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»Sonst hol' ich dein Auge raus«

aus DER SPIEGEL 42/1992

Die kleine gemeine Geschichte begann an der Brücke Nummer 337, die nichts als zwei Rohrleitungen über den Rhein-Herne-Kanal trägt. Unkraut bricht durch den Beton einer aufgelassenen Industriefläche. Ein Kran mit verrostetem Greifer ist übriggeblieben und verlockt als überdimensionales Klettergerät zu halsbrecherischen Mutproben. Hier haben Kids aus Karnap, einem provinziellen Stadtteil mit Zechenvergangenheit und Abgasallgegenwart eines Müllheizkraftwerks im Essener Norden, ein phantastisches Revier für Abenteuer.

Sie wollten ihr Lager hinter die Rohrbrücke verlegen, auf ein lauschiges Plätzchen mit Feuerstelle zwischen den Büschen. Tucky*, 15, war der Antreiber einer Jungenclique der Karnaper Hauptschule. Er kann nicht nur reden wie ein Buch, er schmettert im Tischtennis die tollsten Bälle und ist im Fußball ein Star, er bringt im Rap den Überschlag und beherrscht auch das gefährlichste Spiel der Kanalkinder: Pfeilschnell wie ein Kampfschwimmer durch die Bugwelle und dann dem Ungetüm von einem Kahn senkrecht die Bordwand hoch - Tucky, ein kompaktes Kerlchen, springlebendig wie ein Gummiball, kann das. Auch sein bester Freund Kalle, 14, mit Arbeitshandschuhen und Turnschuhen im Wasser, schafft es, so ein Schiff anzuspringen.

So etwas hätte sich Micky, 12, nicht getraut. In dem dreckigen Kanal, von dem die Jungen mit teerig-braunen Handtüchern, mit Pusteln, grindigem Ausschlag oder Schnittverletzungen durch Schrott und Scherben nach Hause kamen, durfte er überhaupt nicht baden. Der zierliche Blondschopf mit Brille gehörte zu den kleinen Vasallen, die sich um das strahlende Freundespaar voller spannender Gegensätze scharten: Tucky, der Türke, und Kalle, ein deutsches Mittelstandskind, stark und schnell, schnittig gestylt und imponierend frech in der Schule.

Eifrig erledigte Micky den Auftrag, Tuckys Klamotten zum Lagerplatz zu bringen. Dabei stolperte er in einen Kriminalfall, der Kinder, Eltern und Lehrer in einen Strudel zog. Am Ende waren an die 400 Straftaten bilanziert: räuberische Erpressungen, Diebstähle und Körperverletzungen. Es sind typische _(* Die Namen der Schüler wurden ) _(verändert. ) Delikte aus dem Grenzbereich zwischen Spiel und Ernst, die vielerorts ihre Schatten auf die sozialen Beziehungen der Schuljugend werfen, aber selten erhellt werden.

Als Tucky seine Sachen in Empfang nahm, hob er ein großes Geschrei an: Sein Portemonnaie war nicht da, ein Portemonnaie mit angeblich hundert Mark. An jenem Abend kam ein verstörter Micky nach Haus, ohne seine Badetasche, die Tucky als Pfand einbehalten hatte. Micky erzählte, er sei im Kuhlhoffbad zu Besorgungen losgeschickt worden und habe dabei Tuckys Portemonnaie verloren.

Was sollen Eltern da tun? Sich freikaufen vom Ärger? In dem frisch renovierten Bergmannshäuschen herrscht zwar keine Not, aber auch kein Überfluß. Der Vater ist Vorarbeiter in einer Zeche, die Mutter kümmert sich ganztags um den Haushalt und hat ihre Kinder »gut im Griff«. Auch war ihr in der Essener Jugendpsychiatrie eine Menge über die kindliche Psyche klargeworden, als Micky auf die Ankunft seines jüngeren Bruders aggressiv reagiert hatte. Nachdem die Familie ihr Leben änderte, Fernsehen durch Spiele ersetzte und viel mit den Kindern unternahm, entwickelte sich der Älteste angepaßt.

Mickys Mutter hatte im Gefühl, daß irgend etwas an der Geschichte von dem verdaddelten Portemonnaie nicht stimmte, wenn sie auch nicht genau wußte, was. Sie holte die Badetasche zurück und machte Tucky resolut klar, daß er kein Geld erwarten könne.

Dann fiel ihr auf, daß Micky »so krümelig durch die Weltgeschichte schlich«. Sie nahm ihn sich schließlich vor, und aus Micky platzte das heulende Elend. Tucky wollte nicht aufhören, ihm in der Schule Prügel anzudrohen, wenn er nicht hundert Mark mitbrächte.

Mickys Mutter ging zur Schule. In Anwesenheit einer Lehrerin versprach ihr Tucky, daß Micky keine Angst mehr haben müßte. Sie warnte ihn: »Sollte Micky in der nächsten Zeit irgendeine Schramme haben, die er mir nicht klipp und klar erklären kann, erstatten wir eine Anzeige.«

Micky machte sich in den Pausen dünne und ging Umwege auf dem Schulweg, aber Tucky ließ ihn nicht in Ruhe. »Er hat ihn Anfang der Woche angepackt, und er hat ihn Ende der Woche angepackt, jetzt ist Feierabend«, entschied Mickys Mutter, und als der Vater von der Arbeit kam, fuhr die ganze Familie auf das Altenessener Revier.

Der diensthabende Beamte wollte wegen solch einer Kinderei keine Anzeige aufnehmen. Sein ständiges »Fassen Sie sich kurz« klingt Mickys Mutter bis heute in den Ohren: »Wir haben uns dann bei der Polizei auf die Bank gesetzt und gesagt, wir bleiben so lange sitzen, bis das läuft. Und dann lief''s.«

Normalerweise versanden derartige Anzeigen bei der Polizei. Im Essener Präsidium aber ergab es sich, daß dem 1. Kommissariat, zuständig für Leichensachen und Erpressungen, ein Praktikant zugeteilt war, der einer Beschäftigung und Bewährung harrte. Rainer Zöllner, 31, in der Ausbildung zum Kriminalkommissar, kniete sich in den Minifall, der ihn 200 Stunden Arbeit, davon 50 Überstunden, kosten sollte.

