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»So, los, abstimmen!«

Schikane, Gängelung, Zensur gehörten zum Alltag der Schriftsteller in der DDR. Spektakulärstes Beispiel: der Ausschluß von neun unbequemen Autoren aus dem Schriftstellerverband im Juni 1979. Jetzt liegt dem SPIEGEL die Ausschrift einer Tonbandaufzeichnung der Relegationssitzung vor - ein zeithistorisches Dokument DDR-sozialistischer Säuberungspraktiken.
aus DER SPIEGEL 51/1990

Die Einladung war nichtssagend: »Tagesordnung: 1. Referat 2. Diskussion 3. Beschluß.« Aber jeder, der an der Versammlung der Berliner Sektion des DDR-Schriftstellerverbandes am 7. Juni 1979 im Roten Rathaus teilnahm, wußte, worum es ging - es sollten Köpfe rollen.

Über fünf Stunden, zeitweilig mit tumultartigen Szenen, dauerte »die Mischung aus Parteiverfahren und Schauprozeß«, wie es einer, der dabei war, beschreibt. Das Ganze endete nach Plan mit einem Scherbengericht: Auf einen Streich wurden neun Schriftsteller, unter ihnen Stefan Heym, von ihren Kollegen aus dem Verband ausgestoßen.

Einen solchen Eklat hatte es in der an Maßregelungen und Repressionen überreichen Geschichte der DDR-Kulturpolitik bis dahin nicht gegeben. Aber wenngleich der Autoren-Ausschluß damals in der DDR wie in der Bundesrepublik Aufsehen erregte, blieb das denkwürdige Tribunal schemenhaft: durch tendenziöse Verlautbarungen im Osten und kolportierte Bruchstücke im Westen.

Jetzt erst wird das ganze Ausmaß der Affäre deutlich. Denn von der ominösen Verbandssitzung, an der außer Literaten auch SED-Funktionäre teilnahmen, existiert ein Wortprotokoll, aufgezeichnet nach einem Tonbandmitschnitt. Das Dokument, bislang im Archiv des Schriftstellerverbandes gehütet, gibt detailliert Aufschluß über die Säuberungsaktion - ein Lehrstück darüber, wie die »Ingenieure der Seele« (so definierte Stalin kommunistische Schriftsteller) miteinander umsprangen, und ein erhellendes Kapitel aus der langen Geschichte »Deutsche Dichter und die Macht«.

Der Erzähler Joachim Walther, 47, im März 1990 zum stellvertretenden Vorsitzenden des DDR-Schriftstellerverbandes gewählt, war damals dabei und gehörte zu den wenigen, die gegen den Ausschluß stimmten. Nun will er das Protokoll herausgeben - zusammen mit prominenten Schriftstellern der ehemaligen DDR wie Wolf Biermann, Christoph Hein, Günter Kunert und Christa Wolf; ihre Namen sollen dafür bürgen, daß das Dokument nicht wieder verschwindet. Der SPIEGEL veröffentlicht Auszüge (siehe Seite 114).

Wie wenige andere Themen in der anhaltenden Aufarbeitung der DDR-Geschichte ist die Rolle der Schriftsteller umstritten. Die schrille Kontroverse um Christa Wolfs Erzählung »Was bleibt« - in eben jenem Jahr 1979 geschrieben und erst nach der Wende veröffentlicht - sowie die jüngsten Enthüllungen der umfassenden Bespitzelungen und staatlich organisierten Zermürbungen von Autoren wie Erich Loest und Reiner Kunze sind symptomatisch. Und nicht wenige Ost-Literaten, die es stets mit der Partei hielten, wähnen sich nun - beim Streit um die Lesarten der literarischen Vergangenheit - rückblickend im Widerstand.

Die Weißwäscher-Rituale von heute stehen in krassem Gegenlicht zu dem Übersoll an Huldigungen, das die literarischen Hofsänger früher Partei und Staat entgegenbrachten. Gerade 1979, als die DDR sich rüstete, ihren 30. Jahrestag mit Pomp zu zelebrieren, bemühten sich die Parteipoeten musterknabenhaft darum, das Bild einer linientreuen Phalanx abzugeben. Es galt, Dank abzustatten für die vom Staat gewährten Privilegien. Abweichler, die in diesen Jubelchor nicht einstimmten, waren zu disziplinieren oder auszugrenzen.

Seit der spektakulären Aussperrung des Dichters Wolf Biermann im November 1976, mit den nachfolgenden Protesten vieler DDR-Literaten und -Künstler, mußte die SED befürchten, daß ihr die Kontrolle über die Literatur-Szene entglitt. Damals begann die Partei, das ganze Arsenal staatlicher Repressionsmacht einzusetzen: Zensur, Publikationsverbot, Organisationsausschluß, ideologische Kampagnen, Ausbürgerung, Stasi-Verfolgung, Verhaftung - ein gestaffeltes, genau kalkuliertes Instrumentarium von Sanktionen. Die Folge: Viele Schriftsteller verließen notgedrungen das Land, darunter Reiner Kunze, Sarah Kirsch, Thomas Brasch, Jurek Becker, Jürgen Fuchs.

