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»So wurde die Weltöffentlichkeit getäuscht«

Die Außerirdischen setzen zur Landung an -- einstweilen im Kino. Der stupende Erfolg von Superproduktionen wie »Unheimliche Begegnung« und »Krieg der Sterne« brachte die Auseinandersetzung über die Ufos wieder in Gang. US-Präsident Carier schlug eine neue Untersuchung durch die Weltraumbehörde Nasa vor.
aus DER SPIEGEL 17/1978

Spurlos verschwanden sie am Nachmittag des 5. Dezember 1945: fünf Torpedobomber der US-Marine, Typ »Avenger«, Flug-Nr. 19, aufgestiegen zu einem Trainingsflug mit 14 Mann Besatzung -- verschollen im Bermuda-Dreieck vor der Küste Floridas.

Jetzt, mehr als drei Jahrzehnte später, tauchen die Weltkrieg-II-Flugzeuge wieder auf, im heulenden Sandsturm der mexikanischen Sonora-Wüste. Eine Gruppe von Wissenschaftlern besichtigt den rätselhaften Fund: Alle Motoren sind startklar, die Cockpits mit sämtlichen Instrumenten unversehrt, die Benzintanks gefüllt; nur von den Piloten fehlt jedes Lebenszeichen.

* Aufgenommen am 27. 2. 1975 über Bäretswill von dem Schweizer Ufo-Spezialisten Eduard Meier (siehe auch Titelbild)

Mit dieser unheimlichen Szene -- ein greiser Mexikaner meldet noch, er habe in der Nacht zuvor »die Sonne aufgehen« sehen -- beginnt ein Breitwand-Spekak~A, das mehr gekostet hat (rund 20 Millionen Dollar) und mehr einspielen soll als je ein Film zuvor: Steven Spielbergs Ufo-Thriller »Unheimliche Begegnung der dritten Art«.

Der Film, der zu Ostern auch in westdeutschen Kinos anlief, ist der bislang aufwendigste (und technisch faszinierendste) Versuch, den Glauben an fliegende Untertassen und Besucher aus fernen Welten bei Millionen Zuschauern zu wecken -- oder sie in diesem Glauben zu bestätigen.

15 Millionen Amerikaner können nicht irren -- oder?« fragte das US-Nachrichten-Magazin »Newsweck« anläßlich des Ufo-Films. Denn so viele US-Bürger glauben, Ufos selber gesehen zu haben; mehr als dreimal so viele sind, wie Umfragen ergaben, davon überzeugt, daß es fliegende Untertassen gibt.

Mit ganzen Serien von Schrecknissen der unwirklichen Art stimmt Regisseur Spielberg, 29, die Zuschauer auf das Herannahen des Ungeheuerlichen ein: Mitten in der Nacht poppen Kühlschränke auf, setzen Kinderspielzeuge sich wie von unsichtbarer Hand gesteuert in Bewegung, Radios und Fernsehgeräte schalten sich von selber ein, Schrauben drehen sich auf geheimnisvolle Weise aus dem Holz -- magische Vorzeichen der Annäherung von Ufos, allesamt aus dem Arsenal der parapsychologischen Phänomene.

Gläubig sinken indische Mönche in die Knie und summen zu Tausenden im Choral die sechs seltsamen Töne einer kosmischen Melodie, die ihnen telepathisch von den Exoterristen eingegeben wurde (und die später das erste Verständigungsmittel mit den kosmischen Besuchern sein soll). Dann wieder huschen seltsame Lichtpunkte, Strahlenkegel und aufquellende Wolkengebilde über das nächtliche Firmament von Wyoming und Alabama.

Die Air Force versucht, die Kunde vom bevorstehenden Besuch der Himmlischen zu unterdrücken -- aber es nützt nichts. Unaufhaltsam steuert das Ufo-Spektakel seinem mystischen Höhepunkt zu: der Begegnung zwischen den Menschen und den Außerirdischen -- »einem ekstatischen Abenteuer der Evolution«, wie »Time« es umschrieb.

