aufgestellt - weil sich die Sowjet-Union selbst eingekreist hat, braucht sie die Wunderwaffe, die im Westen nur die Russenangst belebt. Doch auch innerhalb der Führungsspitze der Sowjet-Union gibt es Streit, ob das den Frieden sicherer macht: Seit fünf Jahren suchen Kreml-Politiker das Prunkstück ihrer Weltmacht zu entschärfen - gegen den Willen der Sowjetmilitärs.
aus DER SPIEGEL 39/1983

Alles, was man über sie weiß, stammt vom amerikanischen Geheimdienst. Hätten hochangesiedelte Sowjetpolitiker nicht nach und nach bestätigt, was aus Washington kam, ließe sich zweifeln, ob es sie überhaupt gibt: die modernste Mittelstreckenrakete der Erde mit der elffachen Zerstörungskraft der Hiroschima-Bombe - die gefährlichste Atomrakete mittlerer Reichweite auf dem europäischen Kontinent.

Kein Westler hat sie je gesehen, Photos von ihr wurden nirgends veröffentlicht, die Sowjetpresse hat sie jahrelang nicht erwähnt, dann unter einem Namen, den die Amerikaner dafür erfunden hatten: SS-20.

Das ist das US-Kürzel für den 20. Typ der »Surface-to-surface«-Rakete, die von der Erdoberfläche (nicht von See, nicht aus der Luft) auf ein gleichfalls am Boden befindliches Ziel abgeschossen wird. Der sowjetische - nie bekanntgegebene - Name aber ist »Pionier«.

In den Augen von Militärs muß das die wichtigste Waffe sein, die Rußlands Wissens- und Wirtschaftskraft je hervorgebracht hat: Auf Lastwagen irgendwo in die Landschaft verlegt, in Minuten startklar, fliegt sie, einmal losgelassen, 5000 Kilometer und vielleicht auch weiter. Die USA erreicht sie nicht (allenfalls, von Fernost aus, Alaska und Nordkalifornien), jedoch binnen wenigen Minuten Amerikas Verbündete in Europa.

Das 16 Meter lange Projektil, 170 Zentimeter dick, transportiert dabei bis zu drei nukleare Sprengköpfe, die unabhängig voneinander auf verschiedene Ziele gelenkt werden können, auch militärische Punktziele, was die Entscheidung zu ihrem Einsatz erleichtern könnte. Mit nur einem Sprengkopf bestückt, fliegt die Wunderwaffe angeblich sogar 10 000 Kilometer weit - und würde damit in die Kategorie der strategischen Atomwaffen fallen.

Binnen zwei Stunden läßt sich jede Abschußrampe nachladen. Bei Minsk und im Waldai diesseits des Ural, in der Nähe von Nowosibirsk und Tschita (Sowjetasien) sowie seit kurzem angeblich auch in Vietnam stationiert, vermag die Superwaffe den gesamten eurasischen Kontinent zu bestreichen, aber auch Australien und Nordafrika.

Der Westen, den Sowjets an Atomsprengköpfen durchaus überlegen, hat der SS-20 bisher keine Mittelstreckenwaffe dieser Reichweite und Präzision entgegenzusetzen. Seine Atombomber haben gegen das dichte Luftabwehrsystem der UdSSR, das sogar ein »unidentifiziertes« Zivilflugzeug exekutiert, kaum eine Chance; seine kampfstarken Polaris-U-Boote sind zwar schwer zu entdecken, ihre Raketen aber treffunsicher.

Die Mittelstreckenwaffen, mit denen die Nato nachzurüsten droht, die 108 Pershing-2-Raketen und 464 Marschflugkörper gibt es noch nicht - deshalb der Nato-Doppelbeschluß und die Verhandlungen in Genf über eine Begrenzung der Mittelstreckenwaffen in Europa.

Keine Waffe der Sowjet-Union, weder ihre Panzerarmada noch ihre Schlachtflotte, hat im Westen solche Befürchtungen geweckt - und zu solchen Konsequenzen in der gesamten Bündnis- und Sicherheitspolitik geführt wie die SS-20.

351 dieser Rampen hat die Sowjet-Union bislang in Stellung gebracht, davon 243 gegen Europa - mit je einer Ersatzrakete zum Nachladen. Alarmmeldungen aus den USA, die Sowjets produzierten noch schneller, gaben der ohnehin spannungsgeladenen Schlußphase der Genfer Konferenz eine dramatische Note.

Seit 21 Monaten verhandeln die amerikanischen und sowjetischen Unterhändler ohne wesentliche Fortschritte darüber, ob (so die US-Forderung) die SS20 abgeschafft beziehungsweise durch das US-Gegenstück ausgeglichen werden soll, oder ob die Zahl der Russen-Raketen allenfalls zu vermindern sei (so die

Sowjets), wenn der Westen auf seine Raketen verzichtet. Schon vor mehr als Jahresfrist ging der damalige SPD-Verteidigungsminister Hans Apel davon aus, man könne den Sowjets eh nur kosmetische Korrekturen bei ihren Raketen abverlangen.

Die SS-20 steht am Ausgangspunkt des weltpolitischen Klimasturzes seit dem Ende der 70er Jahre, sie symbolisiert - ebenso wie Amerikas Pershing - Rüstungswahn und Kriegsbereitschaft und, vielleicht, das Ende aller Politik.

Während aber die geplante Pershing im Westen konkrete Kriegsängste weckte und die Friedensbewegung zu einer politischen Kraft werden ließ, blieb Moskaus längst stationierte SS-20 weithin ein Phantom, im Osten zur Friedensrakete stilisiert, im Westen als Werkzeug Moskauer Eroberungs- oder Erpressungspolitik gebrandmarkt.

Vor allem blieb die Frage ungeklärt, warum Moskau die in seiner Sicht so bedrohliche Nato-Nachrüstung provozierte, indem es - zu den besten Zeiten der Entspannung - die SS-20 plante, produzierte und in Stellung brachte.

Und doch sind im undurchsichtigen Machtdickicht des Sowjetsystems an der SS-20 die Konturen einer Frontstellung erkennbar, die der im Westen vergleichbar erscheint: Sicherheitsapostel gegen Entspannungsfreunde, militärindustrieller Komplex gegen Rüstungsskeptiker, Marschälle gegen Politiker.

Im Staatssozialismus ist der Konflikt zwischen politischer und militärischer Führung älter als das Jaruzelski-Regime in Polen: Trotzki, Gründer der Roten Armee, mußte unter Bonapartismus-Verdacht weichen; Stalin ließ 1937 seinen Verteidigungsminister Tuchatschewski und das halbe höhere Offizierskorps erschießen; Chruschtschow bediente sich 1957 des Marschalls Schukow im parteiinternen Machtkampf: Der Offizier erntete Undank - der Parteichef ahndete dessen »Eingriff in die Innenpolitik« hernach mit Schukows Entlassung als Verteidigungsminister.

