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US-WAHLKAMPF So viel Macht

Der Geistliche Jesse Jackson ist zur Integrationsfigur der schwarzen US-Wähler geworden. Er kann möglicherweise darüber entscheiden, wen die Demokraten gegen Ronald Reagan ins Rennen schicken. *
aus DER SPIEGEL 13/1984

Er ist, mit 42, der jüngste der vier noch verbliebenen Bewerber, die am 20. Januar 1985 als Präsident der Vereinigten Staaten vereidigt werden möchten, in jeder Hinsicht wirklich ein »neuer« Kandidat.

Er hat, von Haus aus Baptistenprediger, noch weniger politische Erfahrung vorzuweisen, als sie Ronald Reagan, Ex-Schauspieler und mit 73 der älteste der vier, 1981 mit ins Weiße Haus brachte.

Er weiß, anders als seine Konkurrenten, weder millionenschwere Unternehmer noch millionenstarke Gewerkschaften, weder Show-Größen noch Größen eines Parteiapparats hinter sich.

Er konnte erst in den letzten beiden Wochen, als die Karawane der Wahlkämpfer durch seine Heimat im Süden und seine Wahlheimat Chicago zog, die magische Grenze von 20 Prozent der abgegebenen Demokraten-Stimmen überschreiten - genug, um sich für Bundeszuschüsse zum Wahlkampf zu qualifizieren, viel zuwenig aber für einen Sieg.

Und dennoch jagt der Jesse Louis Jackson seinen demokratischen Rivalen Walter Mondale und Gary Hart, aber auch dem republikanischen Amtsverweser Ronald Reagan tagtäglich neue Angst ein.

Denn Jesse Jackson ist schwarz. Und seit er in Georgia und Mississippi, in South Carolina und Alabama, vor allem aber am vorigen Dienstag in Illinois die große Mehrheit der schwarzen Wähler auf seine Seite brachte, sieht die Konkurrenz ihre sorgsam ausgetüftelte Strategie zunehmend gefährdet.

Walter Mondale, der am vorigen Dienstag endlich einmal auf ganzer Linie siegreiche Favorit des demokratischen Partei-Establishments, hatte von Anfang an fest darauf gebaut, die traditionell demokratisch wählenden Schwarzen für sich gewinnen zu können. Doch je mehr schwarze Stimmen an Jesse Jackson fallen, desto größer ist die Gefahr für Walter Mondale, schon im Vorwahlkampf gegen den im Lager der Weißen etwa gleichstarken Gary Hart auf der Strecke zu bleiben.

Der wiederum hatte Jackson - anders als Mondale - ausdrücklich zur Kandidatur ermuntert. Der charismatische Prediger, so Harts Kalkül, werde Mondale entscheidend schwächen, und ihm, Hart, zur Nominierung als Präsidentschaftskandidat verhelfen.

Doch je geschlossener sich die Schwarzen um Jesse Jackson scharen, der sowohl Mondale wie auch Hart als Relikte der »alten« Politik attackiert, desto größer könnte - so wollen prominente Schwarze jetzt schon wissen - für Jackson die Versuchung werden, in einer Demonstration schwarzer Unabhängigkeit und Selbständigkeit aus der Demokratischen Partei auszuscheren und sich als Unabhängiger zur Wahl zu stellen.

Das jedoch würde fast unweigerlich die Wiederwahl Ronald Reagans bedeuten, in dem die Schwarzen, an der Spitze Jesse Jackson, ihren Gegner Nummer eins sehen - weshalb Reagans Strategen an ein solches Gottesgeschenk denn auch nicht glauben mögen. Sie fürchten vielmehr, daß sich Jackson am Ende doch mit einem seiner beiden demokratischen Rivalen arrangieren und dann seine ganze Überzeugungskunst aufbieten wird, auch den letzten wahlberechtigten Schwarzen zur Stimmabgabe zu bewegen.

Und im Weißen Haus hat man nicht vergessen, daß Ronald Reagan nicht zuletzt deshalb Präsident werden konnte, weil viele Schwarze 1980 angesichts der Alternative Carter/Reagan lieber gar nicht erst zur Wahl gingen.

Für seine demokratischen Mitbewerber Mondale und Hart ist Jackson jedoch fast unangreifbar, da jede Attacke auf den schwarzen Bürgerrechtskämpfer als Rassismus ausgelegt würde.

Lediglich Amerikas mächtige jüdische Minderheit machte mobil gegen Jackson, weil sie ihm nicht vergeben kann, daß er sich 1979 im Nahen Osten von PLO-Chef Arafat umarmen ließ, daß er das Selbstbestimmungsrecht auch für die Palästinenser fordert und daß er - was Millionen Amerikaner tagtäglich tun - die Juden im privaten Gespräch einmal verächtlich als »Hymies«, _(Hymie: Amerikanischer Spottname für ) _(Jude, abgeleitet von dem (häufigen) ) _(Vornamen Hymen. )

ihre Metropole New York als »Hymietown« abtat.

So hat Jesse Jackson freie Bahn für seinen Feldzug durch die Gotteshäuser und Gettos der Schwarzen und durch die Fernsehstudios der großen TV-Gesellschaften, in denen er beredt und berechtigt Klage darüber führt, wie die Schwarzen - und mit ihnen auch die anderen sozial schwachen Minderheiten - von der Reagan-Regierung benachteiligt oder schlicht ignoriert werden.

Für die Schwarzen ist er - das bestreiten nicht einmal mehr jene, die seiner Kandidatur anfangs mit Argwohn, Eifersucht und Spott gegenüberstanden - mittlerweile zu einer nationalen Integrationsfigur geworden, nun wartet er noch auf die übrigen Minderheiten, um dann als Führer einer in allen Farben schillernden »Regenbogen-Koalition« noch größeren Druck auf seine Rivalen ausüben zu können.

Geht das Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Mondale und Hart weiter, könnte es geschehen, daß am Ende, auf dem Demokratischen Parteikonvent in San Francisco, Jesse Jackson darüber entscheidet, wen die Demokraten gegen Reagan ins Rennen schicken. Und er könnte dafür beinahe jeden Preis fordern.

»Jackson hat so viel Macht errungen«, kommentierte Amerikas angesehener Wahlanalytiker David S. Broder in der »Washington Post«, »daß die Art, wie er sie einsetzt, entscheidenden Einfluß haben wird auf die amerikanische Politik. Das ist mehr, als man bisher von irgendeinem schwarzen Politiker sagen konnte.« _(Im Januar 1984 in New Hampshire. )

Hymie: Amerikanischer Spottname für Jude, abgeleitet von dem(häufigen) Vornamen Hymen.Im Januar 1984 in New Hampshire.

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