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So sind sie eben

Von Rudolf Augstein
aus DER SPIEGEL 47/1998

Kurz vor seinem Waterloo nannte Napoleon den »Rheinischen Merkur«, herausgegeben von Joseph Görres, die »fünfte feindliche Großmacht«. Da übertrieb er. Die Presse ist noch nicht einmal eine Macht, wenn sie ihren jeweiligen Sympathien nachgibt. Aber es ist schon richtig, daß bestimmte Blätter, allein oder gemeinsam, Hindernisse aufbauen können, die den Regierenden unbequem sind. So ist unsere Demokratie entstanden, aus der die Presse trotz der Fernsehkultur oder -unkultur nicht wegzudenken ist.

Manchmal freilich nimmt die potentiell immer lauernde Gegnerschaft zwischen Medien und Regierung groteske Formen an. Das war nicht so sehr der Fall zwischen dem Großvater Konrad Adenauer und dem SPIEGEL, aber doch bei dessen Enkel Helmut Kohl. Adenauer högte sich in vertrauter Teestunde, als es ihm 1952 während der Schmeisser-Affäre gelungen war, einen Teil der Auflage des SPIEGEL beschlagnahmen zu lassen. (Die zum Tee gebetenen Pressekollegen konnten sich vor Zustimmung kaum noch einkriegen.)

Alle Parteien wünschen sich die von ihnen unabhängige Presse vermutlich vom Halse; das ist menschlich. Aber alle wissen natürlich, daß es ohne Zusammenarbeit mit ihr nicht geht.

Helmut Kohl ist hier eine Ausnahme. Sein Wüten gegen den SPIEGEL ist von anderen Kollegen beschrieben und von SPIEGEL TV in Aktion festgehalten worden. Privat waren die Verhältnisse ein wenig lockerer. Der Weg zu den anderen Parteien fiel dem SPIEGEL naturgemäß leichter als der zur CDU; sogar zur CSU hatte man einfachere Beziehungen.

Nun aber haben wir eine neue Szenerie. Und was tut der in seinen taktischen Fähigkeiten doch sonst nicht so beschränkte CDU-Vorsitzende und Fraktionsvorsitzende der Union, Dr. Wolfgang Schäuble? Er versucht gar nicht erst, seine Partei auf fortgesetztes Anfeinden des SPIEGEL festzulegen. Das wäre auch nicht klug, aber im Sinne herkömmlicher CDU-Heuchelei verständlich gewesen.

Schäuble tat etwas anderes. Er suchte dem neuen Kanzler Gerhard Schröder, der seine Regierungserklärung noch nachts im Auto auf dem Heimweg von meinem intern gefeierten Geburtstag ausgefeilt hatte, beizubiegen, auch ihm würde »der SPIEGEL bald so widerwärtig sein, wie er Helmut Kohl es in den 16 Jahren gewesen ist«.

Ich habe mit der FDP-Führung, ich habe mit den SPD-Kanzlern Brandt und Schmidt reichlich Krach gehabt. Aber wer wäre je auf die Idee gekommen, einem Geburtstagsfreund wie Gerhard Schröder in der Antwort der Opposition auf die erste Regierungserklärung vorauszusagen, auch er werde »den SPIEGEL ums Verrecken nicht gern lesen«. Das ist CDU-Ideologie, und das trennt uns eben auch. Ein Freund der Pressefreiheit kann sich damit kaum gemein machen. Offenbar will Schäuble den neuen Kanzler auf jene Stufe herunterziehen, auf der dessen Vorgänger geturnt hat - manchmal zum eigenen Mißvergnügen.

Aber dieser Kanzler ist anders. Er glaubt nicht einen Moment, er könne dadurch, daß er mit mir zusammensitzt, einen kritischen Artikel des SPIEGEL mildern oder gar verhindern; ebensowenig glaubt er, er könne dadurch einen Gewinn einfahren. Man muß schon reichlich bescheuert sein, um die Mechanismen des freien Journalismus so einzuschätzen.

Auch dem in Würde und Ehren abgetretenen Kanzler Kohl, der während der Regierungserklärung seines Nachfolgers friedlich ein Bonbon nach dem anderen zerlutschte, wurde so noch ein nachträglicher Eselstritt versetzt, das merkt Schäuble nicht. Das ist nicht christliche Heuchelei, das ist einfach Dummheit.

Welchen Vorteil hat die FDP, der ich als zahlende Parteileiche immer noch angehöre, je von mir gehabt? Welchen Vorteil hatte wohl die Koalition aus SPD und FDP? Auch keinen. Doch war deren Politik vom SPIEGEL mitformuliert worden. Da gibt es zwar keine historischen Bündnisse, aber Bündnisse. Der damalige Bundeskanzler Schmidt, zu dessen Geburtstagen ich ja auch erschienen bin, hatte keinen Vorteil von unserer persönlichen Bekanntschaft. Willy Brandt und der SPIEGEL waren gegen die sogenannte Nachrüstung, er dafür. Ich war mit beiden gleich gut bekannt und gleich gut verfeindet.

So geht es - das scheint Dr. Schäuble nicht zu wissen - in der Presse zu.

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