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Briefe

SIPPSCHAFT
aus DER SPIEGEL 33/1967

SIPPSCHAFT

(Nr. 31/1967, Dichte Inzucht)

Zweifellos ist das Ergebnis der Recherchen des Hitler-Biographen Maser interessant. Jedoch ist die Tatsache der »besonders dichten Inzucht« keineswegs so selten oder einzigartig, daß daraus Rückschlüsse auf die Person Hitlers gewonnen werden können. Das Faktum des Ahnenschwundes findet sich mehr oder weniger stark ausgeprägt in allen sozial-geschlossenen Schichten, beziehungsweise in den Kreisen, die in ihrer Wahl des Ehepartners beengt sind: Adel, Bauerntum, religiöse und völkische Minderheiten.

Flensburg (Schlesw.-Holst.) MICHAEL KNIERIEM

Aus Fern-Ehen scheinen im allgemeinen charakterlich bewegliche, intellektuell ausgerichtete, etwas unstete, somatisch akzelerierte, großwüchsige Typen hervorzugehen; aus Inzucht hingegen mehr solche, die eher aus »Blut und Boden«-Impulsen heraus, aus Gefühl und Überkommenem handeln, durchschnittlich statischer veranlagt sind und kaum akzelerieren (vergleiche R. Nold: »Größenzunahme, Wachstumsbeschleunigung und Zivilisation«, Manz, München). Solche Sicht spricht für die »dichte Inzucht« in Hitlers Ahnenreihe; denn sie läßt grundsätzlich -- von familiären Besonderheiten der Erbgrundlagen abgesehen -- einige der bemerkenswerten Eigenschaften und politischen Entscheidungen Hitlers gut verstehen.

Freiburg (Breisgau) RICHARD NOLD

Zugegeben, im Blätterwald herrscht totale Sauregurkenzeit, aber so olle Kamellen wie das Zwiespältige im Adolf solltet Ihr nicht servieren, es sei denn, Ihr wolltet allgemein beweisen, daß die Moral anno dazumal auch nicht die beste war. SPIEGEL-Leser sind bestens orientiert, wozu also der Unsinn?

München JOHANNES MÖBIUS

So ist"s recht. Wenn man den Hitler schon als fröhliches Baby zeigt und sich nur noch mit seiner Abstammung beschäftigt, dann hat man wohl die Vergangenheit endgültig bewältigt.

Köln ROLF RITTER

Lieb sieht er aus, der kleine Adolf. Wenn er nur so geblieben wäre, ihm und uns wäre viel erspart worden. Ob wohl die dunklen Familienverhältnisse aus diesem netten Kind einen so entsetzlichen Mann gemacht haben?

Stuttgart GUSTAV FREUGEN

Hitler war unbestritten ein ganz ungewöhnlicher Mensch. Dieser Umstand dürfte bei dem Für und Wider den Ausschlag und der Kollektivschuld ein anderes Gesicht geben.

Hamburg RUDOLF WOLTER

Bereits vor mehreren Jahren, als ich den Brief Hans Franks in Händen hatte, versuchte ich, den Spuren eines »Juden Frankenberger« in Graz nachzugehen. Trotz der Suche in verschiedenen Archiven konnte kein Anzeichen vom Vorhandensein eines Juden Frankenberger in Graz gefunden werden. In Polen hingegen gab es Juden, die den Namen Hitler führten. Im Jahre 1945, als ich Leiter des jüdischen Komitees in Linz war, haben wir für durchreisende Juden Pakete ausgegeben, und eines Tages verblüffte mich mein Sekretär mit einer Unterschriftsliste, auf der unter den Paketempfängern der Name Abraham Hitler war. Ich glaubte, daß es sich um einen Ulk handle, und ließ mir den Mann kommen. Er hatte eine Nummer aus Auschwitz an seinem Unterarm eintätowiert und stammte aus Sosnowiec in Polen. Ich fragte ihn, wie er heiße, er sagte: »Abraham Hitler.« In Auschwitz aber habe er sich Fuchs genannt. Als ich ihn fragte, warum er nicht Fuchs geblieben sei und wie er sich vorstelle, künftig mit diesem Namen durch das Leben zu gehen, da sagte er entrüstet: »Ich will mich meines Vaters Namen nicht schämen, nur weil es einen Verbrecher gegeben hat, der genauso hieß.« Was aus diesem Abraham Hitler später geworden ist. weiß ich nicht.

