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»So schrecklich war es noch nie in Kabul«

SPIEGEL-Reporter Peter Schille über die afghanische Hauptstadt vor dem endgültigen Abzug der Russen
Von Peter Schille
aus DER SPIEGEL 3/1989

Seit neun Tagen hat keine Rakete mehr eingeschlagen. Im zehnten Jahr des Krieges, dem Jahr 1367 des iranischislamischen Kalenders, haben die Belagerer beschlossen, die Hauptstadt Afghanistans auszuhungern. Erfrieren zu lassen. Von der Welt abzuschneiden. Da und dort zerplatzt manchmal eine Granate, hastig abgeschossen von einem versteckten Lastwagen, irgendwo in einer der engen Gassen Kabuls. Ein Haus wird zerfetzt, ein spielendes Kind zerrissen, mehr geschieht nicht. Nur die Angehörigen des Opfers trauern. Nur »westliche Diplomaten« nehmen Notiz davon, sie registrieren jedes Zeichen der Niederlage mit Schadenfreude.

Kabul spielt Leben. Morgens um sechs, wenn ringsrum die schneebedeckten Berge aus der Nacht auftauchen und das Licht langsam ins Tal gleitet, scheint der Belagerungszustand nur ein schlimmer Traum. Ein Muezzin ruft. Aus öffentlichen Lautsprechern rufen Tanzmusik und Siegesmeldungen von der Front zum Optimismus auf. Und dann donnert das Gewitter der Geschütze los, daß die Fensterscheiben klirren. Die Herzen, abgehärtet von über neun Jahren Krieg, beben schon lange nicht mehr.

Die afghanische Armee nimmt von morgens bis abends ihre Feinde unter Feuer: Anfangs hießen sie Banditen. Im milden Licht der »nationalen Aussöhnung« wurden sie zu »bewaffneten Extremisten«, zu Oppositionellen oder Contras befördert. Wer schon zu ihnen übergelaufen ist, wer sich im Geist auf ihre Seite geschlagen hat, nennt sie Mudschahidin, Kämpfer des heiligen Krieges.

Die Politik der »nationalen Aussöhnung«, ausgerufen am 6. Mai 1986, soll die Kluft zwischen heiligen Kriegern und Kommunistenfreunden, zwischen Angreifern und Belagerten aufheben. Alle für eine Idee gewinnen - den Frieden.

Die Mudschahidin haben sich im Gebirge eingegraben und warten auf ihre Stunde. Sie sind überall, mitten in Kabul und auf den Gipfeln der Berge: Wenn am 15. Februar die sowjetischen Lebensretter, inschallah, endgültig abgezogen sein werden, wird die Geschichte Afghanistans von vorne beginnen. Dann wird Kabul gestürmt. Befreit von den Bösen. Erobert von den Guten. Besetzt und beherrscht vom Stärksten oder vom Klügsten.

Im Hindukusch, kaum 100 Kilometer nördlich, türmen sich die Fünftausender gegen Kabul auf, liegen drei Meter Schnee. 25 Grad minus. Auch Kabul erstarrt jede Nacht in Schnee und Kälte, 14 oder 15 Grad unter Null. Vor allen Bäckereien und Tankstellen stehen, nein kauern Männer, Frauen und Kinder Schlange, frierend und stumm, bewacht von frierenden, stummen Soldaten. Ab 7.30 Uhr gibt es Brot für die Mägen und Diesel für die Öfen. Die ersten in der Reihe warten seit Mitternacht: Nan, das afghanische Fladenbrot, und Heizöl sind zu raren Kostbarkeiten aufgestiegen.

Arm sind fast alle. Rinder- und Hammelhälften schaukeln, von der dieselblauen Luft und den gierigen Blicken gebeizt, unberührt im Basar - zu teuer. Mandarinen und Granatäpfel aus den östlichen Provinzen: Alle betrachten sie liebevoll, keiner kauft, Luxus. Wer einen Dollar hat, ist reich, 220 Afghani zahlt ihm der Schwarzmarkt dafür, eine deutsche Mark bringt nur 110. Wenn der Lastwagenfahrer Aslam, 35, für seine neunköpfige Familie Brot kaufen will, 30 Fladen pro Tag für alle - statt 230 Gramm, wie vorgeschrieben, wiegen sie nur noch 150 -, muß er sich zwei Stunden vor drei Bäckereien abkämpfen: gegen den Hunger von 200 anderen Armen.