Einhellig empfanden die Kritiker, daß Spielbergs Ufo-Film mit den Mitteln eines religiösen Symbolismus für den Glauben an das Außer- und Überirdische Propaganda mache: Der kosmische Landeplatz weckt biblische Assoziationen, das Ufo-Raumschiff gleicht einer gigantischen Kathedrale, und die ihm entsteigen -- durchscheinende Wesen mit Wasserköpfen, Spindelbeinen und Bambi-Augen -, zeigen sich friedlich und freundlich. »Eine gute Nachricht (falls Sie daran glauben)«, schrieb die New Yorker »Village Voice«, »Ufos gibt es, und die Außerirdischen sind gutmütiger, als man es sieh in den kühnsten Träumen ausmalen könnte.«

Mit allen Kniffen der modernen Trickfilmtechnik (SPIEGEL 6/1978) und dazu noch einem orgiastischen Klang- und Tonsalat ("New York Times": »Mitunter so laut, daß man sich selber nicht mehr denken hören kann") holt Spielberg den Himmel auf die Erde.

Mit einem leichten Glimmer von Wahnsinn in den Augen stehen die Irdischen vor der gleißenden Helligkeit des sich öffnenden Raumschiffrumpfs. »Da wünscht man sich am Ende des Films«, schrieb begeistert der New Yorker Filmkritiker der »Neuen Zürcher Zeitung«, »daß die direkte Begeg-

* Im Oktober 1973 photographiert von einem Verkehrspolizisten in Huntsville Alabama.

nung mit außerirdischen Wesen, falls es je in Wirklichkeit dazu kommen sollte, so und nur so verläuft.«

Spielberg und seine Helfer haben den Film nicht gerade als Dokumentarfilm ausgegeben. Aber sie setzten doch alles daran, seine Glaubwürdigkeit zu erhöhen. Als »wissenschaftlicher Berater« zeichnet der frühere Astronom und zeitweilige Ufo-Berater der US Air Force, J. Allen Hynek, inzwischen bekannt als »Galilei der Ufologie« ("Newsweck"). Mit Ausnahme der Schlußsequenz, behauptet Hynek, seien alle entscheidenden Episoden des Films tatsächlich gemeldeten Erlebnissen von Ufo-Gläubigen nachgestellt worden.

3,3 Millionen Amerikaner haben Spielbergs Ufo-Opus seit Herbst letzten Jahres gesehen. Tausende von Untertassen-Fans schrieben ans Weiße Haus und forderten, US-Präsident Carter möge endlich die bislang von der Regierung angeblich unterdrückten Geheimberichte über »Unidentifizierte Flugobjekte« (Ufo) herausgeben.

Neben Carter ("Ich habe selbst ein Ufo gesehen") zählen auch andere prominente Amerikaner wie der Ex-Präsidentschaftskandidat und Luftwaffenoffizier Barry Goldwater und Amerikas Weltkrieg-I-Fliegeras Eddie Rickenbacker zu den Ufo-Gläubigen. »Zu viele zuverlässige Leute«, meint Rickenhacker, »haben fliegende Untertassen gesehen. Die leiden nicht alle unter Halluzinationen.« Und ähnlich argumentiert Goldwater: »Ich habe selber noch kein Ufo gesehen, aber wenn Luftwaffen-, Marine- und Linienpiloten mir erzählen, sie hätten etwas neben sich fliegen sehen, was kein Flugzeug war, dann muß ich ihnen glauben.«

Ende letzten Jahres regte Carter' der schon 1973, damals noch Gouverneur von Georgia, die Sichtung eines »leuchtenden Objekts« zu Protokoll gegeben hatte, bei der US-Raumfahrtbehörde eine neue Ufo-Untersuchung an.

Doch die Nasa weigerte sich, ein solch »verschwenderisches und wahrscheinlich ergebnisloses« Unterfangen zu starten. Bereits in den fünfziger und sechziger Jahren hatte die US Air Force mehr als 10 000 Ufo-Meldungen überprüft -- ohne daß auch nur ein einziger konkreter Hinweis auf die Anwesenheit von Außerirdischen übriggeblieben wäre.

Spielbergs Film, mittlerweile in 19 Ländern der Erde aufgeführt, ist freilich auch ein Symptom für einen Bedarf, auf den hin die Filmgesellschaft Columbia Pictures ihren Millioneneinsatz wagt: Spekuliert wird auf einen schier unersättlichen Hunger nach Übersinnlichem, Irrationalem.

