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INDIEN / HUNGER Skelette vom Land

aus DER SPIEGEL 4/1966

Amerikas Präsident Lyndon Johnson trieb zur Eile: »Bringt den Weizen so schnell wie möglich in die Bäuche der Inder.«

Mit 15 Millionen Tonnen amerikanischer Körnerfrüchte will Johnson Indien, die volkreichste Demokratie der Welt (480 Millionen Einwohner), vor der größten Hungersnot des Jahrhunderts bewahren. Indiens Agronomen und Astrologen haben sie übereinstimmend für März prophezeit.

Die indischen Reis-, Mais- und Weizenbauern werden bei der - noch nicht abgeschlossenen - Ernte 1965/66 kaum mehr als 75 Millionen Tonnen Getreide in die Scheuern bringen - 13 Millionen Tonnen weniger als im ohnehin schon kargen Vorjahr. Mittlerweile aber sind zwölf Millionen Mägen mehr zu füllen.

Volk und Regierung Indiens hatten das Desaster ruhig auf sich zukommen lassen. »Die Inder machen sich einfach nicht so viele Gedanken über die Zukunft wie die Westler«, konstatierte der Indien-Experte des angesehenen Londoner »Observer«.

Der große Hunger kündigte sich bereits im letzten Sommer an. Der Monsun brachte wenig Regen, weite Gebiete verdorrten. Doch das im Waffengang gegen Pakistan geweckte Gefühl nationaler Gloire verscheuchte bange Gedanken. Nur in Neu-Delhis Ernährungsministerium sah man die Gefahr. Die Beamten sprachen von der »größten Dürre seit Menschengedenken«. Nach der letzten »größten Dürre« - 1943 - waren zwei Millionen Inder verhungert. Damals hatte Neu-Delhi das wahre Ausmaß der Katastrophe erst erkannt, als Legionen wandelnder Skelette vom dürren Land in die Städte einfielen.

Auch Premier Schastri schätzte die Ernährungslage falsch ein. Noch im November kündigte er seinen Landsleuten für das neue Jahr lediglich »spezielle Schwierigkeiten« an. Um sie zu meistern, sollten alle Inder wenigstens einmal in der Woche auf eine Mahlzeit verzichten. Die Städter wurden aufgerufen, ihre Blumengärten umzugraben und Gemüse anzupflanzen.

Innenminister Gulzarilal Nanda - der nach Schastris Tod in Taschkent die Geschäfte des Premiers führt - gab ein Beispiel. Er ließ sich mit seiner Frau bei patriotischer Gartenarbeit photographieren.

Als der klar sehende Ernährungsminister Subramaniam im Parlament dafür plädierte, massivere US-Hilfe anzunehmen, wurde er von Links und Rechts beschimpft. Die Abhängigkeit von Amerika, der amerikanische Weizen, kränkt Indiens Stolz.

Seit Jahren ist Indien, eines der größten Agrarländer der Erde, Kostgänger der mächtigsten Industrienation. Die USA exportieren jährlich 20 Prozent ihrer Weizenernte in den Subkontinent und gewährleisten damit, daß Indien wenigstens am Rande des Existenzminimums leben kann.

Alte Tradition und neuer Nationalismus hemmen die Leistungskraft der indischen Landwirtschaft. Weil das Rindvieh heilig ist, schlachten die Inder keinen der 240 Millionen Wiederkäuer. Nur ein Drittel dieser Tiere ist nützlich: Die Ochsen ziehen Pflüge und Karren und drehen Wasserräder. Ein weiteres Drittel - die Kühe - verschlingt mehr Futter, als es Milch gibt. Und 80 Millionen ausgediente, aber heilige Kühe mampfen das Gnadenbrot.

Zudem wurden Indiens Ernährer unter Nehru planmäßig zugunsten der Schwerindustrie vernachlässigt. Nehru schmiedete eine schimmernde Wehr für den erwarteten Endkampf mit Pakistan und die drohenden Konflikte mit Peking. Das Landvolk muß den Boden noch immer mit den Holzpflügen der Vorzeit beackern.

Da das Geld für moderne Maschinen fehlt, wird das Korn altmodisch ausgedroschen. Es kann nicht sachgemäß gelagert werden, weil auch dazu das Geld fehlt. Schließlich sind die Bauern außerstande, den Feldzug gegen den gefräßigsten Getreidefeind zu finanzieren: die rund fünf Milliarden indischen Ratten.

Viele Dörfer haben kein elektrisches Licht. Ernährungsminister Subramaniam: »An den langen dunklen Abenden gibt es dort nur eine Freizeitbeschäftigung - die Liebe.« Indiens Bauern vermehren sich besonders rapide.

Ernährungsminister Subramaniam sah deshalb keinen anderen Weg: Er erbat zusätzliche amerikanische Getreide-Hilfe. Johnson versprach im Dezember für das nächste Jahr 15 Millionen Tonnen Weizen. Letzte Woche wurde die erste Ladung im Hafen von Madras gelöscht.

Mehr als je zuvor sind Nehrus Erben auf Amerika angewiesen. US-Agrar-Experten rechnen damit, daß Indien - wenn seine Landwirtschaft nicht mehr erzeugt - im Jahre 1970 etwa 50 Prozent des US-Weizens benötigen wird.

Innenminister Nanda, Ehefrau: Patriotismus im Garten

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