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»So schnell wie möglich alles verkloppen«

Die Wohnungsverkäufe der Neuen Heimat drücken Sozialdemokraten wie Gewerkschaften politisch in die Defensive Um den Zusammenbruch zu verhindern, muß die Neue Heimat nach Schätzungen von Bankiers zu den schon verramschten 50 000 nochmals 100 000 Wohnungen verkaufen. Führende Sozialdemokraten sehen »die Glaubwürdigkeit der Arbeiterbewegung« schwer erschüttert: Die Mieter sind oft treue SPD-Wähler. Neue-Heimat-Chef Diether Hoffmann, der keine Alternative zu den Verkäufen sieht, stolpert von einem Reinfall in den anderen.
aus DER SPIEGEL 41/1985

Willy Brandt und Hans-Jochen Vogel hätten das Treffen am Montag vergangener Woche gern geheimgehalten. Die beiden Genossen, die gegen 18 Uhr zu ihnen ins Bonner Erich-Ollenhauer-Haus schlüpften, verkörpern für die deutschen Sozialdemokraten eine schier unendliche wie peinliche Geschichte. Ernst Breit, der DGB-Chef, und Diether Hoffmann, der Neue-Heimat-Chef, waren gekommen, um den SPD-Oberen das jüngste Debakel der größten europäischen Wohnungsfirma zu erläutern: Mit dem Verkauf von 22 000 Wohnungen auf einen Schlag will die Neue Heimat (NH) die drohende Pleite des gemeinnützigen Wohnungsbaukonzerns abwenden, ein Geschäft, das in der Geschichte der Deutschen ohne Beispiel ist.

Doch in der Bonner Baracke gab es gar nicht viel zu bereden. Nachdem der stets eingefroren lächelnde Hoffmann mit seinem deprimiert dreinschauenden Dithmarscher Aufsichtsrats-Chef Breit die SPD-Zentrale nach einer Stunde wieder verlassen hatte, wußte er lediglich zu berichten: »Wir sind die ganze Arie durchgegangen, die durchzugehen war. Am Ende war klar, daß es keine Alternative gibt.«

Die Notverkäufe berühren die Existenz Hunderttausender von Bundesbürgern. Seit Hoffmanns Amtsantritt im Jahre 1982 hat die Neue Heimat rund 50 000 Wohnungen verkauft (siehe Graphik Seite 148). Der NH-Chef selbst räumt ein, daß er von den einst 322 000 deutschen Neue-Heimat-Wohnungen insgesamt 100 000 loswerden muß. Bankiers, die sich in den Büchern der schlingernden Firma bestens auskennen, sind überzeugt, daß einige zehntausend Verkäufe darüber hinaus, zusammen also der Ausverkauf von 150 000 Wohnungen, unausweichlich sind - für das Ansehen der Gewerkschaften und der Bonner Opposition ein Alptraum.

Fast wehrlos müssen die Sozialdemokraten mit der Neuen Heimat, die ihnen

seit fast vier Jahren wie ein Widerhaken im Leib steckt, fertig werden. In dem bevorstehenden Wahlkampf in Niedersachsen wird der SPD-Bewerber Gerhard Schröder reichlich Klagen über die Wohnungsverkäufe hören.

Und wenn Johannes Rau nächstes Jahr um die Kanzlerschaft wirbt, werden Hoffmanns Verkäufe noch längst nicht beendet sein und der Regierungs-Koalition als Munition dienen.

Wie das ablaufen wird, konnten sich die Sozialdemokraten vor zwei Wochen im Bundestag anhören. In »rabiater Weise«, so Otto Graf Lambsdorff, würden »Mieter in Angst und helle Aufregung« versetzt. Schließlich stocherte der badische CDU-Mann Wilhelm Jung in einer ewigen Wunde der SPD: »Sozialisten können nicht mit Geld umgehen.«

So abgedroschen die Stereotypen durch das Hohe Haus hallten und so seltsam das Wort »Arbeitergroschen« aus dem Mund des Grafen Lambsdorff klang: Die SPD-Abgeordneten konnten nicht umhin, den Wohnungskonzern gleichfalls zu schelten, freilich auf sozialdemokratisch: »Gegen die Moral der deutschen Arbeiterbewegung«, klagte der SPD-Mann Peter Conradi, werde »auf eine Art und Weise verstoßen, die viele Mitglieder der Gewerkschaften und uns empört und verletzt hat«.