Als Chruschtschow 1960 auch noch die halbe Armee samt einer Viertelmillion Offiziere demobilisieren ließ, ereignete sich der Abschuß des US-Spionageflugzeuges U-2: Chruschtschows Entspannungspolitik scheiterte.

Seine Folgerung: »Wir sollten uns hüten, das Militär zu vergötzen ... Solche Leute müssen unbedingt zurückgehalten werden, damit sie nicht zuviel Einfluß ausüben.«

Solche Leute waren unter Breschnew stark genug, die Berufung des Parteisekretärs Ustinow zum Verteidigungsminister zu verhindern ("Sie senkten ihre Häupter wie wütende Büffel«, so ein Zeuge). Ihr eigener Kandidat, Marschall Gretschko, erhielt das Amt, erst nach seinem Tod kam Ustinow.

Den Sowjetmilitärs war der im Gefolge der Entspannung unvermeidliche »Wandel durch Annäherung« wie ein infamer »Wandel durch Aufweichung« erschienen, vom Klassenfeind mittels Spionage und Subversion raffiniert ins Werk gesetzt.

In einem solchen Klima sind die Militärs fast um keinen Preis bereit, ihr Prunkstück SS-20 preiszugeben. Sie legitimiert Weltmachtansprüche und kompensiert Selbstzweifel jeder Art.

Einen Atomkrieg, den sie wie manche US-Strategen für gewinnbar halten, werden auch die Sowjetmilitärs nicht anzetteln wollen. Doch ihre Waffen wirken, selbst wenn sie einfach nur so dastehen, sie zeugen Ängste. Das Lehrbuch »Militärstrategie« von 1969 (Autor: Marschall Sokolowski) unterrichtete die Sowjetoffiziere über den »verdeckten, potentiellen« Nutzen ihrer Waffen: _____« als Drohung, das heißt, sie wirken nicht auf die » _____« physischen Kräfte des Gegners ein, sondern auf seinen » _____« Kampfgeist, sein Bewußtsein, seinen Willen. »

Doch besorgt über die westliche Reaktion auf die neue Waffe, betroffen über das von der SS-20 ausgelöste neue Wettrüsten und wohl auch erschreckt von den Risiken wachsender Militärgewalt, wollten einsichtige Politiker in Moskau den Marschällen ihre schimmernde Wehr wieder nehmen. Im Februar 1981 änderte der 26. Parteitag der KPdSU die althergebrachte Militärdoktrin von der zwingenden Überlegenheit über den möglichen Feind in eine »Gleichheit« mit diesem ab.

Parteichef Breschnew, der immerhin einmal Politoffizier und damit fast ein Mann der Truppe gewesen war - und sich später selbst zum Marschall beförderte -, trat in Verhandlungen mit dem potentiellen Feind ein, um die Zahl der SS-20 zu begrenzen.

Breschnews Nachfolger Andropow, ungedienter Armeegeneral (wegen früherer KGB-Meriten), befahl sogar, kaum gewählt, jede weitere SS-20-Stationierung zu _(unten: mit Marschall Ogarkow (l.) und ) _(Chef-Politruk Jepischew (r.). ) _(Oben: Ausriß aus der Moskauer ) _("Kriegs-Enzyklopädie«; )

stoppen. Seit seinem Amtsantritt, stellten die Amerikaner fest, produziert Moskau SS-20 nur noch auf Halde: vermutlich sechs Stück pro Monat.

Schließlich bot Andropow an, die meisten dieser teuren Errungenschaften sowjetischer Wehrtechnik wieder abzubauen. Andropows Credo: Hauptziel der sowjetischen Außenpolitik, so sagte er in seiner letzten öffentlichen Rede am 18. August, sei »die Sicherstellung eines ruhigen Lebens für die Völker, vor allem durch die Beseitigung der Gefahr eines Atomkrieges« - ein Grundsatz, dem die hektische Ausstaffierung mit SS-20 zu widersprechen scheint.

Den möglichen Hintergrund des Widerspruchs erläuterte ein Sowjetpolitiker Anfang 1983 in Moskau dem SPIEGEL: In den 70er Jahren sei die Aufrüstung außer Kontrolle geraten - und zwar »auf beiden Seiten«, ein für Sowjetverhältnisse unerhörtes Eingeständnis.

Daß die Sowjetpolitiker ihren militärisch-industriellen Komplex in der Frühzeit der SS-20-Chronologie nicht mehr kontrollierten, läßt sich belegen - ihre eigene Argumentation entsprach nicht mehr der Aufrüstungspraxis. Wenn sie nicht nur einen Propagandaschleier vor die SS-20 hatten ziehen wollen, bedeutet dies, daß in Moskau die linke Hand, die Partei, nicht mehr genau wußte, was die rechte tat, das Militär.

Für die Wahrscheinlichkeit der zweiten Erklärung spricht die sowjetische Konzessionsbereitschaft in Sachen SS-20 und auch die Interessenlage: Die Sowjetzivilisten in der Partei kennen die deprimierende wirtschaftliche Unterlegenheit der UdSSR dem Westen gegenüber, die aberwitzigen Kosten des Imperiums, den erniedrigenden Zwang zur Kooperation mit dem potentiellen Feind. Sie haben die Rubel-Milliarden aufzubringen, welche die Militärs nur konsumieren.

Für die Wahrscheinlichkeit, daß die zivile Kontrolle über die sowjetische Rüstung und damit auch über die Definition sowjetischer Sicherheit zeitweilig verloren ging, gibt es ein Indiz aus den Verhandlungen über strategische Interkontinental-Raketen (Salt 1) 1972: Laut Henry Kissinger warnten damals die sowjetischen Militärvertreter ihre US-Kameraden davor, die amerikanischen Erkenntnisse über den sowjetischen Rüstungsstand weiterhin vor den sowjetischen Zivilisten am Konferenztisch auszubreiten. Einer der Zivilisten war Außenminister Gromyko.

Der stellte 1979 nach Unterzeichnung des Salt-2-Abkommens (das von den USA nicht ratifiziert wurde, an das sich beide Seiten dennoch hielten) die Grundfrage der Rüstungsbegrenzung: »Wird der unterzeichnete Vertrag dem Wettrüsten ein Ende setzen?«

Und er gab selbst darauf eine Antwort, die der Debatte eine neue Richtung wies: »Ich muß mit Bestimmtheit sagen: Nein, erstens schon deswegen nicht, weil der Vertrag nur die strategischen Rüstungen betrifft. Es ist jedoch gut bekannt, daß es auch andere Waffenarten, nichtstrategische, gibt.« Die SS-20 ist eine nichtstrategische Waffe.

