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»Sonnenschein unter Vollast«

Peter Roth über das Jubiläumsfest bei Schwarz-Schillings *
aus DER SPIEGEL 37/1985

So ein schönes Fest hat es in der Gegend seit der Hochzeit der Prinzessin Alexandra zu Ysenburg und Büdingen 1960 nicht mehr gegeben - die »Accumulatorenfabrik Sonnenschein« feiert ihr 75jähriges Bestehen. Drei Tage, von Donnerstag bis Sonnabend letzter Woche, dauerte der Festrausch, halb Büdingen feierte mit.

In der Stadt wehen bunte Fahnen mit dem Emblem der Fabrik, einer auf- oder untergehenden Sonne. Im Festzelt ist ein gewaltiges Büfett für über 2000 Esser aufgebaut, Heinz Schenk vom »Blauen Bock« macht Stimmung. Das »Orchester Erber« bläst »You Are The Sunshine Of My Life«.

Zum Ehrentanz vor der »großen Sonnenscheinfamilie« drehen sich der Postminister Christian Schwarz-Schilling (CDU) und Gattin Marie-Luise, denen die Firma gehört. Die Festrede »Über unseres Landes Wohlstand und Medienideologie«, 10 000 Mark teuer, hält der Kommunikationswissenschaftler Professor Karl Steinbuch, ein konservativer Wanderprediger gegen die grünen »Propheten der Apokalypse«.

Ausgewählte Journalisten, aus ganz Deutschland eingeflogen, werden fürstlich bewirtet. Den Aufwand verbucht Geschäftsführer Bruno Michalski als lohnende Betriebsausgabe: »Wir müssen das Sonnenschein-Image aufbessern.«

Eigentlich hätte das Fest in Berlin gefeiert werden müssen, wo »Sonnenschein« 1910 gegründet wurde. Doch »das bietet sich im Moment nicht an«, erläutert Michalski und lächelt gequält. So wurden die 250 Batteriewerker aus Berlin in das Stammwerk nach Büdingen geholt.

Eine halbe Million Mark läßt sich der Batteriehersteller das Jubiläum kosten. Zum Feiern hat die Firma, die dank eines »gütigen Geschicks« in einer »offenen Gesellschaft« (Steinbuch) ihre Waren produzieren darf, Grund genug. So gut wie seit der Bonner Wende, als der Chef Minister wurde, ging es dem Unternehmen noch nie. Die Umsatzsteigerung liegt bei zwölf Prozent. »Wir fahren«, freut sich »Sonnenscheins« Michalski, »unter Vollast.«

Alles eitel Sonnenschein. Prima Geschäfte macht die Firma (200 Millionen Mark Jahresumsatz) mit Bonner Ministerien. Die Post zählt zu den »schätzenswerten« (Michalski) Kunden in Büdingen - 1983 bestellte sie für acht Millionen Mark Produkte; für mehrere Millionen liefert »Sonnenschein« Spezialbatterien an die Bundeswehr.

Schwarz-Schillings Bonner Kollegen sind darüber hinaus auch noch spendabel. Forschungs-, Wirtschafts- und Verteidigungsministerium schusterten »Sonnenschein« 4,4 Millionen Mark Subventionen zu. Mitgesellschafter Schwarz-Schilling darf zufrieden sein.

»Auf einen schönen Sonnenscheintag«, juxte denn auch Michalski zum _(Am Freitag letzter Woche in Büdingen. )

Jubiläumsauftakt. In Büdingen regnete es gerade in Strömen.

Umweltaffären im Berliner Werk, Bleiskandal bei »Sonnenschein«, nichts soll das Jubiläum verdunkeln. »Lieber« will Michalski »die andere Seite von Sonnenschein zeigen«, die »saubere«.

Blei im Blut von Kindern und Arbeitern, Blei in der Luft, im Boden und Wasser? »Alles hochgespielt« und »weit übertrieben«. Die »Sonnenschein«-Familie will sich ihre Festfreude nicht vermiesen lassen. »Umweltschutz«, versichert Michalski, »liegt uns sehr am Herzen.«

Und in Büdingen erinnert nichts an Berlin. Der Luftkurort ist ein schöner Erdenwinkel, malerisch eingebettet in ein waldreiches Tal mit stillen Weihern und klaren Bächen. Um die Wasserburg, Wohnsitz der Fürsten zu Ysenburg und Büdingen, gruppieren sich mächtige Mauern und schmucke Türme, geputzte Fachwerkhäuser und Kirchen - ein deutsches Städtchen wie aus dem Bilderbuch.

»Sprung ins Mittelalter«, wirbt die Stadt in einer farbigen Broschüre, ein trefflicher Slogan. Die örtlichen Strukturen sind festgefügt, feudal wie eh und je. Den neuen »Büdinger Fürsten« hat Stadtarchivar Hans Velten Heuson ausgerufen: »Das ist der Herr Doktor Christian Schwarz-Schilling.«

Auf den prominenten Bürger der Stadt und seine »Accusonne« lassen die Büdinger nichts kommen. »Da war und ist alles in Ordnung, hundertprozentig, die Firma kann ich nur loben.« So reden die Stammtischler im »Ratsstübchen« über die neue Büdinger Macht derer von Sonnenschein. »Wenn der Name Sonnenschein fällt«, sagt SPD-Fraktionschef Wilhelm Kröll, »reagiert der ganze Ort allergisch.«

Noch vor den Kommunalwahlen im März zog die SPD einen Antrag auf Untersuchung der Bleibelastung Büdingens schnell wieder zurück. Die Genossen befürchteten Stimmeneinbußen, Grüne waren gar nicht erst angetreten.

