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Parteien Solidarität für Erich

Die DKP, von manchen schon totgeglaubt, sucht ihre Zukunft ausgerechnet in der Ex-DDR.
aus DER SPIEGEL 15/1991

Die Annonce im PDS-Blatt »Neues Deutschland« fand sich im Januar unter der Rubrik »Verschiedenes": »Zum Jahreswechsel unseren dem Sozialismus verbundenen Freunden, Genossinnen und Genossen in den ,Neuen Bundesländern'' ein kämpferisches: Trotz alledem!«

Die kleine Ermutigung hatte Herbert Mies, 62, bis 1990 Vorsitzender der SED-Bruderpartei DKP, in Auftrag gegeben. Sie scheint zu wirken. Inzwischen planen letzte DKP-Versprengte eine neue Zukunft für ihre Partei: Die soll im Osten liegen.

Bereits im Mai will die einst von der DDR finanzierte Partei auf einem Bundesparteitag über die Expansion in die neuen Länder beschließen. Die Genossen der Rest-DKP (geschätzte Mitgliederzahl: 10 000) halten dem gestürzten SED-Chef Erich Honecker, 78, noch immer die Treue - ganz im Geiste des DKP-Programms von 1978, worin die einstige DDR als »größte Errungenschaft der deutschen Arbeiterbewegung« ausgegeben wurde.

Die späten Honecker-Verehrer sind weitgehend unter sich. Seit dem Rücktritt des Vorsitzenden Mies, der mit dem früheren SED-Chef stets Eintracht demonstrierte, hat ein vierköpfiger Sprecherrat Reformkommunisten und Gorbatschow-Anhänger systematisch aus der Partei gedrängt.

Die verbliebenen Matadore des Marxismus-Leninismus stuften die Wende in der DDR flugs als »Konterrevolution« (DKP-Chefideologe und Parteivorstandsmitglied Willi Gerns) ein. Honeckers Partei habe, behauptet etwa der Bildungsverantwortliche im DKP-Kreisvorstand Mannheim, Hans Hohmann, »dem Revisionismus immer breiteren Raum« gegeben und »den Pfaffen Narrenfreiheit eingeräumt«. Notwendig sei nun eine »starke gesamtdeutsche kommunistische Partei« - gleichsam als Avantgarde der Arbeiterklasse im Leninschen Stil.

Solche Pläne kollidieren mit den Absichten der SED-Nachfolgepartei PDS, sich als reformsozialistische Partei in Gesamtdeutschland zu empfehlen. PDS-Chef Gysi hatte zwar den Delegierten des DKP-Parteitages im März 1990 noch »herzlichste Grüße« übermittelt, ins gesamtdeutsche Wahlbündnis »PDS/Linke Liste« ließen die Gysi-Genossen die Alt-Stalinisten dann aber doch nicht hinein.

Von den lautstarken Klassenkampf-Tönen der DKP-Bruderschaften fühlen sich sogar hartgesottene PDS-Genossen abgestoßen. Selbst die »Kommunistische Plattform«, ein Lenin-Revival-Klub mit einigen tausend Mitgliedern innerhalb der PDS, lehnt die Fusion mit der DKP zu einer gesamtdeutschen Kommunisten-Partei ab. Die von der DKP noch immer propagierten »Prinzipien des demokratischen Zentralismus« seien »nicht realisierbar« und nach den Erfahrungen in der DDR »nicht einmal wünschenswert«, teilten die »Plattform«-Ideologen den Altgenossen schriftlich mit.

Die DKP-Leute suchten sich mittlerweile denn auch verläßlichere Mitstreiter im einstigen Arbeiter-und-Bauern-Staat. Mal organisierten DKP-Kader gesamtdeutsche »Rote Tische«, etwa zwischen Kommunisten aus Cottbus und Saarbrücken. Mal setzten sich die West-Roten mit für altkommunistisches Gedankengut empfänglicheren PDS-Kreisvorständen in der Provinz beim Radeberger Pils zusammen, um über die Machenschaften des Monopolkapitals zu räsonieren.

Die mühselige Kleinarbeit zeitigt erste Erfolge. In Rostock bildete sich inzwischen eine DKP-Ortsgruppe, und der nach dem Zerfall des SED-Ablegers Sozialistische Einheitspartei Westberlins (SEW) gegründeten DKP Berlin gehören schon rund ein Dutzend Genossen aus dem Berliner Osten an.

Auch eine erste gesamtdeutsche Aktion haben die Realsozialismus-Nostalgiker bereits gestartet: Sie gründeten ein _(* Beim Staatsbesuch Honeckers in der ) _(Bundesrepublik auf Schloß Gymnich. ) »Solidaritätskomitee für Erich Honecker«. Dem Gremium steht das ehemalige DKP-Präsidiumsmitglied Werner Cieslak, 65, vor, der Honecker im Sommer 1990 im sowjetischen Militärhospital Beelitz bei Berlin besuchte. Cieslak kennt den Genossen Erich noch aus gemeinsamer Arbeit in der gesamtdeutschen Freien Deutschen Jugend (FDJ) in den fünfziger Jahren.

Das Solidaritätskomitee ist schon kräftig aktiv. Es protestierte, an wessen Adresse auch immer, gegen eine »politische Verleumdung Erich Honeckers« und eine »gigantische Geschichtsfälschung« über den »Versuch, einen nichtkapitalistischen Staat auf deutschem Boden zu errichten«.

Um künftig in Gesamtdeutschland auf Stimmenfang gehen zu können, wollen sich die Genossen nun mit einer kleinen, im Dezember 1989 in der DDR gegründeten Gruppierung zusammenschließen, die sich den zwischenzeitlich herrenlosen Traditionsnamen KPD zugelegt hat. Die Mini-KPD mit insgesamt 500 Mitgliedern in den fünf ostdeutschen Ländern bekennt sich, so ihr Vorsitzender Ekkehard Uhlmann, 31, zur »klassenlosen Gesellschaft, wie sie im kommunistischen Manifest beschrieben ist« - von Marx und Engels im Jahre 1848.

Daß der »Wille zur Gegenwehr« (DKP-Organ Unsere Zeit), den die Ostdeutschen zur Zeit gegen die Bonner Koalitionspolitik an den Tag legen, ausgerechnet den Kommunisten zugute kommen wird, glaubt freilich auch DKP-Chefideologe Gerns nicht. »Auf absehbare Zeit«, erkennt der Parteitheoretiker, werde die DKP wohl »keine Massenpartei werden.« o

* Beim Staatsbesuch Honeckers in der Bundesrepublik auf SchloßGymnich.

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