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Malta So viel nicht wert

Malta-Premier Mintoff wollte den Briten eine höhere Stützpunkt-Miete abpressen. Doch England erteilte seiner Malta-Garnison Rückzugsbefehl.
aus DER SPIEGEL 3/1972

Die demonstrierenden Massen in Maltas Hauptstadt waren etwas spät unterwegs. Sie brüllten Anfang voriger Woche -- »British go home!«, als die britischen Streitkräfte längst abrückten.

Das Straßengepolter war offenbar ein neuer Einfall des ruppigen Marketings. mit dem Malta-Premier Dom Mintoff den militärischen Preis seiner strategisch heruntergekommenen Insel zu steigern versucht.

Seit der Sozialdemokrat Mitte vorigen Jahres mit einer Stimme Parlamentsmehrheit an die Macht kam, will er aus den Briten, die dort 164 Jahre lang (bis 1964) Kolonialherren waren und jetzt nur noch militärische Einquartierung sind, immer mehr Geld schlagen.

1964 hatte Mintoffs konservativer Vorgänger mit England einen zehnjährigen Stationierungsvertrag geschlossen. Jahresmiete für die Benutzung von Flugplatz und Verteidigungsanlagen, Werften, Docks und Hafen: 42 Millionen Mark.

Vor einem halben Jahr begann Nachfolger Mintoff seine Regierungszeit mit dem Hinauswurf des Nato-Hauptquartiers Seestreitkräfte Mittelmeer und extremem Mietwucher: England müsse jährlich 235 Millionen Mark zahlen. Um die Briten weichzumachen, gab er an, parallele Mietverhandlungen mit der Sowjet-Union und Libyen zu führen. Die Sowjets spielten mit, indem sie ihren Londoner (auch auf Malta akkreditierten) Botschafter zu Mintoffs Amtseinführung entsandten.

Im Nato-Gegenzug traf eine vom Bonner Verteidigungs-Staatssekretar Ernst Wolf Mommsen geführte bundesdeutsche Gruppe auf der Insel ein. Bonn vereinbarte alsbald wirtschaftliche Zusammenarbeit: Lieferung von Hubschraubern und Zollbooten. Förderung des Charterflug-Tourismus und Entsendung eines Wilhelmshavener Werftexperten.

Im September stimmte Briten-Premier Heath einer Verdoppelung der Jahresmiete auf 80 Millionen Mark zu. Zum Christfest schickte Mintoff ihm einen Weihnachtswunsch: Er forderte ab sofort 150 Millionen. widrigenfalls müßten Englands Soldaten mitsamt Familien seine Insel bis zum Jahresende verlassen. Londons »Sunday Times": So viel Geld sei der Stützpunkt nicht wert.

Bis dahin hatte Heath die Manieren des Maltesers hingenommen. jetzt hatte er genug. London ordnete den Abzug der Briten aus Malta an. Mintoff verlängerte die Räumungsfrist bis zum 15. Januar und nährte Spekulationen: Er habe Zeit für weitere Mietverhandlungen anbieten wollen.

Vielleicht glaubte Dom Mintoff, daß auch England immer noch pokere. Jedenfalls blieb London auf Räumung eingestellt und erklärte schlicht: Die Miete sei bis Ultimo März bezahlt, ein früherer Abzug technisch unmöglich.

Bis zur Mintoff-Frist. dem 15. Januar, will England nur die 7000 Frauen und Kinder seiner Soldaten per Luftbrücke evakuieren, danach die 3500-Mann-Truppe mit allem Gerät bis zum letzten Papierkorb.

Dann werden 7500 maltesische Angestellte der britischen Streitkräfte ebenso arbeitslos sein wie rund 10 000 Dienstmädchen, Köche und Gärtner. Ein Fernsehgeräteverleih der Inselhauptstadt berechnete seinen Verdienstausfall auf monatlich 32 000 Mark.

Von Maltas 10 000 Briten und ihrer Regierung flossen jährlich insgesamt 220 Millionen Mark in Maltas Staats- und Ladenkassen. Weitere 100 Millionen brachten die fast ausschließlich britischen, rund 170 000 Touristen (1971). Sie sind, sollten sie fortan ausbleiben, schwer zu ersetzen, denn -- so der englische Labour-Minister a. D. Richard Crossman: »Nur Engländer lassen sich das Essen der Malteser Hotels bieten.«

Ohnehin werde das Haushaltsdefizit Maltas, wie Mintoff seinem Parlament gestand, Ende März 92 Millionen Mark, die Staatsschuld 330 Millionen betragen. Für Mintoffs Behauptung, Libyens Staatschef Oberst Gaddafi habe ihm für drei Jahre je 150 Millionen Mark versprochen, fehlt bislang der Beweis.

Außer durch Fremdenverkehr konnte Malta bislang nur als Stützpunkt zu Geld kommen. Er galt im Weltkrieg II noch als so wichtig, daß Churchill ihn »um jeden Preis« hielt und die Italiener ihn bombardierten, so gut sie konnten. Heute ist der Nato eigentlich nur wichtig, daß den abgerückten Briten keine Sowjets nachrücken. Vorigen Donnerstag gab sich die Brüsseler Nato-Zentrale noch wieder hoffnungsvoll, daß sich Mintoff und Heath doch noch einigen. Und als der maltesische Erzbischof Sir Michael Gonzi, 86, vorigen Donnerstag nach Rom reiste. zirkulierten Gerüchte, der Oberhirte kehre auch in London ein.

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