Durch Salt 2 wurde der Bau einer dreistufigen mobilen Interkontinentalrakete (Sowjettyp: SS-16) untersagt. Schon 1972, im Jahr des Salt-1-Vertrages, hatte der Militäringenieur Witalij Schabanow, 49, eine Idee: Der Generaldirektor einer »Wissenschaftlichen Produktionsvereinigung« ließ eine der drei Stufen der SS-16 weg - das war die SS-20, mit deren Kreation Moskau auch nicht gegen das Salt-2-Abkommen verstieß.

Zum Vizeminister für Radioindustrie aufgestiegen, erprobte Schabanow alsdann das neue Stück. Im Sommer 1975 entdeckte erstmals ein US-Satellit die Versuchsrakete - wenige Monate nach dem Gipfel von Wladiwostok, der die

Grundsätze des Entspannungszeitalters zu bestätigen schien (und Einsprüche der Sowjetmilitärs gegen das US-Stützpunktsystem ignorierte).

Als die Amerikaner den neunten Test feststellten - drei Wochen nach der Europäischen Sicherheitskonferenz in Helsinki -, gaben sie das bekannt.

Bald darauf plauderte DDR-Verteidigungsminister Hoffmann aus, was er in den internen Rundbriefen seiner Sowjetkameraden gelesen hatte: Falsch sei die Ansicht »selbst fortschrittlicher Menschen in der Friedensbewegung«, daß ein Atomkrieg unzulässig sei, weil er den »Weltuntergang« bedeute. Ein Sowjetpolitiker, damals KGB-Chef, widersprach öffentlich: Jurij Andropow. Er sagte in seiner Lenin-Gedenkrede 1976: _____« Erklärungen, die sowohl vom Inhalt wie von der » _____« Diktion her an die Periode des »Kalten Krieges« erinnern, » _____« haben nur eines bewiesen, daß nämlich die Politik des » _____« »Kalten Krieges«, die »Politik der Stärke« sinnlos und » _____« gefährlich ist. Sie ist gefährlich für alle, gefährlich » _____« für den Frieden. Im Atomzeitalter gibt es keine » _____« vernünftige Alternative zur friedlichen Koexistenz. »

Ende 1976 machten die Amerikaner im fernen Kamtschatka Vorbereitungen für die erste Stellungsgruppe von 18 Raketen des Typs SS-20 aus. Zur selben Zeit erschien die »Kriegs-Enzyklopädie der UdSSR« mit der Definition der sowjetischen Militärdoktrin, die als »Aktionsprogramm zur Sicherung der militärtechnischen Überlegenheit über die Streitkräfte potentieller Gegner« beschrieben wurde.

Parteichef Breschnew dagegen versicherte sogleich dem neugewählten US-Präsidenten Carter: »Wir streben nicht nach Überlegenheit.«

Ein Jahr darauf orteten die Amerikaner die SS-20 auch in West-Rußland und wollten festgestellt haben, die Waffen seien nun einsatzbereit. Experten ("Aviation Week") schätzten das sowjetische Produktionsziel auf 300 bis 400 Stück. Dem damaligen deutschen Kanzler Helmut Schmidt reichte das, im europäischen nuklearen Bereich erstmals beunruhigende »Disparitäten« festzustellen. Sein Argument: Man könne nicht erwarten, daß die USA einen SS20-Angriff auf Westeuropa mit strategischen Interkontinentalraketen beantworteten, also einen Gegenschlag auf die eigenen Städte riskierten. Die Diskussion über die SS-20 begann.

Breschnew beschloß, die Westdeutschen auf seinem Staatsbesuch im Mai 1978 über den Sinn dieser Waffe zu beruhigen. Da gerade schoß die sowjetische Luftabwehr über Murmansk zum erstenmal auf ein südkoreanisches Verkehrsflugzeug und zwang es zur Landung. Pilot und Navigator wurden nach einer Woche freigelassen.

Vier Tage später flog Breschnew nach Bonn und unterschrieb: »Beide Seiten betrachten es als wichtig, daß niemand militärische Überlegenheit anstrebt. Sie gehen davon aus, daß annähernde Gleichheit und Parität zur Gewährleistung der Verteidigung ausreichen.« Am Jahresende zählten die US-Späher 108 der SS-20; das Phänomen tauche nun auch an der Grenze zu China auf.

Breschnew versicherte in Ost-Berlin, die Sowjets hätten im vergangenen Jahrzehnt »die Zahl« ihrer Mittelstreckenraketen nicht vermehrt, die Stärke ihrer Kernladungen und die Zahl der Abschußrampen sei »sogar etwas zurückgegangen«. Daraus ließ sich folgern, daß Moskau Zug um Zug seine alten Raketen SS-4 und SS-5 durch die SS-20 ersetzte.

Und Breschnew gab hier, im Zielgebiet Mitteleuropa, auch eine erste Verzichterklärung ab: Außer zum Abzug von 20 000 Sowjetarmisten und 1000 Panzern aus der DDR sei er bereit, »die Anzahl von Kernwaffenträgern zu reduzieren, natürlich nur unter der Voraussetzung, daß in Westeuropa keine zusätzlichen stationiert werden«.

Grund: In der Nato hatte die neue Waffe inzwischen Beunruhigung, schließlich Beklemmung ausgelöst. Kernpunkt der Debatte war die Frage, ob die SS20, wie von Moskau behauptet, nur eine Modernisierung der alten Raketen oder eine völlig neue Waffe sei. Beide Ansichten ließen sich belegen: _(Vorn: US-Zerstörer »Barry«; oben: ) _(US-Patrouillenflugzeug. )

Die seit Anfang der 60er Jahre gegen Europa gerichteten sowjetischen Mittelstreckenraketen der Typen SS-4 und SS-5 - schätzungsweise 600 Stück - trugen je einen Gefechtskopf, waren ortsfest installiert und wurden mit flüssigem Brennstoff angetrieben, was vor dem Einsatz ein umständliches, acht Stunden währendes, vom Gegner nicht zu übersehendes Auftanken erforderlich macht und die Bedienungsmannschaften mehr bedroht als den Feind. Die SS-4 reicht 2000 Kilometer weit, die SS-5 4100 Kilometer, ihre großen, je eine Megatonne schweren Gefechtsköpfe haben eine Zielabweichung von 1,1 bis 2,3 Kilometer.

Die Feststoffrakete SS-20 dagegen ist auf sechsachsigen Sattelschleppern montiert und praktisch jederzeit abschußbereit, ihre Beweglichkeit sichert Tarnung und erlaubt raschen Ortswechsel. Ihre kleinen Sprengköpfe - dreimal 0,15 Megatonnen - sind bis auf eine Abweichung von 300 Metern zielgenau.