30 Brote, 6 Afghani das Stück, kosten im Monat 5400 Afghani. Aslam muß glücklich sein, denn er verdient 7000, ein hoher Lohn, er hat Arbeit als Fahrer beim Staat gefunden. Dennoch lebt er fast vom Brot allein. Und sein ältester Sohn, gerade zehn geworden, bettelt vier Stunden lang um Diesel und bringt nur 20 Liter heim, statt 50, wie erhofft, den Liter für 14 Afghani, das ist doppelt so teuer wie Brot. Mit Diesel heizen und kochen die Menschen von Kabul - »20 Liter reichen nicht mal einen Tag und eine Nacht für zwei Zimmer«, murrt Aslam.

Im Rathaus, gleich neben der Tankstelle, warten Bittsteller im Vorzimmer des Bürgermeisters auf Beistand. Mohammed Hakim, 48, das Stadtoberhaupt, ein in den USA ausgebildeter Generalmajor und ehemaliger Stellvertretender Ministerpräsident, ist sei Juli 1988 im Amt. Sein Optimismus vom Sommer ist längst verbraucht: »So schrecklich war es noch nie in Kabul.« Aber, sagt er dumpf, »die Leute werden schon nicht verhungern«.

Vor der sozialistischen April-Revolution von 1978 lebten 800 000 Menschen in der Stadt. Jahr für Jahr trieb der Krieg mehr Flüchtlinge ins Lager Kabul. 1987 gab es, laut Hakims Statistik, 1,3 Millionen Kabuler. Im Januar 1989 »organisieren wir die Versorgung von 1,5 Millionen Menschen«. Doch selbst das Innenministerium rechnet mit 2, Uno-Experten sogar mit 2,5 Millionen Einwohnern.

Im Basar, dem Königreich der Händler, liegen 17 000 Tonnen Reis, das Kilo doppelt so teuer wie im Sommer. Weil dieser Reis unerschwinglich ist, nimmt der Berg nicht ab.

Sooft Hakims Beamte auch die Preise kontrollieren, immer dann, wenn ihre Rügen zu scharf ausfallen, verschwinden die Waren aus dem Basar. Die Händler stellen den Handel ein. Das dürfen wir nicht riskieren, sagt der Bürgermeister - ein verbitterter General: Nicht einmal über Weizen und Hammelrücken hat er mehr Macht.

Selbst Staatsbedienstete und Offiziere, die als monatlichen Bonus bisher 56 Kilo Weizenmehl und sechs Liter Butterfett kassierten, bleiben seit zwei Monaten unversorgt. In den Kantinen von Behörden und Betrieben, auch ausländischen, darf seit fünf Monaten kein Fleisch mehr serviert werden.

Am vorletzten Sonntag standen plötzlich ein paar tausend Menschen im Schor-Basar so dicht beieinander, daß sich ihr gemeinsamer Schrei »Gebt uns Brot« wie eine Demonstration gegen die Regierung anhörte. War es schon Aufruhr? Oder bloß Hunger?

Kabul ist eingekreist und belagert von 40 000 Mudschahidin, die sich, so einige hoffnungsvolle Besserwisser aus dem Augurenzirkel der »westlichen Diplomaten«, in diesem Winter nicht bei ihren Familien in den pakistanischen Flüchtlingslagern erholen, sondern weiterkämpfen. Der Sieg ist nahe. Ihnen stehen nur 35 000 zuverlässige Regierungssoldaten gegenüber, meist Spezialeinheiten und Miliz. Und eins hat der neunjährige Krieg die afghanischen Soldaten gelehrt: Ein Mudschahid nimmt es mit 20 von ihnen auf.

