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AFFÄREN / ZIMMERMANN Sogenannte weiße Weste

aus DER SPIEGEL 37/1970

Friedrich Zimmermann, 45, CSU-Bundestagsabgeordneter und Vorsitzender des Verteidigungsausschusses in Bonn, versuchte am Donnerstag letzter Woche wieder einmal, seine Vergangenheit zu bewältigen. In seinem Münchner Büro kramte der Jurist in vergilbten Zeitungsausschnitten, durchstöberte zerfledderte Gerichtsprotokolle, beriet mit Parteifreunden und ließ schließlich Parteichef Franz Josef Strauß in dessen Urlaubsort im südfranzösischen Departement Var alarmieren.

Doch weder die Papiere noch seine Parteifreunde konnten Zimmermann diesmal hinreichend helfen. So verfaßte der Politiker, dem in Bayern der Spottname »Old Schwurhand« anhängt, seit ihm ein Münchner Gericht vor zehn Jahren einen Falscheid nachgewiesen hat, eine eidesstattliche Versicherung. Mit ihr möchte der Strauß-Spezi ("Ich gelte mit Recht als hundertprozentiger Strauß-Mann") entkräften, was die Hamburger Illustrierte »Stern« unter der Überschrift »Herr Staatsanwalt, übernehmen Sie!« in ihrer jüngsten Nummer ausbreitet: »Die CSU kam ... durch ein kriminelles Komplott an die Regierung. Zimmermann schwor gleich zwei Falscheide, um die CSU an der Macht zu halten.«

Der »Stern« griff mit dieser Geschichte nach mehrjähriger Pause wieder einmal In das ebenso füllige wie finstere Repertoire der bayrischen Spielbanken-Affäre, durch die vor zehn Jahren auf rätselhafte Weise manche Glücksritter zu Millionen und manche Minister ins Gefängnis kamen. Zimmermann, der damals als CSU-Generalsekretär das Geldfieber geschürt und parteipolitisch genutzt hatte, sinnierte nach der »Stern«-Lektüre: »Daß einem dieser Dreck so lange nachhängt.«

Daß der Dreck von damals so hartnäckig an Zimmermann und anderen weiß-blauen Freunden haftet, ist nicht zuletzt ein Werk des Strauß-Adlatus selber. Er inszenierte das Polit-Spektakel des Spielbanken-Prozesses, indem er nach vergeblichen Versuchen bei einem anderen Roulett-Bewerber dem Landsmann Karl Freisehner eine »Selbstanzeige« abknöpfte.

Der Alpen-Freistaat, damals geführt von einer Viererkoalition aus SPD, FDP, GB/BHE und BP, richtete Mitte der fünfziger Jahre in Bad Reichenhall, Bad Wiessee, Garmisch-Partenkirchen und Bad Kissingen private Spielbanken ein. Die damals in Opposition stehende CSU bemühte sich vergeblich, dem für die Spielbanken zuständigen Innenminister Geislhöringer (BP) in einem parlamentarischen Untersuchungsausschuß Bestechlichkeit nachzuweisen. Erst mit einem dubiosen Meineidsxrozeß. der bis heute nicht abgeschlossen ist, gelang es der CSU, die BP-Führer zu desavouieren und so die Viererkoalition zu sprengen.

Freisehner, der als Metzger, Taxifahrer und Inhaber einer Fischbratküche sein Glück versucht hatte und sich damals als Anwärter auf eine Spielbank-Konzession gerade von Innenminister August Geislhöringer

Der nun doppelt enttäuschte Freisehner (Zimmermann heute: »Ein Windbeutel natürlich"), der damals der CSU als Kronzeuge gegen die Bayernpartei gut genug war, fand nach vollbrachter Tat keinen Kontakt mehr zu seinem Partner Zimmermann. Nachdem sich alle rechtlichen und politischen Möglichkeiten, doch noch zu einer Konzession zu kommen, erschöpft hatten (insbesondere, weil der Freistaat inzwischen alle Spielbanken in eigene Regie übernommen hatte), wetterte der schwer verschuldete Kaufmann 1964: »Ich werde die Grundfesten des bayrischen Staates erschüttern, sobald ich auspacke.«

So pikant manche bis heute geheime Details aus jener Zeit der Dossiers und Biertisch-Intrigen auch sein mögen, der moralische Schaden, den diese bayrische Affäre anrichtete, ist offenkundig genug. Ob kriminell oder nicht, die komplottartige Offensive im Zwielicht von Justiz und Politik verstrickte Willige wie Zögernde in einen unheiligen Bund,

Freisehner schwieg, solange er sich Hoffnungen machte. Wenn man dem Zimmermann von heute glauben will, so waren diese Hoffnungen freilich von Anfang an trügerisch: »Der Freisehner ging nicht einmal so weit, zu sagen, »was krieg' ich dafür'; von einem Junktim zwischen seiner Selbstanzeige und einer späteren Konzession ganz zu schweigen.«

Trotz dieses scheinbar so klaren Sachverhalts aber folgte Zimmermann unentwegt den Spuren des erfolglosen Kaufmanns, bis dieser 1967 an Lungenkrebs starb. Doch auch der Tod seines Partners von einst brachte dem CSU-Funktionär keine Ruhe. Denn inzwischen waren die vermeintlichen oder tatsächlichen Spielbank-Anwartschaften zu einem geheimnisvollen Vermächtnis geworden, das mit hohen Summen gehandelt wurde.

Notariell verbrieft kaufte der Münchner Tabakkauf mann Ludwig Fraundorfer schon 1963 die bis heute fiktiven Konzessions-Rechte Freisehners für eine sechsstellige Summe. Später stückelte der Kaufmann gar sein Illusions-Paket und veräußerte einzelne Prozente weiter.