Selbst wenn man in der SS-20 aufgrund der unbestreitbaren qualitativen Vorzüge gegenüber den alten Mittelstreckenraketen objektiv eine neue Waffe sieht, muß diese nicht zwangsläufig auch auf eine neue, aggressivere Militärdoktrin Moskaus hindeuten.

Die sowjetischen Dissonanzen in Sachen Rüstung legen vielmehr eine andere Erklärung nahe: Einmal kreiert, zog die SS-20 selbständig ihre Bahn durch den militärindustriellen Komplex der Sowjet-Union, etwa nach dem Motto: Was geplant und produziert werden kann, muß auch aufgestellt werden.

Wie immer - daß Moskau sein Bedrohungspotential gegen Westeuropa (und nicht speziell gegen dessen Schutzmacht USA) erhöhte, schien klar, und der politische Hintersinn auch: Die SS-20 wirkte auf viele Europäer wie ein Angebot an Washington, daß die beiden Supermächte einen regionalen, auf Europa begrenzten Konflikt führen könnten, ohne ihr eigenes Territorium dem Risiko sofortiger Totalvernichtung auszusetzen.

In diesem Klima fiel es den USA nicht schwer, den europäischen Nato-Partnern die aus Europa stammende Nachrüstungsidee schmackhaft zu machen: Die erhöhte Drohung der Ost-Vormacht gegen lediglich einen Teil des West-Bündnisses sollte durch eine Drohung der West-Vormacht gegen die Ost-Vormacht selbst - und nicht etwa nur gegen deren Glacis - konterkariert werden.

Das war - nicht nur für Moskauer Verständnis - schon in der Ankündigung mehr als ein Gegenzug, nämlich eine Eskalation: Die militärischen und wirtschaftlichen Zentren Rußlands bis nahe vor Moskau sind für die zielgenauen Pershing erreichbar, die entsprechenden Zentren der USA für die zielgenauen SS-20 aber nicht.

Das verstößt gegen eine Absprache von 1962: Nach dem Versuch der Sowjets, Mittelstreckenraketen auf Kuba zu installieren, wollten die beiden Supermächte nie mehr mit solchen Waffen das Territorium des anderen bedrohen, weshalb die USA ihre »Thor«- und »Titan«-Raketen auch aus der Türkei, England und Italien abzogen.

So erklärt es sich, daß Sowjet-Außenminister Gromyko noch 1979 drohte, mit dem Nachrüstungsbeschluß entfielen alle Grundlagen für Verhandlungen.

Die Nato faßte den Beschluß dennoch am 12. Dezember 1979, inklusive Verhandlungsangebot.

Die Amerikaner zählten damals 120 SS-20.

Zwei Wochen später schlug die Sowjetarmee gegen Afghanistan los - es war die Stunde der Militärs. Breschnew aber deutete nun Interesse an jenen »ehrenhaften« Raketenverhandlungen an - die Moskau bis dahin strikt abgelehnt hatte.

Verhandelt wurde aber nicht - denn nach Afghanistan wollten nun die Amerikaner nicht mehr. In Moskau wurden die Reihen daraufhin wohl wieder dichter geschlossen. ZK-Propagandist Portugalow lockte die Deutschen, ihre »Solidarität« mit der US-Politik aufzukündigen, Sowjetbotschafter Abrassimow stieß nach mit dem Vorwurf an Bonn, es verletzte das Berlin-Abkommen »grob«. KGB-General Zwigun nannte die USA offen den »Feind« - eine Bezeichnung, die nicht mal während des Kalten Krieges der 50er Jahre gefallen war.

Nach einem halben Jahr suchte Breschnew den Ausbruch aus der weltweit moralisch isolierten Festung. Er warb wieder - im Vorwort zur deutschen Ausgabe eines seiner Bücher - für baldige »konstruktive Verhandlungen« über Rüstungsbegrenzung. Mitten im polnischen Revolutionssommer 1980 wurde der Vizechef der Internationalen ZK-Abteilung, Wadim Sagladin, konkreter: Die Kriegsgefahr sei »akut und ernst«.

Doch Sagladin wußte auch einen Ausweg: Moskau habe einen Dialog über atomare Mittelstreckenwaffen niemals abgelehnt, man solle über atomare Waffen in Europa verhandeln.

Sagladin gab dafür ein militärisches Geheimnis preis. Es war am 20. Juli 1980, als er auf eine Frage von Radio Luxemburg nach den SS-20-Raketen antwortete: »Sie existieren, ich gebe das zu.« Nun endlich hatte Moskau sich auch selbst zu seiner Wunderwaffe bekannt.

Sie sei, so Sagladin, treffsicher und mit geringerer Zerstörungskraft ausgestattet, also sozusagen ungefährlicher für die Zivilbevölkerung als die veralteten Systeme, an deren Stelle sie treten.

Sein Genosse Portugalow, befragt nach möglichen Eigeninteressen der Sowjetmilitärs, räumte erstmals ein, daß es so etwas im Sowjetreich überhaupt geben könne, indem er Optimismus verbreitete: Die politischen Mandatsträger im Sowjetland »sorgen schon dafür, daß manche Bäume nicht in den Himmel wachsen«.

Kanzler Schmidt reiste nach Moskau und erntete den vielleicht bemerkenswertesten Erfolg seiner Regierungszeit: Breschnew warf die bisherige Verweigerung offiziell über Bord und sagte zu, in Vorverhandlungen einzutreten, die freilich erst nach einer Ratifizierung des Salt-2-Abkommens durch Amerika abgeschlossen werden könnten.

Er stellte auch fest, daß es sich bei den englischen und französischen Raketen um strategische (und nicht um Mittelstrecken-) Waffen handele, die mithin in den Salt-2-Bereich gehörten.

Schmidts Anregung, fortan einfach keine SS-20 mehr aufzustellen, nannte der Kremlherr »ungerecht«. SS-20-Bestand damals: 162 Stück.

Den Militärs gefielen Breschnews Konzessionen offenkundig nicht - um so weniger, als es vor der sowjetischen Westgrenze unruhig wurde: Polens »Solidarität« stellte das ganze Ostsystem in Frage. Da kündigten demonstrative Sowjet-Manöver, die getreu dem Strategie-Lehrer Sokolowski auf »Bewußtsein und Willen« des Gegners - der siegenden Danziger Arbeiter - zielten, sowjetische Kampfbereitschaft an.

Das Moskauer Politbüro aber faßte keinen Beschluß, in Polen zu intervenieren, sondern verordnete wegen ernster Disziplinverstöße bei den zusammengezogenen Truppen ein Revirement unter allen beteiligten Kommandeuren.