Die Accumulatoren-GmbH, 25 Jahre lang bis 1982 von dem CDU-Politiker, heute von Ehefrau Marie-Luise geführt, ist der größte Arbeitgeber in der 18 000-Einwohner-Gemeinde. Nicht nur die Familien der 910 Beschäftigten sind von den Auftragsbüchern der Firma abhängig. »Das Werk«, freuen sich Zulieferer, Kleingewerbler und Geschäftsleute, »ist ein guter Kunde« - und natürlich »der beste Steuerzahler am Ort«, berichtet Bürgermeister Eberhard Bauner, ein Parteifreund des Ministers. Wer in Büdingen »Sonnenschein« angreift, muß vom Mond kommen.

Aufbegehren ist nicht populär bei den »aufgeklärten Bürgern« (Marie-Luise Schwarz-Schilling über die Mitbewohner). Sehr weit scheint die Aufklärung freilich nicht verbreitet. Als bei der Büdinger Schützengesellschaft von 1353, bei der nur Männer Zutritt haben, ein neues Mitglied mit Vornamen »Robin« Zutritt begehrte, wurde die Aufnahme verweigert. Mit einem, der auch nur dem Namen nach an den Rächer der kleinen Leute erinnert, wollten die traditionsbewußten Schützen offenbar nichts zu tun haben.

Anders als in Berlin, wo Betroffene gegen die »unfaßbar großen Verunreinigungen« von Luft, Boden und Gewässer durch »Sonnenschein«-Bleistaub protestierten, wo ehemalige Betriebsräte vor Fernsehkameras über die Praktiken beim alltäglichen Umgang mit giftigen Substanzen auspackten, wo SPD und Alternative Liste die Schließung des Unternehmens fordern und ein Gericht den Betrieb vorübergehend stillegte, bleibt in Büdingen alles unter Kontrolle.

Dabei gibt es Indizien, daß »Sonnenschein« auch im Hessischen die Umwelt verdunkelt. So hat Hessens Umweltminister Armin Clauss (SPD) festgestellt, daß zu Beginn der achtziger Jahre im Büdinger Stammwerk »im gesamten Produktionsbereich die Abluft ungefiltert in die Atmosphäre abgegeben« wurde. »Sonnenschein« bestreitet das. Und eine Untersuchung des Seemenbaches, von den Grünen in Auftrag gegeben, ergab Bleiwerte, die um das Zehnfache höher lagen als erlaubt. Michalski glaubt das »einfach nicht«.

Nach Magenkrämpfen und Gewichtsverlusten starb 1980 der »Sonnenschein«-Arbeiter Theo Euler, 52. Auf dem Totenschein stand Blutvergiftung als Todesursache. - Alles in Ordnung?

Einem Maurer, der im November 1984 an einer »akuten Bleivergiftung« erkrankte, wurde bald darauf von der Firma »wegen nicht erbrachter Leistung« gekündigt. Vor Gericht kam heraus, daß sich der Mann eben nicht an eine »Sonnenschein«-Werkschutzempfehlung gehalten hatte, bei der Arbeit nicht zu essen und nicht zu reden - um weniger Bleistaub einzuatmen.

Klar, »Umweltschutz muß sein«, das läßt auch Festredner Steinbuch nicht unerwähnt, »aber wir können von Umweltschutz nicht leben.« Doch der vermeintliche Umweltskandal ist für den von Schwarz-Schilling hochverehrten Professor nichts anderes als ein »Kreuzzug der Medien gegen einen bürgerlichen Politiker«.

Umweltkriminelle Machenschaften bei »Sonnenschein«, da reagiert auch die Chefin ganz giftig: »Alles ein Medienskandal«, schimpft Marie-Luise Schwarz-Schilling, die ganzen Bleiverschmutzungen haben »doch bloß Journalisten aufgebracht«, die »dem Unternehmen Schaden zufügen wollen«.

Büdingen lebt von »Sonnenschein«, und wenn es Blei regnete. Da ist und bleibt der »Bundesbleiminister«, wie der Grüne Otto Schily den Christdemokraten Schwarz-Schilling schilt, ein strahlender Mister Sunshine. In Büdingen lächelt er noch eine Spur zudringlicher als in Bonn. Und Ehefrau Marie-Luise ist unbestritten die Sonnenkönigin.

Die Diplom-Volkswirtin sitzt im Stadtparlament, wo sie zwar kein Wort sagt und meistens »Sonnenschein«-Akten durcharbeitet. Aber »sie bestimmt die Politik«, berichtet ein SPD-Kollege, wenn es sein muß, auch »gegen den CDU-Bürgermeister Bauner«.

Im Kulturkreis der Stadt plaudert sie über ihr Buch »Kaufmann und Schamane«, ein Hochruf auf den Kapitalismus. Der Wälzer, mühsam zu lesen und schwer verständlich, gibt Antwort auf »bange Fragen« wie diese: »Wie sollen _(Mit Töchtern Cara (l.), Alexandra. )

wir mit den Nachbarn umgehen, wenn das Schwert zu zücken verboten ist?«

Schon sorgen sich die Schwarz-Schillings, was aus »Sonnenschein« werden soll, wenn in Hessen demnächst »ein grüner Umweltminister an die Macht« kommt. Dann wird es, orakelt die Chefin, »sehr, sehr schwer für uns«.

Zieht der Grüne Otto Schily ins Wiesbadener Ministerium ein, dann werden die Schwarz-Schillings »ein neues Werk« bauen - im schwarzen Bayern. Adieu, Büdingen.

Am Freitag letzter Woche in Büdingen.Mit Töchtern Cara (l.), Alexandra.

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