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»So ein Hass wie noch nie«

Protokoll der auseinander brechenden Beziehung zwischen Helmut Kohl und Wolfgang Schäuble
Von Ulrich Deupmann, Tina Hildebrandt, Hartmut Palmer und Rüdiger Scheidges
aus DER SPIEGEL 38/2000

Donnerstag, 9. Januar 1997 Ein trautes Bild: Im Bonner Kanzleramt posieren Helmut Kohl und Wolfgang Schäuble fürs CDU-Familienalbum - Vater und Sohn, Kanzler und Kronprinz. Der Fotograf Konrad R. Müller wurde einbestellt, um Freundschaft und Eintracht zu illustrieren. Die beiden mächtigsten CDU-Politiker der Bonner Republik präsentieren sich dem Publikum als ein Herz und eine Seele. Schäuble hat sein Jackett abgestreift und einen Pullover mit V-Ausschnitt übergezogen. Auch Kohl legt sein Sakko ab und schlüpft in die Strickjacke.

Aber das Foto ist eine Lüge, das Bild des innigen Einvernehmens eine Farce. Wenige Stunden zuvor hat es Kohl zum ersten Mal schwarz auf weiß bekommen, dass der Weggefährte selbst die Nummer eins werden will. Vorsichtig, aber unmissverständlich hat der Mann im Rollstuhl via »Stern« mitgeteilt, die Kanzlerschaft wäre eine »Versuchung«, der er wahrscheinlich nicht widerstehen würde. Er traue sich »im Grunde jedes Amt zu«.

Freitag, 10. Januar 1997 In der Bundespressekonferenz weicht Kohl der Antwort auf die Frage nach seiner Kandidatur bei der Bundestagswahl 1998 konsequent aus. »Kommt Zeit, kommt Rat«, sagt er.

Sonntag, 19. Januar 1997 In einer Sonntagszeitung fragt Schäuble provokant: »Können Sie sich vorstellen, dass einer im Rollstuhl eine Parade abnimmt?« Er selbst kann es sich vorstellen. Die Frage sei nur, »ob ich es werden will«, räumt der Fraktionschef im kleinen Kreis ein. Schäuble, der sonst so entschlossen vorangeht, zaudert. Er will den Kanzler »nicht bescheißen«. Am liebsten wäre ihm, wenn Kohl ihm das Kanzleramt frei Haus servierte.

Donnerstag, 30. Januar 1997 Überall gibt es verdeckte Diskussionen über die Kohl-Nachfolge. Der Kanzler ist so alarmiert, dass er sogar mit seinem parteiinternen Kritiker Peter Müller im Saarland telefoniert. Empört weist er Spekulationen über ein Prostata-Leiden zurück, die von Widersachern gestreut werden.

Montag, 24. Februar 1997 Schäuble kämpft um die Kandidatur für 1998, allerdings weiter nur mit verdecktem Visier. »Ich weiß, dass Helmut Kohl öffentliche Ratschläge, insbesondere von seinen Freunden, nicht schätzt. Und deswegen gebe ich ihm keine.« In der »Süddeutschen Zeitung« erscheint ein großer Artikel mit der Überschrift: »Gerede und Spekulationen in Bonn: Tritt Helmut Kohl im Herbst zurück? Es wird immer deutlicher, dass der Kanzler unter dem Stress seines Amtes leidet und Entscheidungen nicht mehr nach dem vertrauten Muster treffen kann.« Manchmal schneidend, manchmal säuselnd, teils ironisch, teils böse pflege sich Schäuble im Binnenbetrieb der Union zu Wort zu melden. Das klingt, oft am Ende von Sitzungen, dann so: »Entschuldigung, wenn ich die Harmonie störe.« Oder auch: »Da haben wir noch ein ganz kleines Problem.« Und gar: »Habe ich das richtig gelesen?« Kohl pflegt dann ruckartig nachzufragen, unwirsch den Kalender zu zücken, Schäuble aber Recht zu geben. Beide versichern, sich bedingungslos aufeinander verlassen zu können.

Freitag, 12. März 1997 Mehrere zehntausend Kohlekumpel von Ruhr und Saar marschieren vor dem Bonner Regierungsviertel auf. Wasserwerfer schützen das Kanzleramt. Eine seltsame Klassenkampf-Atmosphäre wird wach. SPD und Grüne profilieren sich als Arbeiterführer und verkünden den Ausstieg aus den Steuerverhandlungen mit der Regierung. Kohl betont vor der Unionsfraktion: »Wir weichen nicht zurück.« Im kleinen Kreis fragt er abends nachdenklich, »ob man sich vielleicht überlebt« habe.

Der Streit um den Sinn von Kohlesubventionen legt offen, dass zwischen Kohl und Schäuble auch ein Generationenkampf ausgebrochen ist. Der noch vom Krieg geprägte Kohl gibt Kohlearbeitern wie auch den Bauern gewöhnlich nach. Der Kanzler pflegt zu sagen: »Ein Land braucht Bauern, um sich zu ernähren, Schiffe, um etwas zu holen, und Bergleute, um zu heizen.« Auf die Forderungen Schäubles und der FDP zum »Auslaufbergbau« entgegnet er strikt: »Solange ich Kanzler bin, ist das mit mir nicht zu machen.«

Der CDU-Finanzexperte Gunnar Uldall sagt im Rückblick, diese Tage seien der »Wendepunkt« gewesen. Der Schäuble-Vertraute Hans-Peter Repnik: »Man konnte spüren, sogar in Zwiegesprächen, dass nun alles schwieriger wurde.«

Donnerstag, 3. April 1997 An seinem 67. Geburtstag kündigt Kohl überraschend in einem Fernseh-Interview seine erneute Kandidatur für 1998 an, lässt aber offen, ob er im Fall des Wahlsiegs die ganze Legislaturperiode durchstehen will. Die Entscheidung sei »sehr genau und sorgfältig überlegt« und mit der Familie besprochen.

In Kohls Umgebung heißt es später, der Kanzler habe Schäuble das Amt letztlich nicht zugetraut. Ende Oktober 1999 sagt Kohl auf die Frage, warum er Schäuble nicht den Vortritt gelassen habe: »Dann wäre der Euro nicht gekommen, und damit das klar ist: schon in meiner eigenen Partei nicht.«

Kohl hat Schäuble über seine Entscheidung nur wenige Stunden vorher verschwommen in Kenntnis gesetzt. Schäuble schäumt vor Wut, lässt aber in einer knappen Erklärung versichern, der Bundeskanzler könne sich »auf die volle Unterstützung und den Rückhalt der Fraktion verlassen«.

Mai 1997 Die Wähler sind Kohls Gesicht leid. In einer Umfrage äußern nur 39 Prozent, sie fänden es richtig, dass Kohl 1998 noch mal antritt, 56 Prozent votieren explizit dagegen.

In der Koalition wächst die Verzweiflung. Als die SPD ein neues Steuerkonzept vorlegt, werden die Gräben zwischen Kohl und Schäuble immer sichtbarer. Kohl nimmt Rücksicht auf die FDP, die den Untergang fürchtet, falls die Volksparteien sich einigen. Schäuble dagegen will sich mit der SPD einigen, weil er überzeugt ist, dass eine rasche Lösung der Probleme ohne sie nicht erreichbar ist.

Juni/Juli 1997 In der schwersten Haushaltskrise der Koalition beginnt die FDP, mit einem Ausstieg aus der Regierung zu liebäugeln. Kohl wehrt sich leidenschaftlich gegen die Überlegung, den Euro-Beitritt zu verschieben: »Mit dem Erreichen dieses Ziels verbinde ich meine politische Existenz. Wer einmal verschiebt, verschiebt möglicherweise auf immer.«

Schäuble wirkt bei den quälenden Detailverhandlungen zur Steuerreform resigniert, als mache er Dienst nach Vorschrift, ohne sich bei einer Illoyalität erwischen zu lassen.

