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GEHEIMDIENSTE Sodom und Kamossa

Die bevorstehende Pensionierung des BND-Chefs Wessel bringt die Bundesregierung in Bedrängnis: Für die Nachfolge fehlen geeignete Kandidaten.
aus DER SPIEGEL 37/1977

Noch hat beim Bundesinnenminister offiziell niemand nachgefragt. Aber Werner Maihofer ist dennoch alarmiert: Kanzleramts-Staatssekretär Manfred Schüler wolle ihm, so kolportieren Beamte aus dem Palais Schaumburg, ein As aus der Geheimdienstbranche, den Präsidenten des Bundesamts für Verfassungsschutz, Richard Meier, abwerben.

Schüler hat einen attraktiven Job zu vergeben. Für seinen Bundesnachrichtendienst (BND) in Pullach muß er einen neuen Spitzenmann als Nachfolger für Generalleutnant Gerhard Wessel suchen.

Zwar ist noch lange hin, bis Wessels Ablösung ansteht. Im nächsten Jahr erst, genau am Heiligen Abend, erreicht der Pastorensohn die Pensionsgrenze. Doch bevor noch der Ämter-Schacher richtig begonnen hat, ist schon klar, daß bei der Suche nach Top-Kandidaten für die geheimen Kommandostellen außer bereits anderswo geheimdienstlich Beschäftigten kaum andere Bewerber in Sicht sind.

Mühsam genug war es beispielsweise schon, für die kleinste der deutschen Geheimorganisationen, den Militärischen Abschirmdienst (MAD), einen Chef zu finden. In der letzten Woche endlich konnte der neue Mann, Brigadegeneral Gerd-Helmut Kornossa, im Kanzleramt bei Koordinator Schüler seine Antrittsvisite abstatten.

Die Wahl von Verteidigungsminister Georg Leber überraschte eher, als daß sie überzeugte. Wohlmeinende Wehrexperten deuten Komossas Berufung als Indiz, Leber wolle den Primat der Politik gegenüber dem Militär sicherstellen. Von dem einstigen Adjutanten des inzwischen verstorbenen Generalinspekteurs Armin Zimmermann erwarte der Minister mehr politischen Instinkt als Kommißgeist.

Vorgänger Paul-Albert Scherer mußte gerade wegen dieses Mangels vorzeitig in den Ruhestand gehen, weil er, wie ein Insider weiß, »politische Zusammenhänge überhaupt nicht begriffen hat«. Leber fühlte sich über prekäre MAD-Aktionen nach dem Absturz des Fliegermajors Klaus Langer, der als Verfechter einer höheren Piloten-Besoldung in der Öffentlichkeit Aufsehen und an höchster Stelle Mißfallen erregt hatte, mangelhaft unterrichtet.

Kritiker hingegen finden die Beförderung eines Mannes, der für den neuen Posten keinerlei Kompetenz mitbringt, fatal. An der Führungsakademie. wo Komossa eher unbedeutende »Funktions- und Sonderlehrgänge« (Militärjargon: »Fusel") leitete, sei er vor allem wegen häufiger Abwesenheit und Entschlußlosigkeit aufgefallen.

»Sodom und Komossa« lautet denn auch sein Spitzname, und Böswillige nennen die Karriere des Generals eine »horizontale Umbettung«, Umschreibung für die Beförderung auf einen Posten, dem der Leber-Mann nicht mehr gewachsen ist.

Die Spekulationen über Meiers Umquartierung von Köln nach München haben genau den entgegengesetzten Grund. Der smarte Bayer, im Umgang verbindlich, im Dienst hart, bringt für einen Wechsel nicht nur Ambitionen, sondern auch die Befähigung mit.