Als amerikanische Astronauten 1969 ihren Fuß auf den Mond setzten, gab es noch immer Menschen, die an Hohlwelt-Theorien glaubten. Und auch als Christiaan Barnard schon Menschenherzen verpflanzt hatte, gab es noch Gläubige, die sich gegen einen Herzanfall lieber die Nadeln stechen ließen, als ein Medikament zu nehmen, oder gar solche, die lieber zu einem unblutigen »Geistheiler« auf die Philippinen jetteten. Ganz ausrotten ließen sich der Hang zum Hellsehen und Sternedeuten, der Glaube an Poltergeister und Gespenster nie.

Doch gegenwärtig gelangt der Aberglaube zu neuer, beinahe mittelalterlich anmutender Hochblüte.

Mit einer Vehemenz, vor einem Jahrzehnt kaum vorstellbar, haben sich Menschen -- auch Intellektuelle -- in den westlichen Industriestaaten von der einst hochgespannten Wissenschaftserwartung abgewandt: Enttäuschte des Wissenschaftszeitalters, die Hermann Hesses Mystizismus wiederentdeckten oder auch Zen-Buddhismus oder transzendentale Meditation.

Der Rückfall in den Irrrationalismus als Massenphänomen läßt sich an Bestseller-Listen ebenso ablesen wie am wachsenden Zulauf zu mystischen Vereinigungen und am neu erwachten Ufo-Kult.

Auf den zehn Sachbuchplätzen der Jahres-Bestsellerliste 1977 im SPIEGEL beispielsweise waren allein vier von den Protagonisten des neuen Aberglaubens besetzt: zwei Berlitz-Bücher über die Rätsel des Bermuda-Dreiecks, Erich von Dänikens angebliche »Beweise« über Götterbesuch in grauer Vorzeit und schließlich Raymond A. Moodys »Leben nach dem Tode« -- allesamt in Millionenauflagen.

Eine wahre Flut von Aberglauben-Büchern kommt auch in diesem Frühjahr auf westdeutsche Leser zu: Däniken fragt nochmals: »Waren Götter auf der Erde?« Moody macht sich noch einmal »Nachgedanken« über das Leben nach dem Tode. Im Freiburger Hermann-Bauer-Verlag erschien eine »Erste umfassende Photodokumentation« über Ufos -- eine schier unfaßbare Sammlung von »Dokumenten« des Ufo-Wahns.

Der bislang als seriös geltende Um: schau Verlag (in dessen Monatsblatt »Umschau in Wissenschaft und Tech-

* Text (oben): »Stellen Sie sich vor, Ihr Standort befindet sich im Zentrum der Kompaßrose. Markieren Sie die Richtung, in der Sie das Phänomen zuerst beobachtet haben, mit »A', die Richtung des letzten Sichtkontakts mit »B'. Text (unten): »Markieren Sie in der untenstehenden Zeichnung die Position, in der Sie das Phänomen zuerst beobachtet haben, mit einem »A« die Position des letzten Sichtkontakts mit »B. Verbinden Sie dann »A und »B' mit einer Linie, die der Bewegung des Phänomens zwischen diesen beiden Punkten entspricht. das heißt, deuten Sie schematisch an, ob sich das Phänomen auf geradem, gebogenem oder im Zickzack-Kurs bewegte. Die kleine Skizze rechts zeigt, wie die Zeichnung ausgefüht werden soll.

nik« gestandene Nobelpreisträger publizieren) wartet mit einer 28 Jahre alten Kosmos-Saga auf: mit Immanuel Velikovskys »Welten im Zusammenstoß«, einer abenteuerlichen Hypothese, der zufolge in geschichtlicher Zeit eine Planetenkollision die Venus vom Jupiter abgespalten und dadurch die irdische Sintflut ausgelöst habe.

