Zur Ausgabe
Artikel 48 / 79
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

AFGHANISTAN So wild

In Kabul meuterten 1200 Soldaten, in Kandahar wurden 30 Sowjets gelyncht. Tausende Guerillas kämpfen gegen das Taraki-Regime.
aus DER SPIEGEL 34/1979

Auch im kommunistisch regierten Afghanistan ist Fastenmonat Ramadan. Am Sonntag, dem 5. August, bahnten sich gläubige Moslems ihren Weg durch die überfüllten Basare, um in der berühmten Moschee Pul-i-Chischti ihr Mittagsgebet zu verrichten, die Straßenhändler gingen ihren Geschäften nach.

Plötzlich ertönte südlich der Moschee Granatfeuer, war das Krachen automatischer Waffen und Raketen zu hören.

Es war 12.45 Uhr mittags, in Kabul brach eine bewaffnete Rebellion aus. Verschreckte Einwohner versuchten, sich eiligst in Sicherheit zu bringen. Armee-Lastwagen mit bewaffneten Afghanen rollten durch die Straßen, Panzerwagen fuhren auf.

In der Festung Bala-Hissar-Pori, einer großen Kaserne am südlichcn Stadtrand Kabuls, hatten 1200 Soldaten eines Artillerieregiments und eines Infanteriebataillons gemeutert. Drei Panzer verließen die Festung in Richtung Norden zum »Haus des Volkes«, wo Staats- und Parteichef Taraki mit seinen Beratern konferierte.

Auf dem Flughafen im Nordosten der Stadt gab es Alarm. Drei sowjetische Militärhubsehrauber vom Typ Mi-24, die Afghanistan unlängst von den Sowjets erworben hatte, stiegen auf. Aus dem Vorort Pul-i-Tschakri, dem Hauptquartier (der afghanischen Panzerbrigade, wurden 18 Panzer gegen die Festung Bala-Hissar-Pori in Marsch gesetzt.

Die Hubschrauber belegten das Fort mit Raketen und zielten auf flüchtende Soldaten. die über die Mauern geklettert waren. Der Sprechfunkverkehr der Helikopter, den Diplomaten abhören konnten, ging auf Russisch vor sich.

Die Schlacht um Bala Hissar dauerte vier Stunden. Sie forderte 427 Todesopfer 311 Aufständische, 116 Regierungssoldaten. Seit dem Staatsstreich vom April 1978, mit dem Tarakis »Demokratische Volkspartei« die Macht über Afghanistan übernahm, war dies der dritte bewaffnete Aufstand gegen das von den Sowjets unterstützte Regime.

Die erste Rebellion gab es im März dieses Jahres in der afghanischen Westprovinz Herat, die zweite im April in der Kaserne der Stadt Dschalalabad im Osten des Landes, die dritte jetzt in der Hauptstadt. Dabei sind allein in Kabul 26 000 afghanische Soldaten, knapp ein Drittel der gesamten afghanischen Armee, stationiert. Zusätzlich zu 4000 zivilen Beratern hat Moskau 2000 Militärhelfer nach Afghanistan entsandt.

Doch eine überfällige, nun aber überstürzte Bodenreform, eine lebensfremde Alphabetisierungs-Kampagne und Zwangsmaßnahmen zum Gesundheitsschutz haben das Moslem-Volk gegen die Staatspartei aufgebracht.

Kaum ein Drittel der Bauern und Landarbeiter erhielten überhaupt eigenes Land, doch viele von ihnen können es nicht bebauen, weil Saatgut, Maschinen und Kredite fehlen oder der neue Eigentümer sogleich zur Armee eingezogen wurde. Viele wollen ihren Boden nicht bebauen, denn der Islam ahndet Diebstahl schwer und sie fürchten die Rückkehr der Grundherren.

Hunderte Oberschüler wurden zu Offiziers-Schnellkursen in die UdSSR geschickt, Tausende Frauen gegen ihren Willen von Funktionären auf Lkw verfrachtet und zu gynäkologischen Untersuchungen in Mütterberatungsstellen gezwungen. 3000 politische Gefangene, so hat das US-State-Department verlautbart, wurden hingerichtet.

Die Gewaltmaßnahmen, mit denen die Sowjets in ihren eigenen Provinzen selbst Jahrzehnte zur Befriedung brauchten, treiben in Afghanistan immer mehr Moslems zum Widerstand. Zu den Partisanen laufen nicht nur einfache Soldaten über, sondern auch Offiziere, sogar Oberstleutnante.

Guerillas beherrschen das Bergland, sobald die Landverteilungs-Kommissionen wieder abgezogen sind. Im Mai ergaben sich 1200 afghanische Soldaten mit sechs Panzern und sieben Flakbatterien den Rebellen in der Provinz Sabul. Fünf Piloten der Luftwaffe wurden hingerichtet, weil sie ihre Bomben absichtlich auf Gebirgshänge statt auf Guerilla-Lager abgeworfen hatten.