Bevor ihn, 1975, Maihofer in sein Amt holte, hatte er bereits in Köln in der Abteilung IV die Spionageabwehr und dann in Pullach, als Leiter der Abteilung Beschaffung, alles über Spionage gelernt. Und wie gut er gelernt hatte, zeigte er nach Übernahme des Kölner Präsidentenpostens. Reihenweise ließ er nach neuentwickelten Methoden Ost-Agenten in der Bundesrepublik hochgehen und löste durch zusätzliche forsche Sprüche ("Wir werden jeden Agenten finden") panische Fluchtaktionen aus.

Ungeachtet solcher Erfolge käme Meier der Umzug nicht ungelegen. Seit der SPIEGEL herausfand, daß der Verfassungsschutz seinen Terrorismus-Verdacht gegen den Atomwissenschaftler Klaus Robert Traube durch Einbruch in dessen Wohnung vergeblich zu erhärten gesucht hatte (SPIEGEL 11/1977), machten Meier die illegalen Abhör-Methoden zu schaffen.

Seither hadert er mit seinem Amt und mit seinem obersten Dienstherrn. Skeptiker wie Vorgänger Günther Nollau sehen sich in ihrem Urteil bestätigt, der Agentenjäger verstehe nichts von Terroristenverfolgung. Meier selbst mußte eingestehen, daß es ihm bislang nicht gelungen sei, V-Männer in die Polit-Szene einzuschleusen.

Vom Innenminister, der die Affäre Traube schwer angeschlagen überlebte, fühlt er sich zudem nicht wirksam genug unterstützt. Und anders als Nollau kommt er auch mit SPD-Fraktionschef Herbert Wehner, dem er ständig Bericht erstatten muß, schlecht zu Rande.

Trotz aller öffentlichen Solidaritätsadressen ist Maihofer seinerseits dem Geheimdienstchef gram. Unter Vertrauten beklagt er sich über dessen Eigenwilligkeit. Ihm trägt der sensible Professor nach, daß er über den Einbruch bei Traube nicht hinreichend unterrichtet wurde und darüber beinahe schmählich sein Amt verloren hätte, jedenfalls aber seinen politischen Kredit eingebüßt hat.

Wenn es dennoch so scheint, als ob die beiden noch länger miteinander aushalten müßten, so deshalb, weil bislang niemand einen akzeptablen Nachfolger benennen kann, der Maihofers Kriterien erfüllt: Parteilos soll er sein und ein anerkannter Experte.

Damit aber scheiden alle Bewerber aus, die immer wieder herumgereicht werden, wenn ein Spitzenplatz bei dem Dienst frei wird: Münchens Polizeipräsident Manfred Schreiber etwa oder der Leiter des Hamburger Landesamts für Verf assungsschutz, Hans-Josef Horchern -- allesamt auf SPD-Fahrkarte.

»Wenn Meier abzieht«, so räumt ein Spitzenbeamter im Kanzleramt ein, »gibt es genauso viele neue Probleme.« Bleibt Meier aber auf seinem Posten, kommt Schüler nach Einschätzung von Beamten des Innenressorts mit seinem BND erst recht in Bedrängnis.

In seinem eigenen Amt beschäftigt er zwar als stellvertretenden Koordinator aller Dienste einen Experten, Franz Schlichter -- Amtstitel: Leiter der »Gruppe Lageinformation, BND, gemeinsame Angelegenheiten der Nachrichtendienste« -, aber der Ministerialdirektor, von Schüler hochgeschätzt, ist in der Öffentlichkeit bislang nur wegen einer dienstlichen Panne bekanntgeworden.

Ihm wird angelastet, er habe als Sicherheitsbeauftragter zu verantworten, daß der Kanzlerspion Günter Guillaume, dessen Enttarnung 1974 Kanzler Willy Brandt zum Rücktritt zwang, trotz eines unaufgeklärten Verdachts eingestellt worden war.

Die einzige Alternative, die Geheimdienstexperten einfällt, scheint nicht minder fragwürdig: ein Militär aus dem Beritt Lebers, der seinen neuen MAD-Chef nur mit Mühe fand.

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