Das Bermuda-Dreieck, aus dem Charles Berlitz mehrere Weltbestseller fischte, fordert immer neue Opfer -- von den Käufern seiner Bücher. Aber es produziert auch immer neue Spekulationen. Unlängst wartete ein sowjetischer Jungforscher namens Wiadimir Aschascha mit der -- offenbar ernstgemeinten -- Vermutung auf, geheimnisvolle Infraschallwellen würden die Weltmeere in Wallungen versetzen und sich im Bermuda-Dreieck zu vernichtender Gewalt ballen. Schiffe und Flugzeuge, so die Spekulation, würden von dieser Naturgewalt mit Mann und Maus verschlungen.

»Begegnungen mit neuen Dimensionen« lautet der Sammeltitel einer Buchankündigung des Freiburger Hermann-Bauer-Verlages, in der von den »Geheimlehren tibetischer Totenbücher«, und »PSI -- was ist das?« und »Schöpferische Meditation« bis hin zu »Kosmische Energie der Pyramiden« das ganze Sammelsurium modischen Wunderglaubens angeboten wird.

In Europa ebenso wie in den USA werden mittlerweile dreimal so viele eingetragene Astrologen gezählt wie Chemiker und Physiker. Zu Anfang der fünfziger Jahre noch enthielten ganze 100 Tageszeitungen in den USA eine tägliche Astrologie-Kolumne, heute sind es 1250, zwei Drittel aller in Amerika erscheinenden Blätter; bei deutschen. Zeitungen ist es ähnlich.

Mit einer ZDF-Sendung, in der er den Humbug der Astrologie aufzeigte, brachte Wissenschaftsautor Hoimar von Ditfurth die Mainzer Anstalt fast um die Sehergunst -- so groß war der Zorn sternegläubiger Zuschauer und westdeutscher Astrologen (siehe Seite 54).

Den »neuen Unfug« ("New Nonsense") haben amerikanische Wissenschaftler genannt, was da -- beschleunigt und begünstigt durch die fortschreitende Medientechnik -- als geistige Mode über die vermeintlich aufgeklärten Gesellschaften hereinbricht.

Ende 1976 scharte sich eine Gruppe von US-Forschern um den Philosophie-Professor Paul Kurtz, um diese hochschwappende Welle der »Antiwissenschaft« und »Pseudowissenschaft« zu bekämpfen -- auch wenn es Sisyphus-Arbeit ist. Kurtz-Mitarbeiter L. Sprague de Camp: »Wir müssen der Hydra den Kopf abschlagen, wo immer wir können.«

Die Kämpfer gegen den neuen Aberglauben gründeten eine Zeitschrift mit dem Namen »The Zetetic« (dem griechischen Wort für Skeptiker). Darin versuchen sie vor allem zu analysieren, was sie für die gefährlichste Eigenart der neuen Schamanen vom Schlage der Däniken und Berlitz halten: deren Scheinwissenschaftlichkeit -- die perfekt gehandhabte Methode, aus einem U ein X zu machen, unter dem Deckmantel wissenschaftlich klingender Argumentation.

Eine häufig wiederkehrende Zutat dieses Rezepts ist es, schon widerlegte Behauptungen ungerührt wieder zu verbreiten.

Längst zum Beispiel sind die monumentalen Steinfiguren auf der Osterinsel oder auch die Pyramiden von Gizeh von Wissenschaftlern enträtselt (als, wenn auch mühseliges, Menschenwerk); aber geradeso, als gäbe es diese Untersuchungen und Befunde nicht, tauchen die steinernen Köpfe und die altägyptischen Grabmale Jahr um Jahr in Bestsellern à la Däniken wieder als Belege für die zeitweilige Anwesenheit von Götterastronauten auf. Und ebenso wird Däniken nicht müde, die symbolischen Schürfzeichnungen auf dem peruanischen Wüstenplateau von Nazca als vorgeschichtlichen Raumflughafen zu verkaufen.

Etwa 98 Prozent* aller Ufo-Beobachtungen und -Photos ließen sich zweifelsfrei als Mißverständnisse oder Fälschungen oder auch als Mißdeutungen natürlicher Lichterscheinungen entlarven gleichwohl werden immer dieselben Geschichten und Bilder, als angebliche »Beweisstücke«, von einem Ufo-Autor zum nächsten weitergereicht.

