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"Das kann doch nicht alles gewesen sein" So etwas wie Sturm und Drang

aus DER SPIEGEL 30/1976

Systematische Untersuchungen der Lebensmitte von einiger Relevanz existieren nur in Amerika. Diese stützen sich auf die von der Psychologin Charlotte Bühler und dem Psychoanalytiker Erik Erikson entwickelte These, daß das Leben in Stadien verlaufe und daß der Mensch seine psychische Gestalt von Stadium zu Stadium verändere. Solche Veränderungen bewerten auch Bühler und Erikson bereits als Krisen.

Charlotte Bühler geht in ihrem erstmals 1933 erschienenen Buch »Der menschliche Lebenslauf als psychologisches Problem« von fünf Phasen des Lebens aus. Als Charakteristikum der vierten Lebensphase nennt sie »eine zusammenfassende Selbstbewertung zum Zeitpunkt der Wende«.

Erik Erikson entwickelt in seinem 1950 erschienenen, unter Fachleuten als bahnbrechend geltenden Buch »Kindheit und Gesellschaft« acht Lebensstadien, von denen er drei dem Erwachsenenalter zumißt (ohne sie in Lebensjahren zu beziffern). Die im frühen Erwachsenenalter zu meisternde Entwicklungsaufgabe entscheidet sich, Erikson zufolge, in der polaren Spannung zwischen Intimität und Isolierung. In der Lebensmitte heißt der Konflikt: »Zeugende Fähigkeit gegen Stagnation«.

Erikson gebraucht in seinem englisch geschriebenen Buch für »Zeugende Fähigkeit« den Begriff »Generativity« und meint damit in erster Linie das Interesse an der nächsten Generation -- den Drang des gereiften Menschen, Erfahrungen weiterzugeben, Mentor zu sein.

Mißlingt »Generativity«, so ist die Folge, laut Erikson, ein »zwanghaftes Bedürfnis nach Pseudointimität ... oft verbunden mit einem übermächtigen Gefühl der Stagnation und Persönlichkeitsverarmung«.

Die -- nach einem Mäzen so benannte -- Grant Study, die der Psychiater Dr. George E. Vaillant an der Harvard Universität ausgewertet hat, untersucht die biographische Entwicklung von 268 klinisch gesunden männlichen Studenten über einen Zeitraum von mehr als 30 Jahren -- mit dem eindeutigen Ergebnis. daß diese Männer um ihr vierzigstes Lebensjahr eine der Adoleszenz vergleichbare Anpassungskrise erleben. Es verläßt sie dann, so Vaillant, der auferlegte Gleichmut ihrer beruflichen Lehrjahre, und sie machen abermals so etwas wie den Sturm und Drang ihrer Jugend durch.

Mit 35 Jahren haben alle diese Männer es kaum erwarten können, selber ans Ruder zu kommen; mit fünfzig Jahren waren sie, wenn sie über ihre Arbeit redeten, weit mehr als an dieser selbst an den Menschen interessiert, mit denen sie zusammenarbeiteten; und in der Zeit dazwischen machten sie eben jene »zweite Adoleszenz« (Vaillant) durch.

Zu inhaltlich vergleichbaren Ergebnissen kommt, wennschon auf andere Weise, ein an der Yale Universität beheimatetes Team, das von Daniel Levinson geleitet wird und in einer auf vier Jahre angelegten Studie vierzig Männer aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichter, vom Arbeiter bis zum Schriftsteller, beobachtet hat.

Levinson unterteilt das Erwachsenenalter in ein frühes (20 bis 40 Jahre). ein mittleres (40 bis 60 Jahre) und ein spätes (60 Jahre bis zum Tod). Im mittleren Stadium tritt nach Levinsons Erkenntnissen eine Krise auf, die er »Midlife transition« nennt, und zwar in der Regel Anfang der vierziger Jahre, zwischen zwei Phasen größerer Stabilität.

In der ersten dieser beiden Phasen ist der Mann voll damit beschäftigt. sozusagen sein eigener Herr zu werden. während die spätere Phase eine Zeit des Sichabfindens und der Einstellung auf das beginnende Alter ist. Dazwischen eben liegt die Krise der »Erfahrung einer Disparität zwischen dem, was ein Mann bis zu diesem Punkt erreicht hat, und dem, was er eigentlich erreichen will. Levinson: »Diese Krise birgt die Möglichkeit der Weiterentwicklung, aber auch Gefahren für das Ich.«

Die dritte Studie hat der Psychiater Dr. Roger L. Gould an der Universität von Kalifornien mit 524 klinisch gesunden Männern und Frauen erstellt -- wiederum mit ähnlichen Ergebnissen, was den Ablauf der Lebensstadien und speziell die Krise in der Lebensmitte angeht. Gould beobachtet in der Altersgruppe zwischen 35 und 43 Jahren ein »existentielles Infragestellen der eigenen Person, der Wertmaßstäbe und des Lebens überhaupt, aber mit einer Veränderung der Tonlage in Richtung auf stille Verzweiflung und mit einem wachsenden Bewußtsein für Zeitdruck«.

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