Zur Ausgabe
Artikel 59 / 128
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Sommerwind

aus DER SPIEGEL 29/2001

Sommerzeit, Wiederholungszeit. Die TV-Movies laufen, und die Zuschauerfrage will nicht verstummen: Hab ich den Film schon mal gesehen oder nicht, oder doch? Da heißt es entspannen, das Fenster öffnen, den Luftzug, der von Alzheim weht, hereinzulassen, die Augen schließen - und siehe: All die Filme, die man je auf dem Schirm gesehen hat, verschwimmen zu einem ideellen Gesamtfilm. Worum es gegangen ist, all die Handlungsstränge lassen sich selig vergessen, die Gewissheit reicht, dass alle Personen irgendwie irgendwas miteinander zu tun hatten.

Dann steigen die Bilder dieses Gesamtfilms auf: Kerzen, immer wieder Kerzen. Kerzen, die eine Verlassene auf den Boden gestellt hat, Kerzen, die ein liebender Mann in der Wohnung verteilt, um eine Frau wiederzugewinnen, Kerzen, die ein Ober anzündet, damit sich die Liebenden in die Augen blicken können. Und dann die Bettspiele: Die Frau rittlings überm Mann, orgasmusverloren die Haare fliegen lassend. Oder, Tristesse, ein Ehebett: Ein (meist untreuer) Mann stiehlt sich unter die Decke, die Frau seitabgewandt, die Kamera offenbart, sie schläft nicht, die geöffneten Augen fragen: Wo warst du?!

Im Film aus allen Filmen sind die Küchen schick, der Abwasch gemacht, hat die Tochter nie Zeit, beim Frühstück Platz zu nehmen, und der Mann liest immer schon die Zeitung.

Und samtene Sätze gibt es im Gesamt-Movie: »Ich glaube, ich verstehe.« »Bist du dir ganz sicher?« »Darüber reden wir morgen.« Wiederholungszeit, Schlummerzeit - bitte nicht wecken.

Zur Ausgabe
Artikel 59 / 128
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.