Aber immer wieder löckten Autoren wider den Stachel von Zensur und Bevormundung: Stefan Heym ("Collin") und Rolf Schneider ("November") publizierten ohne Erlaubnis der ostdeutschen Zensurbehörden systemkritische Bücher in der Bundesrepublik. Ihre Kollegen Joachim Seyppel, Karl-Heinz Jakobs und Erich Loest beklagten in westdeutschen Zeitungen die dogmatische Kulturpolitik der SED.

Klaus Poches »Atemnot«, im Westen veröffentlicht, behandelte das gleiche Thema in Romanform. Loest und Poche gehörten auch zu jenen acht Schriftstellern, die im Mai 1979 in einem offenen Brief an Parteichef Erich Honecker - mangels DDR-Gelegenheit in bundesdeutschen Medien publiziert - monierten: »Immer häufiger wird versucht, engagierte, kritische Schriftsteller zu diffamieren, mundtot zu machen oder strafrechtlich zu verfolgen.« Die einschlägigen Strafrechtsbestimmungen in der DDR waren kurz zuvor verschärft worden. Zum erstenmal wurden auch zwei Autoren im Zusammenhang mit West-Veröffentlichungen wegen »Devisen-Vergehen« zu Geldstrafen verurteilt: Stefan Heym (9000 Mark) und Robert Havemann (10 000 Mark).

Ein anderer offener Brief an Honecker, am 22. Mai 1979 im Neuen Deutschland abgedruckt, lag hingegen auf Parteilinie. Verfasser war der Schriftsteller Dieter Noll, der in den sechziger Jahren mit dem Kriegsroman »Die Abenteuer des Werner Holt« einen DDR-Hit geschrieben hatte. Noll bezeichnete seine Autoren-Kollegen Heym, Seyppel und Schneider als »kaputte Typen«, »die da so emsig mit dem Klassenfeind kooperieren, um sich eine billige Geltung zu verschaffen, weil sie offenbar unfähig sind, auf konstruktive Weise Resonanz und Echo bei unseren arbeitenden Menschen zu finden«. Heinrich Böll nannte den Noll-Text eine »öffentliche Denunziation«.

Kurz darauf, am 31. Mai, brachte das Neue Deutschland in großer Aufmachung das Referat, das Hermann Kant, der Präsident des DDR-Schriftstellerverbandes, am Tag zuvor auf einer Vorstandssitzung gehalten hatte (Auszüge siehe Seite 111). Kant, Jahrgang 1926, seit 1978 Amtsnachfolger von Anna Seghers, bereitete damit gezielt das Tribunal und letzten Endes auch den Ausschluß der neun Kollegen vor. In seiner unnachahmlichen Art, die rigidesten und regimefrommsten Ansichten mit rabulistischer Eloquenz vorzutragen, formulierte der Dichter-Chef die richtungweisende Direktive: »Dies ist die Zeit nicht, überaus sanft zu sein. Wir müssen uns schon wehren.«

Am 7. Juni 1979 kämpften die verfemten Autoren dann auf verlorenem Posten. Ihr Delikt in der Sprache der Ankläger: »Sie haben sich in den Dienst der antikommunistischen Hetze gegen die DDR und den Sozialismus gestellt.« Stefan Heyms flammendes Plädoyer für eine Literatur, »die unsere Welt in ihrer Widersprüchlichkeit darstellt«, blieb ohne Erfolg - wie Stephan Hermlins noble Rede gegen die Ausschlüsse.

Aber immerhin votierten rund 50 der etwa 400 im Sitzungssaal Anwesenden gegen den Bannspruch, auch Christa Wolf, die in der Versammlung stumm blieb. »Ich habe gegen die Ausschlüsse gestimmt oder mich der Stimme enthalten«, schrieb sie in einem »Bedenken«-Brief, den sie drei Tage später an den Verband absandte.

Nachdem sie die Ausgrenzungen, alle neune, hinter sich gebracht hatten, verabschiedeten die Saubermänner unter der Regie ihres Bezirkschefs und Versammlungsleiters Günter Görlich mit »eindeutiger Mehrheit« noch eine Ergebenheitsadresse an »die Genossen der Parteiführung«. Zum 30. Jahr des DDR-Bestehens gaben die Staatsdichter die Parole aus: »An der Seite der Arbeiterklasse gehören wir zu den Siegern der Geschichte.« Meinungen aus dem Saal zu dieser »Stellungnahme an das ZK« waren unerwünscht: »So, los, abstimmen!« Das tat der Klub der sozialistischen Dichter auch, denn, wie es in einem Biermann-Gedicht heißt: »Funktionär funktioniert.«

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