Zur Ausgabe
Artikel 16 / 99
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Rüstung So schnell wie möglich raus

Um zu sparen, strich Verteidigungsminister Stoltenberg die Entwicklung einer Rakete. Jetzt fehlt dem »Jäger 90« die Superwaffe.
aus DER SPIEGEL 37/1989

Vorige Woche, bei der ersten Lesung des Bundeshaushalts 1990 im Parlament, hatte Verteidigungsminister Gerhard Stoltenberg noch leichtes Spiel. Die gesamte Bundeswehrplanung, beschied er die Abgeordneten des Bundestags, werde zur Zeit »grundlegend« überprüft. Die notwendigen Sparbeschlüsse werde er noch in diesem Jahr fällen.

Nächste Woche wird es schwieriger für den ehemaligen Sparkommissar Helmut Kohls. Stoltenberg soll über Milliardenprojekte entscheiden.

Der CDU-Minister trägt dabei schwer an der Erblast seiner Amtsvorgänger Manfred Wörner und Rupert Scholz. Die Lage ist ernst, wie eine vertrauliche Vorlage an Gerhard Stoltenberg belegt. »Die Planung der vergangenen Jahre«, konnte der Neuling auf der Bonner Hardthöhe in einem vertraulichen Lagebericht (AZ 09-10/27-10-20) lesen, »ging von einer zu optimistischen Finanzerwartung aus.« Der »tatsächliche Finanzbedarf« für etliche Rüstungsprojekte »war weit höher als planerisch angenommen«.

Eine wahre Hiobsbotschaft fand der Wehrminister im vierten Absatz des Vermerks: »Einzelne überproportionale Kostenauswüchse sprengten die Planung.«

Soll heißen: Die vom heutigen Nato-Generalsekretär Manfred Wörner vor sechs Jahren angeblich »bis auf Heller und Pfennig ausgeplanten« Bundeswehr-Beschaffungsvorhaben bis zum Jahr 2000 sind Makulatur - wie es SPD-Opposition und einige interne Kritiker im Ministerium schon lange vorausgesagt hatten.

»Zukünftig«, so die Warnung der Rüstungsexperten an Stoltenberg, »wird Kostenbewußtsein weit mehr als bisher das Führungsverhalten aller Ebenen bestimmen müssen.«

Nächste Woche kann der Wehrminister auf seiner Ebene ein Beispiel geben. Er trifft seinen neuen britischen Kollegen Tom King und will dabei den deutsch-britischen Streit um das Radargerät für den gemeinsam geplanten Jäger 90 beilegen. Bei einem ersten Treffen Ende August in Bonn gab's keine Einigung.

Die Briten versuchen Stoltenberg zu erpressen:

Nur wenn die Bundesrepublik anstelle einer amerikanisch-deutschen Entwicklung ein nach Bonner Berechnungen wesentlich teureres britisches Radar für den gemeinsamen Jäger kauft, will die Regierung in London den Deutschen auf anderen Feldern, etwa bei Fliegerkrach und Panzergetöse, entgegenkommen.

Stoltenberg braucht die Briten. Er hat dem Parlament versprochen, noch in diesem Monat ein Konzept zum drastischen Abbau des Tieffluglärms vorzulegen. Allein die königliche Luftwaffe fliegt 14 000 Stunden im Jahr tief, sie erzeugt ein Fünftel des Tieffliegerkrachs der verbündeten Luftwaffen über bundesdeutschem Gebiet.

Schon mit ersten Sparbeschlüssen hatte Minister Stoltenberg Mitte Juli die Briten vergrätzt: Er strich das Projekt einer gemeinsamen Nato-Fregatte für die späten neunziger Jahre. Und er hatte befohlen, so ein interner Vermerk der Hardthöhe, »das Entwicklungsvorhaben Asraam wird nicht weitergeführt«.

Hinter diesem Kürzel verbirgt sich die wichtigste Waffe für den Jäger 90, eine Rakete geringer Reichweite, die - so behauptet das britisch-deutsche Firmenkonsortium - wahre Wunderdinge vollführen sollte.

