GESELLSCHAFT / HIPPIES Sommer der Liebe
Sie tragen Glöckchen an den Fußgelenken und hängen sich Blüten um den Hals; sie rauchen Marihuana-Zigaretten und schlucken LSD-Pillen; sie hausen in Toreinfahrten und wollen die Welt verschönern: die Hippies, Amerikas neueste Protestanten gegen Amerikas Way of Life und die Zivilisation des 20. Jahrhunderts.
Vor anderthalb Jahren begannen sie -- eine Handvoll Außenseiter im Heer der Beatniks und Vietniks -- ihren Feldzug der Gewaltlosigkeit für den Frieden und die Fröhlichkeit, für das Gute und die Liebe.
Heute hat der Hippie-Kult Anhänger in allen wichtigen Städten der USA, aber auch in Paris und London, in Neu-Delhi und Katmandu -- insgesamt etwa 300 000. Es sind Teens und Twens mit langen, zottigen Haaren. Wie Europas Gammler verabscheuen sie Wasser, Seife und Bürgertum. Mit Vorliebe begeben sie sich auf eine Rausch-Heise in ferne und irreal schöne Welten.
Ihre Vorbilder sind Christus und Buddha, der heilige Franz von Assisi und Mahatma Gandhi. Ihr Mekka ist der Stadtteil Haight-Ashbury ("Hashbry") in San Francisco, wo allein 10 000 Hippies leben und wo in diesen Wochen 100 000 Hippies aus allen Teilen der USA den »Sommer der Liebe« feiern.
Zum Auftakt kletterte ein Hashbury-Hippie auf eine Leiter und übermalte ein Straßenschild: Aus der Haight Street wurde die Love Street.
Zur gleichen Zeit, da in den Slums der amerikanischen Großstädte farbige Extremisten den Sieg der »Schwarzen Macht« (Black Power) fordern, verkünden die blumenbehängten Hippies -- deren Name nach Meinung des US-Nachrichtenmagazins »Time« vermutlich auf das Wort »hep« (mit von der Partie sein) aus der Zeit des Jitterbug vor dem Zweiten Weltkrieg zurückgeht -- den Sieg der »Blumen-Macht« (Flower Power) über die kapitalistische Gesellschaft.
Sie kommen aus guten Familien der Mittelschicht, sind meist weiß, meist zwischen 17 und 25 Jahre alt -- obwohl es auch 50jährige Hippies gibt -- und nennen sich selbst »Liebes-Generation« oder »Blumenkinder«. Sie sind apolitisch und höflich, freigebig und fröhlich. Sie aktivieren Sex, Rausch und Selbsterforschung.
Viele der halbwüchsigen Hippies sind von zu Hause weggelaufen -- so »Tiger«, 16. Der »Tiger« ("Mein Vater verdient über 100 000 Dollar im Jahr") entfloh dem heimischen Wohlstand, weil er »den Schmus der alten Damen über Frau Soundsos prächtigen Sohn« nicht mehr hören konnte.
Einige Jung-Hippies haben Eltern-Erlaubnis -- so Anastasia, 15, die im Liebes-Sommer ihr »eigenes Ich erforschen« will. Die Jungs daheim in Virginia interessierten sich ohnehin nur für »Bier und Suff«.
Das Schwarze Brett des Hashbury-Polizeireviers ist überfüllt mit Such-Photos jugendlicher Ausreißer. Doch die Bilder sind -- so Leutnant James Curran -- keine große Hilfe: »Wenn die Kerle hier ankommen, sehen sie ganz anders aus.«
In malerischen Kellern, auf Straßen, in Parks tanzen die Hippies zu den ohrenbetäubenden Klängen von Hippie-Bands« lieben, wann und wie immer sie wollen, essen und trinken, was immer sie möglichst schnell auf die Reise in ihre Traumwelt bringt -- für 45 Minuten, zwölf Stunden, eine halbe Woche.
In ihren Marihuana-, LSD- und STP-Räuschen geraten sie in Euphorie und Verzückung, vergessen Zeit und Raum, all ihre Sinne konzentrieren sich auf Farben und Musik, Licht und Frieden, sie berauschen sich an Utopia.
Zuweilen verlassen sie ihre Kommunen, in denen eine Hippie-Gruppe kostenlos Eintopf-Gerichte und abgetragene Kleider verteilt, und artikulieren ihren Protest gegen die Gewalttätigkeit der amerikanischen Gesellschaft, gegen die Raffsucht, das Zuviel an materiellen, das Zuwenig an geistigen Werten, gegen die Vereinsamung der amerikanischen Menschen.
So wie die Gegner des Vietnamkrieges an den Universitäten sogenannte »teach-ins« veranstalteten, versammeln sich die Hippies zu Tausenden an einem sonnigen Strand zu einem »love-in«, untermalen ihre Aktionen mit Musik auf Ascheimern und Flöten.
Sie besichtigen im Dutzend barfuß das Weiße Haus und geloben, am Unabhängigkeitstag zu einem »smokein« wiederzukommen, um für die Aufhebung des Marihuana-Verbots zu demonstrieren ("Wenn es Krebs verursachte, würde man"s dann freigeben?").
Sie singen auf dem verbotenen Gelände des New Yorker Tompkins Square Park buddhistische Liebeslieder und rufen den Polizisten, die sie mit Gummiknüppeln vertreiben, stöhnend zu: »Aber, Herr Schutzmann, wir lieben Sie doch.« Für Schupo-Kinder arrangieren sie einen Nachmittag mit Kakao und Kuchen, für die Cops ein Konzert des Zaubergeigers Mantovani.
Sie sind eine lockere Gemeinschaft -und dennoch haben sie ihre Propheten, den Dichter Allen Ginsberg zum Beispiel, der im Londoner Hyde Park ein indisches Gebet vortrug und sich selbst auf dem Akkordeon begleitete. Als ihm ein Bobby klarmachte, daß er zum Musizieren eine schriftliche Genehmigung brauche, bedankte sich Ginsberg überschwenglich -- und präsentierte dem Polizisten eine rote Rose.
Amerikas Gesellschaft hat noch keine verbindliche Einstellung zum Hippie-Phänomen gefunden. Sie sieht in den Hippies -- wie der kalifornische Bischof James Pike -- »irgend etwas Gutes«, hält sie für versponnene Weltverbesserer oder eine neue Erscheinungsform arbeitsscheuer Halbstarker.
Wohlstands-Amerikaner rümpfen die Nase über die verwahrlosten Gestalten, die zuweilen ein Zehn-Cent-Stück in eine Parkuhr stecken und sich dann zum Sonnen in die Parklücke legen.
Das Rauschgiftdezernat Amerikas schleust Agenten unter die Hippies -- allein in Hashbury mehr als zwei Dutzend, die jede Woche etwa 20 Hippies verhaften.
Während die Hippie-Bewegung weiterwächst, arbeiten Soziologen und Psychologen bereits an den ersten Untersuchungen über die »Reisenden«.
Viele Hippies sind nach Meinung der Professoren trotz betonter Individualität im Grunde Konformisten. Sie tragen ihre Perlen, Glöckchen und Federn wie eine Uniform, der sie eines Tages entwachsen werden. Das sind vor allem die Feierabend-Hippies.
Die Dauer-Hippies hingegen können nach Meinung der Gelehrten durchaus die Zukunft Amerikas mit prägen. So hält es der Soziologe Benjamin Zablocki an der Universität Kalifornien für denkbar, daß die wenigen arroganten, selbst in der »Reise«-Euphorie noch aggressiven Hippies den Kern einer künftigen faschistischen Bewegung bilden, während ihre wirklich gewaltlosen, philosophierenden Brüder und Schwestern den Grundstein zu einer neuen, hoffnungsvollen Gesellschaft legen könnten.
Der britische Historiker Arnold Toynbee verglich die Hippies gar mit den Propheten des Alten Testaments, die gegen die korrupte Gesellschaft ihrer Zeit wetterten und den Weg in eine lichtvolle Zukunft weisen wollten.
Weniger Zukunfts- als vielmehr sehr gegenwärtige Sorgen hat die Stadtverwaltung von San Francisco mit den Hippies: Die Stadtväter fürchten um die Volksgesundheit. Unter den Gammlern grassieren Gelbsucht (Ursache: die Hippies lassen ein und dieselbe Injektionsnadel reihum gehen) und Geschlechtskrankheiten (deren Häufigkeit in San Francisco seit 1964 um das Sechsfache gestiegen ist).
Amerikanische Touristen, die in Sightseeing-Bussen das Hippie-Mekka besuchen, sind irritiert, wenn ein Hippie-Mädchen an sie herantritt, ihnen eine Margerite überreicht und sie auffordert: »Lächelt!« Fragen sie, warum, so antwortet die Langhaarige: »Weil die Welt so schön ist.«