Genossen, die vor Ort schon jetzt den Ärger haben, wenden sich mit verzweifelten Hilferufen an die Bonner Zentrale. Die Kette Neue-Heimat-DGB-SPD »ist politisch nicht aus der Welt zu schaffen«, schrieb Bremens Landesvorsitzender Konrad Kunick an Brandt und Vogel.

Mit Wonne rieb der Bremer CDU-Bürgerschaftsabgeordnete Peter Kudella den Sozialdemokraten den Verkauf von 8000 NH-Sozialwohnungen als den »größten wohnungspolitischen Skandal der Nachkriegszeit« unter die Nase. Und voller Genuß zählte er die zahlreichen SPD-Funktionäre auf, die zugleich als Aufseher der Neuen Heimat fungieren.

Das Beispiel Bremen belegt die Ungeschicklichkeit, mit der Diether Hoffmann den Ausverkauf bei der Neuen Heimat betreibt und damit die Genossen zusätzlich um jede Chance einer politischen Schadensbegrenzung bringt. Vor wenigen Wochen noch feierte der NH-Chef mit Bremer Mietern und dem damaligen Bürgermeister Hans Koschnick »wie gute Nachbarn« das 60jährige Jubiläum einer NH-Siedlung. Jetzt konfrontierte er den Bremer SPD-Bausenator Bernd Meyer ohne Vorwarnung mit dem Verkauf der Wohnungen.

Ausgerechnet in Bremer SPD-Zentren wie der Kurt-Schumacher-Allee oder der August-Hinrichs-Straße, wo die Genossen traditionell die 60-Prozent-Marke kratzen und die CDU um 30 Prozent krebst, sollen Tausende von Wohnungen verkauft werden. »Unsere Kollegen sind stinksauer«, schrieb die Bremer IG Druck und Papier an den DGB-Vorsitzenden Ernst Breit, es »fliegen bereits die Mitgliedsbücher«.

Verzweifelt versuchten Bremens Sozialdemokraten, dem NH-Chef für 355 Millionen Mark die Wohnungen abzukaufen. Doch Hoffmann beharrte darauf, die Wohnungen bei einer gewerkschaftseigenen Firma namens BGI unterzubringen. Die »BG-Immobiliengesellschaft« war Ende 1984 gegründet worden, um später, wenn die Zeiten ruhiger und die Preise besser sind, die NH-Wohnungen richtig zu verkaufen.

Als Bonns Spitzen-Sozis dem Wohnungsmanager am Montag vergangener Woche sein hartleibiges Geschäftsgebaren vorhielten, verwies Hoffmann nur kühl darauf, daß es mit den 8000 Wohnungen in Bremen nicht getan sei. Übersetzt heißt das: Von den 34 000 Bremer NH-Wohnungen will er noch mehr verkaufen, und dafür würde das Geld der Stadt ohnehin nicht reichen.

Was in Bremen passiert, warnte der SPD-Chef Kunick die Bonner Zentrale, »ist keine Bremensie, ähnliche Probleme gibt es von München bis Kiel«.

Wie recht der Hanseat hat, erfuhr Vogel vor zwei Wochen auf einer Konferenz der SPD-Fraktionsvorsitzenden in _(Am Montag vergangener Woche vor dem ) _(Bonner Erich-Ollenhauer-Haus. )

Kiel. Der Wohnungsverkauf der Neuen Heimat, beschwerte sich der neue Berliner SPD-Fraktionschef Walter Momper, sei ein »unmöglicher Vorgang«.

