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RATHKE So eine Rolle

aus DER SPIEGEL 46/1969

Bonns christdemokratischer Zirkus verliert seine Zugnummer: Der Conferencier und Equilibrist Dr. med. Arthur Rathke, 49 ("Ich bin ein Seiltänzer ohne Netz und ohne Seil") gastiert am Rhein nur noch einen Monat lang.

Rathke, seit 1963 CDU-Sprecher und eigenwilliger Kopf der Abteilung Presse, Rundfunk, Öffentlichkeitsarbeit und Werbung in der Unionszentrale an Bonns Nassestraße, kündigte 20 Tage nach der Bundestagswahl den Dienst auf. Er übernimmt am 15. Januar nächsten Jahres den neugeschaffenen Posten eines Presse-Staatssekretärs bei der schleswig-holsteinischen Landesregierung in Kiel.

Zum Rückzug in die Provinz hatte den Parteisprecher der Kieler Innenminister Hartwig Schlegelberger animiert, wie Rathke Berliner von Geburt und Naturell. Bei einer Tasse Kaffee kamen sich die beiden zehn Tage nach der Wahl in der Bonner schleswigholsteinischen Landesvertretung rasch näher. Denn Rathke hatte längst Veränderungsabsichten.

Der CDU-Vorsitzende Kurt Georg Kiesinger, durch den drohenden Verlust der Macht verbiestert, hatte Rathke am dritten Tag nach der Wahl kurzerhand die Abreise in den zuvor bewilligten Jahresurlaub verweigert und Vorwürfe über die Wahlkampfführung vorgebracht.

Rathke heute: »Ich hatte mir gedacht, in der CDU nun so eine Rolle zu spielen wie früher der SPD-Pressesprecher Barsig in seiner Partei. Aber das zeichnet sich vorerst gar nicht ab, das ist zu schwierig. Das ist jetzt erst einmal ein Faß ohne Boden.«

Bis dahin hatte Rathke auch die schwierigsten Rollen elegant bewältigt. Seit ihn 1963 der geschäftsführende CDU-Vorsitzende Josef Hermann Dufhues als Parteisprecher angeheuert hatte -- Rathke war zuvor Pressechef des Deutschen Beamtenbundes -, mußte er für die Christdemokraten unter anderem zwei Wahlkämpfe, die Auseinandersetzung zwischen Adenauer und Erhard, Kanzler Erhards Sturz und drei Jahre Großer Koalition interpretieren.

Dem konservativen Parteivolk behagte oft nicht, was der Spötter und Party-Löwe öffentlich zum besten gab, vor allem, weil er gelegentlich auch eigene Parteiprominenz nicht schonte.

Zum Beispiel

* meinte Rathke, als es um den Kandidaten für das Amt des Staatsoberhauptes ging: »Professor Grzimek sollte Präsident werden, denn der kann wenigstens im Fernsehen mit einem Bundesadler auf der Schulter auf treten«;

* charakterisierte Rathke seine eigene Stellung in der Partei: »Das Schöne an meinem Posten ist, daß mich niemand um ihn beneidet«;

* nannte Rathke 1965 den damaligen SPD-Fraktionsvorsitzenden Fritz Erler einen »ehrlichen Mäkler« und »Westentaschen-Robespierre«;

* kennzeichnete Rathke das Ergebnis der letzten Bundestagswahl mit der Kurzformel: »Wie Scheel -- kahl, aber mit Locken.«

Der Schnellentwickler (Rathke übersprang zwei Klassen der Volks- und eine Klasse der Oberschule) rühmt selbstironisch seinen »reich ausgestatteten Bildungsfundus«. Er promovierte 1844 zum Doktor der Medizin und wurde Truppenarzt.

Nach 1945 schlug er sich anfänglich als Jazzpianist und Leiter der Combo »The Doc Band« im britischen Kasino zu Duderstadt durch (Rathke: »Auf der Verpflegungsliste der Tommys lautete mein Titel: Kapellmeister des 25. Feldartillerie-Regiments des englischen Königs"). Danach studierte Rathke in Köln und Göttingen Soziologie und trat bei seinem Vater als Redakteur in den Deutschen Beamtenverlag ein.

Heute sieht sich der amüsante Außenseiter als »eine Art liebenswürdiger Irrer«. Irre sei es zum Beispiel, ein Leben lang Zinnsoldaten zu sammeln -- Rathke besitzt rund 8000 in Uniformen des 18. Jahrhunderts -- und Uniformkunde zu betreiben; der Bundeswehr-Reservemajor ist Mitglied der »ziemlich vornehmen« Gesellschaft für Heereskunde.

Und damit nicht genug: »Wenn ich an Partei, Zinnsoldaten und Uniformen müde werde, spiele ich Spinett oder stelle mich auf den Kopf. Das macht mich wieder frisch.«

Seinem neuen Job in Kiel sieht der Mediziner zuversichtlich entgegen: »Bisher hatte ich es mit mehr als 500 Korrespondenten zu tun, jetzt kommt es auf individielle Bedienung an.«

Er hat auch erkannt, daß er kurz vor seinem 50. Geburtstag im Januar nächsten Jahres »aufs richtige Pferd setzen muß, das einen lange tragen kann«. Der designierte Kieler Staatssekretär: »Ich glaube, ich hab's gefunden. Schleswig-Holstein ist zwar meerumschlungen, aber unerforscht.«

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