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AUFKLÄRUNG / SEXUALKUNDE-ATLAS So einfach

aus DER SPIEGEL 40/1969

Der Staatssekretär fühlte als Mutter: Hildegard Hamm-Brücher, höchste Beamtin im hessischen Kultusministerium, entschied: Dieses Buch »würde ich meiner 14jährigen Tochter nicht in die Hand geben«.

Die als progressiv bekannte FDP-Kulturpolitikerin meinte den Sexualkunde-Atlas, der von der SPD-Bundesgesundheitsministerin Käte Strobel im Juni auf den Schulbuch-.Markt gebracht worden war.

»Eltern. Die Zeitschrift für die schönsten Jahre des Lebens« rekapitulierte, was sich seitdem getan hat: »Noch nie war ein Schulbuch so umstritten wie dieses.«

Das Blatt schrieb die Wahrheit: Der Streit hub schon an, als sich in Bonn herumsprach, das Gesundheitsministerium plane eine Aufklärungsfibel. Die christdemokratische Bundesfamilienministerin Aenne Brauksiepe fürchtete wieder einmal ins Hintertreffen zu geraten. Zu frisch war noch die Erinnerung an einen anderen Aufklärungs-Erfolg der Kabinetts-Kollegin:

Der unter Assistenz des Strobel-Ministeriums gekurbelte Liebes-Lehrfilm »Helga« war zum »internationalen Leinwand-Hit« ("Bild") geraten: über 40 Millionen Zuschauer in aller Welt; 14 Millionen Mark Einspielergebnis allein in Deutschland bis Ende letzten Jahres.

Käte Strobel erhielt die »Goldene Leinwand«, einen Ehrenpreis der Kinobranche für Filme, die binnen eines Jahres drei Millionen Besucher zählen. Und die Preisträgerin versicherte, das Lichtspiel sei »nur ein Teil unserer Arbeit auf diesem Gebiet«. Sie kündigte weitere »Lehr- und Lernmittel« an, darunter einen »sexualkundlichen Atlas« für Schulen.

Prompt sah die »Stuttgarter Zeitung« die Gesundheitsministerin schon »auf dem besten Weg, sich um ein gesundes Verhältnis zum Geschlechtlichen verdient zu machen«.

Und prompt wurde Brauksiepe-Staatssekretär Dr. Barth im Konkurrenzministerium mit der Bitte vorstellig, sein Ressort »angemessen zu beteiligen«.

Doch Käte Strobel hielt den Bittsteller hin: Sie werde darauf »zurückkommen«. Auch ein Gespräch zwischen den beiden Kabinettsdamen blieb erfolglos:

Aenne Brauksiepe forderte, die Veröffentlichung zurückzustellen und das Buch »nach der sozialethischen und anthropologischen Seite« zu ergänzen. Käte Strobel lehnte ab: Die Herausgabe dürfe nicht verzögert werden. Und erst

drei Tage nachdem sie das Buch öffentlich vorgestellt hatte, erhielt die Gesprächspartnerin ein Exemplar.

»Die Welt« orakelte: »Man könnte fast den Eindruck haben, als seien Aenne Brauksiepe und Käte Strobel, seit sie Ministerinnen sind, so etwas wie Intimfeindinnen geworden.«

Diese Zwietracht begann jedoch nicht mit dem Einzug ins Kabinett, sondern mit der Herausgabe des Sex-Atlas. Das ist auch das Datum seit dem sich Ärger über diese Liebes-Lehre bundesweit ausbreitet.

Den Verband der Schulbuchverlage verdroß, daß ein Außenseiter, der C. W. Leske Verlag in Opladen, die Sex-Fibel herausbringen durfte. Verbandssprecher Hans-Peter Vonhoff: »Die Vorschriften über die Vergabe öffentlicher Aufträge sind nicht beachtet worden.«

Horst Thimm, Referent im Bundesministerium für Gesundheit: »Der Leske Verlag machte das günstigste Angebot.« Dagegen Vonhoff: »Die Erklärungen des Bundesministeriums für Gesundheitswesen sind leider unzutreffend.«

Die Öffentlichkeit aber spaltete sich schier angesichts der Qualitätsfrage des Sex-Buches. Das »Elternblatt. Zeitschrift für Elternhaus und Schule« rügte, der Atlas sei »nachlässig konzipiert« und »mit mangelnder Sorgfalt zusammengestellt«.