Wien SIMON WIESENTHAL

Vor Jahren begegnete mir bei der Arbeit an einem Berlin-Buch ein Hinweis auf eine Sängerin Ida Hiedler, die vor 1914 dem Ensemble des Königlichen Opernhauses angehört und zu dessen Hausherrn enge private Verbindungen gehabt haben soll. Ich ging der Sache nach. Es gab diese Ida Hiedler tatsächlich; das in solchen Dingen zuverlässige Große Biographische Lexikon der Deutschen Bühne im XIX. Jahrhundert von Ludwig Eisenberg widmet ihr auf Seite 432 fast eine ganze Spalte. Die Dame war von 1887 bis 1908 an Wilhelms Oper, weiß Eisenberg zu berichten, sie ist 1869 oder 1870 geboren, wurde 1897 (mit jungen achtundzwanzig oder gar siebenundzwanzig Jahren) zur Königlich Preußischen Kammersängerin ernannt. Viel mehr war nicht zu eruieren. Allenfalls, daß diese Ida Hiedler van Majestät zur Mitwirkung an Hochdesselben Privatkonzerten herangezogen wurde, daß Wilhelm II. sie mitnahm, als er 1896 nach Moskau fuhr, um an den Krönungsfeierlichkelten seines Vetters, Nikolaus II., teilzunehmen.

1963 oder 1964 kam mir eine der neueren Biographien Hitlers in die Hände, und hier stieß ich nochmals auf eine Ida Hiedler, die eines Franz Hiedlers Tochter gewesen ist. Von diesem Franz Hiedler hieß es, er sei der Neffe des Johann Georg Hiedler, den auch Ihre Ahnentafel als den Ehemann der Maria Anna Schicklgruber ausweist. Ganz unwitzig würde wohl nicht sein, wenn nun Adolf Hitler eine Cousine (zweiten oder dritten Grades?) gehabt hätte, die Wilhelms II. favorisierte Kammersängerin gewesen ... Denn diese Ida Hiedler war sehr vermögend, auch eben sehr berühmt. Und sie lebte noch 1921! Besaß noch damals eine (angeblich) luxuriöse Villa in Berlin, Lützowstraße 32. Und es wäre doch unmöglich anzunehmen, daß Adolf Hitler von dieser berühmten und reichen Verwandten nichts gewußt hat -- als er 1918/19 als entlassener Soldat Berlin besuchte.

Berlin HANS ERMAN

Der Hitler-Biograph und frühere Priester Franz Jetzinger vermutet, daß Hitler die Gemeinde Döllersheim im Waldviertel habe niederwalzen lassen, um genealogische Markierungen auszulöschen. Die Vernichtung Döllersheims soll direkt im Auftrag des Führers erfolgt sein, und zwar aus irrsinnigem Haß gegen seinen Vater, der vielleicht einen Juden zum Vater hatte. Hitler soll seinen Neffen William Patrick dahingehend belehrt haben, daß niemand wissen dürfe, woher er -- nämlich Hitler -- komme und aus welcher Familie er stamme. Ich selbst habe während der Jahre 1938 bis 1947 im Landkreis Zwettl, zu dem auch die Gemeinde Döllersheim gehörte, gewohnt. Mein Vater war als leitender Angestellter bei der ehemaligen Deutschen Ansiedlungsgesellschaft -- Geschäftsstelle Allensteig -- (sechs Kilometer von Döllersheim entfernt) beauftragt, die Umsiedlung der Bevölkerung der zum Truppenübungsplatz vorgesehenen Gemeinde Döllersheim vorzunehmen. Die Umsiedlung erfolgte in den Jahren 1939 bis 1941. Zunächst möchte ich feststellen, daß Döllersheim weder jemals niedergewalzt noch vernichtet worden ist. Sämtliche Besitzenden der Gemeinde Döllersheim sind ordnungsgemäß umgesiedelt worden, und alle haben weitaus bessere und größere Besitzungen erhalten, als sie sie in ihrer Heimat hatten. Selbst nach der Umsiedlung wurde das Haus, in dem der Vater Hitlers zur Schule gegangen ist, in Ehren gehalten. Auch das Grab der Großmutter des Führers war stets kenntlich gemacht und geschmückt. Das Schulhaus war mit großen roten Hakenkreuzen und Fahnen versehen. Über der Eingangstür stand sinngemäß: »Hier ist Alois Hitler, der Vater unseres Führers, zur Schule gegangen. Heil Hitler«. Als damaliger Hauptjungzugführer des Fähnleins vier, Bann 520 Südost Niederdonau, wurde ich vom Bannführer beauftragt, im Zuge politischer Schulung und Erziehung mit dem Fähnlein die Schule sowie das Grab in Döllersheim zu besuchen.