Alle Straßen hat die Winteroffensive blockiert: An dieser Erfahrung endet auch die Versorgungsarithmetik des Bürgermeisters von Kabul. Da Afghanistan - seine Bauern sind tot oder geflohen, sie kämpfen mit der Kalaschnikow statt mit dem Pflug - sich nicht mehr selbst ernähren kann, hängt das Land von den Importen aus Pakistan und Indien ab. Auf einmal ist aber alles anders, der Nachschub rollt nicht mehr; Kabul liegt auf dem Mond, fern allen Lebens.

Die wichtigste Hauptstraße nach Pakistan wird von den Mudschahidin beherrscht. Sie kontrollieren jede Fuhre, und wenn sie Leben für Kabul bedeutet, wird sie gestoppt: »Seit fünf Monaten muß uns der Norden füttern«, sagt Bürgermeister Hakim und meint den Großen roten Bruder in Moskau.

Weizen und Brennstoff müssen 640 Kilometer vom Grenzhafen Hairatan am Amu-Darja bis Kabul zurücklegen - wenn sie dürfen: Denn am südlichen Ende des den Hindukusch durchbohrenden Salang-Tunnels bestimmt der große Kommandeur Ahmed Schah Massud über Ein- und Ausgang der Transporte. Seiner Gnade ist die Zukunft Kabuls unterworfen.

Massud streitet für sich und die Dschamiat-Organisation des Islamlehrers Rabbani. Sein Ziel ist Kabul, also die Macht. Ob Massud in zwei Monaten oder zwei Jahren einzieht, sei ihm, weiß das Volk von Kabul, absolut gleichgültig.

Seine 10 000 Krieger plündern Transporte aus und rauben Lebensmittel, um sie weiterzuverhökern. Gelegentlich stellen sie, in höhnischem Triumph, Quittungen für ihre Beute aus: Wird alles nach dem Sieg beglichen. Massud ist der heimliche Held der Hauptstadt. Angeblich hat die Regierung der nationalen Aussöhnung ihm das Verteidigungsministerium angetragen, er hat abgelehnt.

Zwischen dem Salang-Paß, in 3300 Meter schneebedeckter Höhe, und Kabul, zwischen dem Kommandanten Massud und dem Staats- und Parteichef Nadschibullah lauert in der Stadt Tscharikar der furchtbare Fundamentalist Gulbuddin Hekmatjar, Herrscher der Islamischen Partei, mit 10 000 seiner Krieger. Auch im Süden der Hauptstadt hat er Streitkräfte zusammengezogen - gleich neben dem Feldlager des einbeinigen Kommandeurs Abdul Hak, der die Ansprüche des Fundamentalisten Junis Chalis vertritt. Jeder kämpft für sich, Allah ist auf der Seite aller.

Im vorigen August feuerten die Mudschahidin bis zu 20 Raketen mitten ins Herz von Kabul, Tag für Tag. Das Resultat, 175 Tote, 300 Verletzte, laut Hakims Statistik, mag Präsident Nadschibullah und seine Minister bloß verstört haben, das Volk von Kabul geriet darüber in Panik und Wut.

»Weshalb lassen sie uns verhungern und erfrieren? Weshalb beschießen sie uns? Sollen sie doch die Russen beschießen. Wir sind doch ihre Brüder.« Der neuernannte Landwirtschaftsminister Mohammed Ghufran, 55, ein schlichter Kleinbauernsohn, macht in seinem Zorn nicht nur die Revolution und ihre sowjetischen Beschützer, auch die blutrünstigen Rächer des entehrten Afghanistan, Hekmatjar und Rabbani, für das allgemeine Leid verantwortlich. »Wir hassen sie. Eines Tages, und wenn es 40 Jahre dauert, werden sie für das bezahlen, was sie uns angetan haben.«

Massuma Esmati, die neue Präsidentin des Frauenrates - die Revolution warf ihren Mann ins Gefängnis und folterte ihren Bruder zum Krüppel -, die 59 Jahre alte afghanische Feministin und Lehrerin, Mutter von fünf Kindern, begreift nicht, »weshalb alle Menschen von Kabul auf einmal als Ungläubige und Kommunisten verdammt werden, als Verräter und Kollaborateure«.

