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SPIEGEL Gespräch »So ruhige 30 Jahre hatten wir lange nicht«

Der österreichische Altbundeskanzler Bruno Kreisky über das Jalta-Abkommen und die Neutralität seines Landes
Von Erich Böhme, Siegfried Kogelfranz und Cyrus de la Rubia
aus DER SPIEGEL 7/1985

SPIEGEL: Herr Altbundeskanzler, vor 40 Jahren wurde Europa in Jalta geteilt. Österreich wurde vor 30 Jahren durch den Staatsvertrag Nutznießer von Jalta. Wieso gelang es ihm, was Deutschland nicht glückte, die Einheit zu bewahren und die Besatzer loszuwerden?

KREISKY: Österreich ist kein Jalta-Opfer. Es verdankt seine Wiederherstellung einer Erklärung der drei Außenminister in Moskau vom Oktober 1943. Damals sind die Großen Drei übereingekommen, Österreich sollte als das erste Opfer Hitlers wiederhergestellt werden. Für mich stellt sich das so dar: Sie haben sich über nichts einigen können. Aber irgend etwas mußte ja herauskommen - weil die Journalisten immer fragen: »Was ist herausgekommen?«

SPIEGEL: Die Journalisten sind also auch für etwas gut.

KREISKY: Da haben sie zu unserem Glück das über Österreich beschlossen. Das war deshalb sehr wichtig, weil von jugoslawischer Seite eine Grenzziehung verlangt wurde, die mitten in Kärnten etwa in der Mitte des Wörthersees verlaufen sollte. Ich weiß das deshalb genau, weil mir ein britischer Diplomat nach dieser 1943er Erklärung eine Österreich-Karte gezeigt hat.

SPIEGEL: Das war im schwedischen Exil?

KREISKY: Ja, und da ist mir das wohlvertraute Bild der Landkarte Österreichs sonderbar erschienen. Die Schmalstelle ist noch schmäler gewesen, künstlich abgeflacht. Da hatten wohl die jugoslawischen Partisanen den Briten, mit denen sie guten Kontakt gehabt haben, ihre Vorstellungen vermittelt.

SPIEGEL: Sollte nicht auch noch Klagenfurt jugoslawisch werden?

KREISKY: Die Grenze sollte bei Klagenfurt verlaufen. Da habe ich sofort gesagt: Meine Herren, Sie werden sich doch nicht einbilden, daß das ohne Unterkärnten und ohne Südtirol geht. Da werden Sie auf unseren heftigsten Widerstand stoßen. Da hat er gesagt: Der Krieg wird über die Grenzen entscheiden. Später war es ein wirklicher Erfolg des englischen Außenministers Bevin, zu dem wir gute Beziehungen hatten, daß die Briten entschieden, die Jugoslawen müssen aus Österreich weg. Die britische Armee war sogar bereit, sie notfalls mit Waffengewalt zu verdrängen. Die Sowjet-Union hat zunächst Einwände gemacht, aber als dann der Bruch mit Tito kam, hat auch Moskau mit Vergnügen den alten Grenzen zugestimmt.

SPIEGEL: Südtirol war von den Italiener nicht zu holen?

KREISKY: Das ist eine eigene Geschichte, die ich doch einmal erzählen möchte. Im Krieg gab es eine gute Stimmung für uns. Es hat sogar Italiener im Exil gegeben, unter anderem Toscanini und andere demokratische Italiener, die gesagt haben, die Brenner-Grenze ist gar nicht so heilig, wenn Frieden herrscht, braucht man sie nicht. Sie waren für die Rückgabe Südtirols bis zur Salurner Klause. In den ersten Gesprächen waren auch die Westalliierten zu einem Kompromiß bereit. Die Grenze hätte bei Brixen verlaufen sollen, damit Nord- und Osttirol wieder verbunden sind.

SPIEGEL: Also doch nicht bis zur Salurner Klause?

