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PFARRER-FLUCHT Solche Leute

Die evangelischen Kirchenführer in der DDR fordern von ihren westdeutschen Amtsbrüdern Hilfe: Sie sollen Pfarrer ächten, die ohne kirchliches Plazet in den Westen kommen.
aus DER SPIEGEL 1/1976

Die Beirrung der Gemeinde, welche von einem Pfarrer im Stich gelassen wird, ist schlimm«, klagte der Magdeburger Bischof Werner Krusche vor den evangelischen Synodalen der Kirchenprovinz Sachsen. »Wer die Gemeinde im Glauben irre macht, kann nicht mehr Pfarrer sein.«

Was Protestant Krusche Ende Oktober erstmals öffentlich aussprach, beunruhigt zunehmend alle Kirchen-Oberen in der DDR: Seit 1950 haben etwa 150 Pfarrer ihre Gemeinde ohne kirchliche Genehmigung verlassen und sind in die Bundesrepublik übergewechselt, zwanzig davon in den letzten beiden Jahren.

Und neuerdings, da sieh unter den 4300 Pfarrern in der DDR herumspricht, daß die Behörden Geistlichen die Ausreise in die Bundesrepublik nahezu ausnahmslos genehmigen, befürchten die Kirchen-Oberen eine neue Fluchtwelle; etwa 200 Pfarrer in der DDR, so die Schätzungen, schmieden Reisepläne.

Vielen von ihnen würde es, kämen sie tatsächlich in die Bundesrepublik, so ergehen wie dem Pfarrer Curt-Jürgen Heinemann-Grüder aus der Ostberlin-Brandenburgischen Landeskirche. Weil er seine Gemeinde im Osten ohne Kirchen-Plazet verließ, darf er im Westen, im badischen Niefern bei Pforzheim, nur als Ersatzpfarrer tätig sein, mit kurzfristig kündbarem Dienstvertrag. Die oldenburgische Landeskirche, bei der er zuvor nachgefragt hatte, wollte ihn nicht einmal als Ersatzpfarrer haben.

Den wenigsten der 150 Ost-Geistlichen ist die gleichwertige Aufnahme in den westdeutschen Kirchendienst gelungen. Einige erhielten zweit- und drittrangige Posten, viele wanderten in andere Berufe ab, alle verloren ihre Pensionsansprüche.

Die »Gewährung eines Existenzminimums« komme, so die Empfehlung der Ost-Kirche an die West-Kirche, nur in wirtschaftlichen Härtefällen in Betracht. Derweil pflegt die Ost-Kirche ihren entschwundenen Pfarrern ein Disziplinarverfahren anzuhängen, das selbst westlichen Kirehenführern suspekt erscheint: Argumente der Beschuldigten wurden mißachtet, Entlastungszeugen nicht gehört.

Gleichwohl zeigen die zwanzig in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zusammengeschlossenen westlichen Landeskirchen seit Anfang der 50er Jahre korrespondierende Härte. Damals versprachen sie, keinen Pfarrer aus der DDR ohne die Erlaubnis der Heimatkirche einzustellen.

Mit einer Erlaubnis jedoch, das gilt heute noch, kann nur der Pfarrer rechnen. der schwer krank ist oder schwerkranke Angehörige hat, der eine Westdeutsche heiratet oder unter unzumutbarem politischen Druck steht.

Der allerdings, so belehrten hohe Kirchenführer in der DDR ihre westlichen Amtsbrüder bereits 1959, sei in ihrer Republik eine Rarität: »Fälle politischer Bedrohung« gebe es »viel seltener, als man das im allgemeinen annimmt. Sie sind in den letzten Jahren noch seltener geworden. Man kann heute schon von Ausnahmefällen reden.«

Vor kurzem erst verwarf der Magdeburger Krusche die Meinung, man könne »in der DDR als Christ nicht mehr leben«. Es gebe »schlechterdings keine unlebbare Situation«, predigte der Bischof. und es steht zu vermuten, daß er damit den häufigsten Fluchtgrund für DDR-Pfarrer brandmarken wollte: die Diskriminierung der Pfarrerskinder in der Schule Problem Nummer eins in fast jedem der meist kinderreichen DDR-Pfarrhaushalte.

Weil der Vater ein Kirchenmann ist, dürfen Kinder selbst mit den besten Zeugnissen häufig nicht von der Allgemeinbildenden Polytechnischen Oberschule (vergleichbar der westlichen Grund- und Hauptschule) auf die Erweiterte Oberschule (vergleichbar der Oberstufe des westdeutschen Gymnasiums) überwechseln. Weil sie partout nicht in die gehätschelte Klasse der Arbeiter- und Bauernkinder passen und überdies auch noch »gesellschaftliche Aktivität« vermissen lassen, bleibt ihnen der Weg zu Abitur und Studium verschlossen.

Für DDR-Kirchenleitungen aber gilt, was schon 1960 ein Hirtenwort der Bischöfe besagte: »Wer in die Sorge um sich selbst und seine Familie versinkt und darum ohne Rücksicht über seine Mitmenschen hinweggeht oder sie verläßt«, verleugne die christliche Liebe.

Der bislang einzige prominente Kirchenführer, dem solches Verhalten unchristlich vorkam und es offen aussprach, war der 1968 verstorbene Theologe Hans Christian Asmussen. Der ehemalige Präsident der EKD-Kirchenkanzlei an seine Mitbrüder: »Der Pfarrerflucht kann nicht Einhalt geboten werden, indem man ein kirchliches Stalingrad inszeniert ... Fliehen und Bleiben steht in der Freiheit des einzelnen.

Dem Kieler Propst wollte nicht einleuchten, daß westdeutsche Pfarrer ungehindert und aus »harmlosen Gründen« ihre Gemeinden wechseln dürfen, während man DDR-Pfarrern Vorhaltungen mache, obwohl sie allemal ungleich ernsthaftere Beweggründe vorzubringen hätten.

An der rigorosen Praxis änderte sich jedoch wenig. Zwar bekennt Pfarrer Gerhard Isermann von der Hannoverschen Landeskirche: »Wir fühlen uns ausgesprochen unwohl, wenn wir solche Leute nicht einstellen.« Auch möchten zwölf der zwanzig Landeskirchen Schulprobleme in den Pfarrhäusern oder psychischen Druck als Fluchtmotive gelten lassen. Ob sich die Regionalkirchen jedoch auf einen neuen Katalog der Fluchtkriterien einigen können, bezweifeln Betroffene. Ein DDR-Pfarrer, der in den Westen wechseln möchte: »Wir warten schon seit Jahren.«

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