Schon möglich, aber was tun? »Die SPD muß sich deutlich distanzieren«, rät die Bonner Fraktions-Vizechefin Herta Däubler-Gmelin. Ihr nordrhein-westfälischer Kollege Friedhelm Farthmann scheint seine Basis besser zu kennen: »Das hilft nichts. Glaubt ja nicht, Genossen, daß wir da wie der feine Max beiseite treten können.«

Den Weg nach vorn versuchte in München der SPD-Oberbürgermeister Georg Kronawitter. Zunächst bat er Hoffmann in sein Büro, um ihm den Verkauf von über 2000 Münchner Wohnungen auszureden. Teilnehmer des Gesprächs beschreiben die Unterredung als überaus einseitig: Kronawitters Redefluß prallte am schweigenden Hoffmann ab.

Indessen formierten sich die wütenden Bewohner der NH-Immobilien, oft Gewerkschafter oder Betriebsräte, zur »Vereinigten Mieterinitiative Giesing-Untersendling-Moosach« und drohten Hoffmann in einem Brief mit Aufruhr. Das, was Willy Brandt wie Ernst Breit derzeit am meisten fürchten, nahm Gestalt an: Gewerkschafter interessierten sich mehr für Wohnungen als die geplanten Demonstrationen gegen die Bonner Politik: »Leider wird der heiße Herbst«, schrieben die Mieter, »in München nicht gegen das Großkapital, sondern gegen die NH stattfinden.«

Kronawitter versuchte die Gemüter zu beruhigen, indem er mit Zustimmung von CSU und Grünen - die FDP war dagegen - der Neuen Heimat ein Kaufangebot unterbreitete. Hoffmanns bayrische Filiale hatte die Wohnungen zum Preis von 960 Mark pro Quadratmeter an die BGI verkaufen wollen. Da Kronawitter argwöhnte, daß die Wohnungen später zu höheren Preisen weiterverkauft würden und sich damit etwas abspielen könnte, was »sonst nur von Spekulanten geübt wird«, bot er 1000 »oder nicht wesentlich darüber«. Plötzlich hatte die Neue Heimat ganz andere Preise im Sinn. Eigentlich seien die Wohnungen über 2300 Mark pro Quadratmeter wert, jammerte der NH-Geschäftsführer Richard Teufel und verlangte als »unser äußerstes Angebot« knapp 1500 Mark, woraus sich ein Gesamtpreis von 165 Millionen Mark für die Stadt errechnete.

Stolz präsentierte Kronawitter sein Verhandlungsergebnis zur Rettung der Mieter der Presse. Doch er hatte dabei einen Teil des Briefes der Öffentlichkeit vorenthalten. Darin schlüsselte Teufel den Betrag weiter auf. Enthalten seien »eine von der Käuferin zu tragende Provision von 5 % zuzüglich 14 % Umsatzsteuer, also DM 8 897 824« sowie ein »Entschädigungsanspruch« der BGI, »der aus dem Verkaufserlös gedeckt werden muß« - DM 15 000 000.

Münchens ehemaliger OB Erich Kiesl, der noch genügend CSU-Freunde in der Rathaus-Verwaltung hat, bekam den Brief in die Finger und schlachtete »das Geschenk von 24 Mio DM« an das gewerkschaftseigene Unternehmen mit Vergnügen aus. Kronawitter habe »dilettantisch verhandelt und Bockmist gebaut«, fand Kiesl, »der Gewerkschaftskonzern will einen Reibach machen und sich gesundstoßen«. An den Münchner Rechenkunststücken wird deutlich, daß die Neue Heimat mit ihrer Vergangenheit immer noch nicht fertig ist: Tricks und Halbwahrheiten gehören immer noch in das Repertoire des Konzerns, der ums Überleben kämpft.

Diether Hoffmann erklärte den »Entschädigungsanspruch« der BGI später höchst sonderbar: Die Neue Heimat habe mit dem Unternehmen bereits einen Vorvertrag geschlossen und müsse also die vielen Millionen bezahlen, um aus dem Vertrag aussteigen und an die Stadt München verkaufen zu können.