Obschon nun derart verfremdet und zerstückelt, ließen Zimmermann die Geheimnisse der Spielbankaffäre noch immer nicht ruhen. Mal besorgte der Bonner Politiker dem Neuling der Branche eine Unbedenklichkeitsbescheinigung des Innenministeriums, mal stellte er Kontakte zum jeweiligen Ressortminister her, mal empfahl er gar, »einen rechtlichen Schritt gegenüber dem Bayerischen Staatsministerium des Innern zu unternehmen«. Zimmermann, auf die Frage, warum er Fraundorfer, diesen Konzessionsanwärter der zweiten Generation, derart umsorgte und einmal sogar nach Griechenland begleitete (es ging um ein TV-Projekt): »Da saß eines Tages dieser Tabakgroßhändler aus München-Pasing vor mir und tat mir leid.«

Worum es Zimmermann in Wahrheit die ganzen Jahre hindurch ging, schrieb er 1967 in einem Brief an den Fraundorfer-Anwalt Graf Bentzel-Sternau. Zimmermann bezeichnet es in diesem Schreiben als »unerläßlich, die Urkunden und Tatsachen vorzulegen, auf die sie Bezug nehmen«. Denn:

»Mir ist in der Zwischenzeit mitgeteilt worden, daß der frühere BP-Abgeordnete Lallinger Kenntnis von einem sogenannten »Testament« des Herrn Freisehner habe. Da ich nunmehr nicht weiß, ob diese angeblichen Unterlagen auch weiteren dritten Personen zur Verfügung stehen, werden Sie Verständnis dafür haben, daß ich nur aufgrund von Kenntnissen über den gesamten Sachverhalt mir ein Urteil über die Rechtsgrundlage dieser angeblichen Ansprüche bilden kann.«

Ludwig Max Lallinger, der Gründer und heutige Geschäftsführer der Bayernpartei, kennt das Freisehner"Testament« und auch die sonstigen Aufzeichnungen, die Zimmermann fürchtet, auch wenn er sie vorsorglich als »ungesetzliche Mittel ohne Beweiswert« bezeichnet. Lallingers Fazit: »Die Zimmermann-Clique hat damals gehandelt wie die sizilianische Mafia.«

Der Ober-Bayer und Föderalissimus Lallinger glaubt nicht daran, daß sein Freistaat aus eigener Kraft die dunkle Affäre noch klären kann: »Da müßte schon Bonn einen Untersuchungsausschuß einsetzen.« Denn: »Bayern ist in der Sache befangen.«

Fürs erste ist Lallinger mit der »Stern«-Veröffentlichung zufrieden: »Der Zimmermann hat sei'Fotzn immer so weit off', dem schadets gar net, wenn er wieder amoi oane naufkriagt.«

Draufgekriegt hat dieser engste politische Intimus des CSU-Vorsitzenden Strauß freilich längst genug; daß er aus dem politischen Verkehr gezogen wird, ist überfällig:

* 1960 wurde er von einem Münchner Gericht wegen fahrlässigen Falscheids im Spielbankenprozeß zu vier Monaten Gefängnis verurteilt, in zweiter Instanz -- nachdem der Bundesgerichtshof das erste Urteil zurückverwiesen hatte -- aber freigesprochen, nachdem ein von Zimmermanns Verteidiger herbeigeschaffter Gutachter dem damals 35jährigen »verminderte geistige Leistungsfähigkeit« bestätigt hatte.

* 1966 machte die Baugesellschaft »Bayerische Union«, die Zimmermann als Aufsichtsratsvorsitzender betreute, Bankrott und hinterließ über fünf Millionen Mark Schulden; die Hintermänner der Pleite gibt er bis heute nicht preis.

Die BP wettert seit Jahren über den zwielichtigen CSU-Politiker: »Wie kann jemand, der unter geistigen Störungen leidet, in der Lage sein, einen der wichtigsten Ausschüsse des Bundestags ... verantwortlich zu leiten.

Nach der neuen »Stern«-Story rühren sich nun auch Bonner Politiker: Der parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Fraktion, Karl Wienand, wie das FDP-Ausschußmitglied Kurt Jung forderten Ende letzter Woche, Zimmermann möge seine Funktion als Vorsitzender des Verteidigungsausschusses bis zur Klärung der Vorwürfe ruhen lassen. Wienand: »Ein Sicherheitsrisiko darf unter keinen Umständen eingegangen werden.«

Selbst innerhalb der CSU wuchs der Widerstand gegen den Strauß-Freund. Die Partei entpflichtete Zimmermann 1967 als CSU-Schatzmeister, und als Kandidat für den CSU-Vorstand erhielt er nur noch 26 von fast 200 Stimmen. In seinem Bundestagswahlkreis 214 legte sich Landshuts CSU-Bürgermeister Josef Deimer quer: »Ich werde mich bis zum letzten gegen eine solche Kandidatur wehren, da Ich der Meinung bin, daß die CSU, dargestellt durch Personen wie Zimmermann, einfach unglaubwürdig wird.« Nach einer Intervention von Strauß wählten ihn die 30 Delegierten aus dem politisch schwerfälligen Landstrich der Hopfenbauern doch wieder.

Und auch Strauß-freundliche Organe wie der »Münchner Merkur« können dem CSU-Abgeordneten aus Niederbayern, dem sie »übertriebene Gerissenheit in finanziellen Dingen« bescheinigen, nur noch mit jesuitischen Denkmustern beistehen: »Sachverstand und Intelligenz« seien »in der deutschen Politik zu dünn gesät, als daß wir es uns leisten könnten, einen Mann vom Kaliber Zimmermanns ausschließlich am Maßstab der sogenannten weißen Weste zu messen«.

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