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Kaukasus Smartes Stück Kolonialismus

Von Erich Wiedemann
aus DER SPIEGEL 42/1993

Auf dem Grab von Elchan Husseinow steht ein großes Einmachglas. In dem Glas ist eine milchige Konservierungsflüssigkeit. Darin schwimmt ein armenisches Herz.

Elchans Mutter hat das Glas mit dem eingelegten Herzen auf das Grab gestellt. Sie wollte damit ein Zeichen setzen. Schaut her, sollte es heißen, das ist das tote Herz eines Feindes, dafür ist Elchan gestorben. Er war ein Held. Aserbaidschan braucht mehr solche toten armenischen Herzen für den Kampf gegen die russischen und armenischen Feinde.

Märtyrerfriedhof von Baku. Überall Heldenmütter.

Die »Allee der Opfer«, an der die meisten Toten bestattet sind, ist ein beliebtes Ausflugsziel. Viele Bakuer kommen sonntags nachmittags zum Picknick hierher. So hoch über der Stadt hat man nicht ständig den brackigen Petroleummief in der Nase, der aus den schwarzen Bohrturmwäldern draußen in der Bucht herüberweht.

Die Gräber sind mit schorfigem Magerbeton versiegelt. Am Kopfende sind Fähnchen mit Namen und Fotos der Toten eingelassen: Wadim Seidow, 23 Jahre; Sawar Alijew, Helikopterpilot, 36 Jahre; Kulmura Mendijewa, 3 Jahre. Und noch weitere 745 Namen.

Unter einer Krüppelkiefer vor einem Reihengrab kniet eine alte Frau im Pünktchenkleid und murmelt Koranverse in den Wind. Neben ihr, gleichfalls in Andacht versunken, ein Mullah im grünen Kaftan. Er hat die Augen geschlossen und hält die linke Hand der alten Frau mit beiden Händen fest umklammert.

Um den Baum neben dem Grab ist eine Schärpe in den aserbaidschanischen Landesfarben geknotet. Daneben hängt das kolorierte Foto eines jungen Mannes. Er heißt auch Elchan. Er war erst zwei Monate freiwillig bei der Armee, als er im Norden von Berg-Karabach in den Kämpfen gegen die Armenier getötet wurde. Die Witwe Chanuna Rissajewa sagt: »Die Russen haben ihn umgebracht.« Das ist nicht bewiesen. Sicher ist nur: Die Soldaten der russischen Garnison haben mitgeschossen, als die Armenier im Frühjahr die Aseri aus Berg-Karabach hinauswarfen.

Der alte Haß auf die Russen hat frische Wurzeln. Im Januar 1990 rückten Sowjetsoldaten nach Baku ein und töteten 131 Menschen. Am 26. Februar 1992 starben in Chodschal in Karabach über 500 Aseri im Feuer des 366. Motorisierten Russischen Infanterieregiments. Das soll plötzlich alles vergessen sein?

Der ehemalige aserbaidschanische KP- und KGB-Chef Gejdar Alijew, der im Juni Präsident Abulfas Eltschibej aus dem Amt jagte, hat erklärt, er wolle einen Neuanfang. Deshalb hat er Aserbaidschan auch wieder in die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) eingegliedert. Daß er Freundschaft mit den Russen will, liegt aber nicht nur daran, daß er früher lange Jahre ihre Kreatur war. Er hat auch eingesehen, daß es im Kaukasus unmöglich ist, in Frieden zu leben, wenn es den Russen nicht gefällt.

Die Schlächterei in und um Berg-Karabach dauert nun schon fünf Jahre. Erst war es eine Art Befreiungskrieg. Die armenische Bevölkerungsmehrheit erhob sich gegen ihre aserbaidschanischen Herren, weil die ihnen die Selbstbestimmung vorenthielten. Sie wollten Autonomie und eine Landverbindung zur Republik Armenien.

Vier Jahre lang hielten die Aseri aus. Dann griffen die Russen ein, und dann fiel eine Stadt nach der anderen an die Armenier. Inzwischen haben die Aufständischen nicht nur Karabach, sondern auch etwa ein Fünftel des restlichen aserbaidschanischen Staatsgebiets besetzt. Und weil es ein so flotter Durchmarsch war, stießen die Armenier gleich weiter vor bis dicht vor die iranische Grenze.

Die armenischen Rebellen haben erklärt, sie hätten kein Interesse daran, aserbaidschanisches Territorium zu erobern. Man darf ihnen das glauben. Im ehemaligen Latschin-Korridor und südlich davon haben sie fast alle Städte und größeren Ortschaften in Rauch und Flammen aufgehen lassen - Kelbadschar, Kubatli, Fisuli. Das hätten sie nicht getan, wenn sie das Aseri-Land hätten annektieren wollen.

Die Aseri haben in diesem Krieg keine Chance gegen die armenischen Karabach-Prätorianer. Die Armenier zählten schon im Zweiten Weltkrieg zur Elite der Roten Armee.