Armeegeneral Goworow verlor den Befehl über den Wehrbezirk Moskau und mußte aus der Hauptstadt in den Fernen Osten umziehen - jener Goworow, Sohn eines Weltkrieg-II-Marschalls und Luftabwehrchefs, den die US-Regierung für den Hauptverantwortlichen des Jumbo-Abschusses vom 1. September 1983 hält.

198 SS-20 standen inzwischen bereit; alle fünf Tage, so sondierten damals die US-Satelliten, gehe eine neue Rakete in Stellung.

Im Februar 1981 setzte Breschnew endgültig durch Parteitagsbeschluß seine Doktrin »Gleichgewicht statt Überlegenheit« durch - ein viel zu spektakulärer Dogmensturz, als daß er nur Tarnung sein konnte. Der Parteichef: »Auf den Sieg in einem Atomkrieg zu rechnen ist gefährlicher Wahnsinn.«

Was vor allem wie eine Warnung an Reagan wirkte, traf auch die eigenen Militärs. Wie Marschall Sokolowski in seinem Strategie-Buch hatte in der »Kriegs-Enzyklopädie« ein Autor Ogarkow, nun Generalstabschef,

verkündet, im Fall eines Atomkriegs sei das Ziel, »mit massierten Raketen- und Kernwaffenschlägen den Sieg zu erringen«; das Militärorgan »Roter Stern« hatte geschrieben, auch im Raketen-Weltkrieg werde die gerechte Sache ihre »schöpferischen Fähigkeiten mit ungebrochener Kraft offenbaren«.

Breschnew aber bot von der Tribüne des Parteitags aus nun erstmals ein Moratorium an: die Mittelstreckenraketen »auf dem jetzigen Bestand einzufrieren«, eine Parole, die der Friedensbewegung in Amerika das Stichwort gab: »Freeze.«

Bestand an Mittelstreckenraketen in Europa im März 1981: insgesamt 162 britische und französische mit bis zu 290 Sprengköpfen, null bei den anderen Nato-Staaten und den USA, 214 mit je drei Sprengköpfen, zusammen 642, bei der UdSSR.

Breschnew, der vielleicht den amerikanischen Beobachtungen ebensowenig traute wie den Meldungen seiner Militärs, behauptete dennoch, militärisch herrsche Parität zwischen Ost und West - und global gesehen traf das auch zu. Bei den konventionellen Waffen, so Breschnew, habe die Sowjet-Union mehr Panzer, die Nato dafür mehr Panzerabwehrwaffen. Wiederum fügte er an: Moskau strebe nicht nach Überlegenheit.

Er lud den neuen US-Präsidenten Reagan zu einem Gipfeltreffen ein. Reagan aber lief längst auf Konfrontationskurs: »Ich glaube nicht, daß es einen Sinn hat ...« Die Reagan-Administration setzte ihr gigantisches Aufrüstungsprogramm ins Werk und gab sich verbalen antisowjetischen Exzessen hin.

Breschnew dagegen hatte mit der Ratifizierung der neuen Doktrin durch den Parteitag vorerst seine Position gefestigt. Sein West-Berater Arbatow, ein alter Freund Andropows, beschwor den SPIEGEL: »Wir haben nur die eine Konzeption: Verhandlungen zu beginnen.«

Zu einem einseitigen Moratorium - die Aufstellung weiterer SS-20 (inzwischen 241) zu stoppen - sagte Arbatow drei Monate später: »Sie können so etwas von unserer Seite kaum erwarten.«

SPD-Chef Willy Brandt fuhr im Juni nach Moskau und hörte von einem Breschnew-Mitarbeiter, die Sowjet-Union könne ihre auf Westeuropa gerichteten SS-20 abbauen, wenn die Nato auf Nachrüstung verzichte, dazu ihre vorhandenen Atombomber und Atom-U-Boote abrüste und auch noch ihre taktischen Raketen Pershing 1 (die Sowjetterritorium nicht erreichen können). Brandt verstand, Breschnew habe angedeutet: Wir bauen die Raketen ab.

Auch Parteifreund Erhard Eppler machte sich nach Moskau auf und erfuhr von Sagladin endlich etwas über die Sprengköpfe: »Nicht alle« SS-20 trügen drei davon, ihre Explosivkraft sei weit geringer, als im Westen angenommen werde, müsse aber auf »flächendeckend« vergrößert werden, sobald im Westen Raketen aufgestellt würden.

Dem Generalstabschef Ogarkow ging das wohl nicht weit genug. Im Parteiorgan »Kommunist« entwickelte er wieder sein Szenario eines Atomkriegs - ausgelöst vom Westen -, in dem Moskaus Kernwaffenstreitkräfte fähig seien, »mit hinreichender Präzision faktisch überall in der Welt einen Schlag gegen Objekte des Gegners zu führen«. Sie beherrschten auch »in vollem Umfang die Kunst, nicht nur defensive, sondern auch offensive Operationen« durchzuführen.

Ogarkows Vorgesetzter, der Verteidigungsminister Ustinow, rückte das sofort zurecht. Der Zivilist - von Haus aus Militäringenieur, unter Stalin schon Rüstungsminister - versicherte, daß seinen Streitkräften der Gedanke an offensive Atomschläge fern sei, und: _____« Nur völlig verantwortungslose Leute können behaupten, » _____« daß es möglich sei, einen Kernwaffenkrieg nach » _____« irgendwelchen vorher aufgestellten Regeln zu führen - nur » _____« über bestimmten Objekten, ohne die Bevölkerung zu » _____« vernichten. » _(Schulungsmaterial für den ) _(Zivilschutz; oben: Verseuchungs-Radius ) _(einer A-Bombe; unten: Verlassen der ) _(zerstörten Zone; )

Der Oberste Befehlshaber Breschnew, Vorsitzender des Verteidigungsrates, hielt fest am Reduzieren. Wie weit er gehen wolle, erläuterte er in seinem SPIEGEL-Gespräch im Oktober 1981: Er addierte alle ihm bekannten Sowjet-Mittelstreckenwaffen, ohne die Zahl der SS-20 zu spezifizieren (US-Zählung: 250, davon 175 gegen Europa). Er kam auf knapp tausend und rechnete dagegen 700 Nato-Flugzeuge, dazu die 162 französischen und britischen Raketen: Parität.

Er wünschte Verhandlungen zwecks »sehr wesentlicher« Begrenzung auf gleichem Niveau und empfahl sein Moratorium bis zum Vertragsabschluß. Am nächsten Tag wurde SS-20-Baumeister Schabanow, inzwischen zum Vizeverteidigungsminister für Bewaffnung und Elektronik aufgestiegen, zum Armeegeneral befördert.