Geplant war, wie der deutsche Rüstungskonzern Messerschmitt-Bölkow-Blohm (MBB), auch Hauptauftragnehmer des Jäger 90 in der Bundesrepublik, schwärmte, daß das Geschoß im Verein mit einer neuen US-Rakete von gut 60 Kilometern Reichweite (Amraam) den Luftkampf »revolutionieren« sollte.

Das seit dem legendären »Roten Baron« von Richthofen aus dem Ersten Weltkrieg überlieferte Prinzip, ein gegnerisches Flugzeug von hinten anzugreifen, galt als passe. Von oben und unten, von vorn und von hinten, aus jeder Lage könnten die Super-Waffen treffen - vom Radar gesteuert wie Amraam oder von Infrarot-Sensoren ins Ziel gelenkt wie Asraam.

Weil der Suchkopf von Asraam »schielen« könne, so die Firmenpropaganda, vermöge ein Jäger-90-Pilot den Gegner wie im Vorbeiflug abzuschießen. Und all dies zu den gleichen Kosten wie beim Vorgängermodell »Sidewinder AIM 9L« aus den USA - rund 200 000 Mark pro Rakete.

Fliegernarr Manfred Wörner vertraute den Versprechungen. Rund 1,2 Milliarden Mark ließ er 1984 in den Bundeswehrplan einrücken, um 4663 Asraam-Raketen anzuschaffen, Entwicklungskosten inklusive.

1987 rechnete die Luftwaffe erstmals Entwicklungskosten von 468 Millionen Mark getrennt. Im Jahr darauf stieg der Stückpreis auf das Doppelte - 400 000 Mark. Im letzten Frühjahr war allein der deutsche Anteil an den Entwicklungskosten auf 1,2 Milliarden Mark geklettert, der Stückpreis auf über eine halbe Million Mark.

Das wurde sogar dem an Kostensprünge gewohnten Brigadegeneral Detlef Wibel zuviel, der im Führungsstab der Luftwaffe für die Rüstung zuständig ist. »Wir müssen da raus«, so der General Wibel, »so schnell wie möglich.«

Stoltenberg folgte dem Rat des Brigadegenerals. Aber nun hat er keine einsatzbereite Waffe für den Jäger 90. Denn die amerikanische Rakete Amraam plagen mancherlei Probleme mit Antrieb, Steuerung und Elektronik. Der letzte Test über dem Luftwaffenstützpunkt Eglin im sonnigen Florida, bei dem vier Raketen von einem Flugzeug auf vier verschiedene Ziele abgefeuert wurden, endete mit einem Fiasko: vier Fehlschüsse.

Aus dem Milliarden-Projekt Jäger 90 auszusteigen, dazu fehlt Stoltenberg jedoch der Mut. Denn die Verträge, die Vor-Vorgänger Manfred Wörner 1988 kurz vor dem Wechsel ins Amt des Nato-Generalsekretärs unterschrieben hat, zwingen die Deutschen, ihren Partnern - Großbritannien, Italien und Spanien - bis 1999 alle Kosten zu erstatten, die ein Ausstieg zur Folge hätte. Das wären derzeit 7,5 Milliarden Mark.

Da wirkt die Entscheidung, die Gerhard Stoltenberg am Freitag nach der Begegnung mit dem britischen Minister Tom King treffen soll - »nachmittags«, laut Terminplan -, wie ein Klacks. Es geht um Milliarden für das Projekt eines Nato-Hubschraubers der neunziger Jahre (NH-90), an dem die Briten nicht mehr beteiligt sind.

Luftwaffe und Marine wollten ursprünglich mehr als hundert Exemplare kaufen, schrecken jetzt aber wegen der neuen Kostenschätzungen des Lieferanten MBB zurück.

Bereits bei einem Treffen mit Stoltenberg im Juli votierten die Militärs in seltener Einmütigkeit gegen den neuen Helikopter. Nur ein Zivilist war vehement dafür: Rüstungsstaatssekretär Holger Pfahls. Er hat seine Karriere als Büroleiter des obersten Beschützers von MBB und der gesamten Luftfahrtindustrie begonnen - als Helfer von Franz Josef Strauß. f

Zur Ausgabe
Artikel 16 / 99
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.