Zöllner gewann die Unterstützung von Rektor Werner Klemp, 57. Während viele Schulleiter bedacht sind, die Polizei tunlichst fern von ihren Schülern zu halten, sagte sich Klemp, daß Tucky einen anderen Denkzettel brauche als »unsere kleinen Mittelchen«. Wie oft schon hatte er sich den Jungen vorgenommen. Tucky brillierte in sämtlichen Unarten, die typisch für eine benachteiligte Schule sind.

Sie steht für eine verfehlte Erziehungspolitik, in der rundum die Gesamtschulen florieren, aber eine Hauptschule wie diese herunterkommt zur Restschule mit großen Problemen: Neben besonders schwachen deutschen Schülern sitzen zur Hälfte Ausländer mit Sprachschwierigkeiten. Das führt zu Spannungen.

»Der Ton ist rüde«, sagt der Rektor. Tuckys Klassenlehrer Joachim Burneleit, 44, kaufte sich ein viersprachiges Schimpfwörterlexikon, damit er seine Schüler wenigstens verstehen kann. Gängig sind Ausdrücke, die in seinem Buch mit einem Totenkopf gekennzeichnet sind, wie »Ich fick'' deine Mutter« und »Du bist der Sohn einer Hure und eines Esels«.

Verletzte Ehre führt ständig zu Rangeleien. Auf dem Schulhof, in den Fluren und sogar im Unterricht treten, knuffen und kneifen Schüler einander. Streit um Kleinigkeiten wie einen Bleistift eskaliert schnell zur Prügelei. Tucky war oft mittenmang, und einmal war er auch das Opfer. Als ein Neuer aus einem Heim in die Klasse kam, reizte ihn Tucky und warf ihm einen Flieger an den Kopf. Der getroffene Junge rammte ihm mit einem Faustschlag die Schneidezähne schräg. Seither verunzieren grob gefertigte Plastikzähne Tuckys goldiges Lachen.

Die Lehrer pflegen der undisziplinierten Schar die Themen im Vorschlagton zu bringen, in der Hoffnung, daß sie die Schüler interessieren können. Einerseits klappt die Methode erstaunlich gut. Die Abschlüsse der Karnaper Hauptschule liegen über dem Durchschnitt, und nach der zehnten Klasse sind jedesmal ein paar Schüler reif fürs Gymnasium. Andererseits haben die Lehrer schwere Frustrationen zu verkraften. »Immer wieder kommt dieser tödliche Augenblick«, so muß Burneleit ehrlich eingestehen, »daß einem die ganze Klasse bedeutet, was willst du Vollidiot eigentlich, wir haben genug Spaß ohne dich.« Tucky verstand es meisterlich, gruppendynamische Prozesse so zu initiieren, daß eine Stunde in Randale umkippte.

Wenn der Wildling und Störenfried zu Rektor Klemp zitiert wurde, bekam er von dem engagierten Christen die Werte aus dem Korintherbrief vermittelt: »Was es bedeutet, Liebe zu üben, was es bedeutet, zu teilen, was es bedeutet, Menschen anzunehmen, denen wir nicht sympathisch sind.« Tucky gab sich stets allerliebst, rollte mit seinen Kulleraugen, wiegte seinen Lockenkopf und redete mit Wortgewandheit seine Missetaten schön: »Ach, das war doch nicht bös'' gemeint. Das war doch nur ein Spiel.«

Zwar durchschaute Klemp das intelligente Kerlchen mit den zwei Gesichtern, und er merkte auch, daß bei ihm weder ein Rechts- noch ein Unrechtsempfinden ausgeprägt war. Aber ein Kind moralisch niederzukartätschen entspricht nicht Klemps Art: »Für mich hat das Stichwort ,Vergebung'' einen hohen Stellenwert.« Statt dessen versuchte er, Tucky bei seinen guten Seiten zu packen, bei seiner Hilfsbereitschaft und seinem organisatorischen Talent.

Tucky schritt stets erhobenen Hauptes aus dem Rektorat, »mit Heiligenschein«, so Mickys Mutter, die jeden Mittwoch im Schulcafe arbeitet.

Als vor einem halben Jahr Tuckys Vater starb, nahm ihn sein Klassenlehrer anteilnehmend in die Arme und schickte ihn nach Haus. Nach dem Schock trieb es Tucky toller, er kriegte, was im Katalog schulischer Sanktionen vor dem Rausschmiß steht: Eine Konferenz aller Klassenlehrer sprach einen Verweis aus, ein Verwaltungsakt, der auch nicht weiterhalf, wie die Bedrohung von Micky alsbald zeigte.

Klemp betätigte sich als Hilfskommissar: Gab es überhaupt jenes Portemonnaie? Nein, beteuerte Micky, er habe die Geschichte von dem verlorenen Portemonnaie doch nur auf Druck von Tucky vorgeschwindelt. Doch Kalle stand fest zu seinem Freund, er habe das Portemonnaie samt hundert Mark bei Tucky gesehen. »Wem sollte ich glauben?« fragte sich Klemp und fragte sich weiter: »Waren noch andere Schüler erpreßt worden?«

Der Rektor ließ die Lehrer in den Klassen nachforschen. Es meldeten sich drei Jungen, die in Begleitung einer schulischen Sozialarbeiterin zum Polizeipräsidium geschickt wurden. Sie nannten andere, die wiederum andere nannten, und so fort. Zöllner vernahm schließlich 14 Schüler. Erstaunt registrierte er, »was für eine Angst die Kinder hatten«. Er gab ihnen seine Karte, er brachte sie nach Hause, redete mit ihren Eltern und erkundigte sich noch mal telefonisch, ob sie Probleme hätten.