Wäre Schäuble Kanzler, er würde »den Umbau des Sozialstaats mit dem eisernen Besen« angehen, versichert einer seiner Stellvertreter in der Fraktion. Aber Kohl hält dagegen: »Fahr den Karren nicht gegen die Wand! Überfordere die Leute nicht mit zu viel Reformen!«

Als Schäuble in der Koalitionsrunde mit den Partei- und Fraktionschefs von CDU, CSU und FDP hartnäckig gegen den Erhalt des Kohlepfennigs plädiert, verlässt Kohl trotzig und wortlos den Raum. Die Anlässe mehren sich, bei denen die Sechserrunde nicht mehr gemeinsam diskutiert, sondern Kohl sich mit je einer der drei Parteien zurückzieht. Ein Mitglied der Runde meint, für Schäuble müsse Kohls Entrücktheit »unglaublich frustrierend« sein: »Der eine denkt, der andere fühlt.«

Sommer 1997 Die Staatsanwaltschaft Augsburg erlässt Haftbefehl gegen den Waffenhändler Karlheinz Schreiber wegen Verdachts der Steuerhinterziehung. Als Schäuble davon in der Zeitung liest, wendet er sich unruhig an die CDU-Schatzmeisterin Brigitte Baumeister: »Ist das der, der mir das Geld gegeben hat?« 1994 hatte ihm Schreiber 100 000 Mark in bar in einer Plastiktüte ins Büro gebracht, wie Schäuble sich erinnert. Sie bejaht. Er fragt: »Wo ist das Geld?« Die Schatzmeisterin, so berichtet Schäuble später, sei ausgewichen. Schließlich habe sie zugegeben, das Geld sei nicht ordentlich als Spende verbucht worden.

Dank Schäubles Fürsprache ist die Baden-Württembergerin Schatzmeisterin geworden. Nun beschwert Schäuble sich bei Kohl über sie: Da sei Geld in dunklen Kanälen versickert, das sei nicht in Ordnung. Kohl reagiert, wie Schäuble sich erinnert, elektrisiert. Er ruft die CDU-Schatzmeisterin zu sich und fragt: »Hat die CDU eine Spende von Schreiber?« Baumeister: »Nicht direkt. Der Schäuble hat sie bekommen.« Baumeister fertigt auf Kohls Wunsch einen Vermerk an, in dem sechs Kontakte zwischen ihr und Schreiber notiert sind. In einem Punkt heißt es: »Im Frühjahr/Sommer 1994 habe ich auf Wunsch von Herrn Schreiber einen Gesprächstermin mit dem Fraktionsvorsitzenden Dr. W. Schäuble vermittelt.« Weder von 100 000 Mark noch von einem Sponsorenessen ist die Rede.

Kohl warnt Baumeister: »Pass auf, dass dies nicht öffentlich wird, sonst bekommst du große Probleme mit der Presse.«

Auch Schäuble ist nach einer Unterredung mit Kohl alarmiert und fordert »Brigitte« auf: »Schreib das alles ganz genau auf! Das kann noch gefährlich werden.« Schäuble tut nichts, um die Spende nachträglich bei der Bundestagsverwaltung zu melden, wie das mit vielen anderen zunächst vergessenen Spenden schon mal geschieht. Stattdessen trägt er das Geheimnis von nun an mit sich herum.

Mindestens Kohl, vielleicht auch Schäuble, ahnt, dass mit dieser Schreiber-Spende, die zu allem Überfluss - wegen einer Unachtsamkeit des sonst stets zuverlässigen und diskreten Finanzjongleurs Horst Weyrauch - Spuren in den Büchern hinterlassen hat, das ganze System der schwarzen Kassen auffliegen könnte.

August/September 1997 Im Gegensatz zu Kohl ist Schäuble fest überzeugt, dass es nicht ausreicht, nur mit dem Blockadevorwurf gegen die SPD in den Wahlkampf zu ziehen. Schäuble kommt zu der Einschätzung, er müsse einen letzten Versuch wagen, um den Widerstand der SPD bei der Steuer- und Rentenreform doch noch zu brechen. Schäuble und Rudolf Scharping knüpfen engen Kontakt. Hinter dem Rücken des Kanzlers und der Koalition vereinbaren sie einen Kompromiss zur Steuerreform. Schäuble stimmt einer Erhöhung der Mineralölsteuer zu, um die Beiträge zur Rentenversicherung zu senken, obwohl er einkalkulieren muss, dass die FDP deswegen die Koalition verlassen könnte. Die SPD-Spitze stimmt dem Kompromiss in der Erwartung zu, dass Schäuble seinen Vorschlag in der Koalition abgestimmt hat.

Hat er aber nicht. FDP und CSU protestieren heftig, auch Kohl reagiert verärgert. Es kommt zum heftigen Streit. Kohl stellt sich auf die Seite von CSU und FDP und tut Schäubles Vorstoß öffentlich als »Privatmeinung« ab. Er versteht die »Übertaktiererei« seines Kronprinzen nicht mehr. Führende CDU-Politiker spekulieren, Schäuble habe ein Signal für die Große Koalition aussenden wollen. In der Haushaltsdebatte im Bundestag vergräbt Schäuble bei Kohls Rede wie versteinert das Gesicht in den Händen.

Schäuble begründet sein Vorgehen im SPIEGEL (40/1997): »Ich wollte einen Stillstand der deutschen Politik vermeiden. Das war mein Motiv, dafür bin ich ein Risiko eingegangen, übrigens nicht nur für mich, sondern auch für die Koalition ... Manche sagen, ich sei ungeduldig. Ich finde das nicht, aber ich möchte gern Ergebnisse ... Leider ohne Erfolg. Das ist zutiefst enttäuschend.«

Oktober 1997 Vor dem CDU-Parteitag Mitte des Monats überlegt Schäuble, wen man zu Kohl schicken kann, um ihn zum Aufgeben zu bewegen. Er fragt den thüringischen Ministerpräsidenten und alten Kohl-Gefährten Bernhard Vogel. Aber der lehnt ebenso ab wie Norbert Blüm und Rudolf Seiters. Kohl, dessen Meldesystem in der Partei hervorragend funktioniert, hat selbstverständlich davon erfahren. In einem Interview sagt er: »Natürlich geht es um mich. Wer mich nicht mehr als Kandidaten will, der soll es offen sagen.«

Dienstag, 14. Oktober 1997 Auf Kohls müde Parteitagsrede setzt Schäuble in Leipzig das zukunftsweisende Gegenstück. Er warnt vor Besitzstandswahrung und sagt unter starkem Beifall: »Wir sollten das Nachdenken nicht verbieten wollen.« Der Beifall des Parteitags entwickelt sich zur Ovation. Kohl reagiert sofort. Für das Ende des Konvents bestellt er ein Fernsehteam und erklärt, der Fraktionschef solle sein Nachfolger werden. Drei Stunden später aber lässt er seinen Generalsekretär Peter Hintze klarstellen, die CDU habe einen Kanzler, und der wolle bis 2002 regieren. Damit hat er einerseits den Stimmungsumschwung aufgefangen, andererseits aber klargemacht, dass er selbst, niemand sonst, das Tempo und den Zeitpunkt des Wechsels bestimmt. Selbst Kohls Gegner halten das für einen genialen Schachzug.

Als Schäuble nach der Landung in Bonn die Nachrichten hört, ist er wie vom Donner gerührt. Er fühlt sich gedemütigt. Kohl hat ihn zum Kandidaten von seinen Gnaden degradiert. Fünf Jahre soll er den Kronprinzen spielen? Ihm wird klar, dass Kohl, wenn er es jemals war, nicht mehr sein Freund ist.

Donnerstag, 16. Oktober 1997 Die Frage »Kohl oder Schäuble« spaltet Bevölkerung und Partei. In einer Umfrage votieren 47 Prozent für Schäuble, 40 Prozent für Kohl. Heiner Geißler schimpft: »Wir sind keine Erbmonarchie. Sogar der Papst benennt nicht seinen Nachfolger.« Generalsekretär Peter Hintze unterstreicht, Kohl habe »noch für viele Jahre Freude und Kraft für das Amt des Bundeskanzlers«.

November 1997 Arbeitsminister Norbert Blüm muss eine Erhöhung des Rentenbeitrags von 20,3 auf 21 Prozent zu Beginn des Wahljahrs 1998 eingestehen. In einer turbulenten CDU-Präsidiumssitzung ruft Sachsens Premier Kurt Biedenkopf: »Die Rente ist ungefähr so sicher wie die Vollbeschäftigung.« Schäuble sagt mit Blick auf Blüm, man müsse nach vorn schauen, »obwohl mir das immer schwerer fällt«. Kohl beschränkt sich aufs Moderieren und überlässt Schäuble die Details: »So, Wolfgang, jetzt erklär's noch mal, wie es wirklich ist. Aber so, dass es auch alle verstehen.«

Dezember 1997 Kohl vergibt die letzte Chance zu einer Einigung über die Steuerreform und entscheidet sich, notfalls an der Seite der FDP unterzugehen. Schäuble, Theo Waigel und Scharping sind sich am 10. Dezember über einen Kompromiss zur Steuerreform einig. Weil der aber - wie schon im September - eine Erhöhung der Mineralölsteuer enthält, scheitert er am Widerstand der FDP. In der Koalitionsrunde setzt Kohl zwar die Liberalen mit lauter Stimme unter Druck: »Deutschland muss sich bewegen.« Doch dann gibt er dem Willen der FDP nach. Beim CDU/CSU-Strategiegipfel am 18. Dezember betont Kohl, es dürfe keinesfalls der Verdacht entstehen, man strebe eine Große Koalition an.