KREISKY: Nein, das wollten die »Pfeffersäcke« in Bozen und Meran gar nicht. Die Begeisterung, an ein zum Teil von Russen besetztes Österreich angegliedert zu werden, war nicht so groß. Man hat sich dann damit abgefunden, daß die Grenze wieder am Brenner verläuft. Sie hätte aber - das war eine echte Chance - auch bei Brixen sein können.

SPIEGEL: Österreich erhielt immerhin seine alten Grenzen wieder, blieb ungeteilt, andere Jalta-Opfer kamen nicht so glimpflich davon - Polen, die Balkanländer, die Tschechoslowakei.

KREISKY: Jalta ist doch schlicht und einfach das Ergebnis der Situation, wie sie am Ende des Krieges bestand. Hätten damals die Westalliierten die Chance gehabt, über Jugoslawien eine zweite Front zu errichten, dann hätte es in Mitteleuropa und in Südosteuropa anders ausgesehen. Dann wären sie dagewesen. Aber Roosevelt wollte keine Balkanfront. Wie er Churchill schrieb, war es ihm gar nicht möglich, Hunderttausende von Soldaten zu opfern für die Eroberung eines Teils Europas, von dem viele in den USA meinten, daß dies keine Sache der Amerikaner sei.

SPIEGEL: Churchill war dafür, konnte es aber nicht allein.

KREISKY: Man hätte die Russen abriegeln können. Dann hätte vieles anders ausgesehen. Dazu konnte sich aber die amerikanische Demokratie nicht entschließen. Sie konnte nicht wie Stalin Millionen Soldaten opfern. Sie konnte die zweite Front nur in Frankreich errichten, das verstanden die Leute, das war ein Verbündeter. Also haben die Russen Millionen Soldaten geopfert für die Eroberung der Balkanländer. Es war für mich von Anfang an klar, daß man dort, wo die Russen hinkommen, kommunistische Regierungen haben wird, _(Mit Redakteuren Erich Böhme, Siegfried ) _(Kogelfranz, Inge Cyrus in seiner Wiener ) _(Wohnung. )

dort, wo die Westalliierten hinkommen, wird man die Demokratien wiederaufleben lassen.

SPIEGEL: Die Russen sind auch nach Österreich gekommen, dennoch blieb Ihrem Land das Schicksal anderer erspart, daß die Russen blieben und in ihrem Teil ein KP-Regime einsetzten.

KREISKY: Das war damals unsere große Sorge. Wir hatten allerdings ein Anti-Jalta-Dokument in der Hand, nämlich die Dreier-Vereinbarung von 1943. Man sollte deshalb nicht sagen, Abkommen und Erklärungen sind uninteressant, sie können sehr wichtig sein.

SPIEGEL: Beispiel Staatsvertrag. Der hat Sie von den Besatzern befreit, auch die Russen sind abgezogen. Warum eigentlich?

KREISKY: Das haben wir Chruschtschow selber gefragt. Beim ersten Besuch nach dem Staatsvertragsabschluß hat der Bundeskanzler Raab auf die Frage Chruschtschows, »Was gibt''s jetzt zwischen uns noch zu besprechen?«, gefragt: »Sagen Sie uns doch einmal, was hat Sie veranlaßt, uns zuerst so lange warten zu lassen mit dem Staatsvertrag, und warum haben Sie ihn dann noch abgeschlossen?« Darauf antwortete Chruschtschow ungefähr so: »Wissen Sie, wir haben vieles anders machen wollen als unsere Vorgänger. Wir haben darüber nachgedacht, wie wir ein deutliches Zeichen unserer Friedensbereitschaft geben können.« Die Russen hatten den Kalten Krieg verloren. Sie haben die Berlin-Blockade aufgegeben, sie haben Jugoslawien nicht hindern können, seinen Weg zu gehen; sie haben den Marshallplan schlucken müssen; sie haben auch das Spiel um Japan verloren - der Friedensvertrag mit Japan wurde ohne sie abgeschlossen. Sie haben den Bürgerkrieg in Griechenland verloren, das den Schlüssel zum Schwarzen Meer bedeutet hätte. Das hat Chruschtschow erkannt - das ist meine Interpretation - und hat gesagt: Jetzt müssen wir wieder an den Verhandlungstisch zurück. Seit Potsdam im Sommer 1945 hatte es ja nichts mehr gegeben. Da hat man diese österreichische Staatsvertragskommission gehabt, die hatte ja schon über 300mal getagt. Das zeigt, wie wichtig oft das Institutionelle ist. Wenn man ein Gremium hat, in das man zurückgehen kann, kann man, wenn der geeignete Augenblick kommt, ein Problem leichter lösen ...