Nicht nur in München rauften sich Genossen und Gewerkschafter die Haare. Daß jene aus der nackten Not geborenen Geschäfte zwischen zwei geschwisterlichen Gewerkschaftsfirmen irgendwelche Provisionen hervorbringen sollten, ist weder Mietern noch Wählern klarzumachen. Ohnmächtig mußten Münchens Sozialdemokraten mit anhören, wie der CSU-Stadtrat Hans-Peter Uhl von »Mafia-Methoden« redete.

Mit unfreundlichen Bemerkungen hielten sich auch Mieter in Berlin nicht zurück. Ursprünglich wurden ihnen Wohnungen für rund 1900 Mark pro Quadratmeter angeboten. Bei einer so überzogenen Forderung war das Interesse gering. Dann verlangte die NH von den Mietern 1200 Mark, immer noch zuviel. Jetzt gingen die 1799 Wohnungen in verschiedenen Berliner Stadtteilen zu einem erschwinglichen Preis weg - an den Großaufkäufer BGI, der weniger als 700 Mark pro Quadratmeter zahlt.

Der NH-Chef Diether Hoffmann, das zeigte sich deutlich in den vergangenen Wochen, ist mit der politischen Bewältigung der jüngsten Neue-Heimat-Querelen völlig überfordert. Daß er nicht Würstchen oder Radiergummis losschlägt, sondern mit den Wohnungsverkäufen tiefe Ängste und Emotionen berührt, mag er zwar wissen - eine angemessene öffentliche Selbstdarstellung hat er bisher nicht gefunden.

Als im Bundestag die Debatte um die Wohnungsverkäufe wogte, knurrte er lediglich »Theaterdonner« und verkündete _(Am 12. Mai 1967 in München-Neu-Perlach ) _(mit Bayerns Landwirtschaftsminister ) _(Alois Hundhammer, Bundesbauminister ) _(Lauritz Lauritzen, Oberbürgermeister ) _(Hans-Jochen Vogel. )

trotzig, er werde ungeachtet allen Gebells seinen Geschäften nachgehen. In der Bonner SPD-Baracke stöhnte ein zerknirschter Spitzen-Sozi: »Es ist zum Verzweifeln, eigentlich müßte man ihm das Parteibuch entziehen.«

Hoffmann hat das Pech, daß sich in seiner Person die überholte Idee von der Gemeinwirtschaft symbolisiert. Er muß stramm kapitalistischer Sanierer und guter Mensch zugleich sein. Friedhelm Farthmann bringt das Dilemma auf den Punkt: »Entweder die Gemeinwirtschaft verhält sich wie jedes andere kapitalistisch geführte Unternehmen, dann braucht sie auch keine politischen Rücksichten zu nehmen, oder sie verhält sich nicht marktgerecht, dann ist sie pleite.«

Der Neue-Heimat-Chef versteht sich, ohne es öffentlich zu sagen, als reiner Manager, der eher per Zufall in die Gemeinwirtschaft gerutscht ist. Er gehört zu jenem Nachkriegstyp von Gewerkschaftsmanagern, der die allgemeine Wachstums-Begeisterung teilte: Da fiel für die Gewerkschaften eben deshalb etwas ab, weil für alle etwas abfiel.

Als er noch bei der Bank für Gemeinwirtschaft (BfG) die Geschäfte führte, sorgte er für die überdimensionalen Kredite an Polen, unter denen die Gewerkschaftsbank noch heute leidet. Daß Albert Vietor und zahlreiche Genossen ihre Steuersparmodelle ausgerechnet in Firmen plazierten, die von der Neuen Heimat abhängig waren, will ihm heute noch nicht verwerflich erscheinen.