Breschnew wandte sich an seine »Prawda« und erklärte dem Parteiorgan per Interview Bereitschaft zum Verzicht auf den atomaren Erstschlag. Die Erwartung eines Sieges im Atomkrieg aber - wie sie Sowjetstratege Sokolowski hegte - nannte er eine »Entscheidung zum Selbstmord«.

Bald darauf gab die Reagan-Administration ihren Widerstand gegen die im Nato-Nachrüstungsbeschluß vorgesehenen Verhandlungen auf, und die Verhandlungsführer Kwizinski und Nitze setzten sich am 30. November in Genf an den Gesprächstisch.

Acht Wochen später entwarf Breschnew vor sozialdemokratischen Besuchern seine Vision, die Mittelstreckenwaffen gar um zwei Drittel abzubauen. Adlatus Sagladin verkündete bundesdeutschen Jungsozialisten plötzlich das so lange zurückgewiesene einseitige Moratorium: Seit einigen Wochen seien keine neuen Raketen mehr aufgestellt worden. Es war, nach der anfänglichen Verweigerung von Verhandlungen, Moskaus zweite Kehrtwendung.

Sagladins ZK-Kollege Samjatin enthüllte vor der Evangelischen Akademie Tutzing sogar, seit Breschnews letztem Bonn-Besuch vor einem Vierteljahr sei kein einziges Stück SS-20 mehr stationiert worden. Dagegen jedoch: Am _(rechts: Deckung in einem Graben. )

nächsten Tag brachte das DKP-Organ »Unsere Zeit« die Ankündigung eines Sowjetpropagandisten, im Fall eines vereinbarten Moratoriums sei die UdSSR bereit, »morgen schon« die Stationierung einzustellen - die Sowjetpolitik lief wieder einmal durcheinander.

Breschnew drängte: Im Mai gab er selbst vor Jungfunktionären bekannt, »daß die Sowjet-Union vor kurzem einseitig die weitere Stationierung von Mittelstreckenraketen im europäischen Teil der UdSSR eingestellt« habe.

Die Amerikaner zählten weiter: 333 SS-20 im April 1982. Dazu die »Prawda": »Lüge, und zwar eine bösartige.« Minister Ustinow: »Absichtliche und bösartige Desinformation.«

Im Juni 1982 annoncierte Breschnew auch noch der Uno den Verzicht auf Ersteinsatz von Atomwaffen. Wenn das nur Propaganda gewesen sein soll, kam es spät (die Chinesen hatten den Verzicht schon bei ihrer ersten A-Bombe 1964 erklärt und den Russen ständig vorgehalten) und sogar zur Unzeit: Der feierliche Verzicht, der laut Gromyko »mit goldenen Lettern« in die Geschichte einging, nahm der westdeutschen Friedensbewegung das Argument, auf eine Pershing-Stationierung könne Moskau mit einem Präventivschlag reagieren.

Zur selben Zeit entwarfen die Genfer Unterhändler Nitze und Kwizinski die Umrisse einer informellen Vereinbarung: 75 Rampen für Marschflugkörper, aber keine Pershings auf US-Seite, 75 Rampen für SS-20. Ein so rabiater Abbau war den Sowjetmilitärs wohl zu viel. Kwizinski sah sich von Moskau ebenso desavouiert wie Nitze von Washington. Im Oktober meldeten die Amerikaner - mit Ortsangabe von fünf neuen Gruppenstellungen - 342 aufgestellte SS-20.

Nun wurde es dramatisch: Wahrscheinlich verlangte das höhere Offizierskorps der UdSSR Aufklärung über den Widerspruch zwischen den Angaben aus Amerika und dem defätistischen Stopp-Signal ihres Parteichefs. Zum zweiten Mal in der Sowjetgeschichte versammelten sich mehrere hundert Militärs in Moskau. Breschnew suchte sie zu beruhigen: »Es wird Ihnen an nichts mangeln.«

Acht Tage darauf, am 4. November 1982, gab Walentin Falin, der frühere Botschafter in Bonn, etwas preis, was bis dahin als Staatsgeheimnis behandelt worden war: In der englischsprachigen Sowjetzeitung »Moscow News« schrieb er, alle im europäischen Teil der UdSSR stationierten SS-20 verfügten zusammen über 600 Sprengköpfe.

Sechs Tage später starb Breschnew, Andropow kam - kraft eines Machtworts von Ustinow im Politbüro. Der höchstgestellte Militär, Ogarkow, kannte den neuen Parteichef aus dem Kriegsjahr 1941: Damals war Ogarkow Festungsingenieur in Karelien; er hatte viel zu tun

mit dem örtlichen Parteijugendführer Andropow.

Der brachte, ohne es hinauszuposaunen, nach seiner Wahl zum Generalsekretär tatsächlich keine Raketen mehr in Droh-Position gegen Europa, wie nun auch die Amerikaner meldeten.

US-Satelliten beobachteten auch schon den Abbau einzelner Apparate. Da kündigte der neue Kreml-Herr gegenüber seinem DDR-Gast Erich Honecker erstmals eine ganz neue Bezugsgröße an: Er wolle bis auf 162 Stück abbauen - so viele Mittelstreckenraketen, wie Engländer und Franzosen zusammen haben.

Diese Meßlatte hatte auch Moskaus Kwizinski bei seinem »Waldspaziergang« mit Nitze im Juli 1982 noch nicht angelegt.

Für den neuen Sowjetstandpunkt, die britischen und französischen Raketen gegen die sowjetischen aufzurechnen, ließ sich manches anführen, dagegen freilich auch, daß echte Parität zu Westeuropa bedeutet hätte, alle Sowjet-SS-20 etwa den Polen und den Tschechoslowaken zu unterstellen - für Moskau undenkbar.

Am Horizont tauchte wieder auf, was Moskau da im Sinn haben mochte: ein »Gleichgewicht« in Europa herzustellen, ohne die USA. Die Sowjets hatten eine neue Maximalposition aufgebaut - gegenüber der amerikanischen Maximalposition der Null-Lösung: null US-Raketen gegen null sowjetische, als ob die britischen und französischen auf seiten der Nato nicht existierten.

Andropow unterrichtete Honecker aber auch über ein sensationelles Zugeständnis: Gleichgewicht bei den Sprengköpfen, mithin bei bis zu 290 Köpfen auf den 162 Raketen Westeuropas ebenso viele auf den dreiköpfigen Waffen Rußlands. Diese wären demnach bis auf 97 Stück oder weniger abzurüsten - auf weniger mithin, als vor dem Nato-Nachrüstungsbeschluß von 1979, auf weniger womöglich auch als nach dem »Waldspaziergangs«-Konzept.

