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KLÖCKNER-HUMBOLDT-DEUTZ Sonne und Wind

aus DER SPIEGEL 44/1965

Rund 32 Jahre war der Generaldirektor des Maschinenbau-Konzerns Klöckner-Humboldt-Deutz AG, Dr.-Ing. e. h. Heinrich Jakopp, 64, in seinem Unternehmen tätig, davon 26 Jahre im Vorstand. Das Zeremoniell für den scheidenden Boß war weniger zeitraubend,die Laudatio des Aufsichtsrats-Vorsitzenden Dr. Günter Henle dauerte genau zehn Minuten.

Jakopps letzte Worte an Vorstand und Aufsichtsrat von Klöckner-Humnboldt -Deutz (KHD) waren ein unverbrüchliches Bekenntnis zu sich selbst: »Wenn ich meine 32 Jahre bei der KHD überdenke, muß ich sagen: Ich habe alles richtig gemacht.« Dann fuhr der Boß nach Hause.

Wenige Tage darauf, am 8. Oktober

gegen elf Uhr, traf Jakopps Nachfolger Karl-Heinz Sonne, 50, mit seinem BMW 3200 CS bei der Kölner Klöckner -Verwaltung ein. Sonne, zuvor Generaldirektor der Bayerischen Motoren Werke AG (BMW), fluktuierte im denkbar günstigsten Augenblick von der Isar an den Rhein. Unter ihm waren die Bayerischen Motoren Werke nach jahrelangem Siechtum wieder zu Kräften gekommen, und Sonne steht im Ruf des Retters von BMW. In Köln freilich gibt es nichts zu retten, denn Jakopp

hinterließ seinem Nachfolger einen Konzern, der für 16 Prozent Dividende gut war. Trotz aller Erfolge mit Maschinen und Lastwagen jedoch knirschte es seit Jahren im Top-Management der KHD, weil der bullige Jakopp und sein Aufsichtsrats-Vorsitzer Henle - er ist Repräsentant der Großaktionärs-Familie Klöckner und Münchner Musik-Verleger - zu keinem Akkord fanden. Als Jakopp ausschied, verwunderte es den Kölner Industrie-Klüngel lediglich, daß dies erst jetzt geschah.

Der gebürtige Steiermärker Jakopp mit dem messerscharfen Scheitel und den Schmucknarben eines standesgemäß bewältigten Bildungsweges war bereits 1939 - gerade 38 Jahre alt - in den Vorstand der KHD eingerückt. Ursprünglich hatte er Rechtsanwalt werden wollen; so hatte er nach dem Examen zum Diplom-Ingenieur in Graz mit -dem Jura-Studium begonnen. Erst eine Betriebsbesichtigung brachte ihn auf den richtigen Weg. Tief beeindruckt, so gestand Jakopp später, hatte ihn die schrankenlose Macht des Chefs und die buckelnde Devotion um ihn. So beschloß er, Industrieller zu werden.

Nach 20 Jahren im KHD-Vorstand wurde Jakopp 1959 erster Mann im Konzern, den er autokratisch wie ein Industriegründer lenkte und zu einem der stärksten Maschinenbau-Unternehmen der Bundesrepublik (1,6 Milliarden Mark Jahresumsatz, 33 000 Beschäftigte) hochmanagte.

Der grobkörnige Konzern-Kommandeur ließ sich von niemandem dreinreden, und der Aufsichtsrats-Vorsitzer und Musik-Fachmann Dr. Günter Henle, der die Klöckner-Erbin Anneliese Küpper ehelichte, mußte auf Soli verzichten. Jakopps Stärke war sein andauernder Erfolg, sein Bekenntnis branchenweit bekannt: »Sorgen hat ein Industrieller nur dann, wenn er keine Aufträge hat. Alles andere ist Ärger.«

Viel Ärger bekam er, als er im Sommer 1964 versuchte, Fritz-Aurel Goergens Henschel-Werke für seinen KHD -Konzern zu erwerben, um sein Lastwagen- und Lokomotiven-Geschäft zu verstärken. Der vorsichtige Henle jedoch verweigerte die Transaktion, weil er die erforderlichen 250 Millionen Mark (110 Millionen Mark als Kaufpreis und 140 Millionen für Investitionen) lieber in die Hüttenbetriebe seiner Klöckner-Werke AG stecken wollte. Als Henle zurückzuckte, griff der KHD -Konkurrent Rheinstahl zu und schluckte den Henschel-Brocken. Verärgert reichte Jakopp seinen Abschied ein.

Klöckners musikalischem Aufsichtsrat Henle bot sich damit die ersehnte Chance, einen weniger autoritären Manager an das Dirigentenpult zu stellen. Als Nachfolger wählte er den konzilianten Sonne, der nunmehr zum drittenmal einen Generaldirektor-Job annimmt. Karl-Heinz Sonne, Sohn des Geschäftsführers einer Bochumer Trambahngesellschaft und studierter Betriebswirt, war 1944, da er zum Flieger nicht taugte, zum Quandt-Trust kommandiert worden. Schon 1946 vertraute ihm Quandt die kaufmännische Leitung seiner Concordia Elektrizitäts-AG (CEAG) in Dortmund an. Zehn Jahre später war er bereits Chef dieser größten Filter- und Staubabscheider -Fabrik des Kontinents.

Sein Einfühlungsvermögen förderte das Filtergeschäft. Um alte Zechenchefs nicht neidisch zu machen, ließ Sonne bei Besuchen sein schneeweißes Mercedes-Cabrio vor den Grubentoren stehen und ging das letzte Stück zu Fuß.

Das Glück blieb ihm auf den Fersen, als Sonne 1962 die Generaldirektion der festgefahrenen BMW übernahm. Da er von Autos nichts verstand, nahm er täglich einige Nachhilfestunden. »BMWs teuerster Lehrling« aber erfaßte erstmals die Betriebskosten der Münchner Auto-Fabrik exakt, förderte eine geeignete Typenpolitik und brachte die Firma wieder in Fahrt (SPIEGEL 8/ 1965). Heimisch wurde Sonne an der Isar indes nicht. So behagte ihm das bajuwarische Betriebsklima nicht recht, und mit den Jahren machte sich zudem eine Föhnfühligkeit störend bemerkbar.

In Köln bläst ein anderer Wind. Die Konkurrenz in der Lastwagen-Branche wird von Jahr zu Jahr heftiger, und der Export von Lokomotiven und Industrieanlagen wird immer weniger eine Frage des Industriellen Könnens, sondern der großzügigen Finanzierung.

Auch bei Klöckner-Humboldt-Deutz wird Sonne als Ungelernter beginnen. Er versprach, so lange technischen Unterricht zu nehmen, bis er alles über Lastwagen, Lokomotiven, Schlepper und Industrie-Aggregate weiß. Klöckner-Hochhaus in Köln

In der Chef-Etage ein Ungelernter

Neuer Klöckner-Chef Sonne

Das letzte Stück zu Fuß

Alter Klöckner-Chef Jakopp

Lob in den letzten zehn Minuten

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