Dem Polizeimann erschlossen sich Gewaltverhältnisse, wie er sie sich »bei uns in den Schulen nicht im Traum hätte ausdenken können«. Bei der Vernehmung der Kinder fielen Namen von ehemaligen Schülern, die inzwischen in der Organisierten Kriminalität eine Rolle spielen. In seinem kleinen Fall erkannte Zöllner den Beginn so einer Entwicklung: »Die Lawine fängt an zu rollen, und ganz normale Kinder rollen mit.« Immer wieder stieß er auf Spuren von einem »Faustrecht« und seinen Folgen: »Nur der Starke kam durch; wenn einer Schwächen zeigte, dann hat sich das gnadenlos gerächt.«

Dani, 11, zählte zu den Kleinen, und das war schon Schwäche genug. Er war mit seinem Vater, einem italienischen Gastarbeiter, gerade vom Fußball gekommen und hatte, bevor er sich verabschiedete, Geld gekriegt für die Freitagsdisco im Karl-Matull-Haus, einem Jugendheim, wo die Spannungen zwischen Deutschen und Türken zur Sprühschrift »Türken stinken nach Scheiße!« samt Hakenkreuz geronnen sind. Tucky, der Türke, baute sich drohend vor Dani auf: »Da hat der gesagt: ,Entweder du gibst mir Geld, oder ich hau'' dir eine.''« Schon einmal hatte ihm ein anderer Türke die Nase blutig geschlagen, also rückte Dani seinen Zehn-Mark-Schein heraus: »Was sollte ich tun, mein Vater war weg, und ich bin doch nicht Jesus.« Tucky zog ab, kam aber nach ein paar Minuten wieder und wollte mehr. Dani gab noch all seine Münzen ab, vier Mark. Aus Angst, daß ihn Tucky in der Schule verprügelt, hatte er die erste Zeit morgens Bauchschmerzen, aber er erzählte seinen Eltern nichts: »Was sollten die machen?«

Dabei ist Dani im Kloppen auch nicht gerade schlecht, wie ein Frechling aus der Parallelklasse oft zu spüren bekommt. »Der sagt ,Schwuler'' zu mir und meine Mutter ist ''ne ,Nutte''.« Da haut er sofort zu: »Ich lass'' mir doch so wat nicht bieten von dies kleine Pißbalg, ist grad mal ''nen Millimeter größer als ich. Und wenn der zu den Lehrern geht, dann sagen die auch noch, selbst dran schuld, wenn der so wat sagt.«

Die pädagogische Methode, den Kindern die Dynamik einer Auseinandersetzung und ihren Anteil daran zu erklären, hatte bei Dani die Nebenwirkung, daß er sich schutzlos wie sein Kloppkumpan fühlte. Was blieb ihm als sich zu ducken vor dem größeren Tucky, der mit seiner schlagbereiten Körpersprache zu den Kings im Geflecht der hierarchischen Gruppen gehörte.

Dagegen ließ sich Amr, 13, ein taffer Tunesier, nicht beeindrucken, als ihn Tucky mit Gefolge auf dem Schulhof ansteuerte und von ihm sieben Mark verlangte. »Hab'' ich nicht und geb'' ich auch nicht«, erklärte Amr: »Da fing er mit Hauen an, dann hat er mich getreten, und dann bin ich weggelaufen.« Nach der Pause ging er zu seinem Klassenlehrer, der ihm versprach, er wolle die Angelegenheit regeln. Fortan traute sich Tucky an Amr nicht mehr heran.

Peter, 17, kam von einer Sonderschule auf die Karnaper Hauptschule, die sich bei derartigen Reintegrationen durch eine spezielle Nachsorge auszeichnet. In den Raucherecken, die sich trotz Rauchverbots auf dem Schulhof gebildet hatten, kriegte er schnell die Regeln mit: Die einen kassierten die anderen ab, die Zigarettenwährung fungierte in dem Pausenkrimi wie das Schutzgeld der Mafia.

Als sich sein neuer Freund Steini, 17, weigerte, eine Packung rauszurücken, sah Peter mit an, wie der »ziemlich kräftige Typ« von dem um einen Kopf kleineren Tucky angesprungen wurde: »Mit dem Knie in den Magen. Der ging zu Boden und wurde sofort eingeringt. Die haben ja viele Freunde. Die Einfahrt zur Schule war vollständig blockiert. Zu zweit haben sie den zusammengetreten, daß der hinterher am Bluten war.«

Nach dieser Lehre unterwarf sich Peter, der sich in der Probezeit auf »leise stellen« wollte, den beobachteten Gepflogenheiten, als ganz andere »auch bei mir angefangen haben mit Drohen: ,Rück eine Zigarette raus, sonst schlagen wir dir in die Fresse.'' Dann wollten sie eine Schachtel und sind immer massiver geworden, haben getreten, haben versucht, mit der Hand ins Gesicht zu schlagen, und haben mich auch am Arm oder an der Schulter erwischt. Das wurde immer schlimmer«.

Sich an die Lehrer zu wenden hielt er für zwecklos: »Was sollten die machen? Die Lehrer hatten ziemlich viel Angst um den Ruf ihrer Schule.«

Mehr als vor den anderen fürchtete sich der lange Peter, 1,87 Meter, sehnig, ein guter Leichtathlet, vor seiner eigenen Faust: »Die besteht fast nur aus Knochen, die kann schon eine Waffe sein.« Früher auf der Sonderschule war sie ihm oft durchgegangen, hatte blutige Wunden hinterlassen und ersatzweise auch eine Glasscheibe durchschlagen.

Peter wußte, daß er »wie ein Bär« werden konnte, wenn er erst außer Kontrolle geriet. Mühsam hatte er gelernt, Gewalt abzulehnen. Für den faulen Frieden auf der neuen Schule zahlte er »grob gesagt 40mal« mit der Zigarettenwährung. Als er sich das finanziell nicht mehr leisten konnte, wurde er prompt von hinten angefallen: »Richtig mit Würgegriff, richtig zugedrückt.« Bei Peter ging »der Bär« los, und mit einem wuchtigen Ellbogenschlag befreite er sich aus dem Schwitzkasten.

Die Vernehmungen der Jungen, die in Tuckys Trupp mitliefen, offenbarten subtile Herrschaftsverhältnisse. Adi, 13, ein Aussiedlerjunge, der erst vor zwei Jahren ohne deutsche Sprachkenntnisse aus einem polnischen Dorf in den Westen kam, fühlte sich wie »sein Sklave«. Er trug Tuckys Sachen, und bei der Geschichte mit Micky am Kanal ging er auch Kalles Tasche holen.