Januar 1998 Die Diskussion um den besseren Kanzlerkandidaten hält die CDU-Spitze auch im neuen Jahr in Atem. Schäuble setzt sich in zahlreichen Fernsehauftritten in Szene. Niedersachsens Ministerpräsident Gerhard Schröder macht kein Hehl daraus, dass für die SPD Schäuble der schwierigere Gegner wäre.

Bei der Klausurtagung des CDU-Vorstands in Windhagen erlebt die gesamte Parteiführung, wie angespannt und voller Misstrauen das Verhältnis zwischen Kohl und Schäuble mittlerweile ist. Kohl sagt: »Wer in die Opposition will, kann weiter über eine Große Koalition reden.« Da wird dem Kanzler eine Agenturmeldung von einem SPIEGEL-Interview Schäubles zugesteckt. Der erklärt darin, am Wahlabend werde man weitersehen, ob es zu einer Großen Koalition komme. »Was soll denn das jetzt?«, raunzt Kohl Schäuble an. »Bevor du dich aufregst, lies es erst«, blafft der zurück: »Ich weiß schon, was ich sage.«

Renate Köcher vom Allensbach-Institut projiziert bei der Tagung Folien mit den Persönlichkeitsprofilen von Kohl und den möglichen SPD-Konkurrenten an die Wand. Bei der Frage nach der Glaubwürdigkeit liegt Kohl weit vor Schröder und dem SPD-Vorsitzenden Oskar Lafontaine. Versehentlich legt sie plötzlich das Blatt mit den Umfrageergebnissen für Schäuble auf. Sofort ist für jeden im Raum erkennbar, dass dessen Werte viel besser sind als die von Kohl. Hastig zieht Köcher das Schaubild zurück: »Das wird jetzt technisch schwierig.« Viele CDU-Vorständler grinsen. Niemand sagt etwas.

Februar 1998 83 Prozent äußern sich in Umfragen unzufrieden mit der Regierung. Aber Kohl lässt sich seinen Optimismus nicht verdrießen. Landauf, landab versichert er: »Wir werden die Wahl gewinnen.« Es sei sonnenklar, dass Lafontaine sich die Chance auf die Kanzlerkandidatur nicht entgehen lassen werde. In Hintergrundgesprächen mit Journalisten singt Kohl Loblieder auf den Saarländer. Er hofft, ihn auf diese Weise als Gegenkandidaten herbeizureden. Denn Lafontaine, davon ist Kohl überzeugt, sei in Deutschland nicht mehrheitsfähig.

Nach einer Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen liegt Schäuble auch bei den CDU/CSU-Anhängern erstmals vor Kohl: 49 Prozent wollen Schäuble statt Kohl, 44 Prozent sind für Kohl. Im Dezember stand es noch 38 zu 56.

Sonntag, 1. März 1998 Schröders glänzender Wahlsieg in Niedersachsen und seine unverzügliche Nominierung zum SPD-Kanzlerkandidaten führen zum Stimmungsumschwung. 67 Prozent der Bevölkerung glauben jetzt an eine Abwahl Kohls im September. Geißler verlangt öffentlich, Kohl müsse mit sich »zu Rate gehen«, er habe »den Schlüssel in der Hand«.

Resignation macht sich breit. Nur Kohl verströmt Zuversicht, auch wenn die Koalition - wie bei der Abstimmung über den Lauschangriff - im Parlament Niederlagen einstecken muss. Umweltministerin Angela Merkel prophezeit: »Wir müssen uns ganz klar mit der Möglichkeit auseinander setzen, dass wir die Bundestagswahl verlieren können.«

Schäuble bekommt heimlich Besuch von fast allen CDU-Parteigrößen, die mit ihm über einen möglichen Kandidatenwechsel sprechen wollen. Zuerst sagt sich Biedenkopf an, dann viele andere, am Ende sogar der baden-württembergische Ministerpräsident Erwin Teufel. Schäuble-Vertraute fühlen bei Journalisten vor, wie ein Wechsel in den Medien ankäme.

Helmut Kohl sagt unbeirrt: »Es ist Frühjahr. Das ist die Zeit der Maulwürfe. Die kommen immer im Frühjahr hoch, nicht im Herbst.«

April 1998 Schäuble kommt zu dem Schluss: »Ich sag es ihm.« Ein Vertrauter warnt ihn: »Wolfgang, jeder darf's ihm sagen, nur du nicht. Das wirst du bitter büßen. Er wird sich rächen.« Schäuble versucht es dennoch. Er sagt zu Kohl: »Wir schaffen es nicht mehr.« Und erwartet dessen Gegenfrage: Wer dann? Schäuble sagt, er hätte dann geantwortet: Mit mir auch nicht, aber die Niederlage wiegt dann weniger schwer. Aber Kohl entgegnet stattdessen: »Ich will es noch mal wissen.«

Schäuble sagt im Nachhinein: »Kohl hatte abgehoben.« Kohl erwidert: »Die haben mich nicht genügend unterstützt.« Helmut Kohl stellt im CDU-Präsidium und im Vorstand die Vertrauensfrage. Doch im Angesicht des Patriarchen schweigen sie alle - wieder einmal.

Mai 1998 Kohls Hoffnungen auf die Stimmungswende zu seinen Gunsten mit dem Beschluss für den Euro beim EU-Gipfel verfliegen. Nur noch 15 Prozent glauben an den Sieg der Regierung. Kohls Rede beim CDU-Parteitag in Bremen reißt nicht mit. Am 25. Mai entlässt Kohl seinen Regierungssprecher Peter Hausmann und ersetzt ihn durch den CDU-Abgeordneten Otto Hauser, zu dem ihm seine Mitarbeiter Toni Pfeifer und Bernd Schmidbauer geraten haben.

Juni/Juli 1998 Kohls Wahlkampf gerät zu einer Abfolge von Pannen. Der neue Regierungssprecher wird zur Lachnummer. FDP-Generalsekretär Guido Westerwelle erklärt: »Für mich hat die Nach-Kohl-Ära bereits begonnen.« Volker Rühe kritisiert am 25. Juni Hintzes Rote-Socken-Kampagne als »Randthema«. CSU-Generalsekretär Bernd Protzner gibt versehentlich bekannt, die CSU werde eine Große Koalition nur aus der Opposition heraus tolerieren. Schäuble warnt vor einem Auseinanderbrechen der Union im Falle einer Wahlniederlage: »Eine Auflösung in mehrere bürgerliche Gruppierungen und damit eine Stärkung von Parteien am Flügel links und rechts muss verhindert werden.«

Mittwoch, 8. Juli 1998 Vor der CSU-Landesgruppe in Kloster Banz analysiert Kohl die politische Lage. Manche in der Union hätten den Glauben an einen Wahlsieg schon aufgegeben. »Das ist aber nichts Neues, dass manche in den eigenen Reihen feige und verzagt sind«, spottet Kohl und verspricht »eine gewaltige Wahlkampagne«.

August 1998 Ingeborg Schäuble löst mit einem Interview großen Wirbel aus: »Ich glaube im Übrigen, dass es nicht leicht wäre, der Öffentlichkeit das Bild eines Kanzlers im Rollstuhl zu vermitteln. Ich habe da sehr große Bedenken.« Auf die Frage nach der Kanzlerschaft sagt sie: »Mir geht es wie meinem Mann. Ich hoffe, dass die Frage sich gar nicht erst stellt.«

Schäuble liegt in den Umfragen vor Schröder, 78 Prozent halten die Wahl noch nicht für entschieden.

