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»So überflüssig wie ein Kropf«

aus DER SPIEGEL 42/1996

SPIEGEL: Herr Enzensberger, die Landessprache, in der Sie schreiben, soll sich ändern - statt »Gemse« soll künftig »Gämse«, statt »rauh« »rau«, statt »Stengel« »Stängel« und statt »Haß« »Hass« geschrieben werden. Wie finden Sie das?

Enzensberger: Eine Clique von selbsternannten Experten will sich wichtig machen, zwei Großverlage schnappen nach dem Monopolgewinn, und die Politik übt sich wie gewöhnlich im Etikettenschwindel. Dabei geht es überhaupt nicht um die Sprache, sondern um die Rechtschreibung, die von jeher das Stekkenpferd aller Besserwisser war.

SPIEGEL: Sie halten die Rechtschreibreform für entbehrlich?

Enzensberger: Eine solche »Reform« ist natürlich so überflüssig wie ein Kropf. Nur Zwangsneurotiker können wegen solcher Bagatellen jahrzehntelang Steuergelder in Ausschüssen und Kommissionen verdauen. Ich zitiere Ihnen einen beliebigen Satz aus Wielands »Gesprächen unter vier Augen": »Von einer Republik, die auf die Rechte der Menschheit gegründet seyn will, und mit den großen Zauberworten, Freyheit und Gleichheit, Vernunft, Filosofie und Filanthropie, so viel Geräusch und Geklingel macht, sollte man doch wohl mit gutem Fug ein besseres Beyspiel erwarten dürfen.« Wie viele »Schreib- und Kommafehler« würden die Anbeter des Dudens in diesem Satz finden, je nachdem, welche Auflage ihrer heiligen Schrift sie gerade zu Rate ziehen? Sechs? Sieben? Acht? Dabei muß man schon ein ganz besonderer Trottel sein, um nicht zu begreifen, was Wieland meint und was niemand besser ausdrücken konnte als er. Wer ist überhaupt dieser Herr Konrad Duden? Irgendein Sesselfurzer! Ich halte mich lieber an Lessing, Lichtenberg, Kleist und Kafka.

SPIEGEL: Haben Sie die »Frankfurter Erklärung« als Lyriker unterschrieben oder als politischer Zwischenrufer?

Enzensberger: Ein Engländer - ich glaube, es war Shelley - hat einmal gesagt, die Schriftsteller seien die wahren Gesetzgeber der Sprache. So weit möchte ich nicht gehen, aber im Zweifelsfall würde ich einem, der schreiben kann, eher trauen als Ministerialdirigenten und Schulbuchverlegern, die oft ihrer eigenen Sprache nicht mächtig sind.

SPIEGEL: Wie erklären Sie sich diesen neuen Regulierungswahn der Deutschen - im vertraglich gesicherten Verbund mit Österreichern und Schweizern? Kompensation für die Unfähigkeit, wichtigere Probleme der deutschen Gesellschaft zu lösen?

Enzensberger: Die Orthographie war in Deutschland seit dem Wilhelminismus ein reiner Amtsfetisch. Die Regierungen sollten die Finger von Dingen lassen, von denen sie nichts verstehen und für die sie nicht kompetent sind. Die sogenannten Regelwerke sind Ersatzhandlungen, mit denen die kulturpolitische Impotenz kaschiert werden soll. Es ist für das Verständnis völlig unerheblich, ob es »Stengel« heißt oder »Stängel«, ob man »im Klaren« groß oder klein schreibt - es kommt vielmehr darauf an, ob jemand in der Lage ist, sich klar auszudrücken. Darum sollten sich die Pädagogen kümmern, statt eine alte Zwangsjacke durch eine neue zu ersetzen.

SPIEGEL: Wünschen Sie sich eine andere Art von Sprachreform?

Enzensberger: Ich wünsche, daß mich der Staat beim Schreiben in Ruhe läßt.

SPIEGEL: Warum sind die deutschen Schriftsteller so spät aufgewacht?

Enzensberger: Ich habe nicht geschlafen. Auf jedem Manuskript, das ich an meinen Verlag sende, steht seit Jahrzehnten mit großen roten Buchstaben: »Nicht nach Duden!« Allen Lehrern der Republik würde ich raten, den Schwachsinn der neuen »amtlichen Regelung« stillschweigend zu ignorieren. Die Schulen haben Besseres zu tun. Vorschriften, die niemand beachtet, machen sich lächerlich. Sie erledigen sich von selbst. Ich kann mir nicht vorstellen, daß maßgebende Verlage wie Rowohlt, Hanser oder Suhrkamp so dumm sein werden, ihre Bücher einzustampfen. Auch die großen Zeitungen täten gut daran, sich taub zu stellen. Gegen diese Form der zivilen Sabotage ist kein Kraut gewachsen. Ich hoffe, daß der SPIEGEL dabei mit gutem Beispiel vorangeht.

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