Die »Frankfurter Allgemeine« (FAZ) entrüstete sich über den »schnöden Jargon« ("Sexualkunde in der Klempner-Sprache") und zitierte als Beispiel eine anatomische Beschreibung: »Der Schamberg ist ein behaartes Fettpolster oberhalb der Scheide.«

Der Präsident der Katholischen Elternschaft Deutschlands, der Aachener Erziehungswissenschaftler Professor Dr. Franz Pöggeler, witterte Sittenverfall: Im Strobel-Atlas würden sexuelle Vorgänge so »selbstverständlich« geschildert »wie das Atmen und das Naseputzen«. Pöggeler: »Wenn die Techniken so »einfach« dargestellt werden, hat das fast Aufforderungscharakter: Man kann »es ja mal probieren.«

In der vergangenen Woche mißbilligte der Freiburger Erzbischof Dr. Hermann Schäufele den Atlas gar in einer Predigt »auf das schärfste«.

Kritisiert werden vor allem und von den meisten:

* die Farbbilder von der Austreibungsphase des Kindes bei der Geburt ("Ruhrwort": »abstoßend");

* die Darstellung des männlichen Gliedes mit syphilitischem Primäraffekt ("Underground": »Ein häßliches, ekelerregendes Organ");

* daß Begriffe wie Onanie, Petting und Homosexualität nicht genügend erklärt würden;

* daß zahlreiche wesentliche Themen (Sexualität und Neurosen) ausgeklammert, unwesentliche (Blutgruppen) dagegen betont würden;

* daß einige Angaben falsch seien (Versagerquote bei chemischen Verhütungsmitteln laut Atlas: zehn Prozent, in Wirklichkeit: bis zu 36 Prozent).

ins gleiche Horn stießen von rechts Volkswartbund und NPD. Die Tugendwächter vermißten »die ethische Wertung«; die Thaddenpartei entdeckte den »chaotischen Endzweck: von der Pornographie zur Anarchie!«

Vom linken Flügel tönte das pornopolitische Organ »Konkret«, der Sex-Atlas diene »eher der Erzeugung von Sexualangst und Sexualfeindlichkeit«. Er sei »eine Manipulationshilfe für die »Erzieher', die der Selbstbefreiung der sich emanzipierenden Jugend schaden soll«. Und »Underground«, das sich »Das Deutsche Schülermagazin« nennt, gutachtete: »Eine mit Wissenschaftlichkeit getarnte antisexuelle Propaganda.« Aber auch Lob wurde laut. wenngleich nicht so massiv wie der Tadel. So schlug sich ein SPD-Landesausschuß für Frauenfragen in Baden-Württemberg beherzt auf die Seite der Parteifreundin Strobel und erklärte das Buch »für geeignet, der Sexualerziehung in Schule und Familie eine sachlich fundierte Grundlage zu bieten«.

Der Münchner Jugendpsychologe und Pädagoge Professor Dr. Heinz-Rolf Lückert meinte, der Atlas sei »aus der Sicht der Biologen hervorragend«. Und ebenfalls in München nannte die »Süddeutsche Zeitung« die Sexschrift »eine diskutable Lösung«.

Das unterschiedliche Echo nahm Käte Strobel gelassen hin: »Wir haben nicht erwartet, daß man nur Loblieder singen wird. Bei solchen Versuchen geht man den Konservativen immer zu weit; den Progressiven bietet man zuwenig.«

Der geschäftliche Erfolg scheint der Ministerin recht zu geben: Wie ihr Sex-Film, so entpuppte sich auch ihr Sex-Buch als Senkrechtstarter. Von der ersten Auflage sind bereits nahezu 100 000 Exemplare verkauft. Verlage aus Japan, Amerika, Italien, Portugal, Indien und sogar den Ostblock-Ländern interessieren sich für die Nachdruckrechte.

Gleichwohl wird das Gros der deutschen Schüler, für die der Atlas gemacht wurde, vorerst noch

ohne den Bestseller in Sex geschult: Aufklärerin Strobel hat die Kultus-Chefs der Länder verprellt, denn im Atlas-Vorwort rühmte sie eine »beispielhafte Kooperation« mit »Sachverständigen sämtlicher Kultusministerien

Regierungsdirektorin Waltraud Klinkow vom Kieler Kultusministerium dementierte: »So was haben wir hier gar nicht.« Und der rheinlandpfälzische CDU-Kultusminister Bernhard Vogel äußerte gar »Abscheu« vor dem Buch.

Selbst SPD-Minister lassen das Strobel-Werk links liegen -- so der nordrhein-westfälische Kultusminister Fritz Holthoff wegen »einseitiger biologischer Informationen«.

Denn es herrscht interparteiliche Einigkeit in Sachen Sex: Keiner der elf Kultusminister (sechs von der CDU/CSU, fünf von der SPD) hat das Strobel-Werk bisher empfohlen, keiner gab es für den Unterricht frei.

Nur in Berlin, Hamburg und Niedersachsen wird der Atlas in einigen Klassen erprobt. In Hessen ist es den Schulen freigestellt, ihn zu benutzen.

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