Ansbach (Bayern) KLAUS FABIAN

Bezüglich Ihres Hitler-Stammes-Artikel lege ich Ausschnitte bei von einer französischen Zeitschrift vom September 1933 »Témoignages de notre temps ... les juifs ... edités par la société anonyme les illustres Français«, in welchem ein Bild von einem Juden steht, der ebenfalls Hitler hieß. Dieser ließ seinen Namen aber ändern.

Weiden (Bayern) J. KLIEGER

Sippenforscher Werner Maser hat also mit an Gewißheit grenzender Wahrscheinlichkeit die »deutschstämmige« Abstammung des bayrischen Gefrei-

* »Ist er ein Vorfahr, ist er ein Verwandter? Moïse Hitler, israelischer Bürger polnischer Abstammung, hat seine Regierung um die Genehmigung gebeten, seinen Familiennamen zu ändern, den er als kompromittierend betrachtet!«

ten Adolf Hitler klargestellt: Der »Führer und Reichskanzler« war richtiges Waldviertler Inzucht-Produkt, also deutsch bis zum Scrotum -- was von seinen diversen (gekrönten und ungekrönten) Vor- und Nachgängern weniger gewiß ist. Bitte setzten Sie davon unseren Bundespräsidenten in Kenntnis, damit er künftig vor Ausländern -- in unterschwelliger Anerkennung der Nürnberger Gesetze? -- die deutsche Herkunft Hitlers nicht verleugnet. (Vergleiche SPIEGEL 30/1967, Seite 108). Angesichts des Bonner Alleinvertretungs-Anspruchs würde er sonst sich und uns alle als unverbesserliche Dummköpfe der Weltlächerlichkeit preisgeben.

Mosbach (Bad.-Württ.) ALEXANDER GÖRNER

Die von Ihnen zitierte Behauptung Werner Masers, Alois Schicklgruber (der Vater Adolf Hitlers) sei ein Kind aus der Verbindung der Maria Anna Schicklgruber mit Johann Nepomuk Hüttler, ist erstens nicht neu, zweitens stützt sie sich offenbar nicht auf urkundliche Beweise, sondern auf Indizien -- und zwar auf schwache.

Zu Punkt 1: In der ersten in Deutschland verfaßten und erschienenen Hitler-Biographie, die ich zusammen mit Walter Görlitz geschrieben habe (GörlitzQuint. Adolf Hitler, Eine Biographie, Steingrüben-Verlag, Stuttgart 1952), ist bereits vor 15 Jahren -- auf Seite 14/15 folgendes vermerkt worden: »Wer jedoch -- gesetzt den Fall, Johann Georg Hiedler war nicht der Vater des Alois -- dann der wirkliche Großvater Adolf Hitlers gewesen ist, vermögen wir nicht zu sagen. Es gibt darüber zwei Versionen. Die eine schreibt dem jüngeren Bruder Johann Georgs, Johann Nepomuk, die Vaterschaft zu. Die zweite ... wollte wissen, der Vater sei der Sohn vom Dienstherrn der Maria Anna in Graz gewesen. Beide Versionen sind unbeweisbar.«

