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SIR STEPHEN KING-HALL

aus DER SPIEGEL 33/1959

- 1893 in London geboren - propagiert eine Art von militantem Pazifismus. Die Völker Westeuropas sollten, so meint er, bis auf ein Minimum konventioneller Waffen abrüsten, nichtsdestoweniger jedoch die Sowjet-Union attackieren -, freilich nur mit geistigen Waffen. Seine tatsächlich zuweilen etwas kuriosen Ideen wurden von Minister Strauß jüngst benutzt, um die Opposition gegen atomare Bewaffnung zu veralbern.

ROYAL-NAVY-SPROSS von Abstammung - sein Vater, sein Großvater und sein Onkel waren Admirale -, trat Stephen King-Hall in die britische Kriegsmarine ein, nachdem er Schulen in der Schweiz und England besucht hatte. Am Ersten Weltkrieg nahm er als Offizier auf dem Kreuzer »Southampton« teil. Nach dem Kriege zum Admiralstäbler ausgebildet, diente er unter anderem im Fernen Osten, im Mittelmeer und schließlich als Commander (Fregattenkapitän) im Admiralstab. In Jahre 1929 quittierte er den Militärdienst und nahm eine Stellung beim Royal Institute of International Affairs an. 1954 erhob ihn Königin Elizabeth in den Adelsstand.

ALS PUBLIZIST machte King-Hall sich einen Namen, als er im Jahre 1936 mit der Herausgabe eines Wöchentlichen Informationsdienstes begann, der heute noch erscheint: dem »King-Hall News-Letter«. In Deutschland wurde King-Hall im Sommer 1939, kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs durch seine »Briefe an meine deutschen Freunde« bekannt. Finanziell unterstützt von, der britischen Regierung, ließ er diese Briefe auf illegalen Wegen nach Deutschland einschmuggeln, um die Deutschen vor den Kriegsplänen Hitlers zu warnen.

Während des Krieges war King-Hall parteiloser Abgeordneter im Unterhaus und zeitweilig Minister für Flugzeugproduktion.

Antikommunist von Geblüt, trat King-Hall nach dem Kriege für eine militärische Abwehr der Gefahr aus dem Osten und für eine radikale Versöhnung mit den Deutschen ein.

»SEIT BISMARCK«, so schrieb er im Februar 1952, »die Deutschen in einem Nationalstaat einte, haben diese unglücklichen Menschen sich und der Welt unendliches Leid zugefügt, indem sie stets das Richtige auf falsche Weise taten. Die deutsche Nation ist die kraftvollste, zahlreichste und in vielen Hinsichten talentierteste Volksgruppe in Europa, und die Frage ist, wie diese Gruppe ihren Platz finden kann.« Von dieser Prämisse ausgehend schlug King-Hall vor, die Nato möge - obwohl die Bundesrepublik, damals weder eine Bundeswehr hatte noch der Nato angehörte - einen deutschen General zum Oberbefehlshaber des europäischen Nato-Hauptquartiers in Paris machen: »An der fachlichen Eignung mehrerer Deutscher für diesen Posten ist kein Zweifel möglich, und wenn einer dieser Männer diese Stellung einnehmen würde, würden sich neunzig Prozent der deutschen Nation die Beine ausreißen, um zu beweisen, daß sie bessere Europäer als andere sind.«

SCHRULLIG UND NAIV, wie King-Halls Publikationen sehr häufig sind - er betätigte sich auch als Lustspiel-Autor und Leiter einer zeitweilig sehr beliebten Rundfunksendung für Kinder -, haben seine Bücher und Artikel bei der britischen Öffentlichkeit stets ein, freilich meistens etwas amüsiertes, Interesse gefunden.

Den größten Erfolg erzielte er mit seinem jüngsten Buch, dessen englischer Titel »Defence in the Nuclear Age« (Verteidigung im nuklearen Zeitalter) lautet.

DER PAZIFISMUS, den er darin propagiert, geht über die Abrüstungs-Ideen etwa Bertrand Russells hinaus und unterscheidet sich auch von den Thesen des indischen Praktikers der passiven Resistenz, des ermordeten Mahatma Gandhi. King-Hall fordert, daß Westeuropa propagandistisch die Sowjets in eine Verteidigungsposition drängen soll. Sollten die Sowjets das entwaffnete Westeuropa besetzen, so könnten - meint King -Hall - die betroffenen Völker den Krieg aussichtsreich fortsetzen, indem sie die Besatzungstruppen geistig mit den Ideen der parlamentarischen Demokratie infizieren.

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