Um dem Mini-Boß zu imponieren, ließ sich Adi auf kleine Klauereien ein, etwa einer Dose Cola oder drei Fläschchen Jägermeister zu Tuckys Geburtstag. Als Adi einmal nach Hause gehen wollte, bestand Tucky darauf, weiter durch die Gegend zu ziehen: »Er hat mich festgehalten und mir mit dem Ellbogen eine reingehauen. Das war das Schlimmste, was ich mit ihm erlebte.«

Von dem Negativhelden lernte Adi schnell, sich in den Kloppritualen zu bewähren. »Fast jeden Tag« nahm er sich einen Jungen aus seiner Klasse vor: »Ich guck'' so auf ihn und sag'': ,Lach nicht.'' Er: ,Halt die Fresse.'' Ich: ,Werden wir sehen.'' Er: ,Ich geh'' zu Herrn Klemp.'' Ich: ,Geh doch.''« Und schon ging die Klopperei los.

Ermahnungen nahm auch Adi nicht ernst: »Hat der Lehrer gesagt, Mädchen am Arsch packen ist Quälen. Wer noch einmal anfängt, kriegt Konferenz. Hab'' ich eine angepackt, keine Konferenz. Hab'' ich noch mal angefaßt.« Als ihn eine Lehrerin nicht drannehmen wollte, »da hab'' ich gesagt: ,Ach leck mich am Arsch'', ganz leise, aber die hat das gehört. Fand ich gut, daß ich Konferenz gekriegt habe. War aber nix, ist immer nix«.

Mani, 13, war bei der Sache mit Micky dabei und stand auch nicht weit weg bei der Erpressung von Dani, mit dem er von Deutsch-Italiener zu Deutsch-Italiener zusammenhielt. Er schwieg, »weil ich Angst hatte, daß der uns alle verkloppt, wenn wir was sagen«. Viele Jahre ging das nun schon, sein Abhängigkeitsverhältnis zu Tucky: »Ich war immer sein Laufbursche. Das fing schon in der Grundschule an. Geh mal dahin, geh mal dorthin, geh mal für mich zu Aldi, geh mal zur Döner-Bude.«

Und dann war da auch noch die Angst vor einem unbekannten, unheimlichen Türken, dem er schon dreimal auf der Straße begegnet war. Das erste Mal nahm der ihm den Walkman weg, das zweite Mal schmerzte noch mehr, denn er zog aus Manis Portemonnaie ein Foto von seiner geliebten großen Schwester. Als er ihn wiedersah, wollte er schnell wegrennen, aber es war schon zu spät: »,Komm mal her'', sagte der und hatte schon ein Messer in der Hand. Und dann sagte der: ,Knie vor mir nieder und küß meine Füße.'' Erst hab'' ich gesagt: ,Nein, mach'' ich nicht.'' Aber dann hat der mir das Messer an die Kehle gehalten, und da hab'' ich mich hingekniet.«

Mani übertrug seine Unsicherheit auf die ganze Umgebung: »Auch auf der Schule ist man nicht sicher ohne Waffen.« Unübersehbar lief da ein Handel mit Gaswaffen. Also rüstete er sich auch mit K.-o.-Gas. Als seine Dose in der Pause von Hand zu Hand ging, sprühte ein anderer Junge los: »Ein paar Mädchen haben das voll in die Augen bekommen. Die sind hoch zum Rektor, und ich habe Theater deswegen gekriegt.«

Vergebens versuchte die Mutter, ihrem Sohn die Angst auszureden: »Man nimmt doch kein K.-o.-Gas in die Schule mit. Wenn was ist, meldet man das dem Lehrer und fertig.« Mani: »Nützt nichts.« Ein andermal wurde ihm in der Schule ein Taschenmesser abgenommen. Als es seine Mutter beim Elternsprechtag abholen wollte, »da hat mir der Herr Rektor eine Schublade gezeigt und gesagt: ,Gucken Sie mal, was wir hier alles bei den Kindern finden.'' Richtige Mordwaffen waren da drin, Totschläger, Schlagringe, und was weiß ich, wie das alles heißt«.

Der Kunsterzieher Alfred Schwarzien, 45, ließ das Thema »Gewalt« zeichnen, und es war »mucksmäuschenstill wie sonst nie«. Die alltägliche Anschauung, sei es aus der Realität, sei es aus der Flimmerwelt des verkabelten Stadtteils, mischte sich zu erschreckenden Phantasmagorien. Kettenreaktionen von einer Brutalität, die eine andere nach sich zog, und so fort, kamen auf das Papier. Penibel gestrichelt wurden Pistolen und Würgehölzer, Klappmesser, Krummesser und Hakenmesser, Stilette und Spezialscheren, Wurfsterne und Sternschleudern an Ketten, Baseballschläger und massenhaft Spraydosen. Was einer für den »Notfall« braucht: »Knarre, Gas, Butterfly«.

Wohin die Bewaffnung von Kindern führen kann, bekam Angela, 12, Danis größere Schwester, bei ihrer ersten Liebesgeschichte zu spüren. Sie ging mit Machmud, 13, einem libanesischen Jungen, der mit Kalle und Tucky befreundet war.

Dem rundlichen Mädchen, das als »Elefantenbaby« gehänselt wurde, tat es wohl, daß Machmud jedem Prügel androhte, der das noch einmal zu sagen wagte. Er war als Schläger gefürchtet: »Wenn ich richtig zuhaue, steht der andere nicht mehr auf.« Machmud hatte als Kind bei Bombenexplosionen im Libanon mitangesehen, wie Menschen in Stücken auseinanderflogen. Der Junge verwickelte Angela in eine Alptraumgeschichte, die sie so erzählt: _____« Nach der Pause ist er mir hinterhergelaufen und hat » _____« gesagt: »Komm, laß uns reden.« Wir sind auf die » _____« Jungenstoilette. Da hat er meine Hose aufgeknöpft und » _____« mein T-Shirt hochgezogen und es halt versucht, aber ich » _____« bin weggerannt. Nach der Schule auf dem Hof hat er mir » _____« seine Gaspistole an den Kopf gehalten und gesagt: » _____« »Entweder schläfst du mit mir, oder ich bring'' dich um.« » _____« Am selben Abend, am Freitag, war Disco im Jugendhaus. Da » _____« hat er mir sein Messer an den Hals gedrückt und wieder » _____« gesagt: »Entweder du schläfst mit mir, oder ich bring'' » _____« dich um.« Am Sonntag gingen wir auf den Schulhof, meine » _____« Freundin und ich. Kalle und Machmud waren auch da. Wir » _____« haben so ein bißchen mit dem Messer herumgespielt, und » _____« dann hab'' ich es Machmud wiedergegeben. Als ich nach » _____« Hause gehen wollte, hat er mir das Messer in den Rücken » _____« geworfen. »