So scheiterte unlängst der Versuch eines hessischen Fernsehteams, die Angaben eines Ufo-Photographen an Ort und Stelle nachzuprüfen: Keiner der Befragten in dem angeblich von einem Ufo heimgesuchten Dorf konnte sich im geringsten an einen derartigen Vorfall erinnern.

Und schließlich: Auch das angeblich so geheimnisvolle Verschwinden der fünf Marine-Bomber kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs vor der Küste Floridas ist längst aufgeklärt. Der Schwarm, Flugschüler unter Führung eines noch ortsunkundigen Fluglehrers, hatte Orientierungsmerkmale verwechselt und mußte wegen Treibstoffmangels in rauher See notwassern -- niemand überlebte.

Dieser Sachverhalt, durch eine Untersuchungskommission 1946 eindeutig nachgewiesen, hindert Bermuda-Dreieck-Gläubige (und den Filmproduzenten Spielberg) jedoch nicht daran, auch weiterhin die Mär zu verbreiten, Außerirdische hätten sich der fünf

* Bei den restlichen zwei Prozent waren die Annaben der Beobachter so mangelhaft oder widersprüchlich, daß ihnen nicht nachgegangen werden konnte.

Flugzeuge samt Besatzungen bemächtigt.

Ein anderer Taschenspielertrick der Pseudowissenschaft ist der Hinweis auf amtliche Stellen, und zwar nach Bedarf mit je anderen Vorzeichen.

Befassen sich etwa Regierungsstellen nicht mit den phantastischen Erzählungen von einer Ufo-Sichtung, so unterstellen die Ufologen den Beamten Geheimnistuerei und Unterdrückung der Wahrheit. Textprobe: »22 Jahre schwieg die CIA über die Existenz der Ufos.« »Hunderttausende bezeugter Sichtungen und Hunderte glaubwürdiger Lande- und Kontaktberichte« lägen vor, so der Wiesbadener Ufo-Anhänger Georg von Jacobi, dürften aber »nicht freigegeben« werden -- »so wurde die Weltöffentlichkeit getäuscht«.

In dem Augenblick aber, da eine Regierungskommission oder auch ein Universitätsinstitut die fragwürdigen Mitteilungen zu untersuchen beginnt, wird schon allein dies als deutlicher Beweis für die Existenz von Ufos (oder auch von Bermuda-Phänomenen, Telepathie, Psychokinese) bewertet.

Wird endlich ein Para-Phänomen mittels kritischer Nachprüfung als Hokuspokus identifiziert -- wie im Falle des Löffelbiegers Uri Geiler, dessen »telekinetischen Kräfte« von dem amerikanischen Entfesselungs- und Zauberkünstler James ("The Amazing") Randi als gängige Varieté Tricks entlarvt wurden -, so nimmt die Branche diesen Befund einfach nicht zur Kenntnis, sondern verbreitet die alten. Behauptungen weiter.

Fast stets umgeben sich die Propheten des neuen Aberglaubens dabei mit einem Wortschwall von Wissenschaftlichkeit.

Däniken-Anhänger etwa sammeln sich in der »Ancient Astronaut Society« (was beinahe wie Akademie der Wissenschaften klingt), bezeichnen ihre Fachgebiete als »Astro-Archäologie« oder »Paläo-Astronautik« und verleihen einander akademisch klingende Auszeichnungen und Würden.

Systematisierende Einteilungen sollen die Glaubwürdigkeit der Aussagen erhöhen -- und geben dann auch einem Filmtitel zusätzlichen Reiz ("Begegnung der dritten Art"). Die Ufo-Gläubigen unterscheiden zwischen Kontakten der ersten (Sichtung aus geringer Entfernung), der zweiten (spürbare Einwirkung der Fliegenden Untertassen auf die irdische Umwelt) und der »dritten Art« (Landung von Exoterristen auf der Erde).

»Deprimierend für die Anhänger der menschlichen Vernunft« nannte der amerikanische Autor Sprague de Camp den neuen Kult der Pseudowissenschaftlichkeit. In einem Essay über die »Glaubenssüchtigen« ("Credophiles") für die Zeitschrift »Humanist« untersuchte er die Wurzeln des neuen Aberglaubens.