Kohl bunkert sich ein. Als Gesprächspartner akzeptiert er nahezu ausschließlich Kanzleramtsminister Friedrich Bohl und Staatsminister Toni Pfeifer. Häufiger als früher telefoniert er mit seinem pensionierten Berater Eduard Ackermann. Und wieder gibt es Krach mit Schäuble. »Er hat gesagt, er tritt für vier Jahre an, aber letzten Endes hat er auch ein Stück weit offen gelassen, was innerhalb dieser vier Jahre sein kann«, sagt Schäuble in einem Interview. Kohl tobt: »Ich kandidiere für diese Legislaturperiode. Punkt. Aus. Feierabend.«

Donnerstag, 17. September 1998 Zehn Tage vor der Wahl wird ein weiteres Schäuble-Interview bekannt, diesmal im »Playboy«. Kohls Nachfolge-Ankündigung nennt er »politisch ungeschickt: Es gibt in der Demokratie keine Personalentscheidungen auf Vorrat«. Mit Kohl verbinde ihn ein »intensives kollegiales Verhältnis«, aber keine »Männerfreundschaft. Das ist so ein besetztes Wort. Nein, wir kommen aus zwei politischen Generationen, schon deshalb kann das keine Männerfreundschaft sein«.

Sonntag, 27. September 1998 Schröder gewinnt die Bundestagswahl. Kohl sitzt um 18 Uhr im Kanzleramt. Sein Küchenkabinett ist bei ihm: Juliane Weber, Andreas Fritzenkötter, Michael Roik, Friedrich Bohl. Um 18.55 Uhr gesteht Kohl die Niederlage im Adenauer-Haus ein und dankt als Parteivorsitzender ab. Gleich darauf treten Schäuble und Verteidigungsminister Volker Rühe auf und geben wie siamesische Zwillinge Interviews in Serie. Damit scheint der Generationenwechsel in der CDU vollzogen.

Spätabends im Kanzlerbungalow beim Büfett mit Fisch und Entenbraten schimpft Kohl über das »Playboy«-Interview von Schäuble: »Die Hand, die segnet, wird gebissen.«

Montag, 28. September 1998 Schäuble organisiert den Übergang und arbeitet dabei eng mit Rühe zusammen. Da platzt der formal noch amtierende CDU-Vorsitzende Kohl mit der eigenmächtigen Ankündigung hinein: »Schäuble wird Fraktionsvorsitzender und natürlich Parteivorsitzender.« Rühe erklärt überrascht: »Eigentlich wollten wir das erst am kommenden Dienstag bekannt geben.« Das sei »nicht in Ordnung«.

Schäuble setzt neue Akzente: Er holt unbekannte junge Leute wie den Sozialpolitiker Karl-Josef Laumann nach vorn, sendet Lockerungssignale in Richtung Grüne, will das Verhältnis zur PDS-Fraktion im Bundestag entkrampfen.

Samstag, 7. November 1998 Schäuble übernimmt den CDU-Vorsitz mit einem Wahlergebnis von 93,4 Prozent, Merkel wird Generalsekretärin. Der zu Tränen gerührte Kohl wird verabschiedet und zum Ehrenvorsitzenden akklamiert. Zu den ersten Angelegenheiten, mit denen sich die neue CDU-Führung befasst, gehört das Finanzwesen von Helmut Kohl. Der frühere Generalsekretär Heiner Geißler warnt Schäuble, dass es unter Kohl Sonderkonten gegeben habe. Sie werden umgehend aufgelöst. Schäuble zieht Merkel über die 100 000-Mark-Spende des Waffenhändlers Schreiber ins Vertrauen.

Januar 1999 Zu seiner Rolle sagt Schäuble vor Vertrauten: »Fraktionschef bin ich mit Leib und Seele, Parteivorsitzender aus Pflichtgefühl.« In der Partei, auch bei Kohl, wächst die Irritation über Schäuble. Er habe »keinen Instinkt für die Seele der Partei«, klagen Parteifreunde. Erst nach dem überraschenden Wahlsieg in Hessen bessert sich die Stimmung.

Dienstag, 2. März 1999 Kohl und Schäuble verabreden beim Bonner Italiener »Il Punto«, dass Kohl im Europawahlkampf in den kommenden Monaten die zentrale Rolle übernehmen wird.

April 1999 Im Bundestag sympathisiert Kohl auf großväterliche Weise mit der neuen rot-grünen Regierung. Mit Schröder hat er abends im Kanzler-Bungalow, wo der neue Kanzler ihn weiterhin wohnen lässt, mehrmals Beratungsgespräche geführt. Begeistert applaudiert er Außenminister Joschka Fischer, als der dem PDS-Chef Gregor Gysi erklärt, weshalb Deutsche, die aus der Geschichte gelernt hätten, im Kosovo die Menschenrechte auch mit Bomben verteidigen müssten.

Mit seinen Gefährten und ehemaligen Mitarbeitern in der Partei und in der CDU-Zentrale telefoniert er weiterhin viel. Regelmäßig nimmt er an Vorstands- und Präsidiumssitzungen teil. Sein Autotelefon, hat er sich ausbedungen, zahlt die CDU. Kohl nimmt Einfluss, noch ohne dass Schäuble dies beunruhigt.

Montag, 26. April 1999 Beim ersten CDU-Parteitag unter Schäuble stiehlt Kohl dem Nachfolger die Schau. Der Altkanzler lässt sich am Abend, nachdem er wenige Tage zuvor die US-Freiheitsmedaille in den USA erhalten hat, von den Delegierten bejubeln. Er nimmt am »Kanzlertisch« Platz. Als er am nächsten Morgen in die Parteitagshalle kommt, unterbricht Claudia Nolte ihre Rede und sagt: »Wir begrüßen herzlich den Herrn Bundeskanzler.« Kohl geht aufs Podium und genießt den Beifall.

Sonntag, 13. Juni 1999 Die Union gewinnt die Europawahl mit 48,7 Prozent. Kohl triumphiert.

Donnerstag, 1. Juli 1999 Kohl spricht im Bonner Wasserwerk in der letzten Plenarsitzung vor dem Umzug das große Schlusswort der westdeutschen Wiederaufbaugeneration. Alle Fraktionen und sogar Gysi klatschen bewegt. Fast alle Parlamentarier erheben sich, Bundeskanzler Schröder gratuliert. Die grüne Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer sagt: »Sie waren für uns immer so etwas wie die Verkörperung der Bonner Republik.«

September 1999 Eine Serie von Wahlniederlagen in Ländern und Kommunen, die sich unter anderem gegen Schröders Sparpaket wendet, bringt den Kanzler ins Wanken. In Pfronten im Allgäu versammelt Kohl sein altes Kabinett um sich und hält eine fröhliche Sitzung bei Allgäuer Platte und Weißwein ab. Beim Grappa erreicht die Sause ihren Höhepunkt, als Ex-Wirtschaftsminister Günter Rexrodt (FDP) verkündet: »Wenn die anderen am Ende sind, rücken wir einfach wieder ein - ohne Vorwarnung.«

Kohl steigt sein »Revival« zu Kopf. Er verlangt für seine Auftritte Begleitpersonal von zehn Mann und bessere Lautsprecher. Schließlich sei er »derjenige, zu dem die meisten kommen«. Merkel lässt ihn abblitzen. Erbost beginnt der Ex-Kanzler nun das Mobbing. Das »Mädchen« habe den Laden nicht im Griff.

Schäuble erfährt, dass Kohl in ganz Europa herumtelefoniert, um sich selbst als Ehrenvorsitzenden der Europäischen Volkspartei zu empfehlen. Kohl hat gar nicht daran gedacht, den CDU-Vorsitzenden darüber zu informieren.

Oktober 1999 Kohl lässt Schäuble ausrichten, es sei sein »persönlicher Wunsch«, dass die Fraktion der umstrittenen Entsendung von Bundeswehrsoldaten nach Osttimor zustimme. Er erwarte entsprechendes Verhalten. Ein CDU-Führungsmitglied meint, Kohl habe tatsächlich mit einer Rückkehr zur Macht geliebäugelt: »Der hat geglaubt: Schröder kann's nicht, Schäuble kann's nicht, also würden ihn die Leute noch mal rufen.«

Freitag, 3. November 1999 Die Staatsanwaltschaft Augsburg erlässt Haftbefehl gegen den ehemaligen CDU-Schatzmeister Walther Leisler Kiep und löst damit die CDU-Spendenaffäre aus. In den Unterlagen des Waffenhändlers Schreiber hatten die Ermittler einen Hinweis auf Kiep gefunden. So kam heraus, dass Schreiber dem CDU-Schatzmeister 1991 eine Million Mark in einem schwarzen Koffer auf einem Parkplatz in der Schweiz übergeben hatte.