Zwar glitt das Messer ab, aber Angela war noch nach Tagen derart durcheinander, daß sie bei einem Gespräch mit dem Lehrer über ihre vielen Sechsen nicht beim Thema bleiben konnte und statt dessen erzählte, was sie viel mehr bedrückte. Die Aggressionen rundherum kann sie sich nur so erklären: »Die Lehrer haben Angst, daß ihnen auch was passiert.« Bevor Machmud aus Angelas Gesichtskreis verschwand, beschimpfte er sie »als ,Hure'' und ,Schlampe''. Ich sagte ,Arschloch'', da haute er zu«. Was geschehen war: Der Rektor hatte Machmuds Eltern nahegelegt, ihren Sohn umzuschulen. Zur Strafe wurde er von seinem Vater, einem arbeitslosen Asylanten, schwer geschlagen.

Mit Tränen in den Augen erinnert sich Machmud an die »schlimme Zeit in der alten Schule mit all dem Krach und der ständigen Klopperei«. Die Geschichte mit Angela empfindet er als Racheakt. Nicht er, sondern sie sei hinter ihm her gewesen und habe versucht, ihn anzufassen, aber er habe das nicht gewollt. Mit Tucky und Kalle, seinen alten Freunden, will er nichts mehr zu tun haben: »Ich will nur noch vergessen.«

Am Abend vor seiner polizeilichen Vernehmung vertraute sich ein heulender Kalle seinen Eltern an. Es kam heraus, daß er den Rektor angelogen hatte. Nein, jenes ominöse Portemonnaie mit den hundert Mark hatte er jedenfalls bei Tucky nicht gesehen. Er beichtete eine Reihe von Klauereien und all den anderen »Mist«, den er angerichtet hatte.

Was die Eltern am meisten erschütterte: Ihr lieber Kalle, der manchmal zu ihnen ins Bett zum Kuscheln kommt, ihr Junge, der so hingebungsvoll auf der Orgel spielt, war im Erpressertrio über den Schulhof und durch das Jugendhaus gezogen. Mit Tucky und Machmud, die Eltern konnten es kaum fassen.

Wie oft hatten sie die Jungen im Haus gehabt und ihren privaten Beitrag zur Ausländerintegration geleistet. Von Tuckys Charme war Kalles Mutter immer so angetan, und auch von Machmud hatte sie einen guten Eindruck, wenn sie auch einmal bei ihm ein Messer gesehen hatte: »Ich hab'' ihm gesagt: ,Hör mal, wir leben hier in Deutschland. Hier brauchst du das nicht.'' ,Doch'', hat er gesagt, ,das muß ich hier immer haben, wenn mich einer angreift.'' Da wurde mir angst ums Herz.«

Anders als Tucky, dessen Mutter von einer kleinen Witwenrente plus Sozialhilfe lebt, ist Kalle, der Kaufmannssohn, gut gestellt. Er bekam, wie er selber meint, »genug Taschengeld« und was er sonst so begehrte: eigener Fernseher, Hi-Fi-Turm, Computer und jede Menge Spiele - Kalles zwei Zimmer in dem Elternhaus voller Gelsenkirchener Barock mit Spitzendeckchen auf den Sesseln und Porzellanfrüchten auf der Anrichte sind wohlausgestattet. Es war »die Langeweile«, die ihn nach seiner Ansicht zu den Schandtaten trieb.

Aber nicht nur: Was er tat, das hatte er auch selber erlitten. Hilflos erlebte er, wie ihn größere Jungen hin- und herschubsten, wie sie ihn durchsuchten und sein Portemonnaie herauszogen. Auch er hatte auf dem Schulhof seine zwei Erpresser, die ihm regelmäßig Zigaretten abnahmen, nachdem sie ihm schon den Arm umgedreht und ihn gegen eine Mauer geknallt hatten, so daß sein Kinn aufsprang.

Und dann war da noch einer, »der die Lüge verbreitete, ich hätte seine Mutter beleidigt«. Was zur Folge hatte, daß Kalle von einer Türkenclique, »vielleicht 30 Mann«, zusammengetreten wurde. Es war Tucky, der ihn mit einem türkischen Wortschwall aus der Bredouille herausholte.

Aber da war auch noch der andere, der ihm schon bös mitgespielt hatte: »Der wollte die Jeanshosen, die Paps verkauft, für 30 Mark haben. Da hab'' ich gesagt: ,Das geht nicht, die kosten mehr.'' Dann hat er sich eine Zigarette angezündet, mir die ans Auge gehalten und gesagt: ,Du verkaufst mir die, sonst hol'' ich dein Auge raus.'' Aus Angst hab'' ich ihm die Hosen für bloß 30 Mark gegeben.«

Wie derselbe Schüler mit erhobener Faust auf den Kunsterzieher losging, auch das sah Kalle mit an und machte sich seine Gedanken: »Man hat gemerkt, die Lehrer hatten schon irgendwie Angst vor den Schülern.«

Um in diesem Umfeld nicht unterzugehen, schlug er sich lieber auf die Seite der Täter. An das erste Mal kann er sich noch genau erinnern: »Da wollte einer eine Zigarette von mir haben, ich hatte aber keine und wollte mir die von einem anderen holen. Der wollte mir die aber nicht geben. Da hab'' ich gedroht: ,Also Zigarette her, oder ich hau'' dir eine.'' Da hat er mir nicht nur eine gegeben, der hat mir die ganze Schachtel gegeben, unter Druck, weil ich ihm den Arm umgedreht hab''.« Als die Hemmschwelle überwunden war, ging das dann »ganz leicht«, so Kalle: »Ich nahm meistens nur Zigaretten, Tucky nahm meistens das Geld.«

Kalles Mama weinte, als sie das alles zu hören bekam. Sie nahm ihren Jüngsten, den letzten von drei Kindern, den sie noch zu Hause hatte, fest in die Arme: »Irgendwie war ich erleichtert. Monate hab'' ich doch gemerkt, halt, stopp, der Kalle verändert sich, da stimmt was nicht. Ich kenn'' doch von ihm jeden Augenaufschlag. Aber da war eine Barriere, da kam ich nicht durch, und die war nun endlich weg.«

Kalles Paps vergatterte den Filius, bei der Polizei »reinen Tisch« zu machen und die Wahrheit zu sagen: »Steh zu dem, was du getan hast.« Die Eltern waren sich sofort einig: »Bestraft werden muß er, am besten mit Sozialdienst im Krankenhaus.«

Am nächsten Tag begleitete der Vater seinen Sohn ins Polizeipräsidium. Bei Zöllner erschien der Kronzeuge. An drei Nachmittagen rekonstruierte der Kripomann mit Kalle das letzte wilde Halbjahr.