Einen »gewaltigen Appetit« auf Überlieferungen und Erzählungen von »farbigen, aufregenden Wundern«, meint Sprague de Camp, habe die Menschheit wohl immer schon verspürt. Aber etliche neue Ursachen des wiederauflebenden Wunderglaubens ließen sich dennoch konstatieren.

Vor allem die Schwächung der überkommenen Religionen, der traditionellen »Wahrheits«-Quellen über Mensch und Universum, sei dazuzurechnen. »Mit dem Fortschritt der Wissenschaft gibt es immer mehr richtige Antworten auf lange Zeit verwirrende Fragen -- aber diese Antworten widersprechen häufig denen in den Heiligen Schriften.«

Immer stärker zogen sich die traditionellen Glaubensgemeinschaften auf die Rolle von Moralwächtern und von Institutionen der sozialen Fürsorge zurück. Und dieser Niedergang, meint der Autor, »hinterließ in der menschlichen Psyche eine Leerstelle«.

Die modernen Naturwissenschaften taugen wenig, dieses Vakuum auszufüllen; sie sind zu unpersönlich, »zu indifferent gegenüber den menschlichen Hoffnungen und Sehnsüchten«. Außerdem sind sie in zunehmendem Maße spezialisiert, komplex und schwer zu verstehen.

Als »Versager in der Schule der Vernunft«, die sich nun »nach Wiegenliedern und Transzendenz sehnen«, beschrieb Georg Steiner, Literaturprofessor an der Universität Genf, die neuen Heils- und Wundergläubigen. »Gleichgültig, ob sie sich auf Horoskope oder auf Narkotika, auf Makrobiotik-Gurus oder auf Sensitivity-Training stürzen, ob sie nach Katmandu oder in Exorzistenfilme pilgern -- alle sind getrieben von demselben Hunger, derselben Einsamkeit und denselben Ängsten.«

Eine der Wurzeln des modernen Anti-Rationalismus sieht Philosophie-Professor Kurtz auch in der sogenannten Gegenkultur, die in den sechziger Jahren von der Neuen Linken und in der Hippie-Bewegung ausgerufen wurde.

Die damals postulierte »Bewußtseinserweiterung«, sei es durch Drogen oder in Urschrei-Gruppen, habe zur allgemeinen Aversion gegen die technische Welt ebenso beigetragen, meint Kurtz, wie der politische Vorwurf, Objektivität sei, schon aus Klassenkampfgründen, schlechterdings unmöglich.

Seltsamerweise, so merkt Kurtz an, habe sich gerade in den Überflußgesellschaften -- die ihren Überfluß der Forschung und Technologie verdanken -- jener neue Anti-Intellektualismus breitgemacht, »oft bis an die Grenze der Hysterie«, der die Naturwissenschaft nun als inhuman, brutal und als Zerstörerin menschlicher Freiheiten und Werte verurteilt. Kurtz: »Was einst als größte Verheißung für die Menschheit galt, wird nun von vielen als deren größte Bedrohung angesehen.«

Zum Teil ist diese Entwicklung von den Naturwissenschaftlern selbst verschuldet. Zu hoch waren die Erwartungshorizonte' die sie in den letzten Jahrzehnten aufgerichtet, nicht eingelöst wurden die Versprechen, die sie gemacht hatten.

In zehn Jahren werde der Krebs besiegt sein, hatten Mediziner und Biochemiker noch 1960 prophezeit -- inzwischen wurde der Termin bis über die Jahrtausendwende hinausgeschoben.

Fortschritte der Medizin, von der Entdeckung des Penizillins bis hin zur Verpflanzung lebender Herzen, hatten zu weit gehende Hoffnungen geweckt: Herzverpflanzungen wurden keineswegs zur Routineoperation, und immer mehr Krankheitskeime werden gegen Penizillin resistent.

»Gebt mir einen Geröllbrocken vom Mond, und ich sage euch, wie das Sonnensystem entstanden ist« -- mit solchen Versprechungen (hier von dem amerikanischen Nobelpreisträger und Geologen Harold C. Urey kurz vor der ersten Mondlandung) nahmen die Wissenschaftler der sechziger Jahre den Mund zu voll. 380 Kilogramm Mondgestein, von US-Astronauten zur Erde geholt, warfen mehr Fragen auf, als sie beantworteten.