Was aber sollte mit den überzähligen SS-20 geschehen? Gromyko gab auf einer Pressekonferenz am 2. April 1983 bekannt, sie würden dorthin verlegt, wo sie Europa nicht bedrohen könnten, nach Asien. Der Außenminister über den Raketen-Umzug: »Das ist unsere Sache und unser Recht.«

Entgegen der bislang eisern befolgten Sowjetregel, einen Dissens im Kreml niemals sichtbar werden zu lassen, widersprach Andropow - gestärkt durch seine Wahl zum Staatschef - seinem Außenminister energisch am 27. August.

Auf die »Prawda«-Frage, ob die UdSSR mit der Raketen-Reduzierung »lediglich deren Verlegung in die östlichen Gebiete« meine, antwortete der Parteichef: »Solche Behauptungen sind eine bewußte Unwahrheit. Hierbei gibt es keine Tricks.« Die überzähligen SS-20

würden »vernichtet« ("likwidirowatj"). Zum erstenmal war, öffentlich und polemisch, in Moskau in der Raketenfrage ein Gegensatz aufgeschienen - zwischen zwei der allerhöchsten Führungskräfte.

Fünf Tage danach gab Jurij Semjonowitsch Gudkow, Generalleutnant der Luftwaffe, das Kommando zum Jumbo-Abschuß - fünf Tage vor Beginn der letzten Raketenverhandlungen in Genf. Er produzierte einen neuen jähen Klimasturz, von den Falken beider Seiten gewiß mit Wohlgefallen zur Kenntnis genommen.

Wenn beide Seiten sich rollenkonform verhalten hätten, wären die Verhandlungen in Genf daraufhin abgebrochen worden. Doch Reagan (trotz Drucks seiner eigenen Rechten) und Andropow (in ähnlicher Lage) ließen ihre Unterhändler den Dialog wie unbeeindruckt fortsetzen.

Der Abschuß bewies im Grunde gerade die Notwendigkeit, den Militärs jene Mittel aus der Hand zu nehmen, die ihnen gestatteten, per Rakete ein Vierteltausend Zivilisten zu töten, und zwar ohne Unrechtsbewußtsein und nach stundenlanger Überlegung.

»Der Mann, der den Befehl gab, auf jenen Knopf zu drücken, der 269 Passagiere und Besatzungsmitglieder tötete, besitzt auch die Möglichkeit, einen anderen Knopf zu drücken, der 269 Millionen töten könnte«, warnte die Londoner »Times« und fügte hinzu: »Auch wir haben diese Möglichkeit.«

Darum sorgt sich die andere Seite: Was geschehe wohl, fragte Radio Moskau kürzlich, wenn eine Atomrakete - natürlich eine westliche - »wegen eines technischen Fehlers gestartet wird? Da es fast keine Zeit für eine Warnung gibt, ist ein nuklearer Gegenschlag, ein Vergeltungsschlag, die einzige Möglichkeit. Es gibt keine Alternative«.

Am Tag des Sowjetsieges über den Zivil-Jumbo bei Sachalin kehrte Parteichef Andropow aus dem Urlaub nach Moskau zurück, das Politbüro trat zusammen und beschäftigte sich laut Kommunique mit der Herstellung von Farbfernsehgeräten sowie »außenpolitischen Fragen«. Eine Sonder-Untersuchungskommission wurde nach Fernost geschickt.

Die erste »Tass«-Meldung - einen Tag nach dem Abschuß -, der Jumbo setze »seinen Flug in Richtung Japanisches Meer fort«, auch die zweite Tass-Nachricht, seine Beobachtung sei zehn Minuten nach Verlassen des Sowjetterritoriums »verlorengegangen«, sowie die dritte, die vermutete, die CIA habe ihn in die Luft gesprengt, bedeuteten laut ZK-Sprecher Samjatin in der »politischen Sprache« der Sowjet-Union seinen Abschuß.

»Prawda«-Chefredakteur Afanasjew sah die Schweigetaktik anders: »Ich glaube, daß hierfür unsere Militärs verantwortlich sind.« Erst nach sechs Tagen bekannte sich der Kreml zu der Tat ("Unterbinden") - offenbar nach langem Ringen. Die Sowjetregierung äußerte »Bedauern« und teilte »Kummer«; verantwortlich für das Ereignis sei »das Kommando der Luftabwehr der Region«, also das Militär.

Die politische Führung gab zu Protokoll, daß dieses Kommando keine spontane Entscheidung getroffen habe (es »analysierte sorgfältig«, zwei Stunden lang) und der Jumbo sei auch nicht, wie Luftabwehr-Stabschef Romanow behauptet hatte, mit dem Aufklärer RC135 verwechselt worden - den habe ein Abfangjäger separat verfolgt.

Den Scharfmachern zu Gefallen standen böse Worte gegen den Verhandlungspartner Reagan - der oftmals die UdSSR beleidigte - in der sowjetischen Regierungserklärung: Der Präsident der Vereinigten Staaten persönlich sei böswillig, ignorant und verlogen.

Auch das Regierungswort lastete die Schuld am Massenmord »den Leitern« Amerikas an, ebenso wie den »Zeitpunkt für diese Provokation": »gerade jetzt, da entschieden wird, ob das Wettrüsten zum Stehen gebracht, die Atomkriegsdrohung beseitigt wird«. So ähnlich sagte es Kreml-Kenner Wolfgang Leonhard: »Ein Abbruch der Genfer Verhandlungen wäre genau das, was die Kreml-,Falken'' wünschen würden.«

Wohl um die Verhandlungen zu retten, ließen die regierenden Zivilisten den verantwortlichen Militär, Generalstabschef Ogarkow, vor einen verhaßten Gegner treten; vor die Hundertschaft ausländischer Korrespondenten in Moskau.

Auf einer Pressekonferenz, der ersten eines Marschalls in der Sowjet-Geschichte, gab Ogarkow auch verbal den Abschuß zu; »höhere Kommandostellen« seien informiert gewesen, auch der Generalstab erhalte »in einer derartigen Situation« ordnungsgemäß und zur rechten Zeit Meldung, wie jeder Generalstab der Erde.

Zu Andropows Abrüstungsvorschlägen sagte der Stabschef militärisch knapp: »Wir teilen sie voll und ganz, bedingungslos.« Analogieschlüsse für einen Krieg zwischen UdSSR und USA angesichts der Machtvollkommenheit eines regionalen Kommandeurs - Trauma aller Friedliebenden - erklärte er für »völlig unangebracht«.