Zu Punkt 2: Der Nepomuk hatte ein um 15 Jahre älteres Mädchen geheiratet. Es ist nur zu verständlich, daß er sich im Laufe der Zeit auch einmal nach einer anderen umsieht. Aber es ist nach den allgemeinen Erfahrungen sehr unwahrscheinlich, daß sich ein solcher Mann dann ein Mädchen nimmt, das wiederum sehr viel älter ist als er (zwölf Jahre älter, er um diese Zeit 29, sie 41). Die Tatsache, daß er den Alois in seinem Haus aufnahm,

* Pseudonym des Motorjournalisten und früheren Sportwagen-Rennfahrers Richard von Frankenberg, der als »Quint« mehrere zeitgeschichtliche Bücher veröffentlichte.

der ja, wenn nicht sein Sohn, so doch sein Neffe war, und daß er diesem im Laufe der Zeit einiges »zusteckte«, scheint mir ein sehr schwacher Indizienbeweis für eine Vaterschaft zu sein, jedenfalls ein Beweis, der erst durch Urkunden zu untermauern wäre, ehe ich ihn gelten lasse.

Stuttgart HERBERT A. QUINT

Die Geschichte von Hitlers jüdischen Vorfahren (in Graz) ist ein Märchen, und nicht einmal ein schönes. Wir sollten den Juden, auf die man schon allen Dreck der Welt gewälzt hat, nicht auch noch Hitler anhängen. Den müssen wir schon selber verdauen. Den Spuren dieses Gerüchtes ging ich, auf Anregung von Studienprofessor Jetzinger, schon 1952/53 nach. In Graz mußte ich feststellen, daß alle Unterlagen über die jüdischen Familien mit »Frank« im Namen: Frankenstein, Frankenberger etc. um 1932 verschwunden sein sollen, just um dieselbe Zeit, in der Hitlers Vertrauter in dieser Angelegenheit, Rechtsberater Hans Frank ("Im Angesicht des Galgens"), in Gr?z einen Vortrag hielt. Aber der Ahnenforscher Frank hat nach meiner Erinnerung auch noch etwas anderes übersehen, was gegen die jüdische Versippung Hitlers spricht: 1837 waren alle Juden aus Graz ausgewiesen; sie sollen erst 1848 zurückgekehrt sein, und zweitens, wenn die Dienstmagd Schicklgruber von Graz aus in ihre Heimat zurückgewandert wäre, um dort zu gebären (welche Schande, in Graz wäre das nicht so schlimm gewesen!), hätte sie über den verschneiten Semmering-Paß wandern müssen für eine Schwangere eine höchst unwahrscheinliche Strapaze. Die »Ungereimtheiten, die bis dahin übersehen worden waren«, das heißt, daß nicht der angetraute Mann der Maria Anna Schicklgruber, Johann Georg Hiedler, der Vater sein konnte, sondern mit höchster Wahrscheinlichkeit dessen Bruder Johann Nepomuk, entdeckte ich bereits 1952; mein in der »Revue« veröffentlichter Stammbaum Hitlers, der erste authentische überhaupt, wies schon darauf hin.

In meinem Buch »Die Reichskanzlei« (Frankfurt 1960, 4. Auflage, in neun Sprachen übersetzt) veröffentlichte ich noch einmal den (von einem Druckfehler gereinigten) Stammbaum Hitlers« der auch den Nachweis einer außerehelichen Tochter enthält, die Alois Schicklgruber mit einer gewissen Thekla zeugte. Diese Tochter Therese Schmidt schenkte 1892 in Schwertberg einem Sohn das Leben: Fritz Rammer, der eine außerordentliche Ähnlichkeit mit Hitler aufwies (siehe beiliegendes Photo).

Ottobrunn (Bayern) HARRY SCHULZE-WILDF

Es ist sehr gut, wieder einmal daran erinnert zu werden, daß wir einst ganz einfach einem simplen Menschen aus kleinen Verhältnissen aufgesessen sind. Die Kenntnis um die Details in Abstammung und Leben Hitlers hindert uns, den Mann als mystisches Genie zu sehen. Er wird auf seine eigentlichen Maße reduziert, und das wiederum zeigt uns, daß er allein nicht der Schuldige gewesen sein kann: Wir wären wohl mitschuldig.

Köln ALBERT HÜNEMANN

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