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»So christlich sind die Christen nicht«

aus DER SPIEGEL 48/1971

Der deutsche Katholizismus hat eine Schlacht verloren. »Publik« ist untergegangen. Sein Untergang demonstriert wieder einmal, daß die Leute des Geistes und die Träger von Macht und Geld nicht immer identisch sind. »Publik« war noch nicht soweit, daß es sich allein schon finanzieren konnte. Die aber, die das Geld der katholischen Kirche in Deutschland verwalten, geben kein Geld mehr.

Hier beginnt die Frage: Was ist einem deutschen Katholiken eine solche Wochenzeitung wert? Die Frage, ob die deutschen Katholiken wirklich im Ernst glauben, eine solche Zeitung haben zu müssen, oder ob sie und ihre Vertreter, die die Macht haben, vielleicht nicht gerade eindeutig gegen diese Wochenzeitung sind, aber im Grunde doch meinen, sie könnten ohne diese Zeitung auskommen, ja mit einem stillen Seufzer der Erleichterung feststellen, daß eben leider das Geld nicht reicht, so daß dieses allein der Sündenbock ist, gegen den eben nichts zu machen ist.

Wir, die man die Intellektuellen unter den Katholiken nennen kann (ohne deshalb ein Monopol für diesen Namen zu beanspruchen), werden also in Zukunft nur in evangelischen Wochenzeitungen schreiben können. Es wundert mich eigentlich, daß die deutschen Bischöfe offenbar mit dieser Situation ganz einverstanden sind. Denn ich kann mir doch nicht denken, daß sie meinen, ihre Kirchenzeitungen genügten für diese Dinge. die uns am Herzen liegen.

Wir fürchten, daß es ein Symptom der Gefahr ist, die wir kommen sehen: daß der deutsche Katholizismus, der diesen Untergang wünschte oder nicht verhindern wollte, sich innerhalb der deutschen Gesellschaft in ein Getto zurückziehen will, in ein Getto, in dem Ruhe und Ordnung herrschen, aus dem aller Pluralismus verbannt ist, in dem man weiter existieren kann wie in den sogenannten guten alten Zeiten.

Es gibt ja schon maßgebliche Männer in der deutschen Kirche. die nach dem Tag fast ausschauen, an dem die »kleine Herde« durch ihre kleine Zahl und ihre gesellschaftliche Bedeutungslosigkeit alle Probleme von selbst löst, die sonst gegeben wären.

Mir will scheinen, daß man lieber Kirchhofsruhe als Streit will, daß man sich nach dem Monolithismus unter den vier Pius, von Pius IX. bis Pius XII., zurücksehnt, nach einem Monolithismus, den man sich damals unter Verzicht auf weite gesellschaftliche Schichten (der Arbeiter und der Intellektuellen) meinte leisten zu können, weil auch dann noch genug Kirchenvolk bürgerlicher bis kleinbürgerlicher Art übrigblieb.

Ist der Untergang von »Publik« ein Symptom für den Marsch ins Getto? Wenn es so weitergeht, landen wir am Ende noch bei einer katholischen Publizistik, die im Stil der Leute vertrieben wird, die den »Wachtturm« an den Straßenecken verkaufen.

Die deutsche katholische Kirche hat durch »Publik« die seltene Chance gehabt, für die deutsche Gesellschaft ein Beispiel zu geben und zu zeigen, daß »systemimmanent« und »systemkonformistisch« nicht dasselbe sind, daß eine Gesellschaftsgruppe den Mut aufbringen kann, in ihr System eine kritische Instanz einzubauen, die ihr unangenehm sein kann.

Der deutsche Katholizismus hat diese Chance vertan, bei der er einmal nicht hintendrein hätte hinken müssen.

Wie wunderbar, wie christlich wäre es gewesen, wenn eine Institution nicht nur das Geld für sich selbst und ihre Aufgaben, sondern auch für eine Kritik an sich selbst aufgebracht hätte. Aber so christlich sind die Christen eben meistens nicht.

Der deutsche Katholizismus hat eine große Schlacht verloren. Mögen die, die dafür Ursache sind, sehen, wie sie dies verantworten können. Der deutsche Katholizismus war in den Zeiten seit der Aufklärung und der Französischen Revolution nie weit von einem Getto entfernt. Will er einem solchen noch näher rücken und ganz darin verschwinden«?

Für diese Gefahr gibt es leider auch noch andere Symptome in der Kirche von heute. Wird nach dieser verlorenen Schlacht nun zum Rückzug ins Getto geblasen? Wird dieser Rückzug noch durch pseudotheologische Deutung zum Marsch der wahren Christen durch die Wüste dieser Zeit aufgewertet? Das ist es, was wir fürchten.

Im letzten Konzil wurde zu einem anderen Marsch geblasen. Ist das denn schon wieder vorüber?

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