Dem höchsten Militär der UdSSR ging es nur noch darum, den Makel von seinen Truppen zu nehmen, die seit 1945 ohnehin nur noch gegen sozialistisch regierte Staaten eingesetzt worden sind, anstatt (wie das Politruk-Organ »Kommunist der bewaffneten Streitkräfte« noch 1981 versprach) »der herannahenden sozialistischen Revolution in Europa als Unterstützung zu dienen«. Nun, nach dem Einsatz gegen schlafende Luftpassagiere, sagte Ogarkow: »In der gesamten Geschichte des sozialistischen Staates haben sie ihre Aufgaben in Ehre erfüllt.«

Offenbar fürchtet die Sowjetarmee, sie könne nach der Lösung ihrer jüngsten Kampfaufgabe direkter politischer Kontrolle unterstellt werden, wie die gerade eben mit KGB-Aufsehern gebändigte Ordnungspolizei. Darauf deutet ein Artikel des Militärorgans »Roter Stern« vom 8. September hin, der die »Jedinonatschalije« verteidigt, die alleinige Befehlsgewalt der Kommandeurs.

In der Revolutions- und Kriegszeit, bis vier Wochen vor der Schlacht von Stalingrad 1942, hatte er sie teilen müssen mit dem von der Partei bestimmten Politkommissar seiner Einheit, der jeden Befehl des Berufsmilitärs gegenzuzeichnen hatte. Außenminister Gromyko, der als

Freund des Militärs gilt, ging in Madrid demonstrativ auf den Kurs seines Parteichefs. Er proklamierte: »Das annähernde militärisch-strategische Gleichgewicht zwischen dem Warschauer Pakt und der Nato trägt seit den letzten Jahren objektiv zur Erhaltung des Friedens bei.«

Dann ließ er nach Meinung des Bundesaußenministers Genscher gegenüber dem Deutschen durchblicken, die Raketen Englands und Frankreichs seien zum Teil auch strategische Waffen, was bedeuten könnte: Sie lassen sich auch nur zum Teil auf ein Gleichgewicht mit den nichtstrategischen SS-20 anrechnen. Die UdSSR könnte demnach noch unter das Minimum von 97 sowjetischen Mittelstreckenraketen gehen.

Gromyko, öffentlich: »Man muß besonders die Positionen Jurij Andropows unterstreichen ...«

Da berief ein Spitzenmilitär in Moskau, der Ogarkow-Vize Achromejew, sofort wieder eine Pressekonferenz ein, die zweite eines Sowjetmarschalls binnen fünf Tagen - und mithin die zweite in der sowjetischen Geschichte.

Marschall Achromejew, von Haus aus Panzerkommandeur, brachte wie zuvor Ogarkow einen zivilen Außenpolitiker mit, den Gromyko-Vize Kornijenko, und der spielte die geheime Offerte seines Chefs herunter: als Genschers »Wunschdenken«, so Kornijenko auf deutsch. Achromejew wiederholte das Wort auf russisch.

Doch auch Kornijenko bestritt nicht die von den Sowjets neu entdeckte Doppelnatur der West-Raketen, er deutete sogar an, die »Waldspaziergang«-Formel sei bisher noch gar nicht in die offiziellen Verhandlungen eingeführt worden: »Es ist angenehmer, im Wald spazierenzugehen, als im vollgerauchten Arbeitszimmer zu sitzen.«

Achromejew aber fiel zurück in schiere Propagandareden: Amerika fordere ultimativ die einseitige Abrüstung der Sowjet-Union, während es selbst aufrüste - auf solcher Basis könne eine Vereinbarung nicht zustande kommen, auch keine Zwischenlösung.

Der Vize-Generalstabschef ist einer jener drei Sowjetoffiziere, die Parteichef Andropow wenige Monate nach seiner Wahl zu Marschällen ernannt hatte - vielleicht hatte ernennen müssen. Ein solcher Beförderungsschub, Herzenssache der Militärs, hatte bei Chruschtschow und bei Breschnew erst Jahre nach deren Amtsantritt stattgefunden.

Außer Achromejew bekamen der Oberbefehlshaber der Landstreitkräfte, Petrow, und der Chef der Rückwärtigen Dienste, Kurkotkin, die brillantbesetzten Marschallsterne, die nun insgesamt den Hals von neun Marschällen zieren.

Die Militärs möchten ihr Machtsymbol, die atomsprengkopfbesetzten SS-20, wohl um so energischer behalten, als der Jumbo-Abschuß den erwarteten Verhandlungsstillstand zwischen Ost und West nicht gebracht hat. Sie möchten sicherlich auch die seit Andropows Stationierungsstopp auf Vorrat produzierten 27 neuen Raketen in die vorbereiteten Stellungen bringen.

Die Amerikaner antworteten auf Achromejews Härte mit der Behauptung, die SS-20-Rampen ließen sich womöglich nicht nur einmal, sondern viermal nachladen. Sowjetisches Planziel laut Pentagon: 585 Startgeräte mal fünf Raketen mit je drei Sprengköpfen - alles zusammen wären das 8775 Sowjet-Sprengköpfe.

Auf der Moskauer Pressekonferenz mit Marschall Achromejew wiederholte Gromyko-Vize Kornijenko, was andere hohe Sowjetfunktionäre schon vor ihm angedroht hatten: Im Fall der Nato-Nachrüstung werde die Sowjet-Union mit zusätzlicher Raketen-Drohung nicht nur gegen den Stationierungsort Westeuropa, sondern auch gegen die USA selbst antworten.

Er tat dies in Kenntnis einer bislang geheimgebliebenen Washingtoner Verbalnote vom August, bei einer Stationierung von SS-20 etwa auf Kuba oder Grenada werde der gesamte karibische Raum von den USA »unter Quarantäne gestellt«.

Dann freilich hätten die Sowjet-Falken verhindert, was sie durch ihre SS-20-Rüstung in amerikanischer Interpretation gerade hatten erreichen wollen: die Sicherheit Europas von der Amerikas abzukoppeln.

[Grafiktext]

AUF ZUM LETZTEN GEFECHT? Wirkungsbereiche der Mittelstreckenraketen SS-20 und Pershing II nach Angaben der US-Regierung BUNDESREPUBLIK Moskau SOWJET-UNION TÜRKEI Wladiwostok CHINA JAPAN INDIEN Reichweite der sowjetischen SS-20 Gebiete, in denen die Abschußrampen der SS-20 konzentriert sind Reichweite der amerikanischen Pershing II

[GrafiktextEnde]

unten: mit Marschall Ogarkow (l.) und Chef-Politruk Jepischew (r.).Oben: Ausriß aus der Moskauer »Kriegs-Enzyklopädie«;Vorn: US-Zerstörer »Barry«; oben: US-Patrouillenflugzeug.Schulungsmaterial für den Zivilschutz; oben: Verseuchungs-Radiuseiner A-Bombe; unten: Verlassen der zerstörten Zone;rechts: Deckung in einem Graben.

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