Sie begründet ihren Haß auf ihre Feinde vor den Toren der Stadt mit der Verstümmelung ihrer kleinen Nichte Fatima: Die Raketen haben das Kind amputiert. »Amerikanische Raketen«, sagt Esmati, »sie zerplatzten beim Aufprall auf die Busstation in tausend scharfkantige Projektile.« »Warum habe ich keine Beine mehr wie andere Kinder?« fragt ihre Nichte sie jeden Tag. »Das Volk von Kabul hat Hekmatjar nicht gerufen, so wie Chomeini vom iranischen Volk gerufen worden ist. Er soll uns in Frieden lassen.«

Nur der westlichste der »westlichen Diplomaten« zeigt für die Grausamkeiten der Belagerer Verständnis. Den Raketenbeschuß auf Kabul vergleicht er mit »der Bombardierung der deutschen Städte am Ende des Zweiten Weltkrieges: Viele Menschen kamen um, obwohl nicht alle schuldig waren«. Um dem deutschen Besucher die Erfassung der Lage zu erleichtern, macht er aus Nadschibullah einen afghanischen Hitler, und im Kampf um Kabul erkennt er die letzten Tage von Berlin wieder: »The Alpenfestung, you know.«

Nur noch einen Monat und die Schurawi, die Sowjets, werden verschwunden sein. Aslam, der Lastwagenfahrer und Parteigenosse, hat Angst vor den Mudschahidin. Die Raketen aus dem Gebirge töteten und verwundeten wahllos anonyme Menschen: »Eine Mutter hob ihr Kind auf, und es hatte keinen Kopf mehr.«

Und als die Mudschahidin die Stadt Kundus eroberten, zeigten sie da ihr wahres Gesicht? Drei Augusttage plünderten und beraubten und vergewaltigten die für Allah und gegen den Sozialismus streitenden Krieger ihre Landsleute so erbarmungslos, daß sowjetische Bomber die Siegesorgie gewaltsam beenden mußten. In Kabul spricht man mit Furcht und Schrecken davon.

Der kleine Parteigenosse Aslam lädt behutsam Schuld auf beide Seiten. Wenn alles vorüber ist, müssen wir jemanden wählen, den das Volk liebt. Und wenn es Mohammed Sahir Schah wäre, der abgesetzte König. Er lebt im römischen Exil, 74 Jahre alt, und brennt darauf, Afghanistan zu retten.

Tag und Nacht machen sich die Schurawi davon, über Taschkent nach Moskau. Das Sanitätsbataillon in Kabul: abgezogen. Das sowjetische Militärlazarett: geschlossen. Das Botschaftspersonal: von 300 auf 100 verringert. Das Prominentenviertel Mikrorayon im Norden der Hautpstadt, nichts als graue Wohnblocks in staubiger Unordnung, ist von seinen Schurawi-Bewohnern geräumt worden. In Kabuls Straßen kommen Russen nicht mehr vor, Panzer und Kampfwagen werden von Afghanen gesteuert. Nur im Basar erkundigen sich dann und wann Soldaten mit dem roten Stern an der Pelzmütze nach dem Preis von japanischen Stereogeräten: zu teuer für sie.

»Seit sechs Monaten kämpfen unsere Soldaten ohne sowjetische Unterstützung«, rühmt Bürgermeister Hakim die Kampfkraft seiner Armee - sie schießt um ihr Überleben. Aslam denkt sich das so: »Wenn die Russen fort sind, verdoppelt sich unsere Moral. Das ist immer so, wenn der große Bruder die Familie verläßt - dann strengt sich der kleine um so mehr an.«

In Kabul findet das Endspiel statt, kein Weltuntergang. Kabul hungert und friert. Die sowjetischen Flugzeuge starten Tag und Nacht Richtung Heimat. Jede Stunde donnern die Geschütze. Morgen sind schon zehn Tage ohne Raketen vergangen.

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