Zur Ausgabe
Artikel 20 / 60

MORAL Sonst brennt dein Haus

aus DER SPIEGEL 21/1950

Zwei Löschzüge der Paderborner Feuerwehr kamen am 16. Mai noch rechtzeitig, um den Zeitungskiosk von B. Sievers abbrennen zu sehen. Auch Kriminal-Oberinspektor Wertmann mußte sich darauf beschränken, am nächsten Morgen die vollendete Brandstiftung seiner inzwischen umfangreich gewordenen Akte »Gegen Unbekannt« vorzuheften.

Zeitungs-, Buchladen- und Filmtheaterbesitzer schauen schon seit Wochen mit skeptischen Blicken allabendlich bei Geschäftsschluß noch einmal über ihren Besitz. Sie wissen nicht, wie und ob sie ihn am nächsten Tag wiedersehen werden. In Paderborn wird mit drastischen Mitteln gegen Schmutz und Schund gekämpft.

Das begann im Sommer 1949, als dem Chef des Residenztheaters die Kopie des von der katholischen Kirche stark angegriffenen Filmstreifens »Sag' die Wahrheit« gestohlen wurde. Die Frage nach dem Täter ist im Wertmann-Aktenbündel bis heute nicht beantwortet.

Anfang 1950 versammelte Stadtdirektor Fischer die paderborner Kioskbesitzer um seinen Schreibtisch. Eröffnung: ... entweder freiwillig auf den Verkauf von Magazinen zu verzichten oder die Standplätze müßten gekündigt werden. Die Kiosker verzichteten. »Neues Magazin«, »Gondel«, »Paprika« liegen seitdem für Stammkunden unter der Theke.

Am 9. Mai erhielten die Besitzer der drei Filmtheater in der Erzdiözese anonyme Drohbriefe mit der Unterschrift »Wir«. »Sollten Sie in Ihren Schaukästen irgendwelche Bilder zeigen, die gegen Sitte und Moral verstoßen, so sehen wir uns genötigt, gegen Sie vorzugehen und Sie notfalls geschäftlich zu ruinieren.«

Der Chef des Residenztheaters wurde zweimal anonym bedacht. Er bekam außerdem von der »Kampfgemeinschaft gegen Schund und Schmutz« eröffnet, daß die Plakatwerbung zum Film »Das Bildnis des Dorian Gray« »eine schamlose Beleidigung des weiblichen Geschlechts« sei ...«

Am 27. April prangten an sämtlichen Zeitungsständen rot-blaue Plakatstreifen: »Weg mit dem Schund!« Nach den nächtlichen Klebern fahndet Kripo-Wertmann heute ebenfalls noch vergeblich.

In der Nacht zum 11. Mai versuchten unbekannte Täter, den Zeitungskiosk Vollrath am Marienplatz in Brand zu stecken. Sie entfernten das Ofenrohr und warfen durch die entstandene Oeffnung eine brennende Zeitung. Zufällig vorbeikommende Nachtschichtarbeiter konnten den Vollrath-Kiosk vor dem Flammentod bewahren.

Am 16. Mai war Kioskbesitzer Sievers an der Reihe. Bei ihm hatten die Zettelkleber versehentlich auch die katholische Zeitschrift »Der Feuerreiter« mit erwischt. »Davon bekomme ich alle vierzehn Tage 25 Stück, 10 davon gehen regelmäßig zurück.«

Buchhändler Wilhelm Berg holte am Himmelfahrtstage seine Post. Er erschrak, als er dabei eine anonyme Postkarte in rotblauer Schrift fand mit der Eröffnung: »Wir brennen Deinen Sauladen ab! Gott richtet durch uns - wir schützen die hl. Kirche!«

»Dabei habe ich niemals Magazine verkauft. Unser Geschäft besteht bereits seit 1915. Vor zwanzig Jahren kamen die Vertreter des Männerbundes zum Kampf gegen Unsittlichkeit auch in die Geschäfte und wiesen darauf hin, wenn ihnen irgendeine Illustrierte nicht gefiel. Das war noch fair.«

Bei Foto-Köppelmann am Westerntor lag bis vor kurzem Seite 44 der April-Ausgabe 1949 von Bernd Lohses »Photo-Magazin« im Schaufenster. Das Foto zeigte einen Frauenkopf mit dekolletiertem Abendkleid.

Am 19. Mai öffnete er den Briefkasten. Inhalt: eine Warnung. »Stellst Du nochmals ein halbnacktes Mädchen und Fotomagazine aus, dann brennt's bei Dir. Unsere Geistlichen warnen vor Dich. Darum hüte Dich. Sonst krachen die Scheiben und brennt Dein Haus!« Unterzeichnet war die Karte mit dem Wort »Rächer«. Darüber standen die Zeichen PX, ein Bischofsstab und ein Kreuz.

Mitte April bereits stand im Lokalblatt der Bischofstadt mit Adresse an die Elternschaft: »Wollt Ihr weiter tatenlos zuschauen, wie gewissenlose Geschäftemacher systematisch durch Verbreitung von Schmutz und Schund Eure Jugend verderben. Die Stunde zum Handeln ist gekommen.«

»Der Dom«, das Sonntagsblatt der Paderborner Erzdiözese, hatte am 7. Mai geschrieben: »Mit Moralpredigten und Erlassen kann die in erschreckendem Maße ansteigende Flut der Schund- und Schmutzschriften nicht eingedämmt werden. Es gibt andere und erfolgreichere Wege der Bekämpfung ...«

Domvikar Johannes Schmittinger rückte im »Westfälischen Volksbatt«, der Heimatzeitung für das Hochstift Paderborn, am 19. Mai 50 energisch davon ab: »... Kampf dem Schmutz und Schund unter Vermeidung jeglicher Prüderie und jeglichen Unrechts! Diese Brandstiftung aber ist ein verwerfliches Unrecht.«

Die vikarielle Erklärung zielt ins politische Gegenlager. »Die katholische Jugend kann orthographisch richtig schreiben.«

Die Paderborner FDJ hat 15 Mitglieder.

Zur Ausgabe
Artikel 20 / 60
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.