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Freizeit So sensibel

Ein ehemaliges FDGB-Heim an der Ostsee hat sich zum einzigen deutschen Hotel für Arbeitslose gewandelt.
aus DER SPIEGEL 31/1992

Nach zwei Wochen Ferien sieht Paula Weinert, 38, so fertig aus, als ob sie dringend Urlaub brauchte: sehr blaß, nervös und gar nicht gut gelaunt.

Die alleinstehende Frau ist mit ihrer Tochter Jasmin, 10, von Berlin-Marzahn an die Ostsee gereist und versucht hier, sich vom Nichtstun auszuruhen. Im vergangenen Herbst hat sie, nach fast 20 Jahren, ihren Job als Sekretärin verloren.

Nach Boltenhagen, dem Badeort zwischen Lübeck und Wismar, ist sie wegen des Kindes gekommen: »Für die Kleine ist das wichtig - mal raus aus diesem kaputten Berlin.« Richtig genießen kann Paula Weinert den Urlaub nicht, immerhin kann sie sich ihn leisten: In Boltenhagen steht - »einmalig in Deutschland«, so die ostdeutsche Presse - »ein Traumhotel für Arbeitslose«.

Das John-Brinckman-Haus war vor der Wende ein Erholungsheim des FDGB - und ein Blick auf die blättrige Plattenbau-Fassade zeigt, daß sich das überschwengliche Lob auf innere Werte des Hauses beziehen muß. Knapp zwei Drittel der 200 Betten sind für Arbeitslose reserviert: Die Halbpension kostet zehn Mark pro Tag, Kinder bis zu zehn Jahren wohnen und essen umsonst. Den Rest finanziert das Arbeitsamt.

Für den Hotel-Direktor Rudolf Arnold ist die Begrüßung der Neuankömmlinge jedesmal »ein heikler Drahtseilakt. Arbeitslose sind so sensibel«. Viele sind erst gar nicht in den Konferenzraum gekommen. Nur etwa 30 von 80 neuen Gästen sitzen in den Sesseln.

»Sicher können Sie sich satt essen, beim Frühstücksbuffet oder bei den kalten Platten am Abend«, versichert Arnold. »Haben Sie keine Hemmungen! Aber wir sehen nicht so gerne, wenn sich jemand ganze Pakete zusammenstellt. Bei nur zehn Mark müssen wir kalkulieren.« Die Gäste schauen zu Boden.

Rund 1,12 Millionen Arbeitslose gibt es in den neuen Bundesländern, hinzu kommen 1,43 Millionen Kurzarbeiter, ABM-Kräfte und Umschüler. Doch immer noch gilt den meisten ihre Arbeitslosigkeit als persönlicher Makel. Auch im John-Brinckman-Haus wollen nur wenige über ihre Situation reden. Untereinander finden sie kaum Kontakt.

Zuerst hatte es im Programm für die arbeitslosen Urlauber noch Berufsberatungen und Gesprächskreise gegeben. Aber die wurden schnell wieder gestrichen, weil kaum jemand zu den Treffen kam. Am häufigsten wird die Kinderbetreuung in Anspruch genommen.

Im Speisesaal sorgt nur eine Reisegruppe aus Unterfranken für die Geräuschkulisse, die Urlauber aus dem Osten schweigen viel. Die Mahnungen des Direktors haben genützt. Einige Gäste haben sich ihre Getränke mitgebracht. Manche gebrauchen nur das Geschirr: Sie haben Aufschnitt im nahen Supermarkt besorgt. Weil die Zimmer zu klein sind, essen sie im Saal. Das Personal schaut darüber hinweg.

Am bunten Abend fühlt sich der Alleinunterhalter allein gelassen: Kaum einer lacht, der Applaus bleibt dünn. Witze helfen wenig: »Sagt mal, seid ihr alle zu arm zum Beifallspenden?«

Nur wenige wirken so fröhlich, wie man das sonst von Urlaubern erwartet. Die Familie Reiß aus Deutschneudorf im Erzgebirge gehört zu diesen seltenen Ausnahmen. Vater Manfred schult vom Fernfahrer zum Zimmerer um, Mutter Petra hofft auf Heimarbeit; sie will Holzspielzeug basteln.

»Wir haben uns schon immer mit schwierigen Situationen abfinden müssen«, sagt Manfred Reiß. Für seine Familie ist das Angebot, so günstig Ferien zu machen, »einfach Klasse«. Ohne einen Platz im Billigbetten-Hotel hätten sie es sich nicht leisten können, die drei Kinder »aus der schlechten Luft im Erzgebirge herauszuholen«.

Die Flucht vor den alltäglichen Problemen gelingt nur wenigen Bewohnern des John-Brinckman-Hauses. Die Eintragungen im Gästebuch verraten es: Von Freude und Erholung ist kaum etwas zu lesen - mehr von banger Hoffnung und beschämter Dankbarkeit. Eine Urlauberin aus dem Westen bemüht zur Motivation ihrer Landsleute einen Sinnspruch: »Ich träumte, das Leben wäre schön. Ich erwachte und merkte, das Leben war Arbeit. Ich arbeitete und fand, das Leben war schön.«

Dem John-Brinckman-Haus geht es kaum besser als seinen Gästen, die Zukunft ist ungewiß. Auch wenn Direktor Arnold Standfestigkeit beschwört: »Das Haus ist so stabil, da könnten Panzer drüber fahren.«

Beinahe hätte die deutsche Vereinigung das Unmögliche schon geschafft: Am Silvestertag 1990 wurde das John-Brinckman-Haus geschlossen und fortan von der Treuhand verwaltet.

Einige Monate später übernahm die Hamburger Reisekauffrau Claudia Wunderlich, 34, die Geschäftsführung. Das Haus steht zu zwei Dritteln auf einem Grundstück, das ihrer Familie gehört. Sie wollte das Hotel weiterbetreiben.

Doch trotz einer schnellen Einigung zwischen Claudia Wunderlich und der Gemeinde, der das restliche Grundstück gehört, sind die Pläne gefährdet. Die Treuhand legte Widerspruch gegen die weitere Nutzung ein. Begründung: »Die Herausgabe würde zwangsläufig zu einer Stillegung führen.« Claudia Wunderlich kann das nicht verstehen: »Ich will doch das Haus weiterführen. Das haben die doch sogar schriftlich.«

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