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DIPLOMATEN So brüchig

aus DER SPIEGEL 52/1970

Als Willy Brandt 1966 Außenminister wurde, klagte der AA-Personalchef Paul Raab: »Nun ist mein Lebenswerk zerstört. Ich wollte aus diesem Haus ein christliches Ministerium machen.« Doch er hatte keinen Grund, verzagt zu sein.

Bis heute ist es dem Brandt-Nachfolger Waltet Scheel nur in Ansätzen gelungen) das CDU-programmierte Establishment seines Hauses sozialliberal aufzuforsten. In der letzten Woche unternahm Scheel einen weiteren Anlauf: Er holte sich die Billigung des Kabinetts für seinen Plan Nato-Botschafter Wilhelm Grewe, 59, und Uno-Botschafter Alexander Böker, 58, auf politisch weniger bedeutsame Posten abzuschieben,

Beide Diplomaten hatten Ihren Aufstieg als Protegés des ersten Westdeutschen Außenministers Konrad Adenauer begonnen. Grewe war der eigentliche Erfinder des Bonner Alleinvertretungsanspruchs, der Hallstein-Doktrin, Böker hatte schon beim Aufbau der ersten Dienststelle für auswärtige Angelegenheiten in Adenauers Kanzleramt mitgewirkt. Grewe und Böker repräsentieren eine ganze Truppe hoher Beamter, die von 17 Jahren CDU-Außenpolitik und Zum Teil sogar noch von Ribbentrops Außenamt in der Berliner Wilhelmstraße geformt sind.

So vertritt der ehemalige Ribbentrop-Beamte und spätere Bundespressechef Günter Diehl, ein Intimus von Kurt Georg Kiesinger, die Bundesrepublik als Botschafter in Neu-Delhi. In London sitzt Karl-Günter von Hase, Diehls Vorgänger Im Presseamt und zuletzt Staatssekretär beim CDU-Verteidigungsminister Gerhard Schröder. Der ehemalige Kiesinger-Helfer und Abteilungsleiter Im Kanzleramt, Horst Osterheld, hat die Bonner Mission in Santiago de Chile inne,

Weitere christdemokratische oder der CDU nahestehende Spitzen-Diplomaten in Auslandspositionen sind beispielsweise der ehemalige Staatssekretär Im Bundespräsidialamt Hans Berger (Vatikan), der frühere AA-Staatssekretär Rolf Lahr (Rom), Botschafter Helmut Allardt (Moskau), Professor Hermann Meyer-Lindenberg (Madrid), Norbert Berger (Rawalpindi) und Swidbert Schnippenkötter (Botschafter bei den Internationalen Organisationen in Genf).

In der Bonner Zentrale sitzen unangefochten unter anderen die CDU-Sympathisanten Berndt von Staden, Leiter der Politischen Abteilung des AA, Niels Hansen, Chef des Referats für europäische politische Integration, und Hans Schwarzmann, Chef des Protokolls, der Im Herbst nächsten Jahres als Botschafter nach Mexiko gehen wird.

Ebenfalls schon in der Wilhelmstraße war Gustav-Adolf Sonnenhol dabeigewesen, Botschafter in Südafrika und Freund von Walter Scheel, der gegenüber dem rassistischen Regime von Pretoria eine Politik der Annäherung empfiehlt, Er war NSDAP-Mitglied von 1931, später SS-Untersturmführer und Träger des SS-Totenkopf-Ringes.

Einschneidende Personalveränderungen -- etwa durch vorzeitige Pensionierung -- macht der gepflegte Korpsgeist der Diplomaten so gut wie unmöglich. Deshalb tauchen die von einem Posten Abberufenen stets auf einem anderen gleichen Ranges wieder auf. Grewe zum Beispiel soll in Tokio den Botschafter Franz Krapf ablösen -ebenfalls ein alter Wilhelmstraßen-Diplomat und ehemals Mitglied der Reiter-SS, aber mit Brandts Ostpolitik konform, Krapf seinerseits wird voraussichtlich Böker in New York ersetzen.