Dienstag, 9. November 1999 Zum zehnten Jahrestag des Mauerfalls wird Kohl wie ein Bismarck des 20. Jahrhunderts bejubelt. Wo er auftaucht, regt sich rauschender Applaus. In Prag ehrt man ihn mit dem Orden des Weißen Löwen, in Berlin trifft er George Bush und Michail Gorbatschow, in Frankfurt werden ihm die Ehrenbürgerrechte verliehen, der spanische Sozialist Felipe González hält die Laudatio.

Überall in der Partei streuen Kohl-Vertraute: Schäuble sei schuld an der Wahlniederlage von 1998. Er habe kein Gefühl für die Nöte der kleinen Leute gezeigt. Schäuble habe den Karren mit seiner falschen Strategie in den Dreck gefahren. Merkel warnt Schäuble vor Kohl: »Der spielt mit Ihnen.« Biedenkopf erzählt dem Parteichef, Kohl mache sich über ihn als den »amtierenden Vorsitzenden« lustig. Aber Schäuble wiegelt ab.

Donnerstag, 11. November 1999 Bei einer Durchsuchung des Büros von Horst Weyrauch werden Hinweise auf die schwarzen Kassen entdeckt. Weyrauch bestätigt, dass es Konten außerhalb der Schatzmeisterei gab, von denen die CDU-Bundesgeschäftsstelle »keine unmittelbare Kenntnis« gehabt habe. Auf die Frage der Staatsanwälte, ob die Rechenschaftsberichte der Partei unvollständig seien, antwortet Weyrauch, dass er »wahrheitsgemäß nur mit Ja antworten« könne.

In der CDU herrschten Hochspannung und Misstrauen. Wer weiß was über wen? Zwar steht Kohl wegen der schwarzen Kassen am Pranger - aber auch Schäuble hat einmal 100 000 Mark Schwarzgeld vom Waffenhändler Schreiber angenommen. Neben Kohl wissen Ex-Schatzmeisterin Baumeister und Merkel davon. Im September hatte Schäuble dem CDU-Bundesgeschäftsführer Willi Hausmann davon erzählt, nun auch seinem Freund Repnik.

Aber warum sollte ihn jemand verraten? Über Kohl weiß Schäuble auch allerhand, was der Altkanzler nicht aufgewärmt wissen möchte. Zum Beispiel die U-Boot-Affäre in den achtziger Jahren, als schon einmal Unterlagen im Kanzleramt verschwunden waren. Da sei er Kohl einmal sehr zu Diensten gewesen, vertraut Schäuble einem Parteifreund an. »Der säße heute sonstwo, hätte ich ihm damals nicht geholfen.«

Mitte November 1999 In seinem Bonner Büro im Adenauer-Haus trifft Schäuble den früheren CDU-Generalbevollmächtigten für die Schatzmeisterei, Uwe Lüthje, zu einem Gespräch unter vier Augen. Beim Abschied soll er Lüthje hinterhergerufen haben, dass es dieses Gespräch »nie gegeben hat«. Die »Süddeutsche Zeitung« berichtete dennoch Details. Lüthje habe mit dem Satz begonnen: »Tua res agitur«, zu Deutsch: auch »um deine Sache geht es«.

Lüthje soll Schäuble Kohls Schwarzkontensystem dargelegt und ganz offen vor »Aufklärungswut« gewarnt haben, die »nur in der Katastrophe enden« könne. Lüthje erinnert an die sechs Millionen Mark aus der Fraktionskasse, mit denen Kohl 1982 das Schwarzkontensystem begründet hat. Einig sind sich beide in der Einschätzung des Ex-Kanzlers. Kohl nehme weder auf Schäuble noch auf die Partei Rücksicht. Er denke nur an sich.

Dienstag, 23. November 1999 In der CDU wächst die Furcht, dass die Spendenaffäre sich ausweiten könnte. Den Abgeordneten schwant, dass das Problem Kiep in Wahrheit ein Problem Kohl ist. Jeder weiß: »Wenn Kohl hochgeht, dann sind wir erledigt.« »Unfassbar«, wenn auch Schäuble beteiligt wäre.

Kohl möchte alle Schotten hochziehen und - rauflustig wie immer - zur Gegenattacke blasen. Schäuble und Merkel hingegen beteuern unablässig, sie wollten aufklären. Kohl fühlt sich bestätigt, dass der Ziehsohn nicht das Zeug zum Krisenmanager hat. Vor Vertrauten sagt er: »Der kann es nicht. Der muss weg.«

Mittwoch, 24. November 1999 Die Haushaltsdebatte gerät zum Schlagabtausch über die Spendenaffäre. Auf Provokationen von SPD-Fraktionschef Peter Struck springt Kohl plötzlich erregt auf, greift mit hochrotem Kopf und zitternder Hand zum Mikrofon: »Das kann in der Art und Weise, wie hier verleumdet wird, nicht stattfinden.« Wie eh und je versucht er, die Situation zu bestimmen: »Jetzt hören Sie bitte zu!« Er besteht darauf, noch vor Weihnachten zu den Vorwürfen vernommen zu werden. In Partei und Fraktion wird der Auftritt als verheerend eingeschätzt.

Freitag, 26. November 1999 Die »Süddeutsche Zeitung« berichtet über Hinweise, dass Kohl mit Geld aus schwarzen Kassen »Landesverbände, aber auch Personen unterstützt hat«. Bei Weyrauch seien Reisekostenabrechnungen in die Schweiz für die »CDU Bonn« gefunden worden, rätselhafterweise gebe es auch Abrechnungen Weyrauchs über Exkursionen nach Zürich, die von der hessischen CDU bezahlt worden seien. »Sind dies Hinweise auf heimliche Konten in der Schweiz?«, fragt die Zeitung. Am Mittag erklärt Geißler im Radio, die Darstellung sei »im Wesentlichen richtig«. Schäuble erreicht Ko hl in Zürich bei der Credit Suisse, wo der Altkanzler als Berater tätig ist. Er drängt ihn, sich der Verantwortung zu stellen. Er werde das Finanzgebaren der CDU von unabhängigen Wirtschaftsprüfern checken lassen, droht Schäuble. Auch Merkel drängt auf »schonungslose Aufklärung«. Kohl blafft Schäuble an: »Du hast doch auch von Schreiber Geld bekommen.« - »Ja natürlich«, will Schäuble gesagt haben, »ich habe dir das damals doch erzählt.« Schäuble zu Vertrauten: »Ich habe nicht begriffen, dass er einschüchtern wollte.«

Dienstag, 30. November 1999, morgens Vor der Präsidiumssitzung ruft Kohl Schäuble an und sagt, sein Vertrauter Hans Terlinden, Abteilungsleiter in der CDU-Parteizentrale, habe noch etwas zu beichten. Terlinden berichtet Schäuble, dass er 1998 im Auftrag Kohls 100 000 Mark, die nicht auf offiziellen Konten lagerten, persönlich zu Kohls Heimat-Kreisverband nach Ludwigshafen gebracht habe. Und der Kohl-Mann macht gleich einen Vorschlag, wie er verschleiern würde. Man könne so tun, als sei der Transfer erst 1999 erfolgt. Dann sei die Zahlung »unschädlich für den Rechenschaftsbericht 1998«. Schäuble lehnt ab und fragt, ob es noch andere Geheimnisse gebe. Terlinden verneint.

Schäuble ahnt nicht, welches Spiel Kohl und Terlinden mit ihm treiben. Der Altkanzler und sein Vertrauter wissen zu dieser Stunde genau, was sie zugeben müssen und was sie für sich behalten können: Sie kennen nämlich das Protokoll der Zeugenaussage, die der CDU-Treuhänder Weyrauch vor der Augsburger Staatsanwaltschaft abgelegt hat.

Schäuble und Merkel versuchen seit Tagen, an dieses Dokument zu kommen, und Weyrauch hat es auch an die CDU-Zentrale nach Bonn abgeschickt. Aber der Brief landet bei Terlinden, und der reicht ihn sofort an Kohl weiter. Der Altkanzler ist über die Lage genau im Bilde, die amtierende Parteiführung stochert im Nebel.

30. November 1999, mittags Vor der Presse räumt Kohl Verstöße gegen das Parteiengesetz ein. Er »bedaure, wenn die Folge dieses Vorgehens mangelnde Transparenz und Kontrolle sowie möglicherweise Verstöße gegen Bestimmungen des Parteiengesetzes sein sollten. Dies habe ich nicht gewollt, ich wollte meiner Partei dienen«. Nach etwa 15 Minuten erhebt sich Kohl, verabschiedet sich von Merkel und Schäuble und verschwindet mit Rühe, dem Spitzenkandidaten der schleswig-holsteinischen CDU, zum Wahlkampf nach Lübeck.