Die Karabacher sind vor allem besser motiviert als ihre Gegner. Aserbaidschan hat nicht mal eine richtige Armee, eher ein paar zusammenklabasterte Haufen von Stammes- und Clansoldaten, von denen viele vormittags noch nicht wissen, ob sie nachmittags auf dasselbe Kommando hören wollen wie gestern.

Die Armee ist knapp an Soldaten, weil nur arme Schlucker und die Söhne von Bauern einrücken müssen, die keine 20 Dollar Schmiergeld aufbringen können, um sich freizukaufen. Die Normstärke der Streitkräfte beträgt 50 000 Mann. Tatsächlich haben sie kaum mehr als 10 000 Soldaten unter Waffen. Mindestens doppelt so viele Vaterlandsverteidiger sind permanent abgängig.

Die aserbaidschanischen Streitkräfte sind miserabel ausgerüstet. Die Luftwaffe verfügt über kein einziges Flugzeug mehr, die Panzertruppe hat weniger als ein Dutzend funktionsfähige Panzer. In den Unionsrepubliken jenseits des Ural haben die abziehenden Russen ihren Erben die nicht mehr benötigten Waffen großzügig überlassen. In Aserbaidschan machten sie 170 Panzer, die sie mangels Transportkapazität nicht mitnehmen konnten, unbrauchbar und fuhren sie bei Lenkoran, 200 Kilometer südlich von Baku, einfach ins Meer. Da stehen sie nun und rosten.

Trotzdem haben die Russen am Westufer des Kaspischen Meeres jetzt wieder fest Fuß gefaßt. Sie ließen nicht locker, weil sie fürchten mußten, daß die schusselige Gelassenheit der Aseri einladend vor allem auf die benachbarte Hegemonialmacht Türkei wirken könne. »Ein russisches Imperium, das ist schlecht«, sagte Moskaus Botschafter auf einem Diplomatenempfang in Baku, Walter Schonja, »aber noch schlechter ist ein türkisches Imperium.«

Um ihr kaukasisches Glacis abzuschotten, hätten die Russen Aserbaidschan am liebsten kollektiv in Schutzhaft genommen. Weil das politisch nicht ging, versetzten sie die Armenier militärisch in die Lage, Berg-Karabach zu überrennen. Dann reichten sie den Unterlegenen die Bruderhand und forderten sie zur Rückkehr in die GUS auf: Seid nett, kommt zurück an die Kette, damit wir euch vor euren Feinden beschützen können. Wirklich ein smartes Stück Kolonialismus. Wegen des großen Erfolgs ging das gleiche Stück dann noch mal in Georgien und Abchasien über die Bühne.

Funksprüche, die bei der Eroberung von Kelbadschar abgehört wurden, lassen keinen Zweifel daran, daß russische Speznaz-Einheiten auf armenischer Seite mitgekämpft haben. Gefangene Russen haben ausgesagt, ihre Kommandeure hätten ihnen dafür Geldprämien und eine Kürzung des Wehrdienstes um sechs Monate versprochen.

Es ist nicht bewiesen, daß solche Offerten den Segen aus Moskau haben. So unübersichtlich, wie die Befehlsstrukturen in der russischen Armee zur Zeit sind, ist es gut möglich, daß örtliche Armeebosse ihre Soldaten gegen Bares an die Armenier verchartert haben. Sicher ist nur, daß das Resultat den Kremlherren sehr gelegen kam.

Sieg also auf der ganzen Linie für die Armenier. Aber für den auswärtigen Gebrauch kokettieren sie noch immer mit der alten Opferrolle. Slogan: Rettet Armenien vor dem Holocaust! Nur, daß diese Rolle einer Ortsbesichtigung nicht mehr standhält. Die Armenier sind jetzt viel öfter Täter als Opfer.

Doch die armenische Lobby in Washington war emsig. Obwohl die christliche Enklave im Moslemland nun bis zum letzten Quadratmeter von Armeniern besetzt ist, bekommt die Regierung von Aserbaidschan - als einzige Regierung der ehemaligen Sowjetrepubliken - wegen ihrer »Aggression gegen Berg-Karabach« keine Hilfe aus Amerika.

Die Horrorgeschichten, die von den armenischen Eroberungen überliefert werden, sind von bosnischem Zuschnitt. Vergewaltigungen, Gefangenenfolter, großflächige ethnische Säuberungen. Nur, daß man im Westen viel weniger davon erfährt, weil es hier - anders als in Bosnien - kein Reality-TV gibt.

Daß die karabachischen Landsleute nach der Erstürmung von aserbaidschanischen Orten zurückgebliebene Zivilisten, vorwiegend Alte und Kinder, gruppenweise mit Kälberstricken zusammenbanden und dann mit Maschinengewehren erschossen, wird in Rumpfarmenien nicht prinzipiell bestritten. Wenn es Massaker gegeben habe, so sei es gewiß auf die Erregung über vorausgegangene aserbaidschanische Greueltaten zurückzuführen, hieß es in Eriwan.

