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»Sollen wir mit Blumen werfen?«

Israels Verteidigungsminister Rabin über den Palästinenser-Aufstand *
aus DER SPIEGEL 12/1988

SPIEGEL: Herr Rabin, der Aufruhr in den besetzten Gebieten dauert nun schon über hundert Tage, und ein Ende ist nicht in Sicht. Ist das ein neuer israelisch-arabischer Krieg - mit den Israelis diesmal als Verlierern?

RABIN: Zweifellos handelt es sich um eine Fortsetzung des israelisch-arabischen Konflikts mit anderen Mitteln. Was die Palästinenser jetzt tun, ist eine neue Form der Gewaltanwendung gegen uns. Es ist das erste Mal, daß Araber, die unter israelischer Kontrolle leben, zivilen Widerstand leisten. Wir müssen uns bei der Bekämpfung dieses Widerstands im Einklang mit unseren Gesetzen, mit den Normen und Werten unserer Streitkräfte verhalten. Deshalb dauert alles länger, und es könnte noch viel länger dauern, als uns lieb ist.

SPIEGEL: Ist Ihre Armee mit dem Niederhalten unbewaffneter Zivilisten überfordert?

RABIN: In diesem Konflikt sind unsere Streitkräfte ihrer schlagkräftigsten Waffen beraubt. Wir können ja weder

die Luftwaffe noch Panzer oder Artillerie einsetzen. Im äußersten Fall können wir auf leichte Handfeuerwaffen, auf Gewehre, Maschinenpistolen oder Pistolen, zurückgreifen. Und auch das nur streng nach unseren Gesetzen, wenn wirklich Lebensgefahr für die Soldaten, die Grenzpolizisten oder andere in die Zwischenfälle verwickelte Personen besteht. Aber wir werden mit dieser Herausforderung fertig werden.

SPIEGEL: Fürchten Sie nicht, daß Sie diese Auseinandersetzung gar nicht gewinnen können?

RABIN: Wir haben bisher überhaupt nichts verloren, nicht einen Zollbreit an Boden. Uns ist in keiner Weise die Kontrolle über die Gebiete entglitten. Einer der schmerzlichsten Preise in einem solchen Konflikt ist der Verlust an Menschenleben. Leider wurden bisher an die 90 Palästinenser getötet - aber kein einziger Israeli, Zivilist oder Soldat, ist ums Leben gekommen.

SPIEGEL: Das ist die kalte Rechnung eines israelischen Militärs. Aber mit militärischen Mitteln läßt sich das Problem nicht lösen.

RABIN: Eine Lösung im Sinne einer Befriedung entlang unserer Ostgrenze kann nur durch einen politischen Prozeß gefunden werden. Eine Beruhigung aber, auch wenn diese nur relativ sein sollte - schon vor dem Ausbruch der Unruhen am 9. Dezember 1987 gab es ja gelegentlich Demonstrationen, Gewalttätigkeiten, Terror -, läßt sich mit militärischen Mitteln durchaus erreichen.

SPIEGEL: Hat die Revolte Sie überrascht? Wir haben den Eindruck, daß Israel, zum erstenmal seit dem Jom-Kippur-Krieg 1973, die Initiative verloren hat.

RABIN: Dasselbe könnte man über die Bekämpfung des Terrorismus sagen. Bis heute haben wir dem palästinensischen Terror, der aus dem Libanon kommt, kein Ende bereiten können, auch nicht durch den Krieg von 1982.

SPIEGEL: Anders als in den arabischisraelischen Kriegen, anders auch als bei der Abwehr von Terroristen sieht die Welt Israel nicht mehr als David, der gegen Goliat kämpft. Die Sympathie der Öffentlichkeit gehört den Schwächeren, den Palästinensern. Belastet es Sie, als Unterdrücker dazustehen?

RABIN: Public Relations sind wichtig, sofern sie sich in politische Vorteile umwandeln lassen. Aber was haben die Palästinenser gewonnen? Nehmen Sie die einzige praktische Initiative, die bislang auf dem Tisch liegt, den Friedensplan der USA: Die PLO des Herrn Arafat kommt darin gar nicht vor.

SPIEGEL: Daß die Israelis als die Bösen gelten, stört Sie gar nicht?

RABIN: Wir hatten auch früher schon Zeiten, in denen wir im PR-Kampf Rückschläge hinnehmen mußten. Natürlich ist es für uns wichtig, daß unsere Probleme verstanden werden, daß uns Sympathien entgegengebracht werden. Aber welche Optionen hatten wir denn, als die Unruhen ausbrachen und anhielten? Aufgeben und davonlaufen? Niemand in Israel würde zu so etwas raten. Ein Rückzieher hätte nur Terror, Gewalt und Kriege ermutigt und jede Hoffnung auf Frieden ausgehöhlt. Deshalb müssen wir mit den Unruhen fertig werden, und zwar auf unsere Weise.

SPIEGEL: Durch Gewalt, Macht und Prügel, wie Sie gesagt haben.

RABIN: Wir eröffnen nicht grundlos das Feuer, wir lassen nicht Panzer auf Dörfer schießen. Wenn wir Schlagstöcke verwenden, gibt sich die ganze Welt empört - warum verprügelt ihr sie? Ja, wie sollen wir sie denn sonst überzeugen, keine Gewalttaten zu begehen? Sollen wir ihnen Blumen zuwerfen? Ich muß sagen, daß ich die Reaktion der öffentlichen Meinung sehr seltsam finde. Als wir am Anfang scharf schossen, war das schlecht. Als wir dann vom Schießen zum Prügeln übergingen, war das auch schlecht. Okay, das eine ist schlecht, und das andere ist auch schlecht. So tun wir eben, was wir für nötig halten.

SPIEGEL: Ihre treuesten Freunde in der westlichen Welt, selbst einflußreiche Juden in den USA rügen Ihre Politik der eisernen Faust als unmenschlich und untragbar. Kann Israel es sich leisten, darauf nur mit stoischem Gleichmut zu reagieren?

RABIN: Ich will Ihnen mal was sagen: Ich habe meinem Land fünf Jahre lang, von 1968 bis 1973, als Botschafter in den USA gedient. Und ich sah dort Demonstrationen und Krawalle, bei denen Gewalt und Prügeleien in einem Ausmaß stattfanden, das mir damals äußerst erstaunlich schien. Deshalb: Wer immer uns kritisiert, sollte nicht vergessen, wie er daheim seine Autorität einsetzt, um mit gewalttätigen Demonstranten fertig zu werden.

SPIEGEL: Die US-Polizisten prügelten immerhin ihre eigenen Bürger. Was antworten Sie denn einem amerikanischen Juden wie Ted Mann, dem Präsidenten des American Jewish Congress, wenn er Ihr Vorgehen als unmenschlich bezeichnet?

RABIN: Er kann es so nennen. Wir leben in einem freien Staat, und er lebt

in einem freien Staat. Er kann seine eigenen Ansichten äußern, aber das bedeutet nicht, daß wir ihnen folgen werden.

SPIEGEL: Die Empörung entzündet sich daran, daß Ihre Soldaten Unbewaffnete schlagen und oft genug auch töten, Menschen, die seit 20 Jahren als Entrechtete in ihrer besetzten Heimat leben ...

RABIN: Sie sprechen dauernd von besetzten Gebieten. Muß ich Ihnen erklären, was eigentlich geschehen ist? Seit dem Ende des Sechs-Tage-Kriegs 1967 haben alle israelischen Regierungen ihre Bereitschaft zu einer politischen Lösung demonstriert; wir haben keine einseitigen Schritte getan, die den politischen und legalen Status der Gebiete verändert hätten. Wir hätten das Land ja annektieren können.

SPIEGEL: Dann wäre Israel womöglich kein jüdischer Staat mehr.

RABIN: Selbst dann hätte es immer noch eine klare jüdische Mehrheit gegeben, mit 3,5 Millionen Juden gegen 2 Millionen Palästinenser. Und dann hätte die Mehrheit bestimmt, was für einen Staat sie gern gehabt hätte. Wir zogen es vor, die Entscheidung über den Status der Gebiete künftigen Friedensverhandlungen zu überlassen. Nun hält man uns vor, daß Israel der dort lebenden Bevölkerung nicht volle zivile Rechte gewährt. Hätten wir die Gebiete annektiert, hätte die ganze Welt entsetzt aufgeschrien. Wenn diese Gebiete aber nicht Teil des souveränen Staates Israel sind, können wir ihren Bewohnern auch nicht die Rechte von israelischen Staatsangehörigen geben. Damit sind wir im Einklang mit den Genfer Konventionen.

SPIEGEL: Das stimmt formal. Aber 20 Jahre Besetzung haben die Frustration und die Hoffnungslosigkeit der Menschen so verschärft, daß es jetzt zur Explosion kam.

RABIN: Zweifellos beweist dieser Ausbruch, daß die Frustration einen Höhepunkt erreicht hat. Die Revolte ist die Folge von 40 Jahren Flüchtlingsleben in den Lagern - 20 Jahre unter ägyptischer und jordanischer Herrschaft, 20 Jahre unter unserer Kontrolle. Hinzu kam die Enttäuschung, als sich nach zweieinhalb Jahren scheinbarer politischer Fortschritte wieder alle Hoffnungen für die Palästinenser zerschlugen: Erst hatte es die Annäherung zwischen Arafat und König Hussein gegeben, dann folgten der Bruch zwischen Hussein und Arafat und die Schließung der PLO-Büros in Jordanien, dann kam Jordanien mit seinem Plan einer Wirtschaftshilfe für die Palästinenser in den Gebieten, und auch daraus wurde nichts.

SPIEGEL: Was hat denn letztlich den Ausschlag für den Aufstand gegeben?

RABIN: Der Strohhalm, der dem Kamel den Rücken brach, war die Kombination der zwei Gipfeltreffen Ende vorigen Jahres: Der Gipfel der arabischen Führer in Amman im November 1987 führte den Palästinensern vor Augen, daß der Konflikt mit Israel unter den Teppich gefegt wurde. Die Debatten in Amman kreisten um die Gefahr des iranischen Chomeiniismus und um den Golfkrieg - um sonst nichts.

Vier Wochen später, beim Gipfeltreffen zwischen Reagan und Gorbatschow in Washington, wurde dem israelischarabischen Konflikt wieder keinerlei Aufmerksamkeit zugemessen. Das war ein unmißverständliches Signal: keine Hoffnung von den arabischen Staaten, keine Hoffnung von der internationalen Gemeinschaft, keine Hoffnung von Israel. Die Unruhen brachen spontan aus. Selbst diejenigen, die am Anfang mitmachten, wußten nicht, was daraus werden würde. Es gab keinen Plan und keine Organisation. Auch die PLO wurde völlig überrascht.

SPIEGEL: Wie lange kann Israel diese Bürde tragen, wirtschaftlich, politisch und militärisch?

RABIN: Die Eindämmung der Unruhen ist nicht allzu kostspielig. In einem Krieg braucht man Flugzeuge, Bomben, teure Munition, Artillerie, Panzer. Was braucht man hier? Schlagstöcke und mehr Soldaten, das ist alles. Dazu noch ein paar Jeeps, ein paar Lastwagen. Die Sache ist unangenehm, aber billiger als jede andere militärische Aktion.

SPIEGEL: Sie haben in Ihren Memoiren nach dem Sechs-Tage-Krieg geschrieben, daß die israelische Armee auch in der Hitze der Schlacht immer ihre Humanität bewahrte. Würden Sie das auch heute noch so sagen?

RABIN: Aber sicher. Sonst wären Hunderte von Palästinensern getötet worden.

SPIEGEL: Sind Sie nicht schockiert, wenn Sie Ihre ruhmreichen Soldaten Frauen und Kinder verprügeln sehen?

RABIN: Ich bin nicht schockiert. Es mißfällt mir, wenn Übergriffe geschehen, die im Widerspruch zu den Befehlen stehen.

SPIEGEL: Muß nicht die Motivation Ihrer Soldaten unter diesen Einsätzen

leiden? Schließlich wurden sie für ganz andere Dinge ausgebildet.

RABIN: Motiviert sind sie auch jetzt. Sie wurden ausgebildet, um militärische Verbände oder bewaffnete Terroristen zu bekämpfen ...

SPIEGEL: ... und sie kämpften im Bewußtsein, daß es um das Überleben des jüdischen Staats ging.

RABIN: Es geht auch jetzt um das Überleben Israels, genau wie in allen anderen Kriegen zuvor. Die Araber haben dieselben politischen Ziele. Und hier in den Gebieten sind sie dichter an uns dran als die Terroristen im Libanon. Ihre Brandbomben können genauso tödlich sein wie Handgranaten. Fragen Sie die Soldaten: 80 Prozent von ihnen sagen, daß sie lieber aus 30 Meter Distanz schießen würden, ganz egal auf wen, als nahe ranzugehen und mit dem Stock zu schlagen.

SPIEGEL: Schießen ist leichter als schlagen?

RABIN: Viel leichter. Aber ich habe beschlossen, die Verwendung scharfer Munition zu beschränken. Wo immer gewalttätige Zwischenfälle stattfinden, Ruhestörungen, Demonstrationen, Straßenblockaden, Steinwürfe, die Truppen sollen mit Gasgranaten und Gummigeschossen reagieren. Wenn das die Zusammenrottungen nicht auflöst, sollen sie mit Stöcken vorgehen - aber nur solange die offene Konfrontation anhält. Wenn die Palästinenser die Hände hochheben, hört das Schlagen auf.

SPIEGEL: Das ist die Theorie. Wir sahen auch andere Fälle.

RABIN: Ja, wir sahen andere Fälle, aber nur wenige. Wenn unter den Tausenden von beteiligten Soldaten drei Prozent so etwas getan haben, dann ist das hoch gegriffen.

SPIEGEL: Bisher werfen die Palästinenser Steine und Molotow-Cocktails. Was wird geschehen, wenn sie scharf zu schießen beginnen?

RABIN: Wir hätten dann vielleicht Tote zu beklagen, aber sie würden ihren Kampf verlieren. Dann würde es auf den Fernsehschirmen nämlich nicht mehr wie ein Aufstand von Zivilisten gegen Militärs aussehen, sondern wie ein Kampf von Terroristen gegen Militärs. Deshalb scheint es einstweilen, als wären sie klug genug, nicht zu schießen.

SPIEGEL: Haben Sie schon mal an die Möglichkeit gedacht, mit brutaler Gewalt kurzen Prozeß zu machen, wie Kissinger das geraten hat? Etwa mit Panzern?

RABIN: Wozu? Ich werde doch nicht mit Panzern in eine Menschenmenge feuern. Jordaniens König Hussein hat während des Schwarzen September 1970 Palästinenserlager beschießen lassen. Das ist eben der Unterschied. Syriens Präsident Assad hat 1982 in Hama Tausende von Moslembrüdern niedermachen lassen. So etwas wird Israel niemals tun.

SPIEGEL: Kissinger hat auch empfohlen, die Presse auszusperren.

RABIN: Wo sonst im Nahen Osten können Journalisten so berichten wie in Israel? Wir denken nicht daran, die Presse auszusperren. Nur: Wann immer das Fernsehen auftaucht, ändert sich das Verhalten der Beteiligten. Jeder, der vom Fernsehen gefilmt wird, verhält sich so, wie er glaubt, daß die Öffentlichkeit ihn sehen sollte. Schon allein die Präsenz des Fernsehens kann deshalb zu mehr Gewalttätigkeit ermuntern.

SPIEGEL: Ihre Offiziere verweigern Reportern häufig den Zutritt.

RABIN: Nach unseren Gesetzen gibt es keine Möglichkeit, ein Gebiet nur für die Medien zu sperren. Jeder Befehlshaber hat allerdings das Recht, ein Unruhe-Gebiet zur militärischen Sperrzone zu erklären, die niemand betreten darf. Von Zeit zu Zeit, in Erwartung der Dinge, die geschehen könnten, normalerweise am Freitag, dem Gebetstag der Moslems, sperren wir deshalb bestimmte Gebiete.

SPIEGEL: Die Radikalisierung nimmt auch im Innern zu. Die Siedler in den besetzten Gebieten werfen der Armee vor, nicht energisch genug gegen die Palästinenser vorzugehen. Haben Sie für solche Klagen Verständnis?

RABIN: Derzeit kritisieren mich alle. Die Linken greifen mich an wegen meiner Politik der eisernen Faust, die Rechten, weil ich ihnen zu lasch bin. Wenn linke und rechte Extremisten mich gleichzeitig attackieren, dann habe ich das Gefühl, auf sicherem Boden zu stehen.

SPIEGEL: Inzwischen nehmen die Siedler die Dinge oft genug selbst in die Hand. Sie überfallen Palästinenser in deren Dörfern.

RABIN: Ich bin darüber besorgt. Die Siedler wurden vor solchen Übergriffen gewarnt. Es gab bereits Fälle, in denen unsere Armee mit Tränengas gegen sie vorging.

SPIEGEL: Auf der anderen Seite begannen auch die Palästinenser eine neue Phase des Widerstands. Sie lynchen Kollaborateure, sie weigern sich, Steuern zu bezahlen, Hunderte palästinensischer Polizisten haben ihren Dienst quittiert. Müssen Sie nicht totale Anarchie und Chaos befürchten?

RABIN: Die Steuerverweigerer beunruhigen mich nicht. Niemand bekommt eine Arbeits- oder Geschäftsgenehmigung, wenn er nicht belegen kann, daß er seine Steuern bezahlt hat. Wir haben bisher höchstens 20 Prozent an Einkommen- und Mehrwertsteuer in den Gebieten eingebüßt. Das verkraften wir. Wenn palästinensische Polizisten aus dem Dienst scheiden - darunter werden nur die Palästinenser selbst leiden. Was jetzt geschieht, ist der Versuch, die kommunalen Strukturen auszuhöhlen. Aber darunter wird nicht Israel leiden, das tut nur den Palästinensern weh.

SPIEGEL: Sie können doch nicht so tun, als ginge Sie das gar nichts an.

RABIN: Bei allem Respekt: Wenn sie sich selber Schaden zufügen wollen, dann sollen sie es doch tun.

SPIEGEL: Sie fühlen sich nicht verantwortlich?

RABIN: Wir sind schon verantwortlich, aber nur in gewissen Grenzen. Wir können niemanden zwingen, bei der Polizei zu bleiben.

SPIEGEL: Können Sie denn wenigstens die Palästinenser beschützen, die bereit sind, weiterhin mit Israel zusammenzuarbeiten?

RABIN: Wir werden unser Bestes tun. Wir greifen jetzt schneller ein, wenn zum Beispiel in einem Dorf die arabischen Notabeln bedroht werden. Bisher gab es

nur zwei Todesopfer. Einer wurde gelyncht, und in Jericho wurde ein Polizist ermordet.

SPIEGEL: Hunderte anderer fühlen sich bedroht.

RABIN: Kann sein, kann sein. Wir können nicht alle und jeden beschützen. Das ist einfach unmöglich.

SPIEGEL: Ihre Strategie beruht offenkundig darauf, den Leidensdruck zu verstärken. Wird das im Gegenteil nicht noch mehr Gewalt hervorrufen?

RABIN: Das bezweifle ich. Nach Einschätzung der gegenwärtigen Lage werden wir uns vorläufig an drei Maßgaben halten. Erstens: Fortsetzung der militärischen Präsenz im bisherigen Umfang. Zweitens: Verhaftung von Aufwieglern und Teilnehmern an gewalttätigen Demonstrationen. Drittens: wirtschaftliche Maßnahmen gegen Gebiete und Dörfer, aus denen Gewalttäter heraus operieren.

SPIEGEL: Sie verkaufen kein Benzin mehr in den besetzten Gebieten, Sie haben die Freizügigkeit der Palästinenser eingeschränkt ...

RABIN: Für ihre Brandbomben haben sie noch genug Benzin. Wir haben den Verkauf nicht eingestellt. Nachdem es zu Überfällen auf mehrere Tankfahrzeuge gekommen war, haben wir die Versorgung für eine Woche gestoppt. Für Fahrten aus dem Westjordanland und dem Gazastreifen nach Israel gibt es keinerlei Beschränkungen. Und um nach Jordanien zu reisen, mußten die Palästinenser ja bisher auch schon eine Genehmigung einholen.

SPIEGEL: Mit Sanktionen und Schikanen werden Sie die Wut nur verstärken.

RABIN: Die Ausschreitungen haben nachgelassen. Sie werden zwar nicht in ein oder zwei Wochen zu Ende gehen, aber wir haben Geduld. Viele Palästinenser beginnen zu begreifen, daß sie mit Gewalt absolut nichts erreichen werden.

SPIEGEL: Israels Repressionen können auch keinen Frieden schaffen.

RABIN: Ich habe gar nicht die Absicht, das Problem mit militärischen Mitteln zu lösen. Mein Ziel im Rahmen meiner Befugnisse als Verteidigungsminister ist eine Beruhigung der Lage.

SPIEGEL: Wie könnte denn Ihrer Meinung nach eine politische Lösung aussehen? Im Augenblick scheint es ja nicht einmal möglich, Friedensgespräche überhaupt in Gang zu bringen.

RABIN: Jahrzehntelang glaubten nur sehr wenige Israelis, daß eines Tages Friede mit den arabischen Nachbarn möglich sein würde. Vielen von uns erschien das wie ein Traum. Aber seit 1979 gibt es einen Präzedenzfall: Wenn ein Friedensschluß möglich war mit Ägypten, dem Land, das die arabische Welt in allen Kriegen gegen Israel angeführt hat, warum soll es dann nicht auch mit anderen gehen? Vielleicht wird es länger dauern, als wir wünschen, aber irgendwann wird der Friede erreicht werden.

SPIEGEL: Über den Weg dorthin ist die israelische Regierung heillos zerstritten.

RABIN: Israels Regierung ist sich nicht einig über den Shultz-Plan. Sie ist zerstritten in der Frage, wie die definitive Regelung aussehen soll, in welchem Rahmen Verhandlungen stattfinden sollen, ob ein Abkommen in einer oder in zwei Phasen erreicht werden kann. Gemeinsam ist uns allen die Überzeugung, daß jeder Versuch, Israel mit Gewalt eine inakzeptable Lösung aufzuzwingen, auf Gegengewalt stoßen wird.

SPIEGEL: Heißt das auch, daß es keine politischen Verhandlungen geben kann, bevor nicht die Revolte niedergeschlagen ist?

RABIN: Das habe ich nicht gesagt. Wir sind jetzt schon in politischen Gesprächen engagiert, um Friedensverhandlungen anzubahnen. Aber Jordanien und Syrien weigern sich ja, mit uns zu sprechen.

SPIEGEL: Und Sie weigern sich, mit der PLO zu sprechen.

RABIN: Ich traf oft mit palästinensischen Führern in den Gebieten zusammen. Ich traf solche, die der PLO nahestehen, und solche, die zu Jordanien neigen. Meine Frage an sie lautete stets: Sind Sie bereit, eine repräsentative Führung für die in den Gebieten lebenden Palästinenser zu bilden, die willens wäre, mit Israel zu verhandeln? Und sie haben alle immer geantwortet: Sind Sie denn wahnsinnig? Wollen Sie uns tot sehen? Erinnern Sie sich, was geschah, als Shultz Wortführer der Palästinenser in Ost-Jerusalem treffen wollte: Die PLO bedrohte ihr Leben.

SPIEGEL: Mit wem wollen Sie denn verhandeln?

RABIN: Über einen Frieden muß mit den Jordaniern und den Palästinensern, die in den Gebieten leben, verhandelt werden - im Rahmen einer gemeinsamen jordanisch-palästinensischen Delegation. Das ist auch die Haltung der USA. Die Shultz-Initiative beruht auf drei Punkten: erstens der Uno-Resolution 242 _(Diese Resolution erkennt das ) _(Existenzrecht des Staates Israel an. ) , die von der PLO strikt abgelehnt wird; zweitens einer gemeinsamen jordanisch-palästinensischen Vertretung - auch das will die PLO nicht; und drittens dem Verzicht auf Terror und Gewalt. Auch das lehnt die PLO ab. Damit hat sie sich selbst als Partner ausgeschlossen.

SPIEGEL: Was soll bei einer Friedenskonferenz herauskommen? Die Bildung eines unabhängigen palästinensischen Staats? Oder die Rückgabe der besetzten Gebiete an Jordanien?

RABIN: Wir alle, die Arbeitspartei und der Likudblock, lehnen die Bildung eines dritten Staats zwischen Israel und Jordanien strikt ab.

SPIEGEL: Selbst wenn es ein demilitarisierter Staat wäre?

RABIN: Er würde niemals demilitarisiert sein. Wenn ein solcher Staat entstünde, wären am nächsten Tag die Sowjets mit einer Menge Waffen da. Wir von der Arbeitspartei glauben, daß die Lösung in einem Frieden mit Jordanien - als jordanisch-palästinensischem Staat - liegt. Dazu können und sollen Teile des Westjordanlandes und des Gazastreifens

gehören. Israels Verteidigungsgrenze müßte allerdings am Jordan liegen, die Gebiete westlich des Flusses müßten demilitarisiert bleiben. Dann wären wir zu territorialen Kompromissen bereit. Israel wird aber auf keinen Fall zu den Grenzen von vor dem Sechs-Tage-Krieg zurückkehren, geschweige denn Jerusalem erneut teilen.

SPIEGEL: Ihr Koalitionspartner, der Likudblock, lehnt das Prinzip Land gegen Frieden ab.

RABIN: In einer Demokratie entscheidet die Mehrheit des Volkes.

SPIEGEL: Können die bevorstehenden Wahlen eine klare Entscheidung bringen?

RABIN: Das hoffen wir.

SPIEGEL: Es sieht eher aus, als sei die öffentliche Meinung in Israel nach rechts gerückt, was die Wahlchancen des Likud verbessert.

RABIN: Wann immer es zu Gewalttätigkeiten und Haßausbrüchen gegen Israel kommt, wird eine extreme Reaktion unvermeidbar. Die radikalen Fraktionen auf beiden Seiten begünstigen einander.

SPIEGEL: Falls Schamir die Wahl gewinnt und Israel sich in den besetzten Gebieten festkrallt: Könnte dann dort eine Lage entstehen wie in Nordirland oder gar Südafrika?

RABIN: Der Vergleich mit Südafrika ist völlig verfehlt. Jeder Araber, der israelischer Staatsbürger ist, genießt volle politische Rechte, mit dem zusätzlichen Vorteil, daß er vom Militärdienst befreit ist. Selbst wenn wir morgen die Gebiete annektieren und der Bevölkerung unsere Staatsangehörigkeit anbieten würden, entstünde also keine Lage wie in Südafrika. Die Palästinenser besitzen ja ihren eigenen Grund und Boden im Westjordanland und im Gazastreifen.

SPIEGEL: An Annexion kann niemand im Ernst denken. Was der Likud will, ist die Verewigung des Status quo, und das wäre die schlimmste Lösung.

RABIN: Der Status quo bleibt bestehen, weil es auf arabischer Seite keine Bereitschaft gibt, sich an den Verhandlungstisch zu setzen.

SPIEGEL: Daran wird sich nichts ändern, solange Israel an seinen Bedingungen festhält. König Hussein hat mehrfach erklärt, daß er die besetzten Gebiete gar nicht zurückhaben möchte.

RABIN: Wir können den arabischen Staaten keinen Frieden aufzwingen, und sie können uns keinen Frieden aufzwingen. Selbst die Supermächte sind nicht in der Lage, ihnen oder uns einen Frieden aufzuzwingen. Um einen Krieg zu beginnen, genügt einer; um Frieden zu schließen, braucht man beide Seiten. Als Präsident Sadat 1977 nach Jerusalem kam, war das israelische Volk von seinem guten Willen überzeugt. Und so wurde ein Friede erreicht, ohne eine internationale Konferenz, nur mit Unterstützung der USA.

SPIEGEL: Israels ehemaliger Außenminister Abba Eban meinte einmal, die Araber hätten nie eine Gelegenheit versäumt, eine Chance zu verpassen. Könnte dieser Satz jetzt auch für Israel gelten?

RABIN: Ich hoffe, daß Israel seine Bereitschaft beweisen wird, den Frieden zu erreichen.

SPIEGEL: Herr Rabin, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. *KASTEN

Jizchak Rabin *

ist neben (dem 1981 verstorbenen) Mosche Dajan Israels berühmtester Kriegsheld: Als Generalstabschef leitete er den Feldzug vom Juni 1967, in dem Israel binnen sechs Tagen gegen die Armeen Ägyptens, Jordaniens und Syriens den Sinai, Westjordanien und die Golanhöhen eroberte. Soldat war der 1922 in Jerusalem geborene Rabin schon mit 18 geworden, als er der »Palmach«, einer Elitetruppe der jüdischen Selbstschutzorganisation in Palästina, beitrat. Von 1968 bis 1973 war er Botschafter auf Israels wichtigstem Außenposten, in Washington. Als Premierministerin Golda Meir 1974 zurücktrat, wurde Rabin für drei Jahre ihr Nachfolger. Die im Sechs-Tage-Krieg gewonnenen Gebiete sah er nie als sakrosankte Eroberungen, sondern als Faustpfand für Friedensverhandlungen an; das jüdische Volk, sagte er damals, könne keinen Stolz als Eroberer empfinden. Seit 1984 ist der Sozialdemokrat Rabin Verteidigungsminister in der zerstrittenen Koalitionsregierung von Likud und Arbeitspartei.

Diese Resolution erkennt das Existenzrecht des Staates Israel an.

R. Leick, B. Dörler, H. Zoller
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