30. November 1999, abends Kohl tritt in der Lübecker Kongresshalle auf. Eine Kapelle schmettert »When the Saints«, der CDU-Lokalfunktionär ruft: »Begrüßen Sie den Kanzler der deutschen Einheit.« Kohl durchschreitet die Halle durch ein jubelndes Menschenspalier. Mehr als 1500 Besucher klatschen im Takt und rufen »Helmut! Helmut!« Kohl schießen Tränen der Rührung in die Augen. Nur kurz streift er die Spendenaffäre: »Ich habe auch Fehler gemacht, und dazu stehe ich.« Später auf einem Ausflugsschiff erklärt er: »Glauben Sie nicht, dass es mir leicht gefallen ist, die Verantwortung zu übernehmen.« Es sehe ja beinahe aus, als renne er »den ganzen Tag mit Koffern voller Geld durch die Gegend«.

Donnerstag, 2. Dezember 1999 Der Bundestag beschließt die Einsetzung eines Untersuchungsausschusses. Schäuble spricht im Plenum von einem »Dunstschleier aus Verdächtigungen, Gerüchten und Andeutungen«. Der SPD-Abgeordnete Frank Hofmann entgegnet, man erlebe derzeit Dinge, die »der Gedankenwelt eines Mario Puzo entsprungen sein könnten«. Der Patriarch als Pate?

Angela Merkel erfährt, dass Terlinden das Protokoll der Zeugenvernehmung Weyrauchs an Kohl gegeben hat. Sie eilt in den Plenarsaal und erzählt es Schäuble. Der entscheidet in Sekunden: »Der Terlinden wird sofort gefeuert. Der muss den Schreibtischschlüssel abgeben und was dazugehört.«

Fünf Minuten später geht das Telefon an Schäubles Platz. Repnik nimmt ab. Juliane Weber fragt: »Ist der Wolfgang da? Der Kanzler will ihn sprechen.« Kohl ist verlegen: »Du, Wolfgang, gestern Abend bei dem Weihnachtsfest wollte ich dir etwas geben.« Es habe sich aber keine Gelegenheit ergeben. Schäuble glaubt ihm kein Wort: »Erzähl mir keine Märchen. Der Terlinden ist gerade gefeuert worden und hat dich angerufen.« Schäuble wirft Kohl »Illoyalität« und »Vertrauensbruch« vor: »Ich bin der Parteivorsitzende und nicht du.«

Am Nachmittag ergreift Schäuble in der Debatte über die Spendenaffäre das Wort. Sein Freund Repnik in der ersten Bank der CDU/CSU-Fraktion ist aufgeregt. Schäuble hat ihm vorher erklärt, er wolle bei dieser Rede seine Spendensünde, die Annahme der 100 000 Mark von Waffenhändler Schreiber, öffentlich gestehen.

Aber dann lässt Schäuble nur beiläufig fallen, er habe einen gewissen Schreiber am Rande eines Empfangs gesehen. Er habe »irgendwann im Spätsommer oder Frühherbst 1994« bei einem Sponsorenessen der CDU Herrn Schreiber kennen gelernt. »Ich habe Herrn Schreiber sehr wohl einmal getroffen. Das war es.«

»Mit oder ohne Koffer?«, ruft der Abgeordnete Hans-Christian Ströbele von den Bündnis-Grünen. »Ohne Koffer, das heißt: Ich habe vielleicht einen Aktenkoffer dabeigehabt. Ich weiß es nicht mehr genau«, schwindelt Schäuble. Seit zwei Jahren schleppt er sein schlechtes Gewissen mit sich herum - und lässt die letzte Chance zur Beichte verstreichen.

Jetzt ist es zu spät. Nun hat Schäuble nicht nur Schwarzgeld genommen, sondern auch noch das Parlament deswegen angelogen. Das ist ein Rücktrittsgrund. Und neben seinen Freunden Repnik und Hausmann wissen das auch Kohl, Merkel und Baumeister.

Ein paar Tage später ruft der Altkanzler den CDU-Chef in sein Büro. Er zeigt ihm einen Brief, den Schreiber ihm gefaxt hat. »Ich weiß gar nicht, wie der an meine Nummer kommt«, behauptet Kohl: »Was man alles so bekommt.« Erneut bringt Kohl damit die Schreiber-Spende ins Spiel.

Mittwoch, 8. Dezember 1999 Präsidium und Vorstand tagen wieder in Bonn im Adenauer-Haus. Kohl ist quasi vorgeladen. Der Wirtschaftsprüfer Hendrik Hollweg von Ernst & Young trägt vor, dass Weyrauch bis zu 17 schwarze Konten für die CDU angelegt hatte, über die wahrscheinlich eine zweistellige Millionensumme geflossen sei.

Kohl sitzt Schäuble, Merkel und dem Wirtschaftsprüfer gegenüber, und er bringt es fertig, den Spieß umzudrehen. Unversehens schüchtert Kohl den Wirtschaftsprüfer ein und examiniert. Er gibt sich überrascht ("Davon höre ich jetzt zum ersten Mal"), hakt nach ("Wie viele Konten gab es jetzt genau?"), schaut schließlich auf die Uhr und sagt: »So. Wolfgang, wir müssen jetzt zur PK.« Keiner ist dazu gekommen, Fragen zu stellen, Kohl ist Herr der Lage.

Donnerstag, 16. Dezember 1999 Kohl beklagt sich bei Lüthje, die Aufklärer in der CDU seien offenbar »nicht mehr zu bremsen«. Er selbst beichtet in der ZDF-Sendung »Was nun, Herr Kohl?«, dass er von 1993 bis 1998 Spenden in Höhe von »1,5 bis zwei Millionen Mark« entgegengenommen habe. Er weigert sich aber, die Namen der Spender zu nennen, »weil ich mein Wort gegeben habe«. Mit den »Kontenbeziehungen und Kontengestaltungen etwa bei unserer Schatzmeisterei« habe er »nie etwas zu tun gehabt«.

Später taucht der Name des Medienmoguls und Kohl-Freundes Leo Kirch als Spender auf. Weyrauch erklärt vor Staatsanwälten, diese Vermutung habe Terlinden geäußert. Kirch dementiert. Der Altkanzler wird im Dezember 1999 mit Kirch in München gesehen.

Montag, 20. Dezember 1999 Schäuble entscheidet, die 100 000-Mark-Spende Schreibers den Wirtschaftsprüfern zu melden. Ex-Schatzmeisterin Baumeister stellt ihm einen Beleg aus, auf dem steht, Schreiber habe im Herbst 1994 »im Nachgang« zu einem Sponsorenessen 100 000 Mark gespendet, die an sie »weitergegeben« wurden.

Aber Schäuble will diesen Vermerk nicht akzeptieren. Am Abend des 20. Dezember nötigt er Baumeister am Telefon zu einer zweiten Fassung, in der jeder Hinweis auf seine Person gestrichen wird. Die Wirtschaftsprüfer, an die der Vermerk weitergeleitet wird, sollen zwar wissen, dass es da 100 000 Mark gab, aber nicht, dass er, Schäuble, etwas damit zu tun hatte. Vor dem Untersuchungsausschuss bestreitet Schäuble später den abendlichen Anruf bei Baumeister. Erst als sie Zeugen präsentiert, fällt ihm die Sache plötzlich wieder ein.

Mittwoch, 22. Dezember 1999 Völlig überraschend für Helmut Kohl und Wolfgang Schäuble nimmt CDU-Generalsekretärin Angela Merkel das Heft in die Hand. Ohne Schäuble zu informieren, fordert sie in einem Artikel für die »Frankfurter Allgemeine« die Emanzipation der CDU von ihrem Übervater und Ehrenvorsitzenden. Die Ära des aktiven Politikers Helmut Kohl sei unwiederbringlich vorbei, schreibt die Generalsekretärin.

Schäuble liest das Stück im Auto und bebt vor Zorn. Er weiß, dass dieser Artikel der »Point of no return« ist, dass er eine Katastrophe auslösen wird. Kohl werde dies als Kriegserklärung werten. Damit ist der Konflikt zwischen beiden endgültig außer Kontrolle geraten.