Hoffmann erzählt gern eine Geschichte aus eigenen Jugendtagen, die belegen soll, daß kleinere Sünden eben schnell passieren. Nach dem Krieg arbeitete der Sohn eines Syndikus der Deutschen Schlafwagen-Gesellschaft in den PX-Läden der amerikanischen Besatzer in Frankfurt. Wie alle deutschen Hilfskräfte durfte Hoffmann einmal in der Woche Zigaretten mit Bezugsscheinen kaufen, die zur Kontrolle mit einem Kreuz entwertet wurden. Hoffmann besorgte sich einen Tintenentferner, der die Kreuze verschwinden ließ, und verfügte auf diese Weise bald über ansehnliche Kontingente von »Camel« und »Lucky Strike«, die damals besser als Geld waren.

Mit derartigen Kleinigkeiten, »in die man doch so schnell reinrutschen kann«, habe es auch bei Vietor und dessen Freunden angefangen. Wenn NH-Manager sich selbst und ihren Ehefrauen bei Grundstücksverkäufen Maklerprovisionen zuschanzten, dann zieht Hoffmann seine Jugendsünden zum Vergleich heran: Das sei »eben so gewachsen«. Und wenn NH-Manager, führende Gewerkschafter und Aufsichtsräte ihre Häuschen zum Freundschaftspreis bekommen hätten, dann sei das kein

Sumpf, sondern die »übliche Pflege guter Geschäftsbeziehungen«.

Der NH-Chef verfügt offenkundig über keine Antenne für die Gewerkschaftsbasis und die Mieter. Kritik am Geschäftsgebaren seiner Firma erklärt er sich, wie auch andere Gewerkschaftsführer, mit dem politischen Kalkül der traditionellen Gewerkschaftsfeinde.

Das Gefühl, seit Gründung der Gewerkschaftsbewegung von Feinden umstellt zu sein und in einer Wagenburg zu leben, führt zu einer Geheimniskrämerei, die angesichts der Wohnungsverkäufe besonders fatal wirkt. Die Mieter werden in letzter Minute informiert und fühlen sich überfahren. In der Dachgesellschaft der deutschen Gewerkschaftsfirmen, der BGAG, hat sich ein Pressesprecher eingemauert, der Fragen nach Details mit der Floskel beantwortet: »Wir sagen nur, was wir sagen müssen« - und das ist nicht viel.

Daß die Neue Heimat gut drei Jahre nach seinem Amtsantritt in akute Geldprobleme geraten könnte, hat Hoffmann offenkundig selbst überrascht. Noch 1982 hatte er erzählt, daß der gemeinnützige Teil des Konzerns möglicherweise 1985 wieder in den schwarzen Zahlen sein werde. Erst einmal aber rieselten über die Jahre zwei Milliarden Mark aus der Firma. In diesem Jahr werden die Verluste aus den laufenden Geschäften mit 500 bis 600 Millionen Mark schlimmer als je zuvor ausfallen.

Bislang drückten vor allem die Zinsen aus Albert Vietors gigantischen Immobilienanschaffungen auf das Ergebnis. Der wegen seiner Privatgeschäfte 1982 gefeuerte und inzwischen gestorbene Vietor hatte im festen Glauben auf einen immerwährenden Wertgewinn Milliardenkredite aufgenommen - und sich dabei gründlich verspekuliert.

Die hohe Arbeitslosigkeit und die Einkommensverluste bei jenen weniger betuchten Bürgern, die oft in NH-Wohnungen leben, schmälern die Erlöse. Immer öfter können Mieter die Wohnung gar nicht oder nur teilweise bezahlen, die Zahl der leeren Wohnungen stieg unaufhaltsam auf inzwischen über 8300 an. Zusammengerechnet kostet dieser Trend die Neue Heimat in diesem Jahr 150 Millionen Mark.

