Zur Ausgabe
Artikel 59 / 96

ÖSTERREICH / KAFEE-KRIEG Sitzen und Stehen

aus DER SPIEGEL 44/1970

Die trinkfreudigen Österreicher konnten bisher unter 261 amtlich anerkannten Typen von gastgewerblichen Betrieben wählen, um ihren Wein- oder Kaffeedurst zu stillen.

Seit vorletzter Woche gibt es eine 262. Variante: »Stehkaffeeschenke, verwandt dem Espresso.

Diese Bereicherung rotweißroter Folklore ist dem zähen Kampfesmut der Hamburger Firma Tchibo Frisch-Röst-Kaffee Max Herz zu verdanken. Das deutsche Unternehmen beendete damit einen 20monatigen Wiener Kaffeehauskrieg siegreich -- wenngleich kostspielig: Tchibo zahlte eine runde Schilling-Million (140 000 Mark) an Strafgebühren, Gerichts- und Anwaltskosten.

Tchibo schritt im Frühjahr 1969 zur Entwicklungshilfe in Österreich. Sie war nötig. Die bundesdeutschen Bürger konsumieren pro Kopf und Jahr 4,9 Kilo Kaffeebohnen, die Österreicher, die schon Anno 1683, gleich nach dem Abzug der türkischen Wien-Belagerer, das erste Wiener Café gegründet und seither stets als Europas Koffein-Klassiker gegolten hatten, verbrauchen nur drei Kilo.

Die deutschen Kaffeeröster kamen mit einer für Wien neuen Idee: Ihre 13 Filialen verkauften das braune Gift sowohl paket- wie tassenweise. letzteres sensationell billig. Am Marmortischehen seines plüschigen Stammcafés zahlt der Wiener für die große Tasse Kaffee zwischen 6,60 und zwölf Schilling zuzüglich Trinkgeld. Am Tchibo-Stehpult nimmt man ihm bloß zwei Schilling ab.

Vom März 1969 bis September 1970 verkaufte Tchibo-Wien über 2,4 Millionen Tassen. Geschäftsführer Hermann Toth schreibt es der deutschen Initiative zu, daß der Wiener Kaffeekonsum im ersten Halbjahr 1970 gegenüber 1969 um 7,8 Prozent anstieg: »Der Bedarf ist hierzulande ungeheuer groß.«

Genau das aber bestreitet die aufgeschreckte österreichische Konkurrenz. Wiens Kaffeegroßhändler -- angeführt von den Firmen Meinl und Columbia -- finden im Gegenteil: Für Tchibo besteht keinerlei Bedarf.

Derselben Meinung sind die Besitzer der 403 Espressi und 490 Kaffeehäuser. Der dünne deutsche Filterkaffee, argumentieren sie, ruiniere Osterreichs Ruf als Land von Geschmack und Gemüt. Cafetier Ernst Weidinger: »Der Wiener soll seinen Kaffee sitzend und nicht stehend konsumieren.«

In angeblich patriotischem Zorn ("Tchibo schadet dem Fremdenverkehr!") mobilisierten die Marktverteidiger die österreichische Gewerbeordnung. Sie stammt aus dem Jahr 1859, wurde bisher 50mal novelliert und gilt heute als wirrer Dschungel von Gesetzen und Verboten, in dem selbst Spezialanwälte hilflos umhertappen.

Der freie Wettbewerb wird in Österreich durch ein steriles Konzessions-System unterbunden. Jeder Gewerbetreibende braucht eine engherzig definierte Konzession. Ob er sie erhält. hängt von der jeweiligen lokalen Bedarfsprüfung ab. Indirekt entscheiden somit die bestehenden Betriebe über die Zulassung des Neulings. Auch eine drittklassige Kneipe kann verhindern, daß sich ein dringend nötiges erstklassiges Restaurant auftut.

Wie grotesk diese Gewerbeordnung waltet, zeigen Beispiele:

* Unter den Gastbetrieben soll streng zwischen »Buffet-Espresso« -- Schwergewicht: Mokka -- und »Espresso-Buffet« -- Schwergewicht: belegte Brötchen -- unterschieden werden.

* Bäckereien dürfen Backwaren, nicht aber Zucker und Kaffee verkaufen. Denn »der Bäcker ist zwar Meister, aber nicht gelernter Verkäufer«.

* Eine Sauna ersucht vergebens um Buffet-Konzession, wenn sich in der Nachbarschaft ein Restaurant befindet

* Der Fleischer kann seine Würstchen mit Coca-Cola verabreichen. Der Verkauf und das Trinken von Bier ist in seinem Geschäft jedoch streng untersagt. Ein Kunde, der sich eine Flasche vom Laden nebenan holt, muß sie auf der Straße trinken. Im Fall Tchibo sprachen nicht nur die Cafetiers, Restaurant-Besitzer und Espresso-Inhaber mit. Auch Branntweiner konnten ihr Veto einlegen.

Vergebens suchte Hermann Toth den Wiener Gewerbebehörden in einer Flut von Eingaben zu beweisen, daß »ein Sitzkaffee im Café und ein Sitzkaffee bei »Tchibo« zweierlei sind. Die Schankkonzessionen wurden ihm verweigert. Und als er daraufhin seinen Kaffee konzessionslos ausschenkte, regnete es Geldstrafen wegen »unlauteren Wettbewerbs«, die sich auf 200 000 Schilling summierten.

Toth selbst faßte acht Tage Gefängnis. Monate hindurch beschäftigte der Wiener Kaffeekrieg Magistratsämter, Kammern, Handeisgerichte, ja sogar den Obersten Gerichtshof, das Verfassungsgericht.

Tchibo zahlte und sündigte hartnäckig weiter (Toth: »Jeder kleine Kaufmann wäre längst zugrunde gerichtet"). Als in einer Filiale die Kaffeemaschinen zwangsweise plombiert wurden, ließ Toth das Getränk in großen Behältern aus der Nachbarfiliale herankarren. Und als ihm durch Gerichtsurteil der Verkauf von großen Tassen zu zwei Schiling verboten war, begann er mit dem Ausschank von kleinen Ein-Schilling-Tassen.

»Beim nächsten Verbot«, schwor der Mann von Tchibo, »geben wir mittlere Tassen zu 1,50 Schilling ab. Und wenn uns auch die untersagt werden, streiten wir uns quer durch alle österreichischen Gerichte um die Frage, was große, mittlere oder kleine Tassen sind.«

Zuletzt landeten 13 Aktenberge zu je fünf Kilo -- einer pro Tchibo-Filiale -- im Handelsministerium. Obenauf lagen 40 000 Unterschriften von Wiener Kaffeetrinkern, die auf ihren billigen Stehkaffee nicht mehr verzichten wollten.

In der Zange zwischen Wiener Kaffeeverkäufern und Wiener Kaffeetrinkern, gab der sozialistische Handelsminister Josef Starlbacher Order, die Akten nicht liegen zu lassen, sondern kurzfristig »irgendwie« zu erledigen.

Eine Ministerialrätin zog persönlich los, um das Koffeinbedürfnis im Umkreis der einzelnen Tchibo-Geschäfte zu ergründen. Resultat: Die Hamburger Firma erhielt zunächst für drei Filialen die erstrebten Schankkonzessionen als Stehkaffeeschenken.

Teetrinker Starlbacher zu Toth: »Mir schmeckt zwar nicht, was sie ausschenken, aber ich bin dafür, daß Sie es ausschenken dürfen.«

Mehr lesen über

Zur Ausgabe
Artikel 59 / 96
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.