Schäuble erwägt, Merkel zu entlassen. Dann verwirft er den Gedanken, weil er in der heiklen Lage keine neue Front aufmachen will. Wütend stellt er seine Generalsekretärin im CDU-Präsidium zur Rede. Vor Journalisten schimpft er, das dürfe nur »einmal in zehn Jahren passieren«.

Merkel räumt später im kleinen Kreis ein, mit ihrem Artikel sei »der Krieg mit Kohl in eine neue Phase eingetreten«. Sie habe die dümpelnde Affäre beschleunigen wollen. Viele Parteifreunde glauben, Merkel habe Schäuble - im Wissen um seine Spendensünde - dem politischen Untergang ausgeliefert.

Aus Kohls Büro wird von einem tobenden Altkanzler berichtet. »Illoyal und undankbar« seien Schäuble und Merkel. Das dilettantische Krisenmanagement werde immer schlimmer. Kohl stürzt sich in den Kampf: Er werde dafür sorgen, dass Schäuble jetzt ein Ermittlungsverfahren an den Hals bekomme. Er sagt: »Mal sehen, wer übrig bleibt.«

Nun reaktiviert er sein altes System.

Mittwoch, 29. Dezember 1999 Der Bonner Oberstaatsanwalt Dieter Irsfeld, 64, teilt Bundestagspräsident Wolfgang Thierse seine Absicht mit, gegen Kohl ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts »einer Untreue zum Nachteil der CDU-Bundespartei« einzuleiten. Das ist der vorläufige Höhepunkt der Spendenaffäre. Silvester 1999/Neujahr 2000 Beiläufig hat Schäuble zwei Tage vor Weihnachten mitgeteilt, dass die CDU-Fraktion Anfang 1997 1,146 Millionen Mark in bar an die Parteizentrale abgeliefert habe. Die Geschichte war im Weihnachtsfrieden untergegangen, aber jetzt kocht sie hoch. Die Stimmung in der Partei beginnt langsam gegen Schäuble zu kippen, und der glaubt nicht an einen Zufall, dass die Sache ausgerechnet am nachrichtenlosen Silvestertag hochkommt. Er sieht darin Kohls ersten Versuch, »mit dem ich politisch umgebracht werden sollte«.

Mittwoch, 5. Januar 2000 Kohl hat in seinem Büro einige Getreue versammelt. Zu ihnen zählen sein Vertrauter Toni Pfeifer, aber auch mindestens ein Redakteur der »Welt am Sonntag«, den er seit Jahren schätzt. Kohl strahlt: »Bald wird der Himmel wieder blau.« In Kürze würden wieder andere Verhältnisse in der CDU herrschen. Er schimpft über Schäuble. Jetzt müsse wieder jemand ran, der von der Seele der Partei etwas verstehe wie Jürgen Rüttgers. Schäuble mache die Partei kaputt, dabei habe er selbst Dreck am Stecken. Pfeifer ergänzt: »Der Schäuble kann es nicht, und die Merkel kann es noch weniger.«

Im Gespräch mit SPIEGEL-Redakteuren wird Schäuble gefragt, ob er selbst einmal Barspenden angenommen habe. Der CDU-Chef antwortet ausweichend. Er habe gelegentlich Spenden in bar bekommen, auch als Abgeordneter. Aber er sei immer davon ausgegangen, dass entsprechend den Bestimmungen von Partei und Gesetz damit umgegangen worden sei. Über Schreiber verliert er kein Wort.

Sonntag, 9. Januar 2000 Kohls Anwalt verkündet in der »Bild am Sonntag«, er sei sicher, dass außer der Millionen in »bar auch weitere Gelder der CDU gestiftet worden sind, ohne dass Helmut Kohl etwas davon gesehen oder gehört hat«. Jetzt weiß Schäuble genau, dass Kohl ihn vorführen will. Deshalb beschließt er, in die Offensive zu gehen und die 100 000-Mark-Spende selbst einzuräumen, bevor ihn andere als Lügner enttarnen.

Montag, 10. Januar 2000 Auch Merkel drängt. »Aber dann müssen Sie mich heute Abend im Fernsehen verteidigen«, bittet Schäuble. Möglichst beiläufig gesteht er in der ARD: »Ich habe es ja öffentlich schon ein paar Mal gesagt: Ich habe den Herrn Schreiber irgendwann 1994 im Zusammenhang mit einer Veranstaltung, wo wir Sponsoren geworben haben, dass sie spenden im Wahlkampf, kennen gelernt. Er hat am Tag danach eine Spende in bar abgegeben. Ich habe die an die Schatzmeisterei weitergegeben. Und ich habe dann jetzt, im Zuge der Aufklärung, die wir anstellen, festgestellt, die ist auch nicht veröffentlicht worden, sondern offenbar - die Wirtschaftsprüfer prüfen es noch - als sonstige Einnahme verbucht wurden.«

Und weiter: »Das waren 100 000 Mark.«

Im Anschluss daran sendet die ARD ein Live-Interview mit Schreiber. Der widerspricht Schäuble: »Erstens ist der Vorgang nicht so gewesen, wie Sie ihn gerade beschrieben haben ... das ist schon anders erfolgt. Aber ich würde trotzdem vorziehen, dass Sie Herrn Schäuble danach befragen.« Kurz darauf nennt Schreiber Schäuble einen »hinterhältigen Lügner«. Er habe die Spende nicht am Tag nach dem Essen an Schäuble übergeben, sondern erst am 11. oder 12. Oktober.

Kohls Kalkül geht auf. Aus dem Fall Kohl wird in den Medien schlagartig ein Fall Schäuble. Alle fragen: Warum hat Schäuble so lange geschwiegen? Warum die Widersprüche um die Übergabe? Wie gut kennt Schäuble den Waffenhändler wirklich? Wofür hat er das Geld bekommen?

Schäuble wähnt sich auf einmal in dem Kafka-Roman »Der Prozess«, »wo Unschuldige plötzlich immer mehr in Verdacht und Verstrickung geraten und sich fragen: ''Bin ich verrückt''«? Er durchschaut die Situation nicht mehr. Von Kanada aus schießt Schreiber aus allen Rohren und kündigt an, dass »in diesem Verfahren noch viele Details zum Schaden der politischen Klasse an die Öffentlichkeit kommen«.

Zum ersten Mal denkt Schäuble ernsthaft über seinen Rücktritt nach.

Dienstag, 11. Januar 2000 Schäuble schiebt die Schuld für die Verschiebung der 100 000-Mark-Spende ins Schwarzkontensystem auf Baumeister und zwingt sie, eine entsprechende Erklärung abzugeben. In der CDU heißt es: »Schäuble ist fällig.« Schreiber warnt: »Ich empfehle Herrn Schäuble dringend, bei der Wahrheit zu bleiben. Es ist unwürdig, jetzt die ganze Schuld auf Frau Baumeister abzuladen.« Baumeister ruft Schäuble an und teilt ihm mit, er habe sich nicht nur einmal mit Schreiber getroffen. Sie wisse, dass es mehr als ein Treffen zwischen beiden gegeben habe.

Donnerstag, 13. Januar 2000 Schreiber erklärt: »Ich habe bei dem Treffen mit Wolfgang Schäuble kein Bargeld übergeben.« Es sei um ein rein inhaltliches Gespräch mit Schäuble gegangen.

Schäuble bleibt bei seiner Version: Zum Ende der Abendveranstaltung sei Schreiber auf ihn zugekommen und habe gesagt, er wolle morgen früh bei Schäuble vorbeikommen. Am nächsten Vormittag, so Schäuble, habe Schreiber ihn aufgesucht und die Barspende »in einer Plastiktüte« dagelassen.

Freitag, 14. Januar 2000 Der langjährige hessische CDU-Vorsitzende Manfred Kanther räumt das hessische Schwarzkontensystem ein, nachdem er von einer bevorstehenden SPIEGEL-Veröffentlichung erfährt. Kanthers Nachfolger, Ministerpräsident Roland Koch, verspricht »brutalstmögliche Aufklärung«.

Samstag, 15. Januar 2000 Schäuble absolviert eine Wahlkundgebung in Schleswig-Holstein. Im Fernsehen werden nur die Zwischenrufer gezeigt, die sich auf die Spendenaffäre beziehen. Schäuble überlegt mit Merkel am Telefon, ob er der Partei so noch nütze.

Sonntag, 16. Januar 2000 Schäuble telefoniert mit Koch und Rühe und informiert sie über seine Rücktrittsabsichten. Rühe stimmt zu. Er glaubt, der Rücktritt könne ihn in seinem schleswigholsteinischen Wahlkampf helfen.