Regierungsfunktionäre auf dem Lande fallen Mordanschlägen zum Opfer, oft werden sie einfach erschlagen. So metzelten aufgebrachte Moslems Mir Ahmed Schah, 45, führendes Mitglied der Volkspartei in der Provinz Logar, zusammen mit seinen beiden Töchtern nieder. Dem Volksparteiler Aslam, einem Friseur in der Provinz Logar, schlugen sie den Kopf ab und hängten ihn an einen Baum.

Die Taraki-Regierung behauptet, die Partisanen würden von den islamischen Staaten Iran und Pakistan unterstützt. »Sie greifen unsere Dörfer mit ausländischer Miliz an und töten in verschiedenen Teilen des Landes Kinder, Jungen und Mädchen, Männer und Frauen«, erklärte Premier Hafisullah Amin, der jetzt auch noch (las Amt des Verteidigungsministers übernommen hat. »Sie brennen Schulen nieder. Wir sind davon nicht überrascht worden. weil wir damit gerechnet haben, daß ihr Vorgehen so wild sein würde.«

Die Moskauer Agentur Tass meldete: »Vom Feuer vernichtete Getreidefelder, zerstörte Dörfer, getötete Frauen, Kinder und alte Leute -- das ist das Ergebnis der niederträchtigen Überfälle konterrevolutionärer Gruppen.«

Im ganzen Lande wurden etwa 5000 Anhänger der Volkspartei von den Moslem-Partisanen getötet. Die Guerrilleros konzentrierten sich darauf, das Straßennetz und die Versorgungswege von der russischen Grenze im Norden des Landes nach Kabul zu unterbrechen, vor allem die strategisch wichtige Straße von Kundus zur Grenzstadt Scherchan, über die der größte Teil des russischen Kriegsgeräts nach Kabul transportiert wird.

Die verängstigten Bauern weigern sich, ihre Felder zu bestellen. Folgen sie der Weisung der Volkspartei-Ortsgruppe, an die Arbeit zu gehen, werden sie von Partisanen beschossen. Trotz sowjetischer Weizenlieferungen steht eine schwere Versorgungskrise bevor.

Verzweifelte Bauern plündern den San Duk Taouvni, die Gemeinschaftskasse der Bauerngenossenschaften. Fast 150 000 afghanische Flüchtlinge haben bisher die 1500 Kilometer lange Grenze zu Pakistan überquert.

Von dorther aber sollen nach Regierungs-Version jene Kämpfer gekommen sein, die in Kabul rebellierten: »Eine Reihe von Pakistanis und Persern«, so Radio Kabul am 5. August, »versuchten heute zusammen mit ihren unterwürfigen Lakaien, in Kabul Chaos und Revolte zu erzeugen.«

Um ausländischen Beistand bemühten sich zwei Delegationen »mohammedanischer Revolutionäre Afghanistans« vorigen Monat in den Golf-Staaten. In Kuweit erbaten sie »dringend die volle Unterstützung unserer Brüder in den islamischen Ländern«. Bereits vom Ausland finanziert, so sagt das Kabuler Innenministerium, wird der Untergrundsender »Freies Kunar«, benannt nach einer afghanischen Provinz.

Doch auch das Taraki-Regime braucht zum Überleben weitere Hilfe aus dem Ausland -- von der Schutzmacht UdSSR. Die 6000 Sowjethelfer reichen nicht mehr. Aus dem afghanischen Engagement kann sich der Kreml kaum noch lösen, ohne ein Übergreifen der islamischen Bewegung auf seine eigenen Republiken in Mittelasien zu riskieren. Doch je tiefer sich Moskau in Afghanistan verstrickt, um so deutlicher wird die Parallele zur Rolle Amerikas in Vietnam während der 60er Jahre.

Vorletzten Sonntag besuchte eine Gruppe sowjetischer Zivilisten in Begleitung von 15 afghanischen Offizieren eine heilige Stätte in der Stadt Kandahar. Die Moslems am Ort sahen darin, im Monat Ramadan, einen Akt der Gotteslästerung. Eine »Nationale Befreiungsfront« gab bekannt, die Regierungsoffiziere und 30 Sowjetbürger seien von der Menge gelyncht worden.

Um ihre Kampf kraft im Ramadan nicht zu schwächen, erteilte der Führer der »Islamischen Bewegung Afghanistans«, Scheich Mohammed Asif Mohsini, seinen Rebellen Dispens: »Wenn absolutes Fasten zu ihrer Niederlage führen sollte, dann ist es ihre Pflicht, ihr Fasten abzubrechen, denn wichtiger sind die Sicherungen des Islam und die Vernichtung der Blasphemie.«

Zur Ausgabe
Artikel 48 / 79
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.