Markantestes und vielleicht folgenschwerstes Beispiel für die Selbstüberschätzung von Wissenschaft und Technik: Die Atomtechnik, noch in den sechziger Jahren als saubere, billige und endgültige Lösung aller irdischen Energieprobleme gepriesen, wurde zum Risiko ersten Grades, behaftet mit enormen politischen und technologischen Komplikationen.

Sich über Atomgefahren oder auch über die Probleme der modernen Genetik systematisch und verständlich zu informieren, ist den meisten -- ohne entsprechende Fachausbildung -- verwehrt. Aber für viele bleibt das dumpfe Empfinden von etwas Bedrohlichem, nicht mehr zu Meisterndem. Hier bietet sich der moderne Irrationalismus als Religionsersatz an.

Die Pseudowissenschaftlichkeit der Ufo-, Däniken- und Berlitz-Klubs deckt ein doppeltes Bedürfnis ab: »Die Vorstellung, daß fremde Astronauten in vorgeschichtlicher Zeit die Umgestaltung unseres Planeten bewirkt haben«, so umschrieb es der Wissenschaftsautor A. Hering-Aribach am Beispiel der Däniken-Saga, »befriedigt sowohl den technischen Fortschrittsglauben als auch die mystische Sehnsucht.« Denn: »Sie enthebt den Menschen der Verantwortung für das, was auf der Erde geschehen ist und noch geschehen wird.«

Eines der Hauptmerkmale der neuen Glaubensgemeinschaften ist ihre Unempfindlichkeit gegen Kritik, ihre totale Geschlossenheit nach Art sich ständig selbst bestätigender Wahnsysteme.

Kosmos-Denker wie Erich von Däniken, dessen Ideengut mittlerweile in 40 Millionen Buchexemplaren auf der Welt verbreitet ist, brauchen sich über den Nachschub an bestätigenden »Indizien« nicht mehr zu sorgen.

»Wie kommen Sie eigentlich an Ihre Informationen heran?« wurde von Däniken »Im Kreuzverhör« (so der Titel seines neuen Buches) gefragt. »Haben Sie angestellte Zulieferer?«

Antwort: »Nein, die habe ich nicht, aber eine kaum abschätzbare Zahl an sozusagen ehrenamtlichen Mitarbeitern.« Die Lektüre seiner Bücher, so erläuterte der ehemalige Schweizer Hotelier, rege Menschen in aller Welt an, »über »mein' Thema nachzudenken ... Mit diesem Strom von Zuschriften kommen mir allerhand hochinteressante Hinweise auf den Tisch«

Photos von Felszeichnungen, »Päckchen mit alten Mythologien«. Und dann sieht Autor Däniken in jedem noch so abstrakten Ornament, in jeder geflügelten assyrischen Sphinx und in jeder babylonischen Himmelsdarstellung neue Beweise für frühe Besuche fremder Götter-Astronauten.

Eine fast schon »verschwörerische und aggressive« Form von Zusammenschlüssen, die sich im »Besitz des wahren, geheimen Wissens« wähnen, beobachtete Claus Heinrich Meyer, Reporter der »Süddeutschen Zeitung«, speziell bei Ufo-Freunden, deren Treffer er besuchte.

In den drei Jahrzehnten ihres Bestehens hat sich die »Ufologie« von allen antirationalen Klubs am heftigsten als »Wissenschaft« gebärdet.

Da gibt es systematische Übersichten von den mehr als 30 bekannten Ufo-Typen, vom »Adamski-Typ (10 Meter Durchmesser)« über die »große Untertasse (50 Meter)« und das »saturnförmige Ufo« bis hin zu einem birnenförmigen Typ, »gesehen über den USA und Italien«. Den Größenrekord hält der Ufo-Typ »Mutterschiff«, Durchmesser 300 bis 3000 Meter -- Vorbild auch für Spielbergs Film-Ufo (das im Original, im Trickfilm-Studio, allerdings nur 90 Zentimeter maß).