SPIEGEL: ... entscheidend ist aber doch erst mal der Wille zu einer Lösung.

KREISKY: Natürlich, aber man muß auch ein Instrument haben, dann geht''s leichter. Chruschtschow sagte, wir haben da das Österreich-Problem, und wir haben ein Gremium. Da könnten wir doch ein Friedenszeichen setzen.

Chruschtschow erzählte uns, daß Molotow Einspruch erhob - man könne doch nicht ein Gebiet freigeben, das von der Roten Armee erobert wurde.

Da haben, so Chruschtschow, »wir ihm gesagt - Mikojan und ich -, probier es, gehe zurück an den Verhandlungstisch nach Berlin«. Dann kam die 54er Außenministerkonferenz in Berlin, die ich miterlebt habe. Molotow hat uns beschworen: die Russen akzeptieren den Staatsvertrag, aber wir Österreicher sollten dafür symbolische militärische Basen akzeptieren, 4000 oder 5000 Mann. Ich habe gesagt, das ist doch keine Lösung. Wenn die Russen bleiben, müssen die Franzosen, die Engländer, die Amerikaner bleiben. Dann haben wir vier Gibraltars in Österreich, die wir nie mehr loswerden. Denn von einem Abzug sollte erst geredet werden, wenn es einen Friedensvertrag mit Deutschland geben würde - und den gibt es bis heute nicht. Also haben wir in Berlin nein gesagt - schweren Herzens, weil 5000 Sowjetsoldaten doch weniger sind als 50 000.

SPIEGEL: Noch kein Jahr später kam Molotow wieder und brauchte nun plötzlich keine Basen mehr. Warum?

KREISKY: Das schreibt ja der SPIEGEL in seiner Jalta-Serie sehr deutlich, sehr viel deutlicher, als das jemals westliche Journalisten getan haben, nämlich daß der Westen auch sehr viel aufgeben mußte: die Landbrücke zwischen Italien und Deutschland.

SPIEGEL: Ein Bindeglied der Nato.

KREISKY: Ja, es ist ja bekannt, daß es damals eine sogenannte Bethouart-Linie gegeben hat, so benannt nach dem französischen Hochkommissar, dort hätte Österreich verteidigt werden sollen, etwa bei Zell am See. Das heißt, man hat militärisch mit dem Westen Österreichs gerechnet. Und die Russen haben argumentiert, das können wir unseren Leuten sehr gut erklären. Wenn wir uns zurückziehen, müssen sich auch die Westmächte zurückziehen. Und da die Westmächte in einer offensiven Phase mit der Gründung der Nato waren, müssen sie eigentlich mehr hergeben, sie müssen ein größeres strategisches Opfer bringen. Wir hatten durchaus Angst, daß die Westmächte die Moskauer Verhandlungen konterkarieren könnten.

SPIEGEL: Das haben sie auch getan. Es gab damals mehr Widerstand seitens des Westens als von den Russen.

KREISKY: Ja, und dazu erzähle ich Ihnen etwas. Ich war bei einem der vielen Empfänge in Moskau anläßlich dieser Gespräche im April 1955. Ich stand am Büffet. Da hat mich Mikojan gefragt: »Warum sind Sie so nachdenklich? Sie sollten doch sehr heiter und froh sein.« Ich habe ihm gesagt: »Wissen Sie, ich denke nach, ob das, was wir jetzt mit Ihnen vereinbart haben, auch die Zustimmung der westlichen Alliierten finden wird.« Da hat Mikojan, der Schlaumeier, gesagt: »Hören Sie, die haben Ihnen so lange den Staatsvertrag versprochen, daß sie jetzt, wo sie ihn bekommen, gar nicht nein sagen können.«

SPIEGEL: So ist es dann auch gekommen.

KREISKY: Ja, aber da gab es auch schon vorher gewisse Entwicklungen. 1954 in Berlin wurden Außenminister Figl und ich zum amerikanischen Außenminister Dulles gerufen. Dulles wollte von uns die Zurücknahme der von uns schon bei der Berliner Konferenz geplanten Neutralitätsdeklaration. Er meinte: Für wie lange sollte das mit der Neutralität eigentlich halten? Da entsteht ein militärisches Vakuum, und Sie werden nach kurzer Zeit Opfer militärischer Aggressionen seitens der Russen sein. Wir antworteten, Grundlage unserer Politik ist, Österreich, das ohnedies schon sehr klein ist, als Ganzes zu erhalten. Die Neutralität ist der Preis, den uns die Einheit Österreichs wert sein muß. Dulles war zwar ein grundsätzlicher Gegner der Neutralität, aber auch der als so hart verschriene Dulles besaß eine amerikanische Tugend, die ich bei ihnen immer wieder feststelle: Amerikaner sind, wenn sie nicht ganz verbohrt und nicht europäischen Ursprungs sind,

Argumenten zugänglich, sie sind bereit, zuzuhören und darüber nachzudenken.

SPIEGEL: Also ließ sich auch Dulles überzeugen, obwohl er sicher den Motiven Moskaus nicht traute. Die Sowjets wollten damals doch wohl den logischen Schluß ziehen aus dem Nato-Eintritt der Bundesrepublik Deutschland.

KREISKY: Das hat Bulganin fast wörtlich so gesagt: »Da wir zu dem Schluß gekommen sind, daß die deutsche Frage für lange Zeit keiner Lösung zugeführt werden kann, haben wir uns entschlossen, Sie herzubitten und mit Ihnen den Abschluß des Staatsvertrages zu besprechen.«

SPIEGEL: Lange glaubte man, die Russen wollten eher ein Zeichen setzen für eine entsprechende Lösung der deutschen Frage: Einheit für Neutralität.

KREISKY: Das ist aus vielen Gründen falsch.

SPIEGEL: Jedenfalls zeitlich - die Bundesrepublik war beim Abschluß des Staatsvertrages schon in der Nato.

KREISKY: Nicht nur deshalb. Der Ausgangspunkt der österreichischen Neutralität ist etwas, was mit Deutschland nur im negativen Sinne zu tun hat. Die Russen wollten eine Garantie gegen einen neuen Anschluß an Deutschland. Der Botschafter Kudrjawzew sagte mir ganz klar, wir wollen kein Deutschland von 80 Millionen haben. Gegen einen Anschluß gab es mehrere Sicherungs-Möglichkeiten: Eine war die Idee einer Garantieerklärung der Großmächte für die Unabhängigkeit Österreichs. Ich habe damals gemeint, dann wird die Frage, inwieweit Österreichs Unabhängigkeit bedroht wird, überall entschieden, nur nicht in Wien. Die andere Möglichkeit war eine Neutralitätserklärung - und ich nannte das Vorbild Schweiz. Kudrjawzew meinte, das sei ein interessanter Vorschlag. Und das war die Formel, die wir in Moskau angenommen haben.

SPIEGEL: Wollten die Russen nicht doch Österreich als eine Art Beispiel für Mitteleuropa sehen?

KREISKY: Ja, aber nicht für Deutschland. Auf Wunsch von Ollenhauer hat Vizekanzler Schärf damals Molotow darauf angesprochen. Der reagierte ganz negativ. Ich selbst habe Mikojan gefragt, und der hat zu mir folgendes gesagt: »Schauen Sie, die Neutralität wird auf einem Dokument, auf einem Stück Papier niedergelegt. Ein kleiner Staat wird sich hüten, dieses Papier für null und nichtig zu erklären. Aber wenn wir das für ein etwa 80-Millionen-Volk wie die Deutschen niederschreiben würden, dann bleibt es wieder ein Papier. Was geschieht, wenn dieser große Staat von einem Tag auf den anderen erklärt, er kehrt der Neutralität den Rücken? Er ist nicht mehr neutral. Sollen wir dann einen Krieg anfangen?«

SPIEGEL: Kann es nicht eher sein, daß dem Mikojan die Trauben zu hoch hingen? Die Bundesrepublik war ja schon in die Nato eingetreten.

KREISKY: Wenn es jemals einen Gedanken in dieser Richtung gegeben hat, was ich bezweifle ...

SPIEGEL: ... da gab es doch die Stalin-Note von 1952.

KREISKY: Ja, aber die Russen sind ja damals von der stalinschen Politik abgekommen. Chruschtschow hat einmal zu uns gesagt - es war nach seinem Treffen mit Kennedy hier in Wien - auf meine Frage, ob es nicht doch eine Einheit Deutschlands geben könne: »Glauben Sie, daß ich einen Tag, auch nur eine Stunde länger im Kreml sitzen würde, wenn ich bereit wäre, einen so wichtigen kommunistischen Staat wie die DDR aufzugeben? Das ist eine große Errungenschaft, und die werden wir nicht preisgeben.« Zweitens hat er gesagt, 60 Millionen Deutsche in einem Staat sind genug, nicht nur für uns. Ich habe beides später Adenauer erzählt. Wie immer man die Sache sieht, Österreich war kein Beispiel für Deutschland.

SPIEGEL: Und doch hat Molotow selbst beim Abschluß des Staatsvertrages von einem »Vorbild« gesprochen.

KREISKY: Das stimmt, aber nicht für Deutschland, sondern für Norwegen, für Dänemark, für Holland, für Belgien. Die Russen wollten die Neutralität aufwerten, um die kleinen Staaten Europas daran zu hindern, in die Nato zu gehen.

SPIEGEL: Wohl auch deswegen war die ganze Veranstaltung den Westalliierten, vor allem den Militärs, auch so verdächtig. Wie haben Sie die überzeugt?

KREISKY: Sehen Sie, die hatten doch immer gesagt, wir wollen ja, aber die Russen wollen nicht - als die plötzlich wollten, konnten doch unsere westlichen Freunde nicht nein sagen. Sie haben sich in den Verhandlungen auch immer sehr für uns eingesetzt, den Russen immer neue Kompromisse abgehandelt, etwa in der Frage des deutschen Eigentums. Die 150 Millionen Dollar, die wir dafür zahlen mußten, waren seinerzeit ein Vorschlag der Franzosen.

SPIEGEL: Kann uns der Staatsvertrag etwas lehren für die heutige Situation?

KREISKY: Er lehrt uns, daß die Russen entgegen landläufiger Meinung in _(2. v. l. Außenminister Figl, 2. v. r. ) _(Staatssekretär Kreisky. )

bestimmten Situationen durchaus auch einmal etwas aufgeben, was sie in der Hand haben. Sie haben ja damals, 1955, nicht nur Ostösterreich geräumt, sondern auch ihren Stützpunkt Porkkala in Finnland. Daran habe ich jetzt die Japaner erinnert, die ihre Kurileninseln von den Russen zurückhaben wollen. Ich sagte ihnen, erwähnt doch einmal Porckala, wenn ihr mit den Sowjets redet. So absolut ist das nämlich nicht, daß die Russen nie bereit wären, gewisse Revisionen zu akzeptieren. Sie müssen nur glauben, einen Grund dafür zu haben.

SPIEGEL: So wie sie umgekehrt zu oft glauben, gute Gründe für eine starre Haltung zu haben.

KREISKY: Natürlich, aber sie sind dabei gar nicht so schwer zu durchschauen. Durch die jetzt wohl definitive Absage des Honecker-Besuchs in Bonn ist doch etwas geschehen, was ganz sonnenklar ist. Die Russen mußten zusehen, daß es in Deutschland zur Stationierung der neuen Raketen gekommen ist, die auf Rußland gerichtet sind. Die Russen sagen daher: Auf diesen Trick des schlauen Herrn Genscher fallen wir nicht herein, daß die zwar Raketen stationieren, daß sie aber gleichzeitig eine Politik mit dem zweiten deutschen Staat machen, als wenn nichts passiert wäre.

Das gibt es nicht mehr. Die Deutschen sind verantwortlich - so argumentieren die Russen - für die Stationierung, und die sollen nur wissen, daß es hier keinen Schleichweg daran vorbei gibt. Sie müssen die Folgen dieser Politik tragen, daß auch das, was sie so gern haben wollen, nämlich die Normalisierung der Beziehungen mit der DDR, eine Fortsetzung der Politik Brandts und Schmidts, daß dies nicht mehr möglich ist. Wir werden mit den Deutschen Handelsverträge machen, wir werden auch Kreditverträge machen. Wir werden das Geld nehmen, aber sie werden dafür von uns keine guten Worte bekommen.

SPIEGEL: Österreich hat kein Problem mit Raketen - es darf ja laut Staatsvertrag nicht mal selbst welche haben - glückliches Österreich, ein Unikat oder doch Beispiel?

KREISKY: Sicher kein Unikat, aber ich sehe in Osteuropa nirgendwo etwas, das ähnlich sein könnte.

SPIEGEL: Dort gingen, siehe Ungarn, die Tschechoslowakei oder Polen, manche gern den österreichischen Weg, ließen sich auch gern »finnlandisieren«.

KREISKY: Sicher, aber ehrlich, ich sehe da wenig Chancen etwa einer »Redemokratisierung«, was immer das heißen mag, weil ja niemand weiß, was soll denn eine Redemokratisierung bedeuten. Es gibt in fast allen diesen Ländern kein demokratisches Vorbild, in Bulgarien, in Rumänien, in Ungarn hatten sie vorher nur Diktaturen von Feudalherren, korrupten Advokaten und Militärs - wie die Diktatur Pilsudskis in Polen.

SPIEGEL: Die Tschechoslowakei war eine Demokratie.

KREISKY: Ja, zwischen den beiden Weltkriegen haben es nur die Sudetendeutschen schlecht gehabt. Aber heute liegt die einzige Chance einer Liberalisierung in diesen Ländern - von Demokratisierung will ich nicht sprechen - in der Entspannungspolitik. Das hatte ja schon begonnen. Die Grenzen sind durchlässig geworden seit der Entspannung. Die österreich-ungarische Grenze ist durchlässiger, die tschechische ist immerhin etwas durchlässiger geworden. Wir konnten nach Polen ohne Visum reisen. Dann hat man vor allem nicht mehr das tägliche Berlin-Problem gehabt. Auch Finnland hat sich neutralitätspolitisch emanzipieren können.

Wenn man eine Politik der Entspannung eine lange Zeit lang hätte durchhalten können, so hätte es starke Liberalisierungstendenzen gegeben, da bewegte sich ja schon etwas, in Ungarn in der Wirtschaft, in Polen in der Politik.

SPIEGEL: Und dann kamen die Raketen, mit ihnen wieder Eiszeit?

KREISKY: Ja. Ich glaube, daß zuerst die Russen einen folgenschweren Fehler gemacht haben. Sie haben Entscheidungen Leuten überlassen, von denen ich aus meinen persönlichen Erfahrungen heraus weiß, daß sie in der Regel für falsche Entscheidungen vorprogrammiert sind. Das sind die Militärs. Wie schaut so ein Entscheidungsprozeß aus? Ich kenne ihn ja von innen heraus. Sie können ja nicht alle anders sein, bei den Russen, bei den Amerikanern oder bei uns. Also, man steht vor einem politischen Problem. Es wird diskutiert. Was macht man? Sicher hat man in der Frage Afghanistan gesagt: Wie wird der Westen eine Intervention aufnehmen? Diese Frage war schon ein Fehler. Sie hätten fragen müssen: Wie wird es die Welt des Islam aufnehmen, die ja jetzt in Bewegung ist? Sie haben angenommen, der Welt wird das doch ganz gleichgültig sein, ob da der Kommunist Amin sitzt oder der Kommunist Babrak Karmal.

Dazu haben sie sich einen oder zwei Marschälle gerufen und gesagt: Wie beurteilt ihr militärisch die Situation? Da werden die wahrscheinlich gesagt haben, das wird nicht lange dauern, und dann ist das Ganze erledigt. Das war der große Fehler. Sie konnten sich ja nicht vorstellen, daß das anders sein würde, daß es fünf Jahre dauern wird, ohne daß ein Ende abzusehen ist.

SPIEGEL: Und auf Afghanistan folgte das Raketen-Rennen.

KREISKY: Ja, dann kamen noch die SS-20. Und diese zwei Dinge, Afghanistan und die SS20, waren dann der Grund dafür, daß man die Russen beschuldigen konnte, sie hätten den Weg der Entspannung verlassen.

SPIEGEL: Und Grund dafür, daß dann auch auf der anderen Seite die Militärs das Sagen hatten.

KREISKY: Natürlich, obwohl die Erfahrung zeigt, daß man mit den Russen Verträge schließen kann und daß sie Verträge auch halten. Ich bin 30 Jahre im Amt gewesen, von 1953 bis 1983, mit Ausnahme der vier Jahre, wo die SPÖ in der Opposition war. In den von mir überblickbaren 26 Jahren als Regierungsmitglied oder Kanzler hat es keinen einzigen Tag gegeben, wo wir uns durch eine russische Aktion in unserer Unabhängigkeit bedroht gefühlt hätten, keinen einzigen Tag, wo hier am Ballhausplatz jemand mit einem Ultimatum aufgetaucht wäre. Die Russen waren sicher nicht glücklich über unseren Beitritt zur Efta, sie waren nicht glücklich über den Vertrag mit der EWG. Sie haben aber keine Drohung ausgesprochen, nie etwas konkret getan. Wir waren für sie das Paradebeispiel für die Koexistenz-Politik. Das ist bis zum heutigen Tag so geblieben, und 30 Jahre sind doch eine lange Zeit. Wenn Sie die 30 Jahre davor nehmen, haben wir zwei Weltkriege, die Weltwirtschaftskrise gehabt. Die Romanows sind verschwunden, die Hohenzollern, die Habsburger. So ruhige 30 Jahre wie seit dem Staatsvertrag hat Österreich lange nicht erlebt.

SPIEGEL: Herr Altbundeskanzler, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

[Grafiktext]

Besatzungs-Zonen in Wien von 1945 bis 1955 US-Zone Franzö - sische Zone Britische Zone Sowjetische Zone Britische Zone Sowjetische Zone 1. Bezirk unter gemeinsamer Verwaltung der vier Besatzungsmächte Besatzungs-Zonen in Österreich von 1945 bis 1955 TSCHECHO-SLOWAKEI DEUTSCH-LAND US-ZONE OBER-ÖSTERREICH Linz Salzburg SALZBURG Zell am See SOWJET.-ZONE NIEDER-ÖSTERREICH WIEN Eisenstadt BURGENLAND UNGARN BRIT.-ZONE STEIERMARK Graz Klagenfurt KÄRNTEN UNTERKÄRNTEN JUGOSLAWIEN FRANZ.-ZONE Innsbruck TIROL Bregenz VOR-ARL-BERG SCHWEIZ ITALIEN SÜDTIROL Bozen Brixen Salurn

[GrafiktextEnde]

Mit Redakteuren Erich Böhme, Siegfried Kogelfranz, Inge Cyrus inseiner Wiener Wohnung.2. v. l. Außenminister Figl, 2. v. r. Staatssekretär Kreisky.

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