Dabei kam auch die Geschichte mit Fränki und Dave ans Licht, die für Kalle ein Bruch in seiner Beziehung zu Tucky war. Danach war er angeblich nicht zu Hause, wenn Tucky klingelte. Danach zog er ohne ihn mit den beiden anderen los. Danach wirkte sie nicht mehr, Tuckys magische Formel: »Kalle, bei Fuß.«

Was so schrecklich war, geschah auf belebter Straße. Sie standen zu viert vor der Döner-Bude. Fränki, 12, war nach einer Blinddarmoperation gerade aus dem Krankenhaus gekommen, wo ihn Kalle und Tucky oft besucht hatten. Obwohl noch schwach auf den Beinen, machte er den Blödsinn mit, sich ein zusammengedrehtes T-Shirt um den Hals legen zu lassen. Rücken an Rücken mit Fränki versuchte Tucky, ihn daran hochzuziehen, aber er bekam den übergewichtigen Jungen nicht vom Boden.

Das Fliegengewicht Dave, 12, mußte ran: »Ich wollte gar nicht.« Aber er hatte schon lange gelernt, Tucky zu Willen zu sein. Wie oft war er von ihm schon losgeschickt worden mit der Drohung: »Entweder du gehst jetzt zur Döner-Bude, oder ich hau'' dir ein paar in die Schnauze.« Andererseits beschützte ihn Tucky, wenn ihn stärkere Jungen verkloppen wollten. Doch es konnte genauso gut sein, daß Tucky seine Wut an ihm ausließ: »Der hat mir schon den Arm umgedreht, in die Nieren getreten, in die Rippen gehauen und ins Gesicht mit der flachen Hand. Oder er hielt mir seine Gaspistole hin und sagte: ,Los, tu hier dran riechen.''«

Dave war einem ständigen Wechselbad ausgesetzt: »Am anderen Tag kam er dann wieder so nett an: ,Willst du auch ''ne Cola oder was anderes, komm, kriegst was ab.'' Hab'' ich auch angenommen.« Dafür mußte Dave auf andere Weise bezahlen. »Es war bei der Disco im Jugendhaus. Der Tucky hatte sein Portemonnaie verloren. Wir hatten alle dieselben Portemonnaies. Und nun wollte er meines haben. Ich sagte: ,Nö.'' Als wir gerade auf dem Klo waren, machte er sein Hosenbein hoch und griff nach seinem Messer, so einem Rambo-Messer, dann kam er auf mich zu: ,Entweder das Portemonnaie, oder ich stech'' dich ab.''«

Dave ist alles andere als ein Feigling. Als ihm seine Lehrerin das Heft zerriß, »da hab'' ich ihr, batsch, eine gegeben«. Aber gegen Tucky, der aus Daves Sicht die Schule mehr unter Kontrolle hatte als die Lehrer, kam er nicht an: »Der war so ''n kleiner Mafioso.«

So kam es, daß sich Dave ergeben in das gefährliche Spiel schickte: »Der hat mich hochgewürgt. Plötzlich hab'' ich Kopfschmerzen gekriegt und keine Luft mehr. Mir wurde schwindelig.« Entsetzt sah Fränki, »daß der Dave schon richtig blau war, aber ich hab'' nichts gesagt, weil ich Angst hatte, daß der Tucky mir dann eine reinhaut«.

Erst als Kalle die Gefahr erkannte, trat er auf den Freund ein und schrie: »Loslassen.« Mit Würgemalen am Hals sackte Dave japsend auf den Boden: »Tucky hat mir die Arme hochgemacht, damit ich wieder Luft kriegte. Dann hab'' ich mich hingehockt mit so einem Gefühl, ich müßte immerzu kotzen.«

Als er sich einigermaßen erholt hatte, trollte er sich mit Fränki. Kalle war auch schon mit dem Fahrrad auf und davon. Aber Tucky folgte den Jungen, die um halb neun zu Hause sein mußten, und setzte sie unter Druck, noch dazubleiben. Fränki wollte aber unbedingt weg: »Da hat er mir eine reingehauen, so bumm mit der Faust auf die Narbe.« Dave: »Wir waren beide am Plärren. Da meinte der Tucky: ,So, jetzt haltet ihr die Schnauze, ihr bleibt noch hier.''« Gegen halb zehn, als Tucky selber rein wollte, ließ er die Jungen gehen, mit der Drohung, ja nichts zu erzählen.

Fränki jammerte zu Hause über Bauchschmerzen, machte aus Angst aber nur vage Andeutungen, obwohl er seine alleinerziehende Mutter zärtlich liebt und stolz darauf ist, »daß sie von mir noch keine grauen Haare hat«. Sie meinte, »der hat irgendwie so beim Kalbern was abgekriegt«, und fuhr mit ihm ins Krankenhaus. Aus dem aufgeplatzten Bauch mußte Flüssigkeit abgesaugt werden.

Dave verbarg seine Würgemale vor seiner Mutter, die nach der Scheidung auch allein da steht und den Lebensunterhalt als Fußpflegerin verdient. Damit Dave ein paar Tage nicht zur Schule mußte, schützte er Bauchschmerzen vor. Seinem Plastikhelden, den er an seinem Bett stehen hat, nahm er den Kopf vom Hals und steckte ihn auf dessen Hand. Seine Mutter erfuhr erst durch Zöllners Ermittlungen, daß ihr Sohn beinahe erdrosselt worden wäre: »Da war ich ganz schön schockiert.«

Auch Zöllner war »richtig mitgenommen« von all dem, was er von den Kindern hörte. Er leitete acht Ermittlungsverfahren ein, so auch gegen die Peiniger von Kalle.