Die Vorsitzende der Münchner Ufo-Studiengruppe' die sich »DUIST« ("Deutsche Ufo/Ifo Studiengesellschaft") nennt, hat, vor allem »aus brasilianischem Material«, eine Typologie der Außerirdischen zusammengestellt: zwölf Grundtypen, vom zwergenhaften Gnom bis zur blonden, riesenhaften Lichtgestalt -- »alle menschenähnlich, keiner grünlich, fast alle männlich« (wie »SZ«-Reporter Meyer anmerkt).

Wer in München wohnt, ist dem kosmischen Geschehen ohnehin nahe, wie der Wiesbadener Ufo-Experte Georg von Jacobi dem SPIEGEL mitteilte: Der Schweizer Eduard Meier nämlich, wohnhaft in CH 8499 Hinterschmidrüti' »hat seit längerem einen dauernden Kontakt zu Plejadiern, die in den Alpen eine Basis haben und an anderen Stellen der Erde"*.

Doch auch über Hamburg schwebten erst kürzlich wieder drei Untertassen, jedenfalls laut »Bild« vom 21. Februar. »Ich habe sie mit eigenen Augen gesehen«, wurde die »Hamburger Weltraum-Forscherin« Army Baguhn' 75, zitiert. Mittels »unsichtbarer Wellen, die man körperlich spürt«, hält Army Kontakt zu dem All.

Aber die Glaubwürdigkeit solcher »Bild«-Mitteilungen mag ein Beitrag in der Schwesterzeitung »Bild am Sonntag« (vom 2. April dieses Jahres) Aufschluß geben. Dort wurde der US-Astronaut Gordon Cooper wörtlich zitiert: »Intelligente Wesen von anderen Planeten besuchen regelmäßig unsere

Plejaden: Siebengestirn, Ansammlung von mehr als 100 Sternen. (von denen sieben sichtbar sind) im Sternbild Stier. etwa 45O Lichtjahre von der Erde entfernt.

Welt in der Absicht, mit uns Kontakt aufzunehmen. Ich bin verschiedenen Schiffen Während meiner Raumfahrten begegnet.« Cooper' vom SPIEGEL dazu befragt: »Das ist eine totale Lüge, ich habe so etwas nie gesagt. Irgend jemand hat sich diesen Quatsch aus den Fingern gesogen.«

Zwölf Jahre lang ist Philip J. Klass, Elektronik-Experte bei dem amerikanischen Luft- und Raumfahrtfachblatt »Aviation Weck & Space Technology«, Berichten über angebliche Ufo-Sichtungen nachgegangen.

In all diesen Jahren, so erklärte Klass jüngst in einer »Playboy«-Disussion, habe er »noch nicht einen einzigen Fall gefunden, von dem man sagen könnte: Er läßt sich nicht plausibel auf irdische Weise erklären«.

50 Milliarden Amateurphotos, so eine Schätzung der amerikanischen Photoindustrie, sind im Verlauf der letzten 30 Jahre in den USA aufgenommen worden -- darunter von so überraschenden Ereignissen wie Flugzeugabstürzen oder audi der Ermordung Robert Kennedys. Doch kein einziges dieser 50 Milliarden Photos zeigt, was man auch nur im entferntesten als außerirdisches Raumschiff wirklich identifizieren könnte -- trotz angeblich Hunderttausender von Ufo-Sichtungen in diesem Zeitraum.

Auch unter den ernst zu nehmenden Wissenschaftlern würde niemand die Behauptung wagen, die Erdbewohner seien die einzigen intelligenzbegabten Wesen im Universum.

Die Ergebnisse etwa der modernen Astrophysik sprechen dafür, daß sich wahrscheinlich auch in anderen Gegenden des Kosmos organisches Leben in irgendeiner Form entwickelt hat, Versuche, Signale von außerirdischen Intelligenzen aufzufangen und Botschaften hinauszusenden, werden schon seit einigen Jahren unternommen (siehe Kasten Seite 62).

Aber »nicht die Spur eines Hinweises«, so umschrieb es der amerikanische Wissenschaftsautor Tim Ferris, »hat sich bisher finden lassen, daß die Erde in jüngster Zeit oder auch in fernster Vergangenheit von außerirdischen Raumschiffen besucht worden wäre -- nicht die geringste«. Ferris: »Noch sind wir ganz allein.«

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