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Hochschulen So was schluckt

Bayerns Kabinett droht, den Hochschuletat einzufrieren: Trotz rapide wachsender Universitätsausgaben sinkt im CSU-Staat die Zahl der Studienplätze.
aus DER SPIEGEL 32/1972

Beamte des Bayerischen Obersten Rechnungshofes, sonst über die dicken Folianten des Freistaat-Etats gebeugt, machten mal Außendienst. Sie wollten erfahren, wozu die Universitäten des Landes -- der bayrische Hochschuletat wuchs binnen zehn Jahren von 280 Millionen auf 1,4 Milliarden Mark -wohl das viele Geld verwenden. Denn, so Rechnungshof-Präsident Gotthard Brunner: »Die Hochschulen sind ja kein exterritoriales Gebiet.

Die Prüfer wurden alsbald fündig.

* Bei der Technischen Universität München inspizierten sie die auf Antrag eines Lehrstuhlinhabers im Frühjahr 1968 angemieteten zusätzlichen Institutsräume von 240 Quadratmetern, für die inzwischen 68 000 Mark Mietkosten aufgewendet wurden, und notierten: »Hinter der Eingangstüre Wurfsendungen mehrerer Monate, auf dem Balkon brüteten Tauben, und in den Räumen befanden sich nur einige wenige Gegenstände, die anderweitig hätten untergestellt werden können«

* Zu einem Einzimmer-Appartement, das eine Hochschul-Versuchsanstalt in Garmisch-Partenkirchen angemietet hatte, stellten sie fest: »Angeblich sollte Gästen. . eine preiswerte Unterkunft zur Verfügung stehen. Mieteinnahmen wurden jedoch nicht erzielt«

* Bei der Universität München überprüften sie eine Stiftung in Höhe von 200 000 Mark und fanden heraus, daß die Hochschule trotz »laufend in der Öffentlichkeit geführter Klagen über die zu geringen finanziellen Mittel« aus der Schenkung »ein Sondervermögen gebildet und die Gelder in Wertpapieren angelegt« hat.

Rechnungshof-Präsident Brunner wertete diese »Hortung von Räumen« und die zinsträchtige Anlage von Stiftungsgeldern als »Lappalien, aber symptomatisch«. Denn auch ein globaler Vergleich der wachsenden Hochschulausgaben mit den stagnierenden oder gar rückläufigen Ausbildungskapazitäten beließ die Prüfer bei ihrer Erkenntnis, »daß die verstärkte Bereitstellung von Haushaltsmitteln für die wissenschaftlichen Hochschulen allein noch nicht den gewünschten Erfolg verbürgt, sondern durch Maßnahmen zur Steigerung der Effektivität ergänzt werden muß«.

Zu dieser Einsicht hat sich -- neun Monate nach Veröffentlichung des Prüfungsberichts -- nun auch die bayrische Staatsregierung durchgerungen. Am Mittwoch letzter Woche konstituierte sich eine vom Ministerrat berufene Kommission, die eine »Modell-Untersuchung über die Wirtschaftlichkeit des Mitteleinsatzes an den wissenschaftlichen Hochschulen in Bayern« vorbereiten und überwachen soll.

Erster Einsatzort der Kommissare: die Universität Erlangen-Nürnberg, der als Rektor der Physik-Professor Nikolaus Fiebiger vorsteht. In der fränkischen Metropole -- heute mit rund 11 000 Studierenden zweitgrößte Universitätsstadt des Landes -- registrierten die Rechnungshof-Prüfer eine besonders »starke Divergenz zwischen den steigenden Ausgaben und der Zahl der Studenten«. Während nach den Rechnungshof-Recherchen beispiels. weise die Ausbildungskapazitäten in der Medizin in München auf 86,4 Prozent und in Würzburg auf 93,4 Prozent des früheren Leistungsstands geschrumpft sind, sackte die Ziffer der Medizin-Studenten in Erlangen-Nürnberg binnen sechs Jahren von 2713 um 50 Prozent auf 1379 ab -- die Gesamtausgaben der Erlanger Universitätskliniken aber verdoppelten sich im gleichen leitraum.

Der Erlanger Universitäts-Kanzler Kurt Köhler -- der noch vor sechs Jahren mit 80 Millionen Mark auskommen mußte, nun aber einen Gesamtetat von 270 Millionen Mark zu verwalten hat -- erklärt das Phänomen mit früherer Schlamperei: »Wir haben trotz des 1962 eingeführten Numerus clausus in der Medizin bis 1966 einfach alles aufgenommen, was sich gemeldet hat.«

Außerdem seien in Erlangen kostenzehrende Neuanlagen wie ein Herzzentrum und eine Bluter-Spezialklinik (Köhler: »Ein Bluter kostet uns jährlich 100 000 Mark") geschaffen worden. Köhler: »So was schluckt natürlich.« Gleichwohl erzeugt die anhaltende Kostenmehrung auch bei Kanzler Köhler ein Schaudern: »Da kommt einem einfach die Gänsehaut.«

Als freilich nach der Veröffentlichung des Rechnungshof-Berichts »das Kabinett mit dem Einfrieren des Hochschuletats drohte, da sind wir hellhörig geworden« (Köhler). Der Erlanger entschloß sich zur Vorwärtsstrategie: »Wir haben dann von uns aus angeboten, eine Prüfung der Effizienz über uns ergehen zu lassen.«

Während Rechnungshof-Präsident Brunner nun immerhin hofft, daß die Arbeit der Kommissare »nicht ganz im Sande verläuft«, ist Köhler zuversichtlich, daß sein Finanzgebaren sich als guter Durchschnitt erweist: »Ich glaube, daß wir den Vergleich mit anderen Hochschulen nicht zu scheuen brauchen.«

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