Der Bauer Suleiman Abdulajew aus Gari Gyschlag, einem Dorf im Korridor zwischen Karabach und Armenien, beobachtete aus einem Versteck, wie eine armenische Einheit einen Autobus mit 43 Frauen, Kindern und alten Männern überfiel, dem der Sprit ausgegangen war. »Kein Sprit?« rief der Kommandeur. »Wir helfen euch.« Er ließ im Bus zwei Kannen Benzin ausschütten und legte dann Feuer.

Wer aus dem brennenden Autobus zu fliehen versuchte, wurde erschossen. Suleiman Abdulajew sagt, er werde die Schreie der Kinder in dem brennenden Bus nie im Leben vergessen. »Ich werde nie wieder einem Armenier in die Augen sehen können, ohne ihn zu hassen.«

Als Gari Gyschlag vor den anrückenden Armeniern geräumt wurde, blieben 18 Menschen im Dorf zurück. Davon brachten die Armenier 7 bei ihrem Einmarsch um, die restlichen 11 wurden als Geiseln verschleppt.

Der Schulrektor Ibisch Askerow, so sagt Abdulajew, habe Widerstand bis zuletzt geleistet und sechs Armenier mit seiner Büchse erschossen. Die Eroberer nahmen dafür furchtbare Rache. Sie legten ihm einen Betonklotz auf die Brust, so daß er sich kaum noch bewegen konnte, und schnitten ihn dann mit Bajonetten buchstäblich in Scheiben. Sein Sohn Nadir mußte dabei mit einem Pistolenlauf an der Stirn zusehen.

Daß die Armenier gefangenen jungen Frauen die Köpfe glattrasiert und den Männern mit heißen Eisen christliche Kreuze auf die Brust gebrannt haben, wird hier nur ganz peripher beklagt. Das sind alte kaukasische Kriegssitten. Nicht fein, gewiß, aber auch nicht tödlich. So was ist oft genug auch auf aserbaidschanischer Seite passiert.

Nur, daß die alten Leute heute so infernalisch gequält werden, das sei neu, sagt Suleiman Abdulajew. Die Alten hätte man früher doch eher in Ruhe gelassen. Er räumt aber ein, daß dies ein Trend zur Barbarei sei, den man auf beiden Seiten finden könne.

Einer von denen, die in Gari Gyschlag zurückblieben, war Hussein Mussajew, ein 92 Jahre alter, schwer gehbehinderter Rentner. Er wollte lieber zu Hause sterben als flüchten. Aber sie ließen ihn nicht sterben. Sie nahmen ihm die Schuhe ab und zwangen ihn, 55 Kilometer weit barfuß bis zum Gefängnis nach Goris zu laufen. Dort kam er ein Vierteljahr später frei, nachdem seine Familie ihn ausgelöst hatte.

Der alte Mann wurde in der Haft mehrfach bis zur Bewußtlosigkeit gefoltert. Aber er hat die Geiselhaft immerhin überlebt. Hunderte von zivilen Kidnapping-Opfern wurden liquidiert, weil niemand für sie zahlen wollte. Nur die Jüngeren haben Aussicht, lebend davonzukommen - als Zwangsarbeiter in Armenien.

Es stimmt, die Aseri haben mit den Entführungen angefangen. Aber inzwischen haben die Armenier auf Massenkidnapping fast ein Monopol. »Diejenigen, die nicht flüchten können, werden systematisch als Geiseln verschleppt«, sagt Andre Picot, der Vertreter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz in Baku. Für die Freilassung eines Offiziers hätten die Angehörigen 200 Liter Sprit, umgerechnet 1700 Mark in bar und fünf Mädchen entrichten müssen.

Die armenische Strategie der verbrannten Erde, so heißt es beim Uno-Flüchtlingskommissariat, habe 900 000 Aseri aus Armenien, Berg-Karabach und den westlichen und südlichen Randgebieten entwurzelt. Das hört sich so an, als sei Entwurzelung im Kaukasus nur so schlimm wie Entwurzelung in Bosnien. Aber Chronisten, die beides erlebt haben, sagen, es sei hier schlimmer als in Bosnien.

Die aserbaidschanischen Flüchtlinge kampieren zu Zigtausenden unter freiem Himmel. Weil die Hauptstadt mit drei Millionen Menschen doppelt so stark bevölkert ist, wie es die Regierung für vertretbar hält, darf niemand mehr hinein, es sei denn, er qualifiziert sich durch Schmiergeld oder gute Beziehungen.

Die Lage vor der Stadt und vor dem Korridor im Süden ist apokalyptisch. Kein fließendes Wasser, kein Strom, keine Toiletten. Auch kein EG-Vermittler, der sich um Menschlichkeit sorgt. Der Winter wird grausam. In den Murowdag-Bergen nördlich von Berg-Karabach fallen die Temperaturen im Januar auf 20 Grad unter Null.

Die Überlebenden, die nicht unterwegs in den Bergen erfroren, wurden von Militärlastern abgeholt und mit ihren Koffern und Kartons, zum Teil auch mit Waschmaschinen und Kühlschränken irgendwo auf freiem Feld abgekippt. Menschlicher Abraum, den niemand entsorgt. Y

[Grafiktext]

_212_ Krieg um Berg-Karabach

[GrafiktextEnde]

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