Tatsächlich bleibt Hoffmann kaum eine andere Wahl, als immer mehr Wohnungen zu verkaufen, um auf diese Weise stille Reserven zu mobilisieren. Die 22 000 Wohnungen aus den 50er und 60er Jahren, die er jetzt an die gewerkschaftseigene BGI verkauft hat, stehen mit gut 600 Millionen Mark in den Büchern. Inzwischen ist der Wert gestiegen, so daß Hoffmann bei einem Verkaufserlös von 929 Millionen die Differenz zur Minderung der Verluste einbuchen kann.

Daß Wohnungsbauminister Oscar Schneider damit droht, der Neuen Heimat in Anbetracht der rigiden Verkäufe die Gemeinnützigkeit zu entziehen, kann Hoffmann nicht schrecken: Die immensen Verluste, die er inzwischen in seinen Büchern anhäuft, lassen es unwahrscheinlich erscheinen, daß die Neue Heimat auf überschaubare Zeit wieder Steuern zahlen muß. Nur dann aber wäre die Gemeinnützigkeit wichtig, die Steuervorteile bringt.

Hoffmann und die Neue Heimat befinden sich in der Situation eines Schiffbrüchigen mit begrenztem Wasservorrat, der auf die ungewisse Ankunft eines rettenden Schiffes hofft. Die laufenden Verluste aus den Zinslasten und Wohnungsleerständen kann er noch eine Weile durch den Verkauf von Wohnungen abdecken. Aber was kommt danach?

Der NH-Chef setzt, wie bedrängte Unternehmer es stets tun, auf die Hoffnung als Prinzip. Irgendwann muß der Immobilienmarkt sich drehen, müssen Vermietung und Vermarktung ertragreicher werden.

Ob und wann Immobilien wieder gefragt sind, weiß niemand so recht zu sagen. Vor allem aber trägt die Neue Heimat selbst mit ihren Verkäufen zur flauen Lage maßgebend bei. Der Immobilienmarkt »wird mit einem Angebot zu Schlußverkaufspreisen überschüttet«, beobachtete Bernd Heuer, ein auf Bau- und Wohnungswirtschaft spezialisierter Unternehmensberater.

Hoffmann, unter Verkaufsdruck, erzielt selten mehr als 1000 Mark pro Quadratmeter, Tendenz weiter sinkend. Denn im Bestand der NH werden die besseren Siedlungen langsam rar, wie etwa Neu-Perlach in München, eine der ganz wenigen Großanlagen der erträglichen Art.

Gerade die Wohnungen, die der Neuen Heimat die meisten Probleme bereiten - hohe Leerstände, beträchtliche Mietausfälle -, sind praktisch unverkäuflich: die häßlichen Mammutsiedlungen wie Hamburg-Mümmelmannsberg, Köln-Chorweiler oder Frankfurt-Bonames. »Die sind nicht loszukriegen, nicht mal geschenkt«, sagt Wolfgang Nagel, Wohnungsexperte der Berliner SPD.

»In Bonames«, weiß ein Frankfurter Makler, »kauft keiner.« Die tristen Betonklötze bleiben im Besitz der Neuen Heimat - verkauft werden hingegen 1100 Wohnungen am Sachsenhäuser Ufer, einer, wie ein Städtebauexperte sagt, »sehr schönen Siedlung«, gebaut zwischen 1928 und 1930.

Hoffmanns Bankiers haben schon beklommen nachgerechnet, daß die Neue Heimat bei ihren ersten Verkäufen pro Wohnung im Schnitt noch weit über 30 000 Mark verdiente. Die jüngsten Ramsch-Aktionen brachten gerade 20 000 Mark.

Uwe Reinhardt, Ratsherr in Hannover und Vorsitzender des Niedersächsischen Mieterbundes, fragt sich, »welchen Sinn eine Sanierungspolitik über die neue Firma BGI haben soll«. Denn die BGI übernehme die gesunde Substanz, »Bauten, die auch angesichts eines streckenweise fast zusammengebrochenen Immobilienmarktes noch vermarktungsfähig sind«. Die NH hingegen, so sieht es auch der Berliner Wohnungspolitiker Nagel, »bleibt auf ihren ollen Klamotten sitzen und holt sich damit das nächste Problem ins Haus«.