Für Böker wiederum war die Botschaft In Rio de Janeiro vorgesehen -- die er freilich wegen Tropenuntauglichkeit nicht übernehmen kann -» der jetzige Rio-Botschafter Ehrenfried von Holleben geht nach Lissabon, wo sich Bonns Vertreter Hans Schmidt-Horex kürzlich das Leben genommen hatte.

Aus Südafrika wird Botschafter Sonnenhol, den Scheel Anfang des Jahres zum AA-Staatssekretär hatte machen wollen (Bundespräsident Heinemann »Die Ernennungsurkunde unterschreibe ich nicht"), zur Wiedergutmachung auf den höher dotierten Posten in Ankara gehievt; der Vorgänger geht in Pension.

Bei dem ganzen Revirement taucht nur ein einziger Neuling auf: An die Stelle Grewes bei der Nato in Brüssel rückt Walter Gehlhoff, 48, Nahost-Experte des Auswärtigen Amts und stellvertretender Leiter der Politischen Abteilung. Gehlhoff steht den Sozialdemokraten nahe und absolvierte Anlang der 50er Jahre den dritten Lehrgang der Diplomatenschule Speyer.

Der selbstgezogene Nachwuchs des Auswärtigen Amts kommt wegen der Seßhaftigkeit der Altvordern auch unter der sozialliberalen Regierung nur selten In Spitzenpositionen, Überdies liegt auch er »Infolge Auswahl und Anpassung«, so der AA-Beamte und langjährige Kritiker des Ministeriums, Erich Knapp, vorwiegend auf CDU-Kurs, Und sogar die wenigen SPD-nahen Außenseiter müssen zu -- rückstehen, bis die Etablierten die Pensionsgrenze erreicht haben.

So wurde der Pressesprecher der Außenminister Brandt und Scheel, Jürgen Ruhfus, 40, erst einmal Botschafter im ostafrikanischen Kenia, der ehemalige Ruhfus-Stellvertreter Hans Joachim Eick, 45, sitzt als Botschafter in Uganda.

Dabei ist es für die Regierung Brandt-Scheel nachgerade lebenswichtig, ihre Außenpolitik in den internationalen Zentren von überzeugten und darum überzeugenden Botschaftern vertreten zu lassen. Wie wichtig, dafür boten Grewe und Böker das rechte Beispiel.

Grewe, der schon als einstiger Bonner Washington-Botschafter die Entspannungspolitik John F. Kennedys mißbilligt hatte und deshalb abberufen werden mußte (Kennedy: »Ich kann Grewe nicht ausstehen"), verärgerte Bonns Sozialdemokraten da durch, daß er die vom Ostblock enge regte und von Brandt unterstützte Einberufung einer europäischen Sicherheitskonferenz ablehnte, Aus Grewes »feinsinnigen Analysen der weltpolitischen Entwicklung« (Ex-Außenminister Gerhard Schröder) zog vor allem die Opposition Nutzen.

Böker hatte in seinen Berichte an das AA aus New York unverblümt die Begegnungen Brandts mit dem DDR-Ministerpräsidenten Stoph sowie die Ostverträge kritisiert. Letzte Gewißheit über Bökers politischen Standpunkt erlangte Bonns AA-Chef Ende September dieses Jahres bei einem Uno-Besuch in New York,

Eine Woche lang erläuterte Scheel dort Uno-Mitgliedern Sinn und Chancen der neuen deutschen Ostpolitik. Als Böker seinen Chef zu einem Treffen mit Polens stellvertretendem Außenminister Jozef Winiewicz im Uno-Gebäude führte, machte er Scheel auf einen Wandschmuck aufmerksam: eine Nachbildung der Papyrus-Urkunde des ersten bekannten Friedensvertrags, den Hethiter und Ägypter vor 3239 Jahren abgeschlossen hatten. Bökers beiläufiger Kommentar: »So brüchig wie der Vertrag mit Moskau.«

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