Während Machmud davonkam, weil er noch nicht strafmündig ist, kriegten Tucky und Kalle einen gigantischen Sündenkatalog. Zöllner rechnete die tagtägliche Spur der Roheiten, Tritte und Schläge hoch und kam auf mindestens 300 einfache oder gefährliche Körperverletzungen, dazu 50 räuberische Erpressungen, gemeinschaftlich begangen, und noch einmal 30 Fälle, die er Tucky allein anlastete wie auch fünf Freiheitsberaubungen.

Außerdem verzeichnete er fünf Einbrüche in die Kabinen des Schwimmbades und 60 Diebstähle: das Portemonnaie einer Lehrerin mit 50 Mark, einen Walkman und Geld aus der Turnhalle, Spardosen für Trinkgeld oder wohltätige Zwecke aus Geschäften oder auch Arztpraxen, Getränke und Naschzeug für Feten und schließlich noch Zeitschriften zum Verkaufen in der Schule.

Das Netz hatte sich um Tucky geschlossen, noch bevor Zöllner ihn überhaupt gesehen hatte. Erst die Zeugen zu vernehmen und dann den mutmaßlichen Haupttäter zu hören - so entspricht es den kriminalistischen Lehrbüchern.

Tucky war schon ausgerastet, als er von der Anzeige auch nur hörte. In der Straßenbahn drohte er Micky und seinem Vater Prügel an, seine beiden größeren Brüder würden »dies schon regeln«. Kindliche Aufschneiderei, oder stand eine türkische Vendetta ins Haus? Mickys Vater vermochte die Situation nicht einzuschätzen und kaufte sich vorsichtshalber eine Schreckschußpistole, da auf den lammfrommen Schäferhund der Familie kein Verlaß war.

Tatsächlich kreuzte Tuckys zweitältester Bruder auf und bat Mickys Eltern in wohlgesetzter Form, die Anzeige zurückzuziehen. Seine Familie habe doch auch keine Anzeige erstattet, als Tucky die Zähne eingeschlagen worden waren. Nachdem er keinen Erfolg hatte, erschien Tuckys schwangere Schwester und argumentierte moralisch, man könne doch ein Kind wegen so einer Kleinigkeit nicht der Polizei ausliefern.

Die Schwester wandte sich auch an Kalles Mutter mit der Vorstellung, die Kinder sollten sich doch nicht gegenseitig belasten: »Ich hab'' ihr sehr nett gesagt, solange der Tucky nicht ehrlich wird und zu der Sache steht, wird alles immer nur schlimmer.«

Für Tucky wurde es schlimm. Zöllner holte ihn persönlich aus der Schule und hielt ihm im Polizeipräsidium seinen Straftatenkatalog vor. Doch Tucky zeigte sich »stur«. Daraufhin lieferte ihn Zöllner im gegenüberliegenden Gebäude bei der Staatsanwaltschaft ab, die den Jugendrichter Gerd Richter, 47, einschaltete.

Bei Richter, Vater von vier Kindern, hinterließ Tucky eine starke Erinnerung: »Er macht einen ausgesprochen lieben Eindruck, wenn man ihn erstmalig sieht. Wird aber zum Teufel, wenn er nicht kriegt, was er gern möchte. Was wir auch erlebt haben.«

Unter der glasklaren Autorität, die Richter zu demonstrieren pflegt, knickte Tucky während eines vierstündigen Gesprächs ein: »Er war geständig in allen Punkten, mit einer einzigen Ausnahme.« Bei der Geschichte am Kanal blieb er dabei, das Portemonnaie mit den hundert Mark sei ihm geklaut worden.

Weil Tucky einen »sehr großen Einfluß auf die übrigen Schüler hat« und um ihn »vor der Begehung neuer Straftaten zu bewahren«, ordnete Richter bis zum Abschluß des Verfahrens eine Heimunterbringung bei Tag und Nacht an. Obwohl diese Möglichkeit gesetzlich vorgesehen ist, weigern sich viele Jugendämter, so auch in Essen, derartige Plätze in geschlossenen oder rund um die Uhr beaufsichtigten Heimen zu schaffen, weil die Einsperrung von Kindern liberalen Erziehungsidealen widerspricht - mit fatalen Folgen etwa für Tucky.

Während eine Unterkunft gesucht wurde, mußte er im Gericht in den Arrest: »Die haben mich in so eine kleine Zelle reingetan, zwei Meter lang und einen Meter breit. Da mußte ich drei, vier Stunden drin bleiben. Dann haben sie mich rausgeholt und gesagt, ich kann heute nicht nach Hause. Ich war total weg, und dann war ich irgendwie unten am Boden. Die haben meine Arme festgemacht und mich an den Handschellen gepackt, das tat so weh an den Armen.«

Die Handschellen schienen dem Jugendrichter aber geboten nach den »Szenarien«, die Tucky abzog: »Er hat sich auf den Boden geworfen und nach dem Wachtmeister getreten. Dann hat er versucht, lieb zu sein, wie er sich ausdrückte. Dann hat er wieder Theater gemacht, sich gewehrt. Ins Heim, so hat er klipp und klar gesagt, ,kriegt ihr mich nicht hin. Ganz egal, was passiert, ich werde abhauen''.«

Tucky landete im Grimberg-Haus am Gelsenkirchener Zoo, einer sogenannten Jugendschutzstelle, wo, so Heimleiter Klaus Berthold, »wir Kinder verwahren, die vor ihrer Umwelt geschützt werden müssen oder die Umwelt vor ihnen«. Das verkommene Gebäude, das gerade umgebaut wurde, war öd und leer. Tucky bekam ein Zimmer unter dem Dachboden, »total dreckig, die Betten dreckig, die Wände voll mit so schwarzen Dingern vom Feuerzeug«. In dem unwirtlichen Haus waren außer ihm nur noch zwei andere Jungen, die miteinander wetteiferten, wer es nachts am längsten vor dem Fernseher aushielt.

Wenn er morgens aufwachte, mußte er »immer weinen, daß ich nicht zu Hause bin. Ich kapier'' das nicht, daß sie mich hier reingesteckt haben, und andere, die mehr gemacht haben als ich, die laufen frei rum«.