Sozialdemokrat Reinhardt hat da einen bösen Verdacht: »Verfolgen NH

und BGI hier die Geschäftspolitik, gesunde Substanz zu retten, bevor der Zusammenbruch eintritt?«

Diesem Eindruck versuchte Hoffmann vorletzte Woche auf einem Treffen mit mehr als 60 Bankiers entgegenzuwirken. Während die Bankiers mit Sorge auf die gigantische Schuldenziffer des NH-Konzerns von 17,8 Milliarden blickten, machte Hoffmann seine Gegenrechnung auf. Alles sei halb so schlimm: Dem stünde ja die Wohnungspyramide im Wert von 14,4 Milliarden Mark in den Büchern gegenüber, die in Wahrheit weit mehr wert sei.

Den Beleg der vermeintlichen Wahrheit hatte der hauseigene Computer ausgespuckt: Hoffmann servierte den Bankiers lange Zahlenkolonnen, die beweisen sollen, daß mehr als sechs Milliarden Mark stille Reserven in den Buchwerten versteckt seien. Ob der Computer so genau weiß, was beim Verkauf von Wohnungen herausspringt, blieb den Bankiers unklar. Sie beschwerten sich, daß sie die Zahlen gar nicht so schnell überblicken konnten, und setzten für den 5. November eine neue Bankensitzung an. Einigen der NH-Großgläubiger, darunter an der Spitze die Westdeutsche Landesbank mit 925 Millionen Mark, kam der Gedanke, der Neuen Heimat vorsorglich die Kreditlinien zu kürzen. Erschrocken erinnerte Hoffmann seine Geldgeber daran, daß sie versprochen hätten, bis Ende nächsten Jahres stillzuhalten.

In Einzelgesprächen mit Bankiers wird der NH-Chef deutlicher. Die Banken »könnten es sich doch gar nicht leisten, daß der Konzern den Bach runtergeht«. Sie müßten befürchten, ihre Forderungen dann ganz zu verlieren. Denn: »Wenn der Konzern bricht, dann kracht der ganze Wohnungsmarkt zusammen.« Soll heißen: Nicht nur die NH-Wohnungen, auch die Immobilien anderer Schuldner, die als Banksicherheiten dienen, wären nicht mehr viel wert.

In dem sensiblen Bankgewerbe kommen Hoffmanns rauhe Sprüche nicht übermäßig gut an. Schon schwappt das Mißtrauen gegen die Neue Heimat auch über auf die Bank für Gemeinwirtschaft.

Der Präsident des Sparkassen-Verbandes, Helmut Geiger, will sich aus einer langjährigen Bruderschaft mit der BfG zurückziehen. Bislang schützten Sparkassen und Landesbanken die Kunden der BfG durch ein sogenanntes Standby-Abkommen für den Fall der Fälle. Wenn im nächsten Jahr der Vertrag ausläuft, will Geiger ihn nicht verlängern. Die BfG will dann versuchen, bei den privaten Banken ein neues Sicherheits-Dach zu finden.

Mit Ausnahme des Beamtenheimstättenwerkes (BHW), das dieses Jahr knapp 200 Millionen Mark bei der Gewerkschaftsholding BGAG abliefern wird, laufen die Geschäfte in der Tat nicht besonders gut im Wirtschafts-Imperium der Gewerkschaften. Die Volksfürsorge ist unter den bundesdeutschen Lebensversicherern auf den dritten Rang abgerutscht und liefert dieses Jahr gerade 23 Millionen ab. Während die Coop immer noch an der Verlustgrenze operiert, soll die BfG 150 Millionen in den großen Gewerkschaftstopf schütten. Das aber, so ein internes Papier, geht »nur bei einer drastisch verringerten Risikovorsorge«.

Anders als bei den drei westdeutschen Großbanken, beklagt der Vorstand der BGAG, »ist es der BfG nicht gelungen, ein weiteres Absinken der Überschüsse zu vermeiden«.