Montag, 17. Januar 2000 Schäuble teilt Merkel seinen Entschluss mit, doch die stoppt ihn. Schäuble müsse erst mit den Gremien reden. Ex-Schatzmeisterin Baumeister ruft abends Schäuble an, ob er sicher sei, von Schreiber das Geld bekommen zu haben. »Bist du krank im Kopf«, schimpft Schäuble. »Warum bringst du das durcheinander?«

Dienstag, 18. Januar 2000 Ende einer Männerfreundschaft: Um 8.30 Uhr, 90 Minuten vor der Präsidiumssitzung, bei der Schäuble seinen Rücktritt bekannt geben will, bedrängt er seinen langjährigen Weggefährten in dessen Büro, endlich die Wahrheit zu sagen. Kohls Spender gebe es gar nicht. Der Altkanzler entgegnet: »Wie kannst du so etwas sagen? Wieso bezweifelst du das bei mir? Du hast doch selbst auch eine Spende bekommen?« Wieder meint er die Schreiber-Spende.

Da platzt Schäuble der Kragen: »Ich habe in meinem Leben viel zu viel Zeit mit dir verbracht, und es wird keine Minute mehr geben.« Er wendet seinen Rollstuhl und ruft der Sekretärin Juliane Weber zu, dass er dieses Büro nie wieder betreten werde. Das 20minütige Gespräch ist bis heute das letzte der beiden Ex-Freunde.

Später sagt Kohl, dass er »noch nie« in seinem Leben »einen solchen Hass gespürt« habe.

Schäuble fährt zur Konrad-Adenauer-Stiftung und berichtet Merkel und Hausmann, die dort auf ihn warten. Um 9.50 Uhr trifft Biedenkopf ein. Unter vier Augen versucht Schäuble Biedenkopf zu überreden, sein Nachfolger als CDU-Vorsitzender zu werden. Der sächsische Ministerpräsident lehnt ab.

In der anschließenden Präsidiumssitzung bietet Schäuble offiziell seinen Rücktritt an. Einstimmig bewegt ihn das Gremium jedoch zum Bleiben. Blüm, der Kohl bei dessen Abschied vom Parteivorsitz 1998 noch rührend gefeiert hat, ergreift als Erster das Wort und zeigt Schäuble, wem seine Loyalität inzwischen gilt: »Wenn du zurücktrittst, tritt das ganze Präsidium zurück. Wir lassen dich nicht entsolidarisieren.« Biedenkopf argumentiert, man dürfe Kohl mit seiner alten Strategie, den Feind zu isolieren, diesmal nicht durchkommen lassen. Präsidium und Parteivorstand beschließen, Kohl solle die Spendernamen nennen oder bis auf weiteres seinen Ehrenvorsitz niederlegen. Noch am selben Abend teilt Kohl schriftlich mit, er verzichte auf sein Ehrenamt.

Donnerstag, 20. Januar 2000 Schäuble leistet im Bundestag Abbitte. Er entschuldigt sich zunächst dafür, »dass in unserer Verantwortung gegen Gesetze verstoßen worden ist und dass das Vertrauen in die Integrität demokratischer Parteien und Institutionen beschädigt wurde«. Dann auch dafür, »dass ich auf Zurufe nicht so reagiert habe, wie ich hätte reagieren müssen«.

Grünen-Fraktionschef Rezzo Schlauch wirft Schäuble vor, er sei »Teil und Teilhaber des Systems Kohl« gewesen. »Sie haben gekuscht und sich weggeduckt, kein Jota Zivilcourage aufgebracht. Sie haben es vorgezogen, nichts zu hören und zu sehen.« Merkel zieht im kleinen Kreis Bilanz: Schäubles Versuch, alles zunächst buchhalterisch und erst dann politisch aufzuarbeiten, sei gescheitert.

Am selben Tag bringt der langjährige Chefbuchhalter der CDU/CSU-Fraktion, Wolfgang Hüllen, sich um. Er hinterlässt zwei Abschiedsbriefe, aus denen hervorgeht, dass er in die schwarze Fraktionskasse gelegentlich auch selbst gegriffen hat. Als Schäuble den Abgeordneten die Todesnachricht in einer Sondersitzung überbringt, weiß das noch niemand. In der Fraktion herrschen Lähmung und Entsetzen.

Freitag, 21. Januar 2000 Kohl und Schäuble ringen um die Vorherrschaft in der CDU. Beim Neujahrsempfang der bremischen CDU lässt sich Kohl von der Parteibasis demonstrativ bejubeln. Schäuble und Merkel werben unterdessen um Unterstützung gegen Kohl. Noch nie war die Partei so tief gespalten. Fraktionsvize Peter Rauen aus Rheinland-Pfalz, der Kohl zu Beginn vehement verteidigt hat, ist zum Gegner geworden. Das alles sei »völlig unvereinbar mit dem Kohl, den ich mir vorgestellt habe«. Er glaubt: »Kohl hat den Machtkampf verloren.«

Montag, 31. Januar 2000 Auf eine Vorhaltung Schreibers hin muss Schäuble ein zweites Treffen mit dem Waffenhändler einräumen, das im Juni 1995 stattgefunden hat. Vorher hatte ihn Baumeister informiert, sie und weitere Mitarbeiter der Schatzmeisterei könnten dies bezeugen. Schäuble und seine Mitarbeiter wissen, dass seine Glaubwürdigkeit damit irreparabel erschüttert ist.

Dienstag, 15. Februar 2000 Nach der Rückkehr der Abgeordneten aus sitzungsfreien Wochen kommt es zu einer Revolte in der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, angeführt von der CDU-Landesgruppe aus Nordrhein-Westfalen. Schäuble lässt die Neuwahl der Fraktionsführung beschließen.

Mittwoch, 16. Februar 2000 Schäuble resigniert und legt seine Ämter als Partei- und Fraktionschef nieder. Am Tag darauf erklärt Schäubles Bruder Thomas: »Ich verabscheue Herrn Kohl, und da kann ich für die ganze Familie sprechen.«

Ohne Wolfgang Schäuble, sagt sein Bruder, wäre Helmut Kohl »nicht 16 Jahre Bundeskanzler geblieben«. Und er fügt hinzu: »Nachdem das alles deutlich geworden ist, darf man ein Fragezeichen daran knüpfen, ob dies so gut war und ob denn darin so ein großes Verdienst liegt.« Dass seine Unterstützung einem galt, der sie eigentlich nicht verdient hatte - diese Erkenntnis sei es, unter der sein Bruder Wolfgang heute »sehr leidet«.

Auch den angeblich unermüdlichen Einsatz des Kanzlers um das schwer verletzte Attentatsopfer Schäuble stellt der Bruder in Frage. »Es ist ja inzwischen bekannt, dass der Altkanzler nahe am Wasser gebaut ist«, giftet Thomas Schäuble, der immerhin Innenminister von Baden-Württemberg ist. »Wir wissen, dass Kohl bei jeder Gelegenheit auf Abruf weinen kann.«

Schäubles Fazit lautet: »Mag auch das von Helmut Kohl durchtränkte Klima nur langsam umschlagen, das pubertäre Sozialgefüge der Parteifamilie CDU noch eine Weile weiterbestehen, personell und sichtbar ist die Ära Kohl mit einem Triumph der Selbstzerstörung zu Ende gegangen.«

Donnerstag, 13. April 2000 In seiner Zeugenvernehmung vor dem Untersuchungsausschuss bemüht sich Schäuble, Kohl nicht beim Namen zu nennen. Er spricht in der dritten Person über ihn oder bezeichnet ihn als »den, der damals Kanzler war«.

Donnerstag, 6. Juli 2000 Vor dem Untersuchungsausschuss wird der Zeuge Dr. Kohl über seine Beziehung zu Schäuble befragt. Er antwortet: »Das Zerbrechen dieses persönlichen Verhältnisses gehört zu den bittersten Erfahrungen meines Lebens.«

Dienstag, 12. September 2000 Im Berliner Schiller-Theater wird der Abschluss des Zwei-plus-Vier-Vertrags gefeiert, der vor zehn Jahren den Weg zur Wiedervereinigung freimachte. Schäuble und Kohl gehören zu den geladenen Gästen. Als Kohl Schäuble sieht, läuft er demonstrativ auf ihn zu, um ihm die Hand zu geben. Schäuble blickt gequält zur Seite.

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