Seine Tage riß er ab mit »Rumsitzen, nichts als Rumsitzen«. Die einzige Abwechslung war der Besuch seiner Mutter. Sie kam jeden Tag. »Ich immer weinen«, sagt sie, »immer nur weinen.« Warum man ihr den Jüngsten wegnahm, sie kann es nicht verstehen, hat sie doch drei andere Kinder ordentlich groß gezogen. Die Familie kratzte 500 Mark für einen Anwalt zusammen. Aber auch er konnte nicht verhindern, daß Tucky nach sechs Wochen noch weiter fort von seiner Familie kam, in ein Heim nach Münster.

Nachdem Zöllner den Fall Tucky/Kalle abgeschlossen und die Ermittlungen gegen die acht anderen Schüler weitergegeben hatte, machte er Examen als Kriminalkommissar. Polizeisprecher Uwe Klein, 39, als Vater engagiert an der Schulpflegschaft, wurde tätig »in Richtung Prävention«. Damit »die Öffentlichkeit weiß, was an unseren Schulen passiert«, verfaßte er einen Bericht, »der wie eine Bombe einschlug« und auch in den Reihen der Polizei zu einer »Sensibilisierung« führte.

Die Lokalpresse berichtete groß über den Fall. »Angst und Terror saßen mit im Klassenzimmer«, so die Neue Ruhr Zeitung: »Die Lehrer sind machtlos und haben Angst.« Die Schlagzeilen platzten Rektor Klemp und Kollegen in die Ferien.

Besonders betroffen machte sie »dieser dusselige Satz aus der Vernehmung, die Lehrer hätten Angst vor Schülern«. Sie setzten sich zusammen und versuchten zu ergründen, wie es zu so einem Eindruck kommen konnte. Klemp: »Wir stehen oft vor dem Bankrott der elterlichen Erziehung, und dann kommen Eltern zu uns und sagen: ,Hauen Sie ihm doch eine runter.'' Wenn dann ein Jugendlicher begreift, daß wir dieser Zumutung nicht entsprechen, dann stellt der sich auch noch hin mit geballter Faust und sagt: ,Dann hau mir doch eine. Morgen früh steht es in der Bild-Zeitung.'' Das ist mir schon dreimal gesagt worden.«

In derartigen Konfliktsituationen bemühten sie sich mit »höchster Sensibilität« um das Ziel: »Komm, laß uns reden.« Konrektor Bernhard Giese, 41, aber weiß: »Das wird als Schwäche ausgelegt, wenn wir nicht so reagieren, wie der Schüler das im Grunde genommen erwartet.«

So sind selbst die gutwilligsten Lehrer enttäuscht. Was haben sie nicht alles in Eigeninitiative und mit Mehrarbeit organisiert: ein Mittagessen für Schlüsselkinder und Spiele in der Freizeit, Ski-Winterferien, Ausflüge in Museen, die Pacht eines Kleingartens und den Betrieb einer Fahrradwerkstatt, pädagogisch anspruchsvolle Schulfeste und nicht zu vergessen den Umwelttag, als ein Laster die Ausbeute einer Müllsammelexpedition auf den Schulhof kippte und dort auch ein Schrottauto zum lustvollen Demolieren stand.

Sie wollten »Schule menschlicher« gestalten, aus den Noten »kein Druckmittel« machen und »eine Atmosphäre des Vertrauens und gegenseitiger Hochachtung bei Lehrern und Schülern« schaffen, so schrieb Klemp in einem Prospekt »Hallo Nachbarn, hier lebt Schule«.

Ausgewählt für einen Modellversuch des nordrhein-westfälischen Kultusministeriums, öffnete sich die Schule für die Stadtteilbewohner, etwa die Insassen eines Altenheims, die in Rollstühlen abgeholt werden, um mit den Schülern die Produkte des Kochunterrichts zu verschmausen. Jeden Mittwoch, wenn Markt ist auf dem Platz vor der Schule, lädt der Rektor ein ins Cafe.

Klemp »liebt« sie, seine Schule. Hier am Karnaper Markt wurde 1911 schon seine Mutter Erna eingeschult, die sich noch genau an den Druck von damals erinnern kann: _____« Wer nicht gelernt hatte, mußte seitenweise » _____« abschreiben oder bekam ein paar Stockschläge. Wir Schüler » _____« saßen in der Regel mit gestrecktem Oberkörper und » _____« gefalteten Händen in unseren Bänken, niemand wagte ein » _____« Wort zu sagen, ohne gefragt zu sein. Wenn der Lehrer die » _____« Klasse noch nicht betreten hatte oder einmal kurz hinaus » _____« mußte, wurde ein Schüler beauftragt, jeden an die Tafel » _____« zu schreiben, der es wagte, den Mund zu öffnen. »

1941 rückte der Sohn nach, mit Schultüte ist er noch auf einem Foto im Rektorat zu sehen. Als Achtjähriger stand er vor den Ruinen seiner zerbombten Schule. Das im kargen Stil der fünfziger Jahre hochgezogene Gebäude ließ er als Rektor mit vielen Wandbildern schmücken.

»Was sich heute im Beziehungsfeld der Kinder verbal und in körperlicher Art zeigt« - nein, er kann sich nicht erinnern, »daß das in der Form bei uns auch schon so war«. Die Integration der ausländischen Kinder liegt ihm besonders am Herzen, doch ist er ständig mit der »Schizophrenie« konfrontiert, daß ihm Eltern sagen, »diese Schule ist die beste, die wir kennengelernt haben, aber unsere Kinder schicken wir da nicht hin, weil da zu viele Ausländer sind«. In seinem Jahrzehnt als Rektor erlebte Klemp, daß im Sog der Gesamtschulen die Zahl seiner Hauptschüler von knapp 500 auf 260 sank. Im knallharten Wettbewerb um jedes Kind muß er befürchten, daß der durch Tucky beschädigte Ruf die Existenz seiner Schule gefährdet.

Weil vielerorts das Image einer Schule höher bewertet wird als ihr Innenleben, sehen so manche Lehrer nicht hin, wenn die malträtierten Mickys »so krümelig durch die Weltgeschichte« schleichen. Daß sich bei der Polizei viele Zöllners finden, die in Überstunden der spielerisch eingeübten Gewalt nachjagen, kann für die Schulen keine Lösung sein. Der eine Tucky wurde zum Sündenbock für viele Tuckys, die auf beaufsichtigten Schulhöfen und vermauschelten Mißständen gedeihen. Wie sagte er doch so richtig: »Ich kapier'' das nicht.«

* Die Namen der Schüler wurden verändert.

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