Angesichts dieser gedämpften Stimmung in der Gemeinwirtschaft wird die Hartnäckigkeit verständlich, mit der Hoffmann seine unpopulären Wohnungsverkäufe durchdrückt. Die Gewerkschaften selbst haben nach groben Schätzungen inzwischen rund 1,3 Milliarden Mark bezahlt, um Albert Vietors weltweite Fehl-Spekulationen im Ausland abzudecken. Vor allem in Venezuela und Mexiko rinnen sogar weiter zweistellige Millionen-Verluste aus dem Konzern.

Die Einzelgewerkschaften sind allerdings nicht länger gewillt, mehr als die 1,3 Milliarden Mark, die sie für die Neue Heimat Städtebau aufbringen mußten, in den Konzern zu stecken. Andernfalls müßten sie zum Streik vorgesehene Gelder weiter zweckentfremden. Die Gewerkschaftsholding selbst kämpft mit allzu durchschnittlichen Geschäften; also bleibt Hoffmann nichts anderes übrig, als die eigenen Reserven zu mobilisieren.

Daß »diese Politik falsch ist und nicht zu den gewünschten Ergebnissen führt«, wie Hessens Sozialminister Armin Clauss als Begründung für seinen Rücktritt aus dem NH-Aufsichtsrat schrieb, mag sein, ficht aber Hoffmann nicht an. Er ist mit dem kurzfristigen Krisen-Management zu sehr ausgelastet, als daß er sich tiefergehende Gedanken um die deutsche Arbeiterbewegung und die Gemeinwirtschaft machen könnte.

Das versuchten am Freitag der vorvergangenen Woche DGB-Funktionäre auf einer Zusammenkunft zum Thema Gemeinwirtschaft. Außer der Erkenntnis des DGB-Chef Ernst Breit, daß »Existenzsicherung allein auf Dauer keine ausreichende Legitimation« für die gemeinwirtschaftlichen Unternehmen sein könnte, kamen die versammelten Gewerkschafter zu keinem Ergebnis. Daß womöglich im ausgehenden 20. Jahrhundert die Legitimation sich in Luft aufgelöst haben könnte, war noch kein Thema.

Der Düsseldorfer SPD-Fraktionsvorsitzende Friedhelm Farthmann hingegen glaubt nicht, daß die Gewerkschaften den Widerspruch noch lange aushalten. Sie könnten nicht nach mehr Mitbestimmung rufen, »wenn sie in ihrem eigenen Bereich nicht in der Lage sind, Katastrophen zu verwinden«.

Es sei eben unmöglich, sich einerseits in einer kapitalistischen Welt wirtschaftlich zu behaupten und gleichzeitig gegen manche Ausprägungen des Kapitalismus politisch zu Felde zu ziehen.

Farthmann rät den Gewerkschaften, »so schnell wie möglich alles Gemeinwirtschaftliche zu verkloppen, von der BfG bis zu Coop. Das bringt alles nichts mehr. Das ist eine ständig offene Glaubwürdigkeitsflanke für die Arbeiterbewegung«.

[Grafiktext]

Notverkäufe... Seit 1978 von der Neuen Heimat in der Bundesrepublik verkaufte Wohnungen (kumuliert) geschätzt ... solange der Vorrat reicht Wohnungsbestand der Neuen Heimat (insgesamt 289 462 Wohnungen, Stand 22.8.1985) Bremen und Niedersachsen Nordrhein-Westfalen Baden-Württemberg Hamburg und Schleswig-Holstein Berlin NWDS (Nordwestdeutsche Siedlungsgesellschaft) Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland Bayern

[GrafiktextEnde]

Am Montag vergangener Woche vor dem Bonner Erich-Ollenhauer-Haus.Am 12. Mai 1967 in München-Neu-Perlach mit BayernsLandwirtschaftsminister Alois Hundhammer, Bundesbauminister LauritzLauritzen, Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel.

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