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TSCHAD Sonderbare Laufbahn

Staatschef Malloum ernannte -- auf Anraten der Pariser Regierung -- einen Rebellenführer zum Premier.
aus DER SPIEGEL 36/1978

Weil seine Interessen es verlangen«, maulte das Pariser Linksblatt »Le Matin«, »schluckt Frankreich auch noch diese Kröte.«

Die Kröte heißt Hissein Habre. Seit Dienstag letzter Woche ist der ehemalige Führer der »Nationalen Befreiungsfront des Tschad« (Frolinat) Regierungschef des Tschad, eines der treuesten Verbündeten Frankreichs in Afrika.

Hissein Habre hat »eine sonderbare Laufbahn« (so der Pariser »Monde") hinter sich. Vor Jahren jagte er in Ndjamena (damals Fort-Lamy) rebellische Separatisten vom Tubu-Stamm, die ihr Stammesgebiet im Tibesti-Gebirge vom Tschad loszusprengen versuchen. Dann lief er -- gelockt von finanziellen Zuwendungen des Libyers Gaddafi. der auf territorialen Zugewinn im Nordtschad hofft zu den Rebellen über.

Unter Habres Führung eroberte die Frolinat gut die Hälfte des Staatsgebiets der Republik Tschad. Doch nicht als Befreier, sondern als Kidnapper wurde Habre im Westen bekannt: Im April 1974 entführten Tubu-Rebellen den deutschen Arzt Christoph Staewen -einen Neffen des damaligen Bundespräsidenten Heinemann -- und töteten dessen Frau Elfriede. Für 2,2 Millionen Mark kaufte die Bundesrepublik kurz darauf Staewen frei.

Mehr Schlagzeilen machte die dritte Geisel im Bunde, die französische Archäologin Francoise Claustre. Um sie zu retten, schickte die französische Regierung als Unterhändler den Major Pierre Galopin. Doch Habre ließ nicht mit sich handeln. Auf seinen Befehl wurde Galopin -- der früher als Berater der Tschad-Armee aktiv an der Rehellenjagd teilgenommen hatte -- festgenommen und erschossen.

Über ein Jahr lang blieb Madame Claustre vergessen. Erst als ein Kamerateam die in einem winzigen Raum festgehaltene Französin nach eineinhalb Jahren Gefangenschaft filmte und das französische Fernsehen das Dokument zur besten Abendstunde sendete, entschloß sich Staatschef Giscard d'Estaing, erneut einen Unterhändler zu den Tubus zu schicken. Diesmal nahmen die Rebellen sechs Millionen Mark Lösegeld an, behielten aber Madame Claustre da. Erst Ende Januar letzten Jahres kam sie frei -- durch die Vermittlung des libyschen Staatschefs Gaddafi. Ihren Anführer Habre hatten die Tubus inzwischen geschaßt und durch den Moslemführer Goukouni Queddei ersetzt -- den Sohn des religiösen Oberhaupts der Tubus. Habre wechselte erneut die Seiten und unterzeichnete in der sudanesischen Hauptstadt Khartum mit Tschad-Staatschef Felix Malloum einen Waffenstillstand.

Die Bestallung Habres zum Regierungschef folgte offensichtlich einer Anregung der französischen Regierung. Giscard d'Estaing will den seit zehn Jahren schwelenden Bürgerkrieg, für den Paris 40 Prozent seines Militärhilfe-Etats ausgibt, bald beenden.

Giscards Friedenskonzept kann freilich nur dann aufgehen, wenn Libyens Gaddafi seine finanzielle Unterstützung für die Tubus einstellt. Gaddafi aber wäre zur Kooperation nur bereit, wenn die Franzosen ihrerseits den Ersatzteil-Boykott aufheben würden, den sie Anfang letzten Jahres gegen Libyen verhängt hatten.

Die Lösung steht möglicherweise kurz bevor. Am Montag letzter Woche, einen Tag nach dem Regierungsantritt Habres, wurde das Frolinat-Büro in Tripolis geschlossen.

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