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WAFFEN-SS So was wie GSG 9

In einem hessischen Dorf feiern Veteranen der SS-Totenkopf-Division fröhliche Feste. *
aus DER SPIEGEL 13/1984

Die Herren sind zum »Frühlingsfest« mit »Tanzabend« geladen, sie feiern ein »frohes Wiedersehen der Urlauber«.

Doch die Feriengäste, die sich am Freitag dieser Woche, als »Urlaubergemeinschaft Ilmensee« getarnt, im hessischen Luftkurort Oberaula treffen, sind alte Kameraden der Waffen-SS.

Rund 500 Veteranen der ehemaligen 3. SS-Panzer-Division »Totenkopf« werden erwartet. Die alten Kampfgefährten wollen ihre »einmalige Leistung« im Rußlandfeldzug 1942 feiern, als die Division, gemeinsam mit anderen Verbänden, im Kessel von Demjansk südöstlich des Ilmensees, der Roten Armee trotzte.

Die Totenkopf-Kameraden, von denen viele Autos mit Nummernschildern der Kombination »SS« hinter dem Ortskennzeichen fahren, schwärmen noch heute von der Elitetruppe des Generals Theodor Eicke. Der SS-Obergruppenführer, wegen seiner Schlächtermentalität gefürchtet, war als »Inspekteur der Konzentrationslager« der eigentliche Erfinder des bürokratischen KZ-Terrors. Der Totenkopf-Division wird unter anderem die Ermordung von 20 000 Zivilisten und russischen Kriegsgefangenen im Raum Charkow angelastet.

Von den Greueltaten der SS-Truppe wird bei den »Festansprachen« und der »Grenzlandfahrt« in Oberaula nicht die Rede sein. Den Gastwirten, Kaufleuten und einheimischen Politikern ist die Gesellschaft

willkommen. Dieter Pfalzgraf (CDU), Vorsitzender des Gemeindeparlaments, verteidigt die »Urlaubergemeinschaft« der Divisionskameraden: »Die ist doch nicht verboten. Zum Glück gibt es hier keine Gesichtskontrolle.«

Hans Eppo Freiherr von Dörnberg, CDU-Vorsitzender, Erster Beigeordneter und Kirchenpatron des Ortes, hatte die alten Kämpen schon im letzten Jahr »mit zu Herzen gehenden Worten« (so das Verbandsblatt »Der Freiwillige") begrüßt. Eppos Onkel, Alexander Reichsfreiherr von Dörnberg, war einst Protokollchef im Auswärtigen Amt unter Joachim von Ribbentrop, SS-Oberführer und Träger des SS-Ehrendegens.

Hotelier Peter Braun, bei dem einige wohnen werden, empfängt die Waffenbrüder als »ganz normale Soldaten«. In seinem Gasthof haben die Totenkopf-Veteranen »Meldekopf und Suchdienst« stationiert. »SS«, sagt ein anderer Hotelier, »war doch so was wie die GSG 9.«

Über eine halbe Million Mark, schätzt Braun, lassen die Urlauber in Oberaula. Letztes Jahr jedenfalls waren die Läden »ratzeputz leergekauft«.

Das wissen die Leute am Ort zu schätzen. Die »Mehrheit in Oberaula«, da ist sich Pfalzgraf sicher, sei für das Treffen. Der protestantische Pfarrer Volkmar Hundhausen glaubt zu wissen, warum: weil die »braune Gesinnung« in der Gemeinde »stark vertreten« sei.

Das bekam der Pastor letzten Herbst zu spüren, als er auf Betreiben des Freiherrn von Dörnberg von seinem Amt suspendiert wurde. Hundhausen hatte auf dem Platz der ehemaligen Synagoge, die 1938 in der »Reichskristallnacht« demoliert worden war, zum Gedenken ein Kruzifix mit Judenstern aufgestellt.

Heute lebt in Oberaula, wo 1933 noch 98 jüdische Mitbürger wohnten, kein einziger Jude mehr. Rund achtzig wurden im Konzentrationslager ermordet oder kamen auf Transporten um. Die anderen gelten als vermißt.

In Arolsen, wo die Totenkopf-Angehörigen bis 1979 zusammenkamen, wurde die Truppe nach Bürgerprotesten vertrieben. Auch in Oberaula hat sich inzwischen ein »Aktionsbündnis gegen das SS-Treffen« gebildet. Der Gewerkschafter Hajo Rübsam findet es »unerträglich, daß sich hier alte Nazis versammeln, um die mörderische Tradition der SS zu pflegen«.

Im hessischen Landtag verurteilten Grüne und Sozialdemokraten die Zusammenkunft der Rechtsradikalen letzten Mittwoch als »Verhöhnung der Opfer des Nazi-Regimes«.

Die alten Totenköpfler ficht das nicht an. Der Vorsitzende der »Urlaubergemeinschaft«, Wolfram Schneider, 71, einst Führer einer SS-Kompanie, freut sich auf das »schöne Fest« mit den »lieben Kameraden